Am 05.07.19 um 13:52 schrieb Michael Zink:
> Hallo,
>
> ich überlege gerade, ob ich mir mal eine Ein-Tages-Fahrt von Würzburg
> nach Wien gönne. Ich würde also am Hauptbahnhof ankommen und ein paar
> Stunden später wieder losfahren.
>
> Bitte keine Kommentare zur Sinnhaftigkeit. ;-)
> (Aktuell ist es ja nur eine blöde Idee ...)
Ich versteh dich vollkommen. :)
Was die traditionelle wiener Kaffeehauskultur anbelangt, gab es in den
letzten 15 Jahren einen ziemlichen Kahlschlag. Es gibt eigentlich kaum
mehr ein traditionelles wiener Kaffeehaus mehr. Entweder habens
zugesperrt oder wurde übernommen und als historisierter Abklatsch
weitergeführt, oder es wurde gar ein Schachtelwirt (Mac Donalds) draus...
Es ist echt a Schand...
Wennst klassisches Wiener Kaffeehaus willst, kommst am Landtmann neben
dem Burgtheater fast nicht vorbei. Das Hummel (wurde schon genannt) in
der Josefstädterstraße wurde zum Glück nicht totrenoviert. Ist auch noch
erlebenswert. Wobei es auch schwer an Charme verloren hat. Zu nennen
wären noch das Cafe Eiles hinter dem Stephansdom, das Cafe Rathaus
hinter dem Rathaus und ums Eck in der Josefstädterstraße das Cafe Eiles
am Beginn der Josefstädterstraße.
Wenn du ein wirklich ausgezeichnetes und halbwegs leistbares
Gastgartenrestaurant mit traditioneller Wiener Küche (schönster
Gastgarten von Wien) haben möchtest, fährst du mit der U3 bis zur
Endstation Ottakring und dann mit dem Bus (45A und 46A oder 46B, einer
der beiden... der eine fährt im Uhrzeigersinn, der andere gegen den
Uhrzeigersinn... weiß nie, welcher der richtige ist, um dorthin zu
kommen) noch 2 Stationen zur Station "Ottakringer Friedhof" und besuchst
den Plachutte "Grünspan". Vorzügliches gekochtes Rindfleisch im
Suppentopf. Oder du gibst dir eine Fahrt vom Hauptbahnhof (Ost) mit der
Linie D bis zum Nußdorfer Platz und gehst ins Gasthaus "Zum Renner".
Bring Hunger mit. Die Portionen traditionelles wiener Essen sind kaum zu
schaffen. Schnitzel, Tellerfleisch (ist gekochtes Rindfleisch mit
Knochen, Mark, Gemüse in einer Suppenschüssel), Leberknödelsuppe,
Mehlspeisen... alles was das Herz begehrt. Außerdem ist die Fahrt mit
dem D-Wagen auch touristisch äußerst reizvoll. Hauptbahnhof,
Prinz-Eugen-Straße am Belvedere und Palais Schwarzenberg mit
Schwarzenbergplatz und Hochstrahlbrunnen vorbei über den Ring mit Oper,
den Museen, Parlament, Volksgarten, dann die Rossauerkaserne,
Franz-Josefs-Bahnhof, weiter nach Heiligenstadt mit dem Karl-Marx-Hof,
der nach wie vor größten Wohnhausanlage der Welt (wenn ich das richtig
in Erinnerung habe) eröffnet im Jahr 1930 bis nach Nußdorf einem
Weinbauort, wo auch das Gasthaus Zum Renner am Platz beim
Jugendstilbahnhof Nußdorf der Franu-Josefs-Bahn ist.
Vorsicht, Sonntag hatte er früher einmal Ruhetag. Wird wohl immer noch
so sein. (Eine Station weiter bei der Endstation kannst du heute noch
das talseitige Empfangsgebäude der ehemaligen Zahnradbahn auf den
Kahlenberg bewundern. Die Tramway fährt rundherum!)
Konditoreien... nun ja, ich esse kaum Mehlspeisen. Hatte zuviel davon in
meinem Leben. Ein Besuch bei Aida ist da sicher nicht zu verachten. Die
Sachertorte ist - wenn sie richtig gemacht ist - ein saftiger
Schokokuchen, der richtig gut schmeckt. Aber die muss man sich wohl
selber machen... :) Marillenmarmelade mit ein bisserl Rum gehört da
zwischen Teig und Schoko. Und länger ziehen lassen, dann wird der Kuchen
auch echt saftig von der Marmelade...
Im Zentrum von Wien gibts natürlich noch das Cafe Hawelka. Ist zwar
nicht mehr das, was es mal war, weil es sperrt viel zu früh mittlerweile
zu, die Preise sind durchaus gesalzen... aber dort kannst du schon noch
erleben, was es früher einmal bedeutete, in Wien in ein Kaffeehaus zu
gehen...Ein bisserl abgefuckt, ein bisserl versifft, aber ich hab dort
viele schöne und aufregende Stunden schon erlebt...
>
> Gibt es
>
> - gutes Wiener Schnitzel
> - gute Mehlspeisen
> - gute Kaffeehäuser
>
> jeweils vom Hauptbahnhof aus gut und schnell erreichbar?
> Möglichst zu Fuß, per ÖPNV wäre auch kein Problem.
Zu Fuß vom Hauptbahnhof... Das Gasthaus Sperl wurde leider letztes Jahr
im momentan flairvernichtenden Neubauwahn in Wien kurzerhand abgerissen,
so wie viele der schönen und alten Gebäude, die Wien so besonders
gemacht haben. Kaffeehäuser, Traditionsheurige, und viele andere
sehenswerte und besuchenswerte Gebäude mussten und müssen derzeit der
Spitzhacke weichen, damit Wien eine genauso gesichts- und flairlose
Großstadt wird, wie jede andere... wo man zu H&M, Zara oder Louis
Vuitton shoppen gehen kann... und sich dann beim Mäci stärkt... Wenn das
so weiter geht, wie die letzten 15 Jahre, brauchst in 15 Jahren nicht
mehr nach Wien kommen, weil Wien so besonders ist...
Die Kaffeehäuser wurden von Mäc Cafe und Starbucks verdrängt, die
Konditoreien von den Supermärkten, die Wirtshäuser haben zugesperrt. Und
wegen Schönbrunn oder dem Stephandsdom braucht man auch nicht extra nach
Wien zu fahren.
Schad um die schöne Stadt. Ich wünsch dir trotzdem eine nette Erfahrung.
lg jakob
--
Jakob
Terrarium, Humanum, Äst