On Wed, 22 Dec 2004 23:12:42 +0100, "Leopold Grafenauer"
<gr...@EUnet.at> wrote:
>Vielleicht haben die Wissenschafter nur nicht die richtige
>Öffentlichkeitsarbeit?
Da ist sicher einiges dran, Wissenschaft und Technik ist vor allem
uncool und riecht nach Arbeit, anschließend, weils grad so schön auch
zum Thema Pisa passt noch ein wunderbares ;-) Dokument aus dem Jahr
1977, zum entspannten Einklang in den Weihnachtsurlaub. Man beachte
vor allem den vorletzten Absatz.
Aus dem Vorwort zum Vorlesungsscript "Werkstoffe der Elektrotechnik",
von Prof. A. G. Fischer, Uni Dortmund, 1977
Über das Lernen
Wir alle kommen als Nichtswisser und asoziale Egoisten auf die
Welt. Von diesem Start zum Endziel, dem zivilisatorischschöpferischen,
sozialen Individuum, ist es ein weiter Weg. Die wichtigsten sozialen
Impulse erhalten wir während der ersten vier Lebensjahre. Alles
weitere ist Lernen, in den verschiedenen Schulen, welche die
Gesellschaft dafür errichtet, im Selbststudium, und letztlich in der
Schule des Lebens (Erfahrung ist bekanntlich die beste - und die
teuerste - Schule).
Jungen Menschen fällt der Übergang vom Lernen in der Schulklasse zum
Lernen im Hörsaal erfahrungsgemäß nicht leicht, deshalb sind
vielleicht einige Worte dazu angebracht.
Der Schulklassenbetrieb war noch sehr stark darauf aufgebaut, daß der
junge, im Elternhaus existentiell geborgene Mensch ein impulsives und
emotionales Wesen ist und am besten in geführten Gruppen unter milden
Wettbewerbsbedingungen lernt, wo das Wissen "vorverdaut", in kleinen
Happen und in spielerisch schmackhaft gemachter Form dargeboten wird,
wo es für Leistungen Belohnungen und für Versager Strafen gibt, und wo
häufige Wiederholungen stattfinden.
An der Hochschule ist es anders. Hochschulreife bedeutet, daß der
junge Mensch erkannt hat, daß er, wie jeder andere, "in die Welt
geworfen" ist, seines eigenen Glückes oder Unglückes Schmied ist, aus
dem angebotenen Wissen aus eigener Motivierung etwas behält oder auch
nicht. "You are on your own." Dies erfordert, um den Anstrengungen des
Studiums standzuhalten und die zum selbstmotivierten Lernen
erforderliche Selbstzucht aufbringen zu können, Begeisterung für das
gewählte Fach. Man muß sich für sein Fach begeistern, dann fliegt
einem alles zu, auch wenn man keinen IQ von 180 hat. Sonst ist es
Quälerei.
Der Ingenieursberuf ist der edelste Beruf, den es gibt. Der Ingenieur
(von Ingenium = schöpferischer Geist), als Inbegriff des homo faber,
baut die Zivilisation auf diesem Planeten und verbessert die
Lebensbedingungen des Menschen. Die Naturwissenschaften sind, anders
als z. B. die Jurisprudenz oder die Theologie, "akkumulativ",
d. h. jeder Fortschritt, den Sie erarbeiten, geht in das kollektive
Menschheitswissen unverlierbar ein und befruchtet weiteren
Fortschritt. Der tätige Ingenieur braucht also nie über den Sinn
seines Lebens nachzugrübeln, er ist das nützlichste Glied der
Gesellschaft, auch wenn die Gesellschaft dies oft nicht zugibt.
Nur in diesem Bewußtsein kann man die Härte unseres Berufs
durchstehen. Denn der Ingenieur muß ja das gesamte, von seinen
Vorgängern erarbeitete Wissen seines Faches, als sein Rüstzeug,
kennen, muß 20 Jahre seines Lebens in seine Berufsvorbereitung
investieren.
Während dieser Zeit amüsieren sich die anderen. Außerdem muß der
Ingenieur eine breite Übersicht über alle menschlichen Wissensgebiete
(einschließlich Psychologie, Soziologie, Management, Volkswirtschaft
etc) besitzen, sonst geht er im Wettbewerb unter. Das erfordert
lebenslanges Lernen, insbesondere auch deshalb, weil sich heute das
wissenschaftlich-technische Wissen der Menschheit alle 10 Jahre
verdoppelt, d. h. wenn Sie 10 Jahre nach Beendigung Ihres Studiums
kein Buch mehr anrühren, sind Sie hoffnungslos veraltet.
Sie müssen also das Lernen zur Lebensgewohnheit machen! Alles, das Sie
monatlich mindestens 10 mal tun, wird zur Gewohnheit, geht also ohne
Willensanstrengung vor sich, sagen die Psychologen. Bauen Sie also ein
System von gesunden, positiven Gewohnheiten auf! Kein erfolgreicher
Ingenieur sitzt täglich stundenlang vor dem Fernseher, spielt Skat,
trinkt, hat Frauen, das ist in dem Beruf nicht drin.
Unser Beruf erfordert also ein gewisses Maß an Askese. Der Ingenieur
weiß, daß er seinen Lebensbeitrag innerhalb von etwa 30 Berufsjahren
leisten will, daß jede ungenutzte Stunde verloren ist, und daß er zur
Erreichung seines Lebensziels ein wohlgeplantes, effizientes Leben, in
allen seinen Aspekten, führen muß. Wem das zu hart ist, der möge sich
rechtzeitig anders orientieren.
Nachdem Sie also die wichtigste Entscheidung Ihres Lebens, die
Berufswahl, getroffen haben, denken Sie daran, daß die zweitwichtigste
Entscheidung in Ihrem Leben die Gattenwahl ist. Während sie meisten
Frauen im Leben des Mannes die Nr. 1 sein wollen, geht beim richtigen
Ingenieur die Arbeit vor allem anderen. Die ideale Ingenieursfrau
versteht das, ist treusorgend und anspruchslos und gibt ihrem
hart-arbeitenden Mann seelischen Beistand. Schon mancher begabte
Ingenieur ist von seiner selbstsüchtigen Frau ruiniert
worden. Treffen Sie daher Ihre Entscheidung erst nach Prüfung auch
dieser Aspekte.
Als Belohnung winkt dem Tüchtigen die unbeschreibliche Freude, die man
empfindet, wenn man eine schwere Arbeit wohlgetan hat, wenn man etwas
Bleibendes geschaffen hat, der Entwicklung vorangeholfen hat.
In diesem Sinne bitte ich, die Vorlesung "Werkstoffe der
Elektrotechnik" zu verstehen. Wir sind keine Penne. Der Lehrstoff ist
interessant. Arbeiten Sie aktiv, aus eigenem Antrieb mit, wir helfen
Ihnen!