Grüß Gott
Was ist der Sinn für Geschichte? Ist es ein offenherziges Wohlwollen für
bestimmte, als positiv angesehene Traditionen und eine Identifikation mit
ihnen; ihre Verinnerlichung und Internalisierung? Etwas, das in den Alltag
eines Menschen mit Sinn für Geschichte einfließt?
Was passiert, wenn Geschichte immer nur zum Objekt gemacht und dauerhaft
externalisiert wird, sei es als Gegenstand einer wissenschaftlichen oder
moralischen Betrachtung? Und wenn diese externalistische Perspektive auf die
Geschichte in einer Gesellschaft und ihren Medien dominiert?
Offensichtlich nimmt man den Menschen damit die Möglichkeit, Geschichte zu
internalisieren, zu verinnerlichen. Darf man die "guten" Episoden auswählen,
um nur sie als positive Traditionen zu verinnerlichen?
Was unterscheidet hier Deutschland von Österreich? In Deutschland gibt es
eine unterschwellige Tendenz, zu behaupten, dass sich nur die Deutschen
wahrhaft mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben, und eigentlich die
Österreicher hier etwas nachzuholen hätten. Der Blick von oben ist hier
unverkennbar, ein Blick, bei dem man sich fragt, ob er den Deutschen
eigentlich in dem Maße zusteht.
Auch die Österreicher haben sich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt,
sie war in ihren schrecklichsten Passagen eng mit der deutschen Geschichte
verknüpft. Die Österreicher haben hier keinen Grund, weniger
"Geschichtsaufarbeitung" als die Deutschen zu betreiben.
Dennoch hat man das Gefühl, dass sich eher die Österreicher als die
Deutschen so etwas wie einen Sinn für Geschichte bewahrt haben. Und ganz
bescheiden ein wenig stolz auf gewisse Zeiten sind. Dies hat natürlich
zuweilen einen romantisch und nostalgisch verklärten Beigeschmack, wenn man
z.B. an die Verehrung von Kaiserin Elisabeth - Sissi - denkt. Aber liegt
hier nicht auch eine gewisse identitätsstiftende Funktion für ein Volk vor?
Was wäre denn Österreich und Wien ohne die goldenen alten Zeiten, auch die
Zeiten der Musiker; Zeiten, die immer noch in aktuellen
Kulturveranstaltungen in Österreich zum Thema gemacht werden? In Deutschland
gibt es durchaus auch diesen Sinn für Geschichte, man denke etwa an die
Verehrung von König Ludwig II. von Bayern in Bayern.
Aber dennoch hat man den Eindruck, dass dieser historische Sinn bei den
Österreichern, und insbesondere den Wienern, eine größere Verbreitung und
Verwurzelung im Alltag hat. Über einige neidische Blicke der Deutschen zu
ihrem Nachbarland braucht man sich da nicht zu wundern. Der Fokus auf
gewisse historische Epochen - die schlimmste ist bekannt - ist in
Deutschland wesentlich stärker präsent als in Österreich. Auch ihre
Instrumentalisierung; wer auf die schlimmen Zeiten in mahnerischer Manier
hinweist, befindet sich schon im Recht. Aber ist Mahnung allein für Menschen
identitäts- und sinnstiftend? Das Instrumentelle ist hierbei ja wieder das
Externe, das sich wegen seiner Falschheit erst recht nicht verinnerlichen
lässt. Wenn positive Rückbesinnung auf Geschichte, gerade auf positive
Traditionen - was diese genau sind, bedürfte noch der Klärung, dass es sie
nicht geben sollte, ihrer ebenfalls - nicht mehr stattfindet, nicht mehr
stattfinden darf, und unter dem Generalverdacht der Ignoranz, Missachtung
und Ausblendung der negativen, schrecklichen Phasen der Geschichte steht,
wird dem Menschen die Möglichkeit genommen, einen Sinn für Geschichte - im
positiven, identitäts- und sinnstiftenden Sinne - zu entwickeln. Wo dies
passiert, wird dem Menschen eigentlich Geschichte entzogen, auch wenn immer
wieder zurecht auf ihre schrecklichen Seiten hingewiesen wird.
So verwundert es nicht, dass viele Menschen, die Deutschland besuchen,
tatsächlich das Gefühl haben, sich nur in der Gegenwart zu befinden, und
dass die Vergangenheit eigentlich ausgeschlossen ist, auch wenn sie
paradoxerweise in Mahnmalen ständig präsent zu sein scheint. Dieselben
Menschen, die Österreich, und insbesondere Wien, besuchen, haben dieses
Gefühl nicht.
S. auch Friedrich Nietzsche, 1874: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für
das Leben.
Vielleicht liegt hier auch mit ein Grund für die Tatsache vor, dass die
Deutschen soviel reisen, z.B. nach Österreich. Aber auch in viele andere
Länder, bekanntlich sind die Deutschen Reiseweltmeister.
Da sie Identitäts- und Sinnstiftung - und die Geschichte soll hier nach dem
oben Gesagten auch als ein wichtiger Faktor hierfür gelten - in ihrem
eigenen Land nicht erfahren und diese vermissen, zieht es sie in andere
Länder, in denen die Menschen ein "natürliches" Verhältnis zu ihrer
Geschichte haben. Dort finden sie, was sie insgeheim, vielleicht auch
unbewusst, vielleicht auch ganz bewusst, suchen. Sie bekennen sich zu den
Traditionen des jeweiligen Landes, das sie bereisen, sie fühlen sich von
ihnen angezogen.
Vielleicht liegt hier aber auch ein Grund für die psychischen Probleme
vieler Deutscher vor: Historische Sinn- und Identitätsstiftung wird im
eigenen Land nicht gefunden, es findet infolgedessen eine Flucht in viele
andere Länder und Welten mit historischen Traditionen statt; letztlich
bleiben sie jedoch heimatlos, eigentlich sind sie nirgendwo so richtig
zuhause.
Mit freundlichen Grüßen
Jörg Middendorf