Liebe TierschützerInnen,
da ich in letzter Zeit immer wieder auf das "Sechs-Tage-Spiel" von
Hermann
Nitsch angesprochen werde, möchte ich meine Position erläutern:
Wie die meisten von Euch wissen, bin ich gewissermaßen eine
Tierschützerin der
ersten Stunde, habe mich immer kompromißlos auf die Seite des
Tierschutzes
gestellt, und werde das auch in Zukunft tun. Ich möchte in diesem
Zusammenhang
nur einige Aktivitäten und Themenbereiche aufzählen, auf die wir uns in
letzter Zeit im Tierschutzbereich hauptsächlich konzentriert haben:
1) Österreichische Ratspräsidentschaft und Tierschutz
2) Initiative zur Gründung einer Plattform von Tierschutzorganisationen
und
Erstellung eines EU-Tierschutzmemorandums, dessen wesentliche
Forderungen
sind:
- Verbot der Haltung von Hühnern in Käfigen
- verpflichtende Kennzeichnung von Eiern nach der Haltungsform
- Verbot der Tierversuche für kosmetische Produkte
- Abschaffung der "Herodesprämie" und der Subventionen für
Schlachttierexporte
in Drittländer der EU
- Verabschiedung einer Richtlinie, die hohe Mindeststandards für die
Haltung
von Wildtieren in Zoos und Tierparks vorschreibt
In diesen Bereichen passiert Tierleid millionenfach und wird auch noch
subventioniert. Aber gerade in den letzten Wochen ist es uns gelungen,
im
österreichischen Parlament zwei Entschließungsanträge durchzubringen:
Darin
wird die österreichische Bundesregierung aufgefordert, sich auf
EU-Ebene dafür
einzusetzen, daß die Herodesprämie abgeschafft und das Verbot der
Tierversuche
für kosmetische Produkte EU-weit endlich umgesetzt wird. Damit wären
zumindest
zwei Forderungen des Tierschutzmemorandums erfüllt.
Grundsätzlich bin ich als Vegetarierin der Auffassung, daß die exzessive
Ausweitung der "Fleischproduktion" zu ungeahnten und verheerenden
Schäden in
der Natur und beim Menschen geführt haben (Umweltbelastungen,
Unterernährung
in den Ländern des Südens, Langstrecken-Tiertransporte, Herodesprämie
u.a.).
Solange aber in dieser Gesellschaft kein Konsens über die Beendigung
bzw.
zumindest drastische Reduktion des Fleischkonsums erkennbar ist,
konzentriere
ich meine Arbeit auf folgende Bereiche:
- Bewußtseinsbildung in Richtung Reduktion des Fleischkonsums sowie
Werbung
für vegetarisch/vegangische Alternativen
- Verbot von Intensiv- und Massentierhaltungen
- Ökologische Haltungsbedingungen (Auslauf, Fütterung etc.) und
fachgerechte
Betreuung
- schonende Schlachtung (so weit wie möglich), vorzugsweise am Hof
("Fahrbarer
Schlachthof") oder im nächstgelegenen Schlachthof.
Anzustreben ist eine Welt ohne Gewalt und ohne bewußte Tötung von
Lebewesen,
allerdings ist dies Position (noch) in der Minderheit, daher versuche
ich
vordringlich, Grausamkeiten zu minimieren.
Ich bin nun aber nicht nur die Tierschutzsprecherin der Grünen, sondern
auch
deren Kultursprecherin. Ich halte dieses Engagement für sehr wichtig,
weil ich
glaube, daß es in diesem Land aus demokratiepolitischen Gründen
notwendig ist,
daß die Freiheit der Kunst garantiert wird und insbesondere auch
gesellschaftskritische Kunst stattfinden kann. Ich habe daher immer
kompromißlos die Freiheit der Kunst im Rahmen der Rechtsordnung
verteidigt.
Kunst nämlich lotet oft gesellschaftliche Tabuzonen aus und berührt
Grenzbereiche, die für eine Gesellschaft durchaus schmerzhaft sein
können,
weil sie etwas aufzeigt, was ansonsten kaum öffentlich thematisiert
werden
kann. Vor allem deshalb stößt Kunst oft auf großen Widerstand und ist
daher
auch Auslöser heftiger öffentlicher Diskussionen. Ich halte den Anstoß
für
solche Debatten, den die Kunst gibt, für absolut notwendig, weil Kunst
damit
der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, der nicht immer nur die
schmeichelhaften Seiten darstellt und langfristig auch zu positiven
Veränderungen führen kann.
Mit diesem Verständnis betrachte ich auch die derzeit geführte
öffentliche
Diskussion über das Sechs-Tages-Spiel von Hermann Nitsch, wo ich mich im
umstrittenen Feld zwischen
Tierschutz und Freiheit der Kunst widerfinde.
Ich würde sofort gegen das "Sechs-Tage-Spiel" vorgehen, wenn bei dieser
Aktion
bestehende rechtliche Bestimmungen des Tierschutzes verletzt werden
würden.
Ich hatte aber einmal die Gelegenheit, mir die Tierhaltung bei Hermann
Nitsch
anzusehen und habe dabei festgestellt, daß die Tiere artgerecht gehalten
werden, und nach meinem Wissen hält Hermann Nitsch auch im Zuge seiner
Kunstaktion sämtliche tierschutzrechtlichen Bestimmungen ein. Die
Schlachtungen am Hofe Nitschs sind mit den Schlachtungen an anderen
Bauernhöfen gleichzusetzen. Der Umgang mit Tieren seitens der
Tierfabriken -
von der Zucht über die Langstreckentransporte bis zum Tod am Fließband
- ist
meines Erachtens um vieles belastender. Außerdem handelt es sich dabei
um
Tiere, die jedenfalls zur Schlachtung und zum Verzehr bestimmt sind.
Was die Kunst Hermann Nitschs betrifft, kann man darüber
selbstverständlich
gänzlich unterschiedlicher Auffassung sein. Das ist legitim und im
Kunstbereich nichts Ungewöhnliches. Ob die Aktionen von Hermann Nitsch
durch
die Sichtbarmachung der sonst verborgenen Gewalt ("Hamburger" bluten
nicht)
eher dem Ziel der Bewußtseinsbildung gegen Tötungen dienen oder das
Gegenteil
bewirken ("Blutrausch"), ist jene Frage, die zwischen TierschützerInnen
und
Hermann Nitsch kritisch diskutiert werden sollte. Es ist eine Frage,
deren
Antwort ich auch noch nicht kenne. Ich begrüße daher jede öffentliche
Diskussion, die ernsthaft und fair geführt wird.
Davon völlig unabhängig ist die Frage des künstlerischen Gehaltes der
Arbeiten
von H. Nitsch sowie die unter KunstexpertInnen durchaus kritische
diskutierte
Frage von Weiterentwicklung oder Stagnation in den Werken, wozu ich
hier in
diesem Rahmen nicht Stellung beziehe.
Mit freundlichen Grüßen
Madeleine Petrovic
P.S. Ich befürworte, wie gesagt, eine kritische Debatte, den verlogenen
Populismus etwa des Kanzlerehepaares Sonja & Viktor Klima lehne ich
aber ab:
Der Kunstkanzler lud Hermann Nitsch zu seinem Kanzlerfest; die anwesende
Ehefrau wählte beim Essen einen anderen Tisch - aus Tierschutzgründen,
wie sie
sagte. Bleibt nur die Frage: Wieviel Fleisch wurde beim Kanzlerfest
aufgetischt, und woher kam es?
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