Es schien loszugehen. Der Konzertmeister segelte hochnäsig an uns vorbei,
eine aufdringliche Aftershavewolke hinterlassend. Bei seinem Pult
angekommen, setzte er sich, blätterte kurz in den Noten, drehte sich um,
instruierte mit strenger Feldherrenmiene noch die Erste Geigengruppe, stand
auf und forderte mit arrogant erhobenem Kinn den Kammerton vom Oboisten.
Nachdem das Orchester eingestimmt hatte, betrat Kleinbauer unter zögerlichem
Applaus den Graben. Die Generalprobe fand bereits vor Publikum statt, aber
noch nicht im Frack. Da konnte man sich wenigstens am Klo, wenn man vergaß,
das Oberteil vorher auszuziehen, nicht ungeschickter Weise auf die
Schwalbenschwänze scheißen, so wie Pototschnig bei der letzten
Zigeunerbaron-Premiere.
Ich blickte kurz hoch, das Parkett war einigermaßen voll. Zwölf
Meter breit, zweitausend Jahre alt und insgesamt vielleicht fünf Zähne im
Maul, das war - nicht eine von Oberkoglers kambrischen Versteinerungen -
sondern die erste Reihe unseres Publikums.
Der Maestro gab den Einsatz. Die Bühne im Dunkel, begann das
Stück mit einem Paukenwirbel, der leise-bedrohlich hätte klingen sollen,
unter Hubers fachkundiger Ausführung freilich eher der Geräuschkulisse der
Rübenverladung am Frachtenbahnhof entsprach. Es folgte ein dünnes Gewinsel
der Geigen, vermutlich ein Flagoelett.
Das Orchester war mit Mitteln der ÖNIK gemäß den Vorgaben der
Partitur aufgestockt worden. Der ohnedies schmale Graben glich nun einer
Sardinendose. Man hatte auch noch ein Pianino, einen wurmstichigen,
verstimmten Kasten, den vermutlich eine Puffmutter zuvor auf den Sperrmüll
geworfen hatte, herangeschleppt; es war natürlich, wie es sich für ein
modernes Werk gehörte, mit Wäscheklammern und ähnlichem Zeug präpariert und
wurde von unserem wodkaseligen Korrepetitor Jewgeni Lukaschenko bedient. Ein
Tonband durfte natürlich auch nicht fehlen, gar nicht so leicht aufzutreiben
im Zeitalter von mp3 und Harddiskrekorder, ebenso wenig eine singende Säge
und eine Sirene. Ein Sammelsurium von verstaubten Requisiten aus der
Mottenkiste der Sechzigerjahre-Avantgarde. Zum großen Entzücken von Franz
von Toupet gab es auch zwei Tenorblockflöten, die man neben dem Pototschnig
noch in den Graben gepfercht hatte, Emma Haase-Lütgendorff und Trixi-Maria
Wohlschlagmüllner-Horak, zwei verhärmte Birkenstockschlapfen, die als
Pädagoginnen an der städtischen Musikschule tätig waren und nun im
Dunstkreis von Pototschnigs gewaltiger Alkoholfahne verzweifelt nach Luft
rangen. Auch Rabensteiners "Susi" hatte eine größere Schwester bekommen. Er
musste bei einigen Stellen das Kontrafagott spielen, ein monströses Ding,
das mit seinen vielfach verschlungenen Metall- und Holzröhren aussah wie ein
Hybrid aus einer Zentralheizung und einer mittelalterlichen
Belagerungsmaschine, und das er halblaut fluchend mit Faustschlägen und
Fußtritten traktierte, um die altersschwache und störrische Mechanik zu
bändigen. Manchmal blies er auch hinein, und das erweckte dann den Eindruck
eines Pottwalfurzes am Meeresgrund.
Ein Hornton markierte den Einsatz der Sopranistin Chrisoula
Theotokopoulos, die die "Elektra" gab. Populescu traf anstelle des
vorgeschriebenen hohen g nur das e, gurgelte gut eine halbe Oktave mehrmals
auf und ab, bis er sich auf dem gewünschten Ton einigermaßen stabilisierte.
Hätte er dafür noch etwas länger gebraucht, hätte er wohl noch einmal Luft
holen müssen. Es war schon vermutet worden, dass sein offenkundig
rumänischer Name in Wahrheit der Sioux-Sprache entstammte, wo er etwa
"der-mit-dem-das-Horn-tanzt" bedeutete.
Chrisoula Theotokopoulos stakste durch die lächerliche
Rummelplatzdekoration samt Saloon, Pferdetränke und aufblasbarem
Plastikkaktus wie weiland Dolly Parton. Nur dass das, was sie sang, nicht
gerade nach Countrymusic klang.
Franz von Toupet kämpfte sich derweilen tapfer, wie mit dem
Buschmesser, durch das Dickicht aus stetig wechselnden Siebenachtel-,
Fünfviertel-, Einachtel-, Dreisechzehntel- und sogar Elfeinhalbachteltakten,
wobei ihm die zu kurzen Jackenärmel bis zu den Ellbögen hinaufrutschten und
er mit eckigen Kopfbewegungen wie eine gereizte Katze dem Taktstock folgte.
Es hatte sich nämlich erst unlängst, so Kleinbauer, in Klagenfurt ein
Dirigent versehentlich das Auge ausgestochen. Da müsse man schon aufpassen.
Es traten zwei weitere Sängerinnen auf, in den Rollen der
Chrysothemis und der Klytämnestra und schließlich ein Typ, nach
Ku-Klux-Klan-Art in einem weißen Bettlaken samt Kapuze, vermutlich den Geist
des erschlagenen Agamemnon darstellend.
Das Stück war schon für einen Spitzendirigenten nicht
einfach zu dirigieren; nur war Kleinbauer eben kein Spitzendirigent, sondern
ziemlich exakt das Gegenteil davon. Er hatte sich mittlerweile mehrmals
gröber verschlagen, möglicherweise auch eine Seite in der Partitur
überblättert; er ging nun dazu über, mit dem Taktstock hoch über dem Kopf
waagrechte Warteschleifen zu vollführen, um dann, sobald er meinte, einer
Eins gewahr zu werden, kamikazeartig herunterzustoßen.
Der Kammersänger Drabek trat endlich auf, unter spontan
aufrauschendem Beifall. Nach einer längeren duettartigen Szene mit der
Klytämnestra, stob plötzlich der Chor wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen
auf die Bühne, um gute zwanzig Takte zu früh, wie mir schien. Ab jetzt
wälzte sich die Oper nur mehr in einem kakophonischen Chaos und planlosem
Herumgerenne auf der Bühne dahin, was sicher nicht nur an der Komposition
lag. Kleinbauer hatte völlig die Orientierung verloren und ruderte nur mehr
wie ein Schiffbrüchiger mit den Armen in der Luft herum. Ich beneidete das
großteils senile Publikum, die konnten wenigstens die Hörgeräte abdrehen.
Viktor Vierthaler: Ein Morgen, ein Mittag, ein Abend in Bruck - Aus dem
Leben eines Orchestermusikers. Resistenz ISBN 978-3-85285-176-1
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"Robert Brunnlechner" <robert.br...@chello.at> ha scritto nel
messaggio news:9bce7$49881278$5470890b$19...@news.chello.at...
> Liebe Musikfreunde, f�r alle die sie noch nicht kennen, Viktor Vierthalers
> haarstr�ubende Tatsachenerz�hlung aus dem Orchesterleben, im folgenden ein
> kurzer Ausschnitt:
>
> Es schien loszugehen. Der Konzertmeister segelte hochn�sig an uns vorbei,
> eine aufdringliche Aftershavewolke hinterlassend. Bei seinem Pult
> angekommen, setzte er sich, bl�tterte kurz in den Noten, drehte sich um,
> instruierte mit strenger Feldherrenmiene noch die Erste Geigengruppe,
> stand auf und forderte mit arrogant erhobenem Kinn den Kammerton vom
> Oboisten. Nachdem das Orchester eingestimmt hatte, betrat Kleinbauer unter
> z�gerlichem Applaus den Graben. Die Generalprobe fand bereits vor Publikum
> statt, aber noch nicht im Frack. Da konnte man sich wenigstens am Klo,
> wenn man verga�, das Oberteil vorher auszuziehen, nicht ungeschickter
> Weise auf die Schwalbenschw�nze schei�en, so wie Pototschnig bei der
> letzten Zigeunerbaron-Premiere.
>
> Ich blickte kurz hoch, das Parkett war einigerma�en voll. Zw�lf
> Meter breit, zweitausend Jahre alt und insgesamt vielleicht f�nf Z�hne im
> Maul, das war - nicht eine von Oberkoglers kambrischen Versteinerungen -
> sondern die erste Reihe unseres Publikums.
>
> Der Maestro gab den Einsatz. Die B�hne im Dunkel, begann das
> St�ck mit einem Paukenwirbel, der leise-bedrohlich h�tte klingen sollen,
> unter Hubers fachkundiger Ausf�hrung freilich eher der Ger�uschkulisse der
> R�benverladung am Frachtenbahnhof entsprach. Es folgte ein d�nnes Gewinsel
> der Geigen, vermutlich ein Flagoelett.
>
> Das Orchester war mit Mitteln der �NIK gem�� den Vorgaben der
> Partitur aufgestockt worden. Der ohnedies schmale Graben glich nun einer
> Sardinendose. Man hatte auch noch ein Pianino, einen wurmstichigen,
> verstimmten Kasten, den vermutlich eine Puffmutter zuvor auf den Sperrm�ll
> geworfen hatte, herangeschleppt; es war nat�rlich, wie es sich f�r ein
> modernes Werk geh�rte, mit W�scheklammern und �hnlichem Zeug pr�pariert
> und wurde von unserem wodkaseligen Korrepetitor Jewgeni Lukaschenko
> bedient. Ein Tonband durfte nat�rlich auch nicht fehlen, gar nicht so
> leicht aufzutreiben im Zeitalter von mp3 und Harddiskrekorder, ebenso
> wenig eine singende S�ge und eine Sirene. Ein Sammelsurium von verstaubten
> Requisiten aus der Mottenkiste der Sechzigerjahre-Avantgarde. Zum gro�en
> Entz�cken von Franz von Toupet gab es auch zwei Tenorblockfl�ten, die man
> neben dem Pototschnig noch in den Graben gepfercht hatte, Emma
> Haase-L�tgendorff und Trixi-Maria Wohlschlagm�llner-Horak, zwei verh�rmte
> Birkenstockschlapfen, die als P�dagoginnen an der st�dtischen Musikschule
> t�tig waren und nun im Dunstkreis von Pototschnigs gewaltiger Alkoholfahne
> verzweifelt nach Luft rangen. Auch Rabensteiners "Susi" hatte eine gr��ere
> Schwester bekommen. Er musste bei einigen Stellen das Kontrafagott
> spielen, ein monstr�ses Ding, das mit seinen vielfach verschlungenen
> Metall- und Holzr�hren aussah wie ein Hybrid aus einer Zentralheizung und
> einer mittelalterlichen Belagerungsmaschine, und das er halblaut fluchend
> mit Faustschl�gen und Fu�tritten traktierte, um die altersschwache und
> st�rrische Mechanik zu b�ndigen. Manchmal blies er auch hinein, und das
> erweckte dann den Eindruck eines Pottwalfurzes am Meeresgrund.
>
> Ein Hornton markierte den Einsatz der Sopranistin Chrisoula
> Theotokopoulos, die die "Elektra" gab. Populescu traf anstelle des
> vorgeschriebenen hohen g nur das e, gurgelte gut eine halbe Oktave
> mehrmals auf und ab, bis er sich auf dem gew�nschten Ton einigerma�en
> stabilisierte. H�tte er daf�r noch etwas l�nger gebraucht, h�tte er wohl
> noch einmal Luft holen m�ssen. Es war schon vermutet worden, dass sein
> offenkundig rum�nischer Name in Wahrheit der Sioux-Sprache entstammte, wo
> er etwa "der-mit-dem-das-Horn-tanzt" bedeutete.
>
> Chrisoula Theotokopoulos stakste durch die l�cherliche
> Rummelplatzdekoration samt Saloon, Pferdetr�nke und aufblasbarem
> Plastikkaktus wie weiland Dolly Parton. Nur dass das, was sie sang, nicht
> gerade nach Countrymusic klang.
>
> Franz von Toupet k�mpfte sich derweilen tapfer, wie mit dem
> Buschmesser, durch das Dickicht aus stetig wechselnden Siebenachtel-,
> F�nfviertel-, Einachtel-, Dreisechzehntel- und sogar
> Elfeinhalbachteltakten, wobei ihm die zu kurzen Jacken�rmel bis zu den
> Ellb�gen hinaufrutschten und er mit eckigen Kopfbewegungen wie eine
> gereizte Katze dem Taktstock folgte. Es hatte sich n�mlich erst unl�ngst,
> so Kleinbauer, in Klagenfurt ein Dirigent versehentlich das Auge
> ausgestochen. Da m�sse man schon aufpassen.
>
> Es traten zwei weitere S�ngerinnen auf, in den Rollen der
> Chrysothemis und der Klyt�mnestra und schlie�lich ein Typ, nach
> Ku-Klux-Klan-Art in einem wei�en Bettlaken samt Kapuze, vermutlich den
> Geist des erschlagenen Agamemnon darstellend.
>
> Das St�ck war schon f�r einen Spitzendirigenten
> nicht einfach zu dirigieren; nur war Kleinbauer eben kein Spitzendirigent,
> sondern ziemlich exakt das Gegenteil davon. Er hatte sich mittlerweile
> mehrmals gr�ber verschlagen, m�glicherweise auch eine Seite in der
> Partitur �berbl�ttert; er ging nun dazu �ber, mit dem Taktstock hoch �ber
> dem Kopf waagrechte Warteschleifen zu vollf�hren, um dann, sobald er
> meinte, einer Eins gewahr zu werden, kamikazeartig herunterzusto�en.
>
> Der Kammers�nger Drabek trat endlich auf, unter spontan
> aufrauschendem Beifall. Nach einer l�ngeren duettartigen Szene mit der
> Klyt�mnestra, stob pl�tzlich der Chor wie ein aufgescheuchter H�hnerhaufen
> auf die B�hne, um gute zwanzig Takte zu fr�h, wie mir schien. Ab jetzt
> w�lzte sich die Oper nur mehr in einem kakophonischen Chaos und planlosem
> Herumgerenne auf der B�hne dahin, was sicher nicht nur an der Komposition
> lag. Kleinbauer hatte v�llig die Orientierung verloren und ruderte nur
> mehr wie ein Schiffbr�chiger mit den Armen in der Luft herum. Ich
> beneidete das gro�teils senile Publikum, die konnten wenigstens die
> H�rger�te abdrehen.