Mark Fisher Kapitalistischer Realismus

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Favio Cassidy

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Aug 3, 2024, 1:03:20 PM8/3/24
to arisarag

Der vorliegende Artikel will sich an einer solchen Untersuchung versuchen. Dies geschieht in Auseinandersetzung mit den Thesen eines Autors, welchem oft zugeschrieben wird, den Zusammenhang von kapitalistischer Arbeitswelt und Depression treffend beleuchtet zu haben: Dem antikapitalistischen Kulturwissenschaftler Mark Fisher. Der aus Grobritannien stammende Autor war unmittelbar selbst betroffen, er beging 2017 in Folge langjhriger Depressionen Selbstmord.

Wie hngen Lohnarbeit und psychische Krankheiten wie Depressionen also genau zusammen? Meistens begngt Fisher sich vollkommen damit, diesen Zusammenhang begrndungslos zu proklamieren. An anderen Stellen geht Fisher etwas weiter, dazu nun.

Was versteht er darunter? Fisher zitiert den radikalen Therapeuten David Smail, von dem er den Begriff des magischen Voluntarismus5 geliehen hat: Dahinter verberge sich die Vorstellung, dass man das eigene Schicksal selbst in der Hand habe, man knne die einem entgegentretende Welt selbststndig verndern und dafr sei man in letzter Instanz auch verantwortlich. Weiter zitiert Fisher den Psychologen Oliver James: Uns werde gesagt, dass jeder, der hart genug arbeite, es nach oben schaffen knne, unabhngig vom eigenen sozialen Hintergrund. Wenn man keinen Erfolg habe, lge die Schuld bei einem selbst. Fisher pldiert dafr, das umzukehren und die Schuld woanders als bei einem selbst zu suchen.6

Grundstzlich hat Fisher recht: Das Gefhl, als Mensch zu versagen, eigenen Ansprchen und gesellschaftlichen Anforderungen nicht zu gengen und dabei selbst am eigenen Scheitern Schuld zu tragen, ist oftmals bestimmend fr Menschen, die unter Depressionen leiden. In Erfahrungsberichten berichten Depressive vielfach davon, das Gefhl zu haben, fr gar nichts gut zu sein, nichts zu knnen und wertlos zu sein.7 Sicher gibt es auch Depressionen, bei denen dies weniger eine Rolle spielt. Um diese soll es im Folgenden genauso wenig gehen wie um Depressionen und verwandte Symptome bei Nicht-Lohnabhngigen, z.B. Kapitalist:innen oder vorkapitalistischen Herrscherfiguren.

Das Ganze lsst sich mhelos bertragen auf die Ausbildung fr den Arbeitsmarkt: Schlechte Noten in Schule oder Studium? Probleme damit, das Schreiben langer Hausarbeiten, Prfungen und den studentischen Nebenjob irgendwie unter einen Hut zu bekommen? Und, ebenfalls unter Studierenden weit verbreitet: Angst, mit der eigenen Ausbildung nur miese Jobs zu ergattern? Auch hier hufig der Gedanke: Selbst schuld dran!

Aber, so liee sich jetzt einwenden, wer sich in der Schule/Universitt so richtig anstrengt, kriege immerhin bessere Jobs und wer auf der Arbeit Leistung bringe, kann sich Chancen auf eine Befrderung ausrechnen. Man habe es also eben doch selbst in der Hand.

Das tuscht: Es ist nicht die Anstrengung an sich, welche man in Ausbildung oder Beruf an den Tag legt, die einem potenziell andere Mglichkeiten erffnet. Denn zustzlich zur vlligen Abhngigkeit vom Kapital bekommen die Lohnabhngigen auch noch ihre Konkurrenz untereinander mit voller Wucht zu spren. Sie konkurrieren untereinander darum, berhaupt einen Job zu bekommen, wie auch darum, angenehmere zu ergattern. Die grte, entbehrungsreichste Anstrengung in Schule oder Beruf ntzt dann absolut gar nichts, wenn sich die Konkurrenz genauso sehr oder noch mehr anstrengt als man selbst.9 Nur in Relation zu den Anstrengungen der einem konomisch feindlich gesonnen Konkurrent:innen wird die eigene Anstrengung bewertet; wenn alle in der Schule nur Einsen bekmen, wre der Sinn der Notengebung vllig verfehlt. Und ganz so wie gute Noten sind auch Arbeitspltze und die hheren Stellen der Berufshierarchie begrenzt. Das Resultat der Konkurrenz der Lohnabhngigen ist immer wieder aufs Neue, dass sich Leute in der Arbeitslosigkeit oder auf den unteren Rngen der Berufshierarchie wiederfinden. Ganz egal wie viel die Gesamtheit von ihnen an Anstrengungen bringt.

Die Vorstellung enthlt zugleich eine beruhigende Verheiung: Der Erfolg liegt ganz in deiner Hand, du kannst es schaffen, wenn du nur willst! Ganz so verhalten sich die meisten Menschen dann auch bei Erfolgserlebnissen. Neben der Freude ber einen Umstand, der einem das Leben erleichtert (Jobzusage, Gehaltserhhung, gute Note), gesellt sich in aller Regel persnlicher Stolz: Man habe sich dies ganz selbst zuzuschreiben. Doch jeder Hochphase, in der man meint sich mal wieder als leistungsfhiger Erfolgstyp bewiesen zu haben, entspricht bei jedem Scheitern eine Tiefphase des nagenden Zweifels, selbst an der eigenen Misere schuld zu sein.

Mit all dem hat Fisher recht. Eben auch damit, die Benennung gesellschaftlicher Ursachen fr psychische Erkrankungen einzufordern. Allerdings ist mit dieser Forderung (die er oft wiederholt) noch nicht viel gewonnen, man muss diese Ursachen auch korrekt bestimmen.

Angesichts solcher Begriffslosigkeit berrascht es nicht, dass Fisher den Kapitalismus vor den 1980er Jahren idealisiert darstellt. Indem Fisher den neoliberalen Kapitalismus immer wieder besonders anklagt, verharmlost er den Kapitalismus im Allgemeinen.

Der ideologische Bezug auf die Lohnabhngigkeit, der sich so auch in der Depression niederschlgt, verweist auf die objektive Brutalitt dieses Verhltnisses. In der Depression hat sich diese noch weiter in die Psyche der Menschen hinein verlngert.

Anmerkung der NC-Redaktion: Wir drucken diese ber 15 Jahre alten Ausfhrungen heute ab, da sie einige wichtige Kritikpunkte an antiimperialistischen Auffassungen uern, die angesichts aktueller linker Diskussionen ber Kriege nichts an Richtigkeit...

Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Dieser Satz von Mark Fisher fasst im Grunde seine Arbeit zusammen und wird bis heute auch hufig vom Starphilosophen Slavoj Žižek zitiert. hnlich wie Žižek hantierte Fisher nicht (nur) mit unzugnglicher Theorie, sondern analysierte die Widersprche im Kapitalismus gerne anhand von Film- und Popanalysen.

Anfang 2000er war er mit seinem Blog k-punk einer der wichtigsten Kultur- und Popkritiker im damaligen Internet. Jetzt entdeckt auf TikTok eine neue Generation den britischen Kulturkritiker. Wer dort nach #markfisher sucht, stt auf unzhlige Videos von Influencern aus aller Welt, die sich mit der Arbeit des Theoretikers auseinandersetzen. TikTok und kapitalismuskritische Philosophie scheint auf den ersten Blick etwas widersprchlich, aber nur auf den ersten Blick.

Das vielleicht banalste Beispiel dafr ist eine Pepsi Werbung, in der Kendall Jenner einen Fotoshoot unterbricht, um sich spontan einer Straendemonstration anzuschlieen. Wofr diese Demo steht ist etwas unklar, wir sehen nur junge Menschen die musizieren und tanzen, auf ihren Transparenten sind Peace Zeichen zu sehen. In einem entscheidenden Moment, als der Demozug auf etwas schlecht gelaunte, aber eigentlich vllig passive Polizist*innen stt, bergibt Kendall Jenner einem Polizisten eine Dose Pepsi. Anschlieend beginnen alle gemeinsam zu feiern.

Mark Fisher ist nicht der einzige populre Theoretiker auf TikTok. Byung-Chul Han und seine Mdigkeitsgesellschaft scheint bei den berarbeiteten Zoomern und Millenials auch einen Nerv zu treffen, oder Judith Butlers Kritik an Gendernormen und Jean Baudrillards Thesen zur Hyperrealitt, die vielleicht zu keiner Plattform so gut passen wie zu TikTok.

Ausgerechnet auf der berkapitalistischen und unpolitischen Plattform TikTok entstehen so neue Rume fr (Anti-)Kapitalismus und Gesellschaftskritik. Neben Mindset Videos, die (sehr vage) erklren, wie man mit 21 die erste Million verdient, werden jeden Tag Videos zu Mark Fisher und anderen Denker*innen hochgeladen. Vielleicht ist es irgendwann doch mglich, sich das Ende des Kapitalismus vorzustellen.

Literatur bietet in diesem Zusammenhang einen Raum an, in dem diese Aushandlungen stattfinden knnen. Identitt kann narrativ an Figuren dar- und so hergestellt, semantische Codes bestimmter Identitten knnen erforscht, verarbeitet und verndert werden. Literatur kann zugleich als Archiv fungieren, in dem in archologischer Arbeit Identitten und Identittspartikel erinnert und so sichtbar werden. Gegenwrtig lsst sich beobachten, dass Autor:innen wie etwa Zadie Smith oder Hengameh Yaghoobifarah in ihren Werken nicht nur Identitt(en) verarbeiten, sondern ihre persnliche Identitt zu einer Grundlage des Schreibens selbst wird. Die soziale oder, mit Rosa, performative Kategorie der Identitt wird so zu einer literarischen Kategorie, und diese bestimmt zunehmend auch die Rezeption von Literatur.

Tram 83 schildert die Erlebnisse des mittellosen Schriftstellers Lucien in einer Minenstadt im Inneren Afrikas, die im Roman stets Ville-Pays, Stadtstaat, genannt wird. Lucien, der ein "afrikanisches Bhnen-Epos, das dieses Land aus einer historischen Perspektive beleuchtet" (Mujila 2015, 49), schreiben will, wird von seinem alten Freund (und Nebenbuhler) Requiem eingeladen, in die Stadt zu ziehen und mit ihm in einer WG zu wohnen. Gestalterisch bte sich dem Roman nun ein einfacher Weg, den auch die Romane des Identity Booms der jngsten Gegenwart hufig beschreiten: Identittskonstitution durch Autofiktion. Autofiktion ist die "Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten" (Doubrovsky 2008, 123), sie stellt also an die Lesenden den Anspruch, gleichzeitig die Kohrenz zwischen Narrativ und Autor und dessen Fiktionalitt anzuerkennen (Gronemann 2002, 53). Gerade darum stellt die Autofiktion ein ideales Medium zur Aushandlung von situativen Identitten dar, da in ihr im Raum der Fiktion die Identittskonstruktion eines Autor:innen-Ich performiert werden kann (Lrincz 2012, 166).

In Tram 83 finden wir gerade keine autofiktionalen Elemente. Nicht nur wird keine Identitt zwischen Autor und Figuren durch etwaige Namensgleichheit hergestellt (Tram 83 wird aus Perspektive von Lucien und Requiem erzhlt), sondern der Roman bricht auch mit jeder Verortbarkeit. Sicher, der Schauplatz der Handlung ist im Inneren Afrikas, doch die Stadt selbst bleibt namenlos, ihre Geschichte vage, ihr Regierungssystem unbestimmt. Es handelt sich hier also nicht um ein romanhaftes Archiv der Erinnerungen des Autors an seine Heimat in der Demokratischen Republik Kongo und erst recht nicht um eine fiktionale Verarbeitung von Zeitgeschichte. Gesellschaftliche Ereignisse, etwa Unruhen oder Hungersnte, kommen im Roman nur am Rande vor und werden nicht weiter diskutiert. Sie stellen allenfalls einen undeutlichen Hintergrund der Erzhlung dar, die ihrerseits keine identitre Kohrenz zulsst. Episodenhaft verfolgt Tram 83 Luciens Versuche, sein Auskommen in Ville-Pays und einen Verleger fr sein Bhnenepos zu finden. Die einzelnen Episoden sind nicht in sich kohrent, sondern von einem regelrecht polyphonen Stimmengewirr durchzogen: Luciens Notizen, Bibelverse, Anbahnungsgesprche von Prostituierten, Beleidigungen von Barbesuchern, Beschreibungen guter Tanzmusik. Der Text hat so Zge einer Collage, in der die radikale Gegenwart verschiedener Stimmen und Situationen durchexerziert wird, ohne dass sich diese zu einer einheitlichen, identitren Erzhlung oder gar einer autofiktionalen Durcharbeitung einer Identittskonstruktion zusammenfgen.

c80f0f1006
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