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Apr 23, 2008, 6:39:23 AM4/23/08
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May 6, 2008, 8:16:00 AM5/6/08
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Aug 22, 2008, 3:43:36 AM8/22/08
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DER SPIEGEL, ΒΒC, Telegraph, Guardian - 21/08/2008
Staatsfeind Nummer eins
Wie der griechische Dopingfahnder Ioannis Psarellis an seiner Arbeit
gehindert wurde
Am Tag seines größten
Triumphes wirkt
Ioannis Psarellis
seltsam unzufrieden. Er
sitzt auf der Terrasse seiner
Wohnung im Athener Vorort
Palio Faliro. Es ist der
Mittwoch vergangener Woche,
der Tag, an dem sich
Griechenland häutet.
Neun TV-Übertragungswagen
und 300 Journalisten
stehen zur selben
Zeit vor dem Hilton in
der Innenstadt. Die Reporter
horchen der Erklärung
des Staranwalts Michalis
Dimitrakopoulos. Er
sagt, Konstantinos Kenteris
und Ekaterini Thanou
würden auf einen Start
bei den Olympischen Spielen
verzichten, sie „opfern sich für ihr
Land“.
Es ist eine pathetische Einlassung. Psarellis
hat nichts anderes erwartet. Er
schüttelt den Kopf. Psarellis trägt braune
Bermudashorts und ein weißes Hemd. Er
ist ein kleiner und schmaler, aber kräftiger
Mann. Er spricht perfekt Englisch und
redet besonnen.
Konstantinos Kenteris war Griechenlands
größter Athlet. Und wenn man so
will, dann war Ioannis Psarellis, 34, sein
härtester Gegner.
Er ist der einzige im internationalen
Auftrag tätige griechische Dopingfahnder.
Vor zweieinhalb Jahren begann der
studierte Chemiker für die Welt-Anti-Doping-
Agentur (Wada) in seinem Land Betrüger
zu jagen. Ohne zu ahnen, was das
für ihn bedeuten würde.
Psarellis war dem Sport immer schon
verbunden. Als Triathlet gehörte er bis
Anfang 2000 zur Nationalmannschaft, einen
Ironman bewältigt er noch heute problemlos.
Sein Interesse für den Kampf
gegen Doping wurde bei den Olympischen
Spielen in Sydney geweckt. Dort
beobachtete er die Fahnder bei der Arbeit.
Im Juni 2001 schrieb er im Rahmen
eines Aufbaustudiums an der Universität
Leicester eine Arbeit über die Dopingabwehr
des IOC. Anfang 2002 wurde er
Kontrolleur.
* Nach der Anhörung beim IOC am vergangenen Mittwoch
in Athen.
Es war kein guter Zeitpunkt, um in
Griechenland Karriere als Spürhund zu
machen. Psarellis’ Einstieg fiel genau in
die Phase, in der sich die Griechen auf die
Spiele vorbereiteten. Jede Nation, die
Olympia austrägt, will besonders viele
Medaillen gewinnen. Mit allen Mitteln.
Dass es einen Interessenkonflikt geben
würde zwischen Psarellis und den Mächtigen
des Sports, war unvermeidbar. Der
eine stritt für saubere Wettbewerbe, die
anderen für ihr Ansehen und das ihres
Landes. Jeder fühlte sich im Recht. Aber
Psarellis war der Schwächere.
Er bekam von der schwedischen Firma
IDTM, die im Auftrag der Wada die Trainingskontrollen
übernimmt, regelmäßig
eine Liste mit den Namen der griechischen
Sportler, die er aufsuchen sollte.
Auch Kenteris und Thanou standen hin
und wieder auf dem Blatt.
Die Liste war Psarellis’
Mission. Er ist kein bornierter
Beamter, sondern Idealist.
Sport hat Regeln, an die
man sich halten muss. „Ich
kontrolliere ohne Emotionen“,
sagt er. Doch er ahnte
nicht, welch ein Sumpf ihn
erwartete.
Wenn Psarellis Athleten
testen wollte, liefen sie
manchmal einfach vor ihm
weg. Er ist überzeugt, dass
im Athener Leistungszentrum
„immer eine Hintertür
offen ist“.
Im Juni 2002 wollte Psarellis
zusammen mit einem
ausländischen Kollegen und
zwei Assistentinnen eine
Speerwerferin kontrollieren.
Sie trainierte im Olympiastadion
von Athen. Als sie die Fahnder entdeckte,
floh sie in ihre Wohnung, die im
Olympiapark lag. Sie schloss sich ein. Sie
ging nicht ans Telefon. Psarellis wartete
die ganze Nacht vor der Tür.
Als er am nächsten Morgen wieder läutete,
öffnete die Mitbewohnerin, eine Gewichtheberin.
Die Speerwerferin war verschwunden.
„In Griechenland gibt es für
die Sportler immer die Möglichkeit, sich
aus dem Staub zu machen“, sagt Psarellis.
Er blieb hartnäckig. Psarellis ist Dopingfahnder
„aus Berufung“. Er bekommt
kein Gehalt, nur eine Aufwandsentschädigung.
Doch dann veränderte sich seine Lage.
Der Jäger wurde zum Gejagten. Journalisten
und Funktionäre forderten ihn auf,
dem griechischen Leichtathletik-Verband
zu verraten, welchen Athleten er wann
testen soll: „Du bist Grieche, du musst
uns unterstützen.“
Wenn Psarellis Athleten getestet hatte,
stand es am darauffolgenden Tag in der
Zeitung, obwohl er keinen Reporter informiert
hatte. Er wurde als Weltverbesserer
verunglimpft und als schlechter Patriot
beschimpft. „Goal News“ schrieb,
Psarellis habe „als Grieche die Pflicht,
ein Schutzschild zu sein, damit unseren
Meistern keine Ungerechtigkeit widerfährt
und unser Land bloßgestellt wird“.
Es war Mobbing vor einem Millionenpublikum.
Immer wieder wurde Psarellis vorgeführt.bandes, Michalis Averkiou,
behauptete,
Psarellis verstoße bei seinen Tests gegen
das Procedere. Und Christos Smyrlis-Liakatas,
seinerzeit Abgeordneter der damals
regierenden sozialistischen Partei
Pasok, sagte, Psarellis werde von den
Konservativen gelenkt.
„Ich war naiv“, sagt Psarellis. „Ich
habe unterschätzt, wie sehr sich die Interessen
von Ärzten, Trainern, Politikern
und Journalisten gleichen.“ In Griechenland
könne „ein Athlet machen, was er
will, damit er eine Medaille gewinnt“. Er
habe sich „das falsche Land ausgesucht,
um Dopingfahnder zu sein“.
Der Druck auf ihn stieg unaufhörlich.
Im Juni 2002 wollte Psarellis Leichtathleten
kurz vor einem Grand Prix in Athen
testen. Zwei Tage vor dem Meeting saß er
in der Cafeteria des Hotels Caravel, als
plötzlich ein Manager der Veranstaltung
hereinstürzte. Der Mann forderte ihn auf,
die Kontrollen abzusagen. Er schrie: „Du
zerstörst die Veranstaltung!“ Den Empfang
wies er an, Psarellis kein Zimmer zu
geben und keines seiner Telefonate zu
den Sportlern durchzustellen. Zum Abschluss
gab ihm der Manager mit auf den
Weg: Wenn er so weitermache, ende er
„mit einer Kugel im Kopf“.
Psarellis ist für die griechischen Athleten
ein Sicherheitsrisiko, weil er selbst
Leistungssportler war und weiß, wie sie
denken. Er kennt ihre Tricks und Kniffe.
Wenn er beispielsweise sieht, dass ein
Schwimmer über einen längeren Zeitraum
nur einmal am Tag trainiert, schrillen
seine Alarmglocken. „Schwimmer
verlieren schnell das Gefühl fürs Wasser“,
erklärt er. „Es gibt nur einen Grund,
sein Programm so zu reduzieren.“ Er
meint Doping.
Als er einen Schwimmer um eine Urinprobe
bitten wollte, traf er ihn nicht dort
an, wo er hätte sein sollen. Am nächsten
Tag erhielt Psarellis ein Fax vom internationalen
Schwimmverband: Der Athlet
habe seinen Aufenthaltsort kurzfristig
geändert.
Psarellis kämpft einen verzweifelten
Kampf. Am 10. Dezember 2002 verlor er
seinen Arbeitsplatz als Triathlon-Wettkampfmanager
beim Organisationskomitee
der Olympischen Spiele in Athen
(Athoc). Die Kündigung wurde begründet
mit einer „ernsthaften Erschütterung des
Vertrauensverhältnisses“. Psarellis sagt:
„Sie werfen mir vor, nebenher als Dopingfahnder
gearbeitet zu haben.“ Er hat
Klage eingereicht.
„Es ist verrückt“, sagt Psarellis. „Die
Leute, die immer saubere Spiele versprochen
haben, feuern den Mann, der ihr
Versprechen umsetzen wollte. Statt stolz
auf mich zu sein, lassen sie mich fallen.“
Er hat alles versucht. Er hat das Internationale
Olympische Komitee um Hilfe
gebeten, seine Kündigung anzufechten.
Er hat die Nationale Dopingagentur aufgefordert,
gegen die Missstände im Land
vorzugehen. Er wäre bereit, vor dem
Staatsanwalt auszusagen. Aber die einzige
Antwort, die er zu hören bekam, lautete:
„Junge, lass das sein. Du bekommst
nur noch mehr Probleme.“
Ioannis Psarellis hat all diese Erfahrungen
nicht schadlos überstanden. Wenn er
seine Geschichte erzählt, wirkt er bisweilen
hektisch, wie ein Getriebener. Er ist
immer noch Dopingfahnder. Seinen letzten
Auftrag erfüllte er im April. Aber vor
einigen Monaten hat er darum gebeten,
keine Griechen mehr testen zu müssen.
Saubere Spiele waren in Aussicht gestellt
worden. „Bullshit“, sagt Psarellis.
Jetzt läuft Olympia, und Griechenland
schämt sich für die Affäre um Kenteris
und Thanou. Psarellis empfindet keine
Genugtuung. Die Lügen „gehen ja weiter“.
Maik Großekathöfer, Gerhard Pfeil

Geschehen am Boden verfolgen. An den
Hauptstraßen ragen lange Masten empor,
auf denen Kameras hocken wie Geier. Sie
äugen wachsam.
Gesucht wird die andere Sorte des Fanatikers,
der Terrorist, der ebenfalls seinen
letzten Blutstropfen geben würde, zur
Verteidigung seiner Werte gegen die USA,
gegen die westliche Zivilisation, gegen die
Dominanz einer über das Fernsehen verbreiteten
Warenkultur, in der Kenteris ein
Hauptdarsteller sein wollte. So bekämpft
der eine Fanatiker das, wofür der andere
alles gegeben hat. In Athen treffen sie aufeinander,
der eine als reale, wenn auch romanhaft
wirkende Gestalt, der andere als
Gespenst, als Drohung.
Das Paradoxe ist, dass sie letzten Endes
beide zur Verunsicherung der westlichen
Welt beitragen. Indem Kenteris aufflog,
legt er einen Teil der Mechanik unserer
Zivilisation bloß. Jetzt wird in den griechischen
Zeitungen angeprangert, wie viel
Einfluss die Sponsoren, also die ökonomischen
Interessen, auf das traurige Spiel der
Verschleierung hatten. Nun wird klar, dass
in einer Fernsehwelt, die maximalen Ruhm
und maximalen Glanz generieren kann,
auch der Wunsch maximal ist, dass Ruhm
und Glanz generiert werden. Auch so entsteht
Verführbarkeit.
Natürlich ist der muslimische Fanatiker
mit dem athletischen Fanatiker in der Wirkung
nicht vergleichbar. Die Angst in
Athen ist, dass er die moderne Wissenschaft
nutzt, um mit einer winzigen Bombe,
die er durch alle Kontrollen schmuggelt,
verheerende nukleare oder bakterielle
Verseuchungen zu verursachen. Seinetwegen
sehen die Sportstätten aus wie
Hochsicherheitstrakte.
„Als ich die Kandidatur unterschrieben
habe, gab es noch keinen 11. September
und keinen Irak-Krieg“, hat Lianis in seinem
Büro mit Blick auf die Briefe gesagt.
Sie hatten Träume damals. Sie wollten die
Waffenruhe, die während der antiken Spiele
galt, wiederbeleben. „Wir hätten ganz
bedeutende Dinge vollbracht“, sagt Lianis.
Aber die Welt ist zu hitzig geworden für
eine schöne, alte Idee.
Nun ist Athen der Proberaum einer neuen
Welt. Was die Griechen und ihre Gäste
derzeit erleben, könnte der Alltag der Zukunft
sein: das Leben im Hochsicherheitstrakt,
die Beäugung und Kontrolle aus
Angst vor den muslimischen Fanatikern.
In Athen ist auch erfahrbar, dass dabei
etwas verloren geht, die Leichtigkeit, die
Fröhlichkeit. Unter dem Zeppelin und hinter
dem Maschendrahtzaun ist es nicht
leicht, Olympia zu genießen. Das gilt vor
allem für Helleniko, das ehemalige Flugfeld,
wo es immer noch aussieht, als würden
gleich Flugzeuge landen.
Aber es geht auch anders. Wenn man
erst im olympischen Schwimmstadion sitzt,
dann stellt sich sehr schnell Fröhlichkeit
ein. Es gibt ja den Willen dazu. Man
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Der Chefarzt des griechischen Ver-

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