jollymeier
unread,Feb 22, 2008, 5:41:16 PM2/22/08Sign in to reply to author
Sign in to forward
You do not have permission to delete messages in this group
Either email addresses are anonymous for this group or you need the view member email addresses permission to view the original message
to PhilKritForum
Dass ein gelehrtes Werk wie Rüdiger Safranskis Buch über "Romantik"
bis an die vorderen Plätze der Bestellerlisten vordringen konnte, ist
selbst schon ein Zeitzeichen!
Safranskis Buch präsentiert sich als das Panorama einer Epoche: der
deutschen Romantik. Was die Fachkritik bemängelte, nämlich dass ihm
ein bisschen der rote Faden und die besondere Pointe fehle, war
sicherlich die Voraussetzung für dessen Erfolg beim großen
Leserpublikum. Es werden keine schwindelerregenden Interpretationen
entwickelt, kein extravagantes Garn gesponnen, sondern mit kräftigen
Strichen das Bild einer geistigen Bewegung entworfen, die wie keine
andere die Kultur der Deutschen bis heute geprägt hat.
Im guten oder auch in einem schlechten Sinn?
Dass diese Frage eine vieltausendköpfige Leserschaft bewegen konnte,
eignet sich selber zu jener besonderen Pointe, an der es Safranskis
Darstellung fehlt! Wenn man es nämlich als eine Antwort auffasst auf
die Frage, ob unsere Zeit für eine NEUE Romantik "reif" ist.
*
Der spezifische Charakter des Romantischen sei das Ungewisse, wird
Oscar Wilde zitiert. In der voran gegangenen Epoche der Aufklärung
und
des Rationalismus hatte es nur "noch"-Ungewisses gegeben: Morgen
schon
würde es gewiss geworden sein; oder doch wenigstens gewisser. Die
Romantiker, die ab 1794 in Jena auftraten, meinten hingegen, dass
gerade das, worauf es am meisten ankommt, seinem WESEN nach ungewiss
ist.
Die Grundüberzeugung vom ebenso grenzenlosen wie unaufhaltsamen
Fortschreiten der Erkenntnis teilen die positiven Wissenschaften mit
dem Rationalismus, und müssen es. Sie haben den Siegeszug der Großen
Industrie ermöglicht, dem die romantische Ungewissheit nicht lange
widerstehen konnte. Dennoch war die romantische Grundhaltung der
wesentlichen Ungewissheit das Moderne an der Moderne. Das
positivistische Selbstvertrauen des Industriezeitalters war eine
kostspielige Täuschung.
Wir stehen am Ende des industriellen Zeitalters und wissen nicht, was
nachher kommt. Mehr Ungewissheit war nie. Kein Wunder, dass das
Romantische neue Zuwendung erfährt. "Anything goes"?! Die
'Postmoderne', die uns die wieder wachsenden Ungewissheiten der Welt
zu einer permanenten Casting-Show verharmlosen wollte, hat fertig.
Das
Ungewisse ist eine ernste Sache.
Aber nur mit Ernst, nur in Ungewissheit lässt sich das Leben nicht
aushalten. Würde ich tatsächlich an Allem und Jedem zweifeln, das
mir
begegnet, würde ich kaum die nächste Viertelstunde über die Runden
bringen. "Wohl wissend", dass ich in einer Welt lebe, in der "nichts
gewiss" ist, muss ich doch immer SO TUN, ALS OB.
Und das Bewusstsein davon, dass dies so ist, nannten die Romantiker
IRONIE.
*
Der im Alltag eingerichtete Normalmensch, der seinen Geschäften
nachgeht und auf seinen Vorteil achtet - wissend, dass, wer nehmen
will, auch geben muss -; also derjenige, den die Romantiker einen
PHILISTER nannten: der kennt Ironie nur als ein Stilmittel, das ihm
gelegentlich gute Dienste leistet. Der hält sich unter der Woche die
Ungewissheiten auch sorgsam vom Hals und hebt sie auf für die
Rateshow
am Samstagabend (und es ist wahr, ihrer sind noch viele). Ironie
verwenden sie nur als List, und darum misstrauen sie ihr bei allen
Andern.
Romantische Ironie ist aber eine Weltsicht. Im Wortlaut der Sätze
muss
sie sich gar nicht zu erkennen geben. Sie ist vielmehr die Folie, vor
der sie überhaupt erst ihren... na ja, ihren "Sinn" erhalten, der
eben
nicht Ja ja, nein nein lautet, sondern sozusagen "in der Schwebe"
ist.
Und fragt man: "Meinst du das ernst?", dann heißt es: "Wie man's
nimmt." Den alltäglichen Verkehr erleichtert es nicht. Das war auch
nicht der Ehrgeiz der Romantiker. Denn die Ungewissheit war ihnen ja
nicht nur Verlust an Berechenbarkeit - den begrüßten sie gar noch!
Sie
war ihnen vor allem: der Gewinn neuer Möglichkeiten.
Und die fangen immer erst einmal mit neuen Denkmöglichkeiten an:
"Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein
geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem
Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es",
lautet ein Satz von Novalis, den Safranski immer wieder zitiert. Und
als den vollendeten dichterischen Vertreter dieser IRONIE (die
Theoretiker waren Novalis und Fr. Schlegel) nennt er völlig richtig
E.T.A. Hoffmann, bei dem ein Archivarius auch mal als Salamander und
ein Alraune auch als Minister auftritt. Es ist nicht so; aber wenn es
so wäre?
Es ist witzig. Aber ist es Scherz und Laune? "Witz ist eine ernste
Sache", sagte Johann Gottlieb Fichte, in Jena der philosophische
Leuchtturm der frühen, der wahren Romantik. Denn wer immer es ganz,
ganz ernst nimmt mit den Sachen, findet "im Grunde" - wenn überhaupt
- nur ein Paradox. Was ist 'das Wahre'? "Wie sollte nicht jeder Satz
über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt
gesprochen werden Dürfen? Endliches zu sagen [andere Wörter haben wir
ja nicht, J.E.] über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein.
Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen
versucht", schreibt Safranski, und schließt mit dieser Frage
Friedrich
Schlegels: "Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der
kritischen Philosophie?"
*
Bei der Epoche, die nun untergeht, handelt es sich nicht bloß um
zweihundert Jahre Kapitalismus und Industriezeitalter. Das Eindringen
der Neuen Medien und Informationstechniken in die materiellen
Fertigungsvorgänge selbst kündigt das Ende von zehn-, zwölftausend
Jahren Arbeitsgesellschaft an. Doch wie bei den alten Griechen
zwischen zwei Tragödien zur Erholung eine Komödie geschoben wurde,
haben wir zunächst einmal die Farce der "Postmoderne" erlebt. Da war
nur Geistreichelei und keine Ironie - die wäre ihr "zu ernst"
gewesen.
Die Frage nach dem Wahren führt nämlich erst dann in ein Paradox, das
nur in Ironie zu ertragen ist, wenn man sie sich STELLT.
In diesem Sinne - dass die Zeitenwende, die auf uns zu kommt, ernst
genug wird, um uns zu der Frage nach dem Wahren zu veranlassen, für
deren paradoxalen Gang wir uns schon jetzt in Ironie rüsten sollten -
glaube ich wirklich, dass und eine "neue Romantik" und, wenn man es
so
will, einen Neue Moderne bevor steht.
Und weil wir Deutschen eben eine romantische, will sagen zwiespältige
und paradoxale Nation sind, müssen wir uns vielleicht wieder einmal
hervor tun.