Metaphysisch ist die Frage ‚Was ist der Mensch?’ nur dann, wenn man
der Antwort stillschweigend einen metaphysischen Rahmen voraus-gesetzt
hat; wenn man ‚den Menschen’ vorab schon als Platzhalter in einem
‚intelligent design’ bestimmt hat, dem allenfalls noch die ‚Aufgabe’
bliebe, den Platz zu ‚finden’, den der Designer ihm zugedacht hat.
Das ist nun bei den Vertretern der Philosophischen Anthropologie, die
Tugendhat und ich erwähnen, durchaus nicht der Fall. Bei allen
Unterscheiden im Detail sind sie sich in dieser Prämisse einig: dass
‚der Mensch’ genau das ist, was er in der Geschichte aus sich macht.
Zweifel könnten vielleicht bei Scheler auftreten, der Zeitweilig als
Propagandist des politischen Katholizismus hervorgetreten ist. Aber
für den ist ja sogar Gott einer, der ‚erst noch kommt’; und folglich
kein vor-geschichtlicher Designer…
Tugendhat zitiert ausdrücklich Kant: Für den war die Frage ‚Was ist
der Mensch’ die Quintessenz der 3 philosophischen Grundfragen: ‚Was
kann ich wissen?’, ‚Was soll ich tun?’, ‚Was darf ich hoffen?’ Die
Frage ‚Was kann ich wissen?’ ist das Ende aller Metaphysik, und sofern
sie den beiden andern voraus geht, können auch die nicht mehr
metaphysisch verstanden werden.
Der (griechische) Mensch fragte am Beginn des Philosophierens „nach
den Anfängen der Welt, als die Götter nach und nach ihr Leben
aushauchten“. Ich meine, die Frage nach den ‚Anfängen’ - alias dem
‚Wesen’ - der Welt (welche in der Tat metaphysisch ist) war eine
Verkleidung der Frage nach dem ‚richtigen Leben’, die zur selben Zeit
von der griechischen Tragödie formuliert wurde – und das Du richtig
als Thema der ‚Schuld’ beschreibst. Tragisch ist die metaphysische
Prämisse: Der Mensch sei Platzhalter in einem intelligent design, das
ihm nichts anders als das Schuldigwerden zugewiesen hat.
Den Parmenides verstehst Du wohl moderner, als er sich selbst
verstanden hat, im Sinne „wovon man nicht reden kann, muss man
schweigen“. Er hat ja aber nicht geschwiegen, sondern geredet, und
dass es nicht viel ist, liegt wohl hauptsächlich an der Überlieferung.
Jedenfalls hat er in den paar Zeilen, die WIR kennen, mehr vom ‚Sein’
geredet als von allem andern…
Was ‚verstehe’ ich unter ‚Verstehen’? Ei, das ist ein weites Feld…
Zuerst: Tugendhat benutzt „verstehen“, um nicht „Erkenntnistheorie“
sagen zu müssen. ‚Erkenntnis’ scheint auf Wirkgründe abzuzielen,
während ‚Verstehen’ eher nach Absichten fragt.
Ich würde (hier so pauschal) nur so viel antworten wollen: Wenn man
voraussetzt, dass ‚der Mensch’ gerade das ist, was er aus sich macht;
und dass ‚die Welt’ nur der ‚Horizont’ ist, ‚in dem’ er das macht, was
er macht: Dann ist es sinnvoll, die Fragen an seine Geschichte so zu
formulieren, ALS OB er darin eine Absicht verfolgt hätte.
Daran schlösse wieder ein Kette neuer Fragen an: Was taugten die
Absichten? Was taugten die Mittel? Usw.
Gruß
Jochen