Lieber Herr Cernoch,
zunächst zwei Sätze zur 'politischen Ökonomie'.
1. Geld, das gegen ArbeitsKRAFT getauscht wird - und ipso facto
"Mehrwert heckt" -, IST Kapital. Was wäre Kapital sonst?!
2. Inadäquanz von Tauschwert und Gebrauchswert: Der Tauschwert der
Arbeitskraft ist der Lohn; der Gebrauchswert der Arbeitskraft (die das
Kapital gekauft hat), besteht darin, MEHR Wert zu schaffen, als sie
selber 'hat'. Der springende Punkt ist daher, dass der Gebrauchswert
in der Tat aus der Politischen Ökonomie 'herausfällt', aber eben und
gerade nicht aus der KRITIK der Politischen Ökonomie. Die besteht
nämlich darin, den UNTERSCHIED zwischen Tauschwert der Arbeitskraft
und ihrem Gebrauchswert, und also den Ursprung des MEHRwerts, heraus
zu arbeiten! "Dass bei mir der Gebrauchswert eine ganz anders wichtige
Rolle spielt" als in der PolÖk, schreibt Marx. Siehe hierzu: "Abschied
vom Tauschwert" unter <
http://polisebmeier.wordpress.com/2008/10/06/
vom-ende-der-arbeitsgesellschaft/>
Zum pp. Marxismus: Dazu habe ich mich so kurz wie möglich gefasst
unter "Totale Bürokratie" <
http://burocratie.wordpress.com/> Wenn ich
es an dieser Stelle noch weiter kondensieren sollte, müsste das
Ergebnis gewiss in der einen oder andern Richtung schief ausfallen.
Erlauben Sie also bitte diesen Verweis. Noch ein bisschen näher an die
Wunden Punkte gehe ich unter "Abscheid von der Weltrevolution",
<
http://weltrevolution.wordpress.com/>
*
Und nun zum eigentlich springenden Punkt: dem 'Ästhetischen'.
Da Sie ja meine 'Architektonik' angesprochen haben... Meine
Ausgangsfrage ist: Wie ist die Vernunft in die Welt gekommen? (Ich
habe sie zum Untertitel meiner 'Wendeltreppe' gemacht.)
Die nächstliegende Antwort war: Es ist die Vernunft des Schöpfers; der
hat sie hineingetan. - Das kann man aber nur glauben und nicht wissen.
Also gehört es nicht in die Philosophie.
Fichtes Antwort (in den "Grundzügen des ggw. Zeitalters"): Sie muss
schon immer da gewesen sein. "Aus nichts wird nichts." Es müsse einmal
ein 'Normalvolk' gegeben haben, das schon am Anfang vernünftig gewesen
ist. Das habe sich dann wohl - wie Wielands Abderiten - in alle Welt
zerstreut, so dass heute die Keime der Vernunft zwar allenthalben zu
finden seien, aber überall erst noch zur Reife gebracht werden
müssten. (Dass das komisch klingt, hat er bemerkt; aber da es 'anders
nicht gewesen sein kann', 'muss es' SO gewesen sein...)
Das hat einen Sinn nur, wenn man die Vernunft als eine Sache,
scholastisch gesprochen: als eine Substanz auffasst; aus Nichts wird
nichts. Nicht aber, wenn man vernünftiger Weise Vernunft als ein
Verhältnis auffasst; als ein Verhalten, genau gesagt.
Aber so gänzlich Unrecht kann er nicht gehabt haben. Nehmen wir an,
was wir heute Vernunft nennen, war 'am Anfang' tatsächlich nicht "da".
Wenn es also die Menschen (wenn sie's nicht von ihrem Schöpfer
mitbekommen haben) nachträglich hinzugetan haben müssen, fragt sich:
Wie kamen sie dazu, nach etwas zu suchen, das sie nicht mit den Augen
sehen und nicht mit den Händen greifen konnten, das aber dennoch "da
sein" sollte? Haben sie auf einen ungedeckten Scheck spekuliert so wie
in Psacals's >pari<: Tut nur immer so, als ob es Gotte gäbe, da könnt
ihr nur gewinnen. Wenn es ihn gibt, sowieso. Und wenn es ihn nicht
gibt, dann seid ihr immerhin anständig durch Leben gekommen, und das
wär ja auch schon was... -?
Tja, wie kamen sie dazu? Wenn sie das Gefühl hatten, dass 'etwas
fehlt', dann muss 'etwas' vorher da gewesen sein.
Und da hilft mir von Uexkülls 'Bedeutungs'- und 'Umwelt'-Begriff
weiter. In der Umwelt kommt überhaupt nur vor, was Bedeutung hat,
dadurch definiert sie sich. Aber die Menschen haben ihre natürliche
Umwelt verlassen und sind in die Welt aufgebrochen. Die Bedeutungen
haben sie nicht mitnehmen können, die mussten sie neu hinzu erfinden.
Und nun der springende Punkt: Die Bedeutungen der Umwelten haben dies
Besondere, dass sie samt und sonders auf die Erhaltungsfunktion
bezogen sind. Der Mensch in seiner offenen Welt hat aber Bedeutungen
erfunden, die für seine Erhaltung gleichgültig und nur 'um ihrer
selbst willen da' sind. Wie kann das sein, dass uns Dinge gefallen,
denen wir 'ohne Interesse' begegnen?
Und nun bin ich endlich an dem Punkt: Er muss eine ÄSTHETISCHE
Qualität hinzu erfunden haben.
*
Nun zu Kant. Der hat eine Phänomenologie ('Kritik') der Vernunft geben
wollen; "pragmatische Geschichte" nennt es Fichte. Nach dem Sezieren
ihrer diversen Tätigkeiten schließt er auf das Vorgegebensein der
ihnen jeweils zu Grunde liegenden 'Vermögen'. Die fasst er zu dreien
(zweieinhalb?) zusammen und stellt sie neben(?) einander.
Soweit der analytische Vortrag. Fichte 'synthetisiert': Was überhaupt
'Vermögen' ist, ist immer und ohnehin 'praktisch'. Das, was daran
theoretisch verfährt, ist sekundär und abgeleitet aus dem einen
einzigen Grundvermögens: 'Agilität'. Die ist an und für sich tätig.
Sie ist in ihrer einfachsten Gestalt 'produktive Einbildungskraft'.
Das ist insbesondere ein poietisches Vermögen. (Es wäre mir lieb, wenn
ich 'poietisch' nicht nur von poiêsis=positio, sondern auch von
poion=qualitas ableiten könnte. Beide haben aber, wie mir versichert
wird, zwei ganz verschiedene Stämme. Ich kann es nur als einen
witzigen Zufall anführen.)
Was transzendental als notwendige Bedingung des tatsächlichen
Vernünftigseins aufgefunden worden ist, muss auch genetisch irgendwo
seine 'Stelle' haben. Wenn andererseits davon empirische Erfahrung
(archäologisch, neurophysiologisch...) möglich wäre, bräuchte es keine
transzendentale Interpretation. Nun ist aber auch Uexkülls Umwelt/
Bedeutungs-Begriff kein empirisch demonstrierbarer Befund, sondern
selber eine sinnhafte Ausdeutung. (Den Unterschied von Welt und Umwelt
macht Uexküll noch nicht. Für ihn lebt auch der Mensch in Umwelten und
zwischen ihren natürlichen Bedeutungen. Darum haben sich die
philosophischen Anthropologen - Scheler, Gehlen, Plessner - von ihm
abgewendet. Erst Cassirer knüpft mit seinem Begriff des Symbolnetzes
wieder an Uexküll an.)
In der Tat meine ich - sowohl in 'transzendentaler', logischer
Hinsicht als auch gattungsgeschichtlich -., dass die Vernunft zuerst
wertend 'in die Welt kommt', bevor sie vergleichend und verknüpfend
werden kann. 'Wertnehmung kommt vor Wahrnehmung', sagt Max Scheler.
Natürlich nicht, wenn man unter Vernunft eine Substanz verstünde. Aber
wenn man darunter eine aktives Verhalten verstehen will. 'Der Geist
führt einen unablässigen Selbstbeweis', sagt Fritze Schlegel, und ich
füge hinzu: Vernunft kann, wenn überhaupt, nur als self-fulfilling
prophecy 'sein'.
Ich will diese Antwort nicht abschließen, ohne Sie auf mein WebLog
"aesthetica" aufmerksam gemacht zu haben: <http://
aestheticanova.wordpress.com/>
Soviel erstmal für heute!
Viele Grüße
Ihr J. E.
> Tonwahrnehmung mit zeitlicher Ausdehnung...
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