Diskussion zu die-praktische-philosophie-beginnt-da-wo-die-theoretische-nicht-weiterkann

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Wolfgang Cernoch

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Feb 4, 2009, 11:47:41 PM2/4/09
to PhilKritForum


Lieber Herr Ebmeier!

Habe zwar nicht alle Windungen der Wendeltreppe nachvollzogen, bin
aber von Ihrem Resumée beeindruckt. Mag es auch im Detail zwischen uns
eine Differenz in der Auffassung des genauen Verhältnisses zwischen
ästhetischen Urteil, Verstandesurteil und Vernunfturteil geben, das
ich im Wesentlichen auf den Unterschied von deskriptiven und
genetischen Aspekt der phänomenologischen Psychologie der
Transzendentalphilosophie zurückführe, halte ich Ihre durch- und
abgearbeitete kulturphilosophische Darstellung des Verhältnis von
theoretischer und ästhetischer Vernunft für einen geeigneten Übergang
zur historischen und politischen Philosophie.

Ich beschäftige mich neuerdings eher soziologisch mit Aspekten der
imaginären Gesellschaft von Castoriadis und der von verschiedenen
liberalen Soziologen in Rechnung gestellte Entwicklung der modernen
Gesellschaft zu einem Doppelsystem von oligarchischer ökonomischer
Macht und politischer Macht . Es gibt offenbar eine eher kritische
und eine eher konstatierende Seite liberaler Soziologie, die mehr oder
weniger deutlich eine Tendenz der modernen Gesellschaft zur
Elitebildung und zum Faschismus feststellt.

Von Arendt, Max Weber, Pareto, Michels, Mosca, Sorel, schließlich auch
Foucault und ganz autonom Castoriadis ist der Unterschied zwischen
kollektiver, unbewußter und ouverter, öffentlich-verbindlicher
Kommunikation ein gemeinsames Thema. Hier sehe ich in der halb- oder
unbewußten Kollektivität eine Querverbindung zu Ihrer Formulierung des
Verhältnisses von ästhetischem, wertendem Urteil und theoretischem
Verstandesurteil (Kant: Vernunft unter dem Verstand).

Trotzdem begegnet mir auch in dieser Interpretation eine Konsequenz,
die ich nicht widerspruchslos stehen lassen möchte. Sie haben wohl
darin recht, daß wir nicht das Autopoetische unserer jeweiligen (also
ursprünglich individuelllen) Methexis an dem historisch-soziologisch
analysierbaren Environment von technisch-praktischen und sozial-
institutionellen Bedeutungen den allgemeinen soziologischen Theorien
der politischen Macht oder des Zwanges des theoretischen Arguments in
Gestalt einer eindimensionalen Interpretation allgemeiner
Zweckrationalität zum Opfer fallen lassen dürfen. Auch ist die freie
Handlung, die sich selbst zu verstehen beginnt (Kleist: Die
Verfertigung des Gedankens während des Sprechens) meiner Auffassung
nach ein Bestandstück der Antizipation.

Doch aber kann ich es nicht für befriedigend finden, nach dem Hinweis
auf die politische Dimension Ihrer historisch-philosophischen
Aufeinanderbeziehung des ästhetischen und des logischen Urteils (ohne
vorauszusetzende transzendentale Ästhetik demnach rein psychologisch)
die Strebung der Vernunft als höheres Begehrungsvermögen im
kollektiven des Halb- und Unbewußten der Ästhetik aufgelöst zu sehen.

Ich halte die politische Theorie nicht für identifizierbar mit einer
ästhetischen Theorie. Auch wenn für eine politische Theorie, deren
Relevanz nicht allein an Durchsetzung und Macht gemessen wird, die
rein theoretische Perspektive nicht ausreicht, kann doch nicht gesagt
werden, daß eine politische Theorie der Gesellschaft rein ästhetisch
formuliert werden kann. Es werden verschiedene Rationalitätstypen
nötig sein, um soziologische, ökonomische, kulturpsychologische und
historische Aspekte angemessen zu behandeln, u. a. auch
naturwissenschaftliche Theorien. Politik ohne Affekt verliert den
Menschen aus dem Blickfeld und versteht die Rangordnungsdynamik der
Macht nicht. Politik ohne theoretische Analyse bliebe Politik aus dem
Affekt, schlimmstenfalls Revolution ohne Alternative.

Möchte Ihnen nun dergleichen wie unkontrollierten Aktionismus
sicherlich nicht unterstellten, glaube aber mit Max Weber, daß die
ästhetische Wertbeziehung selbst historisch ist, die Wertanalyse aber
die historische Analyse der Wertbeziehung (Epistem) zum Material
nimmt, und deren logische und semantische Kohärenz untersucht oder
erst kritisch anhand der Analyse der Relevanzen herstellt. Letzteres
führt endgültig in die theoretische Erörterung zurück.

Vermute, der Grund, politisch in der theoretischen Vernunft nur die
Herrschaftsfunktion zu sehen, liegt in der heute weit verbreiteten
Ansicht, die allgemeine Zweckrationalität sei durch eine allgemeine
Theorie zu interpretieren. Genau das ist aber nicht die Ansicht von
Max Weber, der zuerest von einer Mehrzahl von womöglich
argumentierbaren Werthierarchien ausgeht, die nicht alle von der Idee
der allgemeinen Zweckrationalität subsummiert werden. Erst der Erfolg
der sich globalisierenden Ökonomie und der militärisch wie
wirtschaftliche Imperialismus bringt die Ebene der Interpretation
allgemeiner Zweckrationalität in dauerende Schieflage.

Insofern denke ich an einem Zusammenhang zwischen Urteilspsychologie
(unserer ersten Nichtübereinstimmung) und politischer Psychologie.

Herzliche Grüße

Wolfgang Cernoch


jollymeier

unread,
Feb 8, 2009, 2:19:03 PM2/8/09
to PhilKritForum
Lieber Herr Cernoch,

vielen Dank für Ihren Beitrag. Es wird uns schon noch gelingen, Licht
in unsere Angelegenheiten zu bringen. Ich fange mal vertrauensvoll an,
es wird schon schief gehen:

Ich meine ja gar nicht, dass jenseits der wissenschaftlichen
(=kritischen) Philosophie jedes Urteil in concreto ästhetisch
motiviert ist. Ich sage doch nur, dass das "poietische Vermögen" -
also dasjenige, das den Menschen zum Qualifizieren befähigt - selber
ästhetischer Qualität ist. Erstens glaube ich, dass dem historisch so
ist ('Wendeltreppe' IX), und zweitens meine ich, dass dem von Rechts
wegen so sein soll ('Wendeltreppe' XIV). Insofern meine ich "das
Ästhetische" überhaupt nicht psychologisch ('Abstieg' III), sondern
"transzendental":

"Das ästhetische Vermögen ist die Fähigkeit, Qualitäten wahr-, d. h.
wertzunehmen. Die Urteilskraft ist das Vermögen, Erscheinungen auf
Qualitäten zu beziehen." <http://aestheticanova.wordpress.com/
2009/02/08/asthetik-und-urteilskraft/>


In jedes einzelne, 'historische', empirische Urteil praktischer Natur
{jede politische Entscheidung} fließen in concreto stets eine Unmenge
konkreter 'idio/tischer' Daten ein, die 'auf Qualitäten bezogen' sein
wollen; aber muss eben immer in concreto besorgt werden!


Die Politik selber als praktische Disziplin kann nicht theoretisch
oder gar wissenschaftlich sein. Wissenschaftlich kann die Kritik sein.
Nicht die Kritik an dieser oder jener konkreten Entscheidung , sondern
an dem 'Modell', auf das sie sich (u.U.) bezieht. Die mehr oder
weniger theoretischen Modelle, auf die politische Akteure ihr Handeln
beziehen mögen, können selber nur in einem idiographischen Sinn
'wissenschaftlich' sein. Das heißt beschreibend und empirisch
verallgemeinernd, nicht aber nomothetisch-'gesetzgebend'. Die
Situation, wo man in ein theoretisches Modell (der Gesellschaft) nur
noch die empirischen Daten einzutragen bräuchte, um heraus zu lesen,
was zu tun ist, wird... niemals eintreten.

Ich ahne, dass im Hintergrund Ihres Einwandes die Erinnerung an die
Marx'sche Theorie von der Weltrevolution mitschwingt. Da trafen zwei
theoretische Perspektiven zusammen. Zuerst die kritische: Die 'Kritik
der politischen Ökonomie' hatte zum Ergebnis, dass das theoretische
Modell des 'Wertgesetzes' wissenschaftlich nicht haltbar war, weil der
vorgeblichen Regel des Äquivalententauschs ein ungleicher Tausch
zwischen Kapital und Arbeit zu Grunde liegt. So wurde die
Rechtfertigung der kapitalistischen Gesellschaftsform durch das
'Klassische Modell' der Politischen Ökonomie entkräftet. Ein eignes
positives Modell vom Funktionieren der bürgerlichen Gesellschaft
findet man bei Marx nicht. (Er hatte es ursprünglich im Sinn; aber da
ahnte er noch nicht, dass seine beabsichtigte Vollendung der
Politischen Ökonomie in deren Kritik umschlagen würde; das hat er erst
gemerkt, als er das {fälschlich so genannte} 'Formen-Kapitel' der
{fälschlich so genannten} 'Grundrisse' niederschrieb.)

Der andere theoretische Strang ist die 'materialistische
Geschichtsauffassung'. Auch die ist ursprünglich kritisch. Sie richtet
sich nämlich gegen die hergebrachte Auffassung, dass in der
Menschheitsgeschichte Gesetze wirksam wären, die ihr von außerhalb
zugewiesen wären (von übersinnlicher Instanz). Ihre 'Voraussetzung'
ist lediglich, dass sie diese Voraussetzung ablehnt. Sie selber hat
allein das empirische Prinzip, dass die Menschen 'ihre Geschichte
selber machen'.

Ab da tut sie das, was Geschichtsschreibung zu tun hat: Sie berichtet.
Dafür ist wiederum besagtes 'Formen'-Kapitel das beste Beispiel. In
der literarischen Darstellung muss dieser wie jeder andere Bericht
schematisieren, die Fakten bestimmten Handlungsfäden zuordnen; wobei
ihr Augenmerk erklärtermaßen auf der Herausbildung und dem Verhältnis
der Gesellschaftsklassen liegt.

Die Epigonen (nicht erst Stalins Hofschranzen, sondern schon Leute wie
Kautsky) haben dann die 'Handlungsfäden' zu "Gesetzen" metaphysiziert
und so ein kritische und revolutionäre Theorie in ihr
staatserhaltendens Gegenteil verkehrt.)

So; nachdem ich das nun niedergeschrieben habe, steigt mir der
Verdacht auf, dass ich vielleicht doch nicht ganz verstanden habe, was
Sie geschrieben haben. Sie werden es mir sagen, nicht wahr?

*

Gewiss nicht verstanden habe ich jedoch den Satz vom "Kollektiven des
Halb- und Unbewussten der Ästhetik". Ästhetisch nenne ich jene
Anschauungen, die eo ipso wertend, qualifizierend geschehen. Die sind
schlechterdings individuell, und mitteilen lassen sich nicht die
Anschauungen selbst, sondern nur die (symbolisierten) Urteile. Aber
nur, weil sie Anschauungen sind und keine Begriffe, sind sie doch
nicht halb- oder unbewusst.


Na, ich denke, für's erste reicht das...

Viele Grüße,
Jochen Ebmeier

Wolfgang Cernoch

unread,
Feb 15, 2009, 10:38:32 PM2/15/09
to PhilKritForum

Lieber herr Ebmeyer!

Glaube, allmählich ausführlicher auf die architektonischen Aspekte der
interessanten Verflechtungen Ihres Denkens eingehen zu können. Jetzt
nur einige Bemerkungungen dazu. — Im Zentrum steht zuerst allerdings
weiterhin die verschiedenen Rollen der ästhetischen Philosophie, und
warum die ästhetische Philosophie die Grundlage der theoretischen sein
soll, wenn doch die ästhetische Philosophie dort weiter gehen können
soll, wo die theoretische versagt. Ich bin mir soweit bewußt, daß es
mehrere Ansätze zu einer ästhetischen Theorie geben wird, allerdings
werden diese verschiedenen Theorien auch verschiedene sachliche
Aufgangspunkte haben, und nicht durchwegs in Indifferenz oder
Widersprüche versinken. So glaube ich auf eine gemeinsame oder
ähnliche Schwierigkeit gestossen zu sein. Zuerst jedoch einige Punkte
zur ästhetischen Philosophie, mit denen ich glaube, Gründe zu
besitzen, weshalb ich mich einigen von ihren Aussagen nie anschließen
werde können.



I.
Das ästhetische Urteil bei Kant bestimmt keine Quale, nicht einmal
sinnliche Qualitäten. Das ästhetische Urteil bezieht sich
ausschließlich auf das Zusammenspiel der beteiligten Seelenvermögen.
Kant beschreibt in der Einleitung und in der Dialektik der
ästhetischen Urteilskraft auch die Lust an der Verstandestätigkeit:
Also gleichgültig, ob die Kombination von Verstandesvermögen und
sinnliches Einbildungsvermögen zu einem empirischen Verstandesurteil
oder zu einem ästhetischen Urteil führt, die Lust an der Tätigkeit der
Seelenvermögen führt in beiden Fällen zur Empfindung des Schönen. Hier
wie da ist bereits eine vorgängige Konstitutionsleistung der Formen
der sinnlichen Wahrnehmung parallel dazu vorausgesetzt zu denken, so
etwa bei Kant die Mathematik. Ebenso muß zumindest die praktische
Gewissheit von Gegenständen bekannt sein. Es kann auch nicht sein, daß
das ästhetische Urteilsvermögen die Erscheinungen auf Qualitäten
bezieht, schon gar nicht, wenn Sie meinen, daß Ihre Bestimmung des
ästhetischen Urteils transzendental wäre, denn dann sind Qualitäten
Eigenschaften von Erscheinungen. Die transzendentale Ästhetik wird
nicht von der ästhetischen Urteilskraft aus der dritten Kritik
konstituiert.

Bernard Bolzano hat in seinem Buch Über den Begriff des Schönen (etwa
1838) eben diese Lust am Denken aufgegriffen und sogar behauptet, daß
weder Engel noch Tiere oder Kinder das Schöne empfinden: Die Engel
nicht, weil sie vollständige Erkenntnis ohne einen Rest der Strebung
(der Lust an der Tätigkeit) besitzen, Tiere und Kinder nicht, weil
diese keinen Begriff vom Schönen besäßen. Hier geht es dann bereits um
die Fähigkeit, das Ästhetische (inkl. Lachen, Trauer, Gestimmtheiten)
einzuteilen, und daraus erst das Naturschöne und das Kunstschöne
herauszuheben. Bolzano hat einen weiteren Horizont des Ästhetischen
als Herbart oder Kant, weshalb auch eine Klassifizierung nötig
scheint.

Mir ist klar, daß Sie das ästhetische Urteil, ähnlich wie Reinhold,
jeder weiteren Seelentätigkeit vorausgesetzt denken. Allerdings hat
sich von verschiedener Seite herausgestellt, daß es keine Qualitäten
gibt, aus denen sich unsere sinnliche Wahrnehmung zusammensetzt,
sondern daß die Qualitäten immer schon geregelte Heraushebungen aus
einer mehr oder weniger differenzierten und mehr oder weniger
organisierten vorlaüfigen »Einheit« einer Anschauung sein müssen. Die
Qualitäten sind bereits Produkte einer gelenkten Aufmerksamkeit und
einer analytischen Behandlung. Vgl. dazu vielleicht die Fünfte
Logische Untersuchung von Edmund Husserl, ein bequemer Zugang zu
Überlegungen von Franz Brentano. Habe zum Schluß zu diesem Thema einen
kleinen Exkurs aus logischer Perspektive angehängt.



II
Ihrer politische Skizze kann ich in Einigem zustimmen, nur steht
weniger Karl Marx, als die von mir genannten Soziologen im Hintergrund
meiner Überlegungen. Ich bin nämlich nicht sicher, ob die Kritik am
»Wertgesetz« von Marx die systematische Bedeutung in der Kritik des
Kapitalismus zukommt, wie wegen der Ungleichheit im Tausch von
»Kapital und Arbeit« angenommen werden kann.

Erstens bin ich nicht überzeugt, daß Kapital und Arbeit getauscht
wird, vielmehr Geld und Arbeit. M. E. wird die Ungleichheit (besser:
die inadequate soziale Ungleichheit) nicht allein durch ökonomische
Prozesse allein hergestellt.

Zweitens haben Smith wie Ricardo versucht, den »gerechten Lohn« aus
den Marktgesetzen abzuleiten, und sind gescheitert. Dobbs meint, daß
man heute versteht, weshalb das unmöglich ist. Das liegt an der
Unbestimmbarkeit des Wertes des Geldes und an der Inadequanz von
Marktwert und Gebrauchswert. Da letzterer aus der Ökonomie spätestens
ab der physiokratischen Revolution von Adam Smith und Quasnay
herausfällt, kann gemäß ökonomischer Prinzipien die Berechnung des
gerechten Lohn gar nicht aufgestellt werden.

Schließlich denke ich, daß der Marxismus theoretisch keine Alternative
bieten kann, da erstens das Menschenbild in beiden Fällen einseitig
von der Ökonomie abhängig gemacht wird, und zweitens, weil die
Verstaatlichung der Wirtschaft nur die nationale kapitalistische
Oligarchie in die Nomenklatura des Staatsapparates gedrückt worden
ist. Schließlich ist die Analyse der historischen Bedeutung des
Staates m. E. sowohl in der marxistischen wie in der neoliberalen
Philosophie unterbelichtet.

Zum Zusammenhang von Geschichtsschreibung und Staatsidee vielleicht
später mehr. In aller Kürze: Ich halte unseren Verstand, unsere
Vernunft, teilweise das symbolisch-ästhetische Urteil für das
Übersinnliche, was uns bestimmen soll, nicht empirisch-sinnliche
Erfahrung noch materialistisch-ökonomische Gesetze allein. Glaube, daß
dazu empirische Erfahrung alleine nicht zureicht, es muß noch die
empirisch-historische Erfahrung hinzukommen. Sehe die ästhetische
Theorie Adornos insofern für eine Vorübung zur Bestimmung, was ein
empirisch-historisches Faktum sein könnte.



III
Nun zum »Kollektiven des Halb- und Unbewussten der Ästhetik«. Da
befinde ich mich in der Tat in einer Zwickmühle. Zweifellos trifft
Ihre Kritik eine Schwierigkeit, die ich noch nicht bewältigt habe. Das
»Kollektive« besitzt in meinen Überlegungen eine doppelte Rolle.

Zuerst ist die kollektive Verwendung von Beschreibungen menschlichen
Verhaltens Teil einer theoretischen Perspektive wie die statistische
Betrachtungsart auch, welche gegenüber dem Umstand, daß einige
Handlungen geplant, andere nur aus Gewöhnung geschehen, völlig
gleichgültig ist. In Folge verschwindet die Individualität wie die
absichtliche geplante Handlung aus diesen Theorien.

Dann ist der Gebrauch von kollektiven »historischen Gemeinbildern«
auch Teil der ästhetischen Theorie Theodor Adornos zum Vermögen der
Aufstufung zum Verständnis des Charakters des Kunstwerkes als ein
Schein zum Tode hin. Die Methexis Adornos verstehe ich als Anteilhabe
an Bildung, Gerüchten, Erinnerungen, welche material Voraussetzung
sind zur Erhebung des Artefakts zum Kunstwerk, indem kulturell
allgemein Zugängliches und private Empfindung und Einsicht, wie die
Berichte anderer von ihren Empfindungen und Einsichten im Zuge der
Interpretation sich zum Verständnis des Kunstprozesses als
gesellschaftlicher Ausdruck zusammenfügen lassen.

In diesem Horizont verbracht, erscheint mir die Frage, ob der Prozess
des ästhetischen Verständigwerdens bewußt urteilend verläuft, nicht
gleichmäßig beantwortet werden zu können. Nach Freud ist das Ich zum
größten Teil unbewußt; es muß nur sprachfähig sein. Das Kollektive
kann deshalb durchaus bewußt gebraucht werden, nur ist anzunehmen, daß
die kollektive Verwendung kollektiver Gemeinbilder bewußtes Urteilen
nicht miteinschließt, und nur ein Gewahrwerden pragmatischer
Zusammenhänge die Folge sein kann (ratiomorphically).

Schließlich gehen (zumindest bei Kant) die ästhetischen Urteile
wertend, aber nicht konstituierend, also auch nicht qualifizierend
vor. Erst die symbolisch-ästhetischen Urteile (eine gewisse
Vorläuferschaft zu Hölderlin war für mich bemerklich) sind
qualifizierend und vergleichend; das ästhetische Urteil konstatiert
einen Wert und das muß ich weiterhin für die einzige Qualität halten,
die das ästhetische Urteil ausdrückt.



IV (Exkurs)
Gerät die Sinnlichkeit unter dem Verstand, dann werden die sinnlichen
Qualitäten vom empirischen Verstand bestimmt. Diese Qualitäten sind
Eigenschaften des sinnlich Gegebenen, nicht Eigenschaften dessen, was
sinnlich gegeben worden ist.

Die Bestimmung grundlegender Merkmale, die zugleich der Sinnlichkeit
wie der Sprache angehören, besitzt einige grundlegende
Schwierigkeiten, die aus der Geschichte der Logik bekannt sind. Ich
hoffe, daß die Gegenbeleuchtung aus der Perspektive der Logik
hilfreich sein kann, die Problemaufstellung zu vertiefen. Ich bringe
einen Abschnitt aus einen meiner Aufsätze zur Kritik der analytischen
Philosophie (Evidenz und Horizont. Kritik der Überwindung der
Bikonditionale in Objekt- und Metasprache durch Identifizierung im
Anschluß an Davidson).

— Ich halte es für keineswegs für entschieden, wie die Semantik von
Bedeutungen, die sich auf Sinnesreizungen als Grundlage beschränkt,
von den anderen Teilen der Semantik einer Objektsprache zu
unterscheiden oder allenfalls geregelt zu verbinden wäre. Daß der
Semantik der Sinnesreize möglich wäre, selbst eine Objektsprache im
Sinne der bisherigen pragmatischen Erörterungen zustandezubringen,
halte ich für ausgeschlossen.

Eine Objektsprache, die sich ausschließlich auf Sinnesreize bezieht,
kann man bei Franz Brentano, Husserl und Wittgenstein kennenlernen
(Farbwahrnehmung ist mit räumlicher und zeitlicher Ausdehnung,
Tonwahrnehmung mit zeitlicher Ausdehnung notwendigerweise konnotiert),
und ist in ihrer künstlichen Rekonstruiertheit bereits hinreichend
kritisiert worden, wenn diese »Objekte« der Rekonstruktion als Objekte
oder Qualitäten der empirischen Sinnlichkeit selbst ausgegeben werden.
Die empirische Sinnlichkeit erzeugt Anschauungen nicht mittels
Zusammensetzung in der Sinnlichkeit vorgegebener Elementen. Sollte es
jedoch eine Semantik ausschließlich für Sinnesreize geben, und ließe
sich diese allenfalls noch zu einer Objektsprache normieren, dann
könnte damit keinesfalls Objekte unserer Lebenswelt oder der Physik,
Handlungen oder auch nur zusammenhängende Umstände beschrieben
werden.

Auch bestehen keine Ableitungsverhältnisse zwischen diesen Arten von
Semantik, man kann allerdings die Möglichkeit der Widerspruchsfreiheit
zwischen derart bescheidenen Semantiken voraussetzen. — Damit halte
ich die Konditionstheorie der Bedeutungsentstehung (»kausale
Referenztheorie«) nicht nur empirisch widerlegt, sondern auch im
Rahmen der semantischen Theorie für nachgewiesenermaßen unzureichend.

In der Sprache des Endes der Hochscholastik: Merkmalslehre und
Urteilslehre hängen nicht streng zusammen. In Ockhams Untersuchungen
zum Verhältnis von Sprachphilosophie, Bedeutung, Grammatik und Logik
kommen die Grenzen der Logischen Untersuchungen an »oberste« und
»unterste«, dem Einzelfall des radikalen Nominalisten am Nächsten
stehende Begriffe, und deren »anomalen« oder alogischen Verzweigungen
ohne Substitutionsregeln zum Vorschein. —

Schließlich glaube ich mit Vico — und neuerdings dürften empirische
Anthropologen dergleichen zu bestätigen —, daß Sprache und Bild
gemeinsam aneinander entwickelt worden ist. Ein weiteres Indiz, daß
die Annahme eines historisch und genetisch vorgängigen »ästhetischen
Urteiles« problematisch bleibt. Jedenfalls glaube ich, daß Sie auch
gemäß Ihrer Prämissen in die nämlichen Schwierigkeiten geraten wie ich
mit dem Gebrauch des Begriffes »kollektive«, denn die in Stellung
gebrachte Vorgängigkeit des ästhetischen Urteils führte nur zum
Gewahrwerden und zur Gewöhnung, nicht zum Urteilen.

Die Unmittelbarkeit zwischen Einbildungskraft und Verstand findet nach
Ihren Worten nur in der Spekulation des Absoluten statt — und bringt
eine Schwebung hervor. Ich denke, das Kostbarste wird es erst dann,
wenn es man verläßt.

Bis zum nächsten Mal!

Herzliche Grüße

Wolfgang Cernoch





jollymeier

unread,
Feb 19, 2009, 3:42:18 PM2/19/09
to PhilKritForum
Lieber Herr Cernoch,

zunächst zwei Sätze zur 'politischen Ökonomie'.

1. Geld, das gegen ArbeitsKRAFT getauscht wird - und ipso facto
"Mehrwert heckt" -, IST Kapital. Was wäre Kapital sonst?!

2. Inadäquanz von Tauschwert und Gebrauchswert: Der Tauschwert der
Arbeitskraft ist der Lohn; der Gebrauchswert der Arbeitskraft (die das
Kapital gekauft hat), besteht darin, MEHR Wert zu schaffen, als sie
selber 'hat'. Der springende Punkt ist daher, dass der Gebrauchswert
in der Tat aus der Politischen Ökonomie 'herausfällt', aber eben und
gerade nicht aus der KRITIK der Politischen Ökonomie. Die besteht
nämlich darin, den UNTERSCHIED zwischen Tauschwert der Arbeitskraft
und ihrem Gebrauchswert, und also den Ursprung des MEHRwerts, heraus
zu arbeiten! "Dass bei mir der Gebrauchswert eine ganz anders wichtige
Rolle spielt" als in der PolÖk, schreibt Marx. Siehe hierzu: "Abschied
vom Tauschwert" unter <http://polisebmeier.wordpress.com/2008/10/06/
vom-ende-der-arbeitsgesellschaft/>

Zum pp. Marxismus: Dazu habe ich mich so kurz wie möglich gefasst
unter "Totale Bürokratie" <http://burocratie.wordpress.com/> Wenn ich
es an dieser Stelle noch weiter kondensieren sollte, müsste das
Ergebnis gewiss in der einen oder andern Richtung schief ausfallen.
Erlauben Sie also bitte diesen Verweis. Noch ein bisschen näher an die
Wunden Punkte gehe ich unter "Abscheid von der Weltrevolution",
<http://weltrevolution.wordpress.com/>

*

Und nun zum eigentlich springenden Punkt: dem 'Ästhetischen'.

Da Sie ja meine 'Architektonik' angesprochen haben... Meine
Ausgangsfrage ist: Wie ist die Vernunft in die Welt gekommen? (Ich
habe sie zum Untertitel meiner 'Wendeltreppe' gemacht.)

Die nächstliegende Antwort war: Es ist die Vernunft des Schöpfers; der
hat sie hineingetan. - Das kann man aber nur glauben und nicht wissen.
Also gehört es nicht in die Philosophie.

Fichtes Antwort (in den "Grundzügen des ggw. Zeitalters"): Sie muss
schon immer da gewesen sein. "Aus nichts wird nichts." Es müsse einmal
ein 'Normalvolk' gegeben haben, das schon am Anfang vernünftig gewesen
ist. Das habe sich dann wohl - wie Wielands Abderiten - in alle Welt
zerstreut, so dass heute die Keime der Vernunft zwar allenthalben zu
finden seien, aber überall erst noch zur Reife gebracht werden
müssten. (Dass das komisch klingt, hat er bemerkt; aber da es 'anders
nicht gewesen sein kann', 'muss es' SO gewesen sein...)

Das hat einen Sinn nur, wenn man die Vernunft als eine Sache,
scholastisch gesprochen: als eine Substanz auffasst; aus Nichts wird
nichts. Nicht aber, wenn man vernünftiger Weise Vernunft als ein
Verhältnis auffasst; als ein Verhalten, genau gesagt.

Aber so gänzlich Unrecht kann er nicht gehabt haben. Nehmen wir an,
was wir heute Vernunft nennen, war 'am Anfang' tatsächlich nicht "da".
Wenn es also die Menschen (wenn sie's nicht von ihrem Schöpfer
mitbekommen haben) nachträglich hinzugetan haben müssen, fragt sich:
Wie kamen sie dazu, nach etwas zu suchen, das sie nicht mit den Augen
sehen und nicht mit den Händen greifen konnten, das aber dennoch "da
sein" sollte? Haben sie auf einen ungedeckten Scheck spekuliert so wie
in Psacals's >pari<: Tut nur immer so, als ob es Gotte gäbe, da könnt
ihr nur gewinnen. Wenn es ihn gibt, sowieso. Und wenn es ihn nicht
gibt, dann seid ihr immerhin anständig durch Leben gekommen, und das
wär ja auch schon was... -?

Tja, wie kamen sie dazu? Wenn sie das Gefühl hatten, dass 'etwas
fehlt', dann muss 'etwas' vorher da gewesen sein.

Und da hilft mir von Uexkülls 'Bedeutungs'- und 'Umwelt'-Begriff
weiter. In der Umwelt kommt überhaupt nur vor, was Bedeutung hat,
dadurch definiert sie sich. Aber die Menschen haben ihre natürliche
Umwelt verlassen und sind in die Welt aufgebrochen. Die Bedeutungen
haben sie nicht mitnehmen können, die mussten sie neu hinzu erfinden.

Und nun der springende Punkt: Die Bedeutungen der Umwelten haben dies
Besondere, dass sie samt und sonders auf die Erhaltungsfunktion
bezogen sind. Der Mensch in seiner offenen Welt hat aber Bedeutungen
erfunden, die für seine Erhaltung gleichgültig und nur 'um ihrer
selbst willen da' sind. Wie kann das sein, dass uns Dinge gefallen,
denen wir 'ohne Interesse' begegnen?

Und nun bin ich endlich an dem Punkt: Er muss eine ÄSTHETISCHE
Qualität hinzu erfunden haben.

*

Nun zu Kant. Der hat eine Phänomenologie ('Kritik') der Vernunft geben
wollen; "pragmatische Geschichte" nennt es Fichte. Nach dem Sezieren
ihrer diversen Tätigkeiten schließt er auf das Vorgegebensein der
ihnen jeweils zu Grunde liegenden 'Vermögen'. Die fasst er zu dreien
(zweieinhalb?) zusammen und stellt sie neben(?) einander.

Soweit der analytische Vortrag. Fichte 'synthetisiert': Was überhaupt
'Vermögen' ist, ist immer und ohnehin 'praktisch'. Das, was daran
theoretisch verfährt, ist sekundär und abgeleitet aus dem einen
einzigen Grundvermögens: 'Agilität'. Die ist an und für sich tätig.
Sie ist in ihrer einfachsten Gestalt 'produktive Einbildungskraft'.
Das ist insbesondere ein poietisches Vermögen. (Es wäre mir lieb, wenn
ich 'poietisch' nicht nur von poiêsis=positio, sondern auch von
poion=qualitas ableiten könnte. Beide haben aber, wie mir versichert
wird, zwei ganz verschiedene Stämme. Ich kann es nur als einen
witzigen Zufall anführen.)

Was transzendental als notwendige Bedingung des tatsächlichen
Vernünftigseins aufgefunden worden ist, muss auch genetisch irgendwo
seine 'Stelle' haben. Wenn andererseits davon empirische Erfahrung
(archäologisch, neurophysiologisch...) möglich wäre, bräuchte es keine
transzendentale Interpretation. Nun ist aber auch Uexkülls Umwelt/
Bedeutungs-Begriff kein empirisch demonstrierbarer Befund, sondern
selber eine sinnhafte Ausdeutung. (Den Unterschied von Welt und Umwelt
macht Uexküll noch nicht. Für ihn lebt auch der Mensch in Umwelten und
zwischen ihren natürlichen Bedeutungen. Darum haben sich die
philosophischen Anthropologen - Scheler, Gehlen, Plessner - von ihm
abgewendet. Erst Cassirer knüpft mit seinem Begriff des Symbolnetzes
wieder an Uexküll an.)

In der Tat meine ich - sowohl in 'transzendentaler', logischer
Hinsicht als auch gattungsgeschichtlich -., dass die Vernunft zuerst
wertend 'in die Welt kommt', bevor sie vergleichend und verknüpfend
werden kann. 'Wertnehmung kommt vor Wahrnehmung', sagt Max Scheler.
Natürlich nicht, wenn man unter Vernunft eine Substanz verstünde. Aber
wenn man darunter eine aktives Verhalten verstehen will. 'Der Geist
führt einen unablässigen Selbstbeweis', sagt Fritze Schlegel, und ich
füge hinzu: Vernunft kann, wenn überhaupt, nur als self-fulfilling
prophecy 'sein'.

Ich will diese Antwort nicht abschließen, ohne Sie auf mein WebLog
"aesthetica" aufmerksam gemacht zu haben: <http://
aestheticanova.wordpress.com/>

Soviel erstmal für heute!

Viele Grüße
Ihr J. E.
> Tonwahrnehmung mit zeitlicher Ausdehnung...
>
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jollymeier

unread,
Feb 19, 2009, 3:48:43 PM2/19/09
to PhilKritForum
PS. Da hats mir doch den letzten Link zerrissen: <http://
aestheticanova.wordpress.com/> - so muss es heißen.
J.E.
> ...
>
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jollymeier

unread,
Feb 19, 2009, 3:51:40 PM2/19/09
to PhilKritForum
Ich versuch's ein drittes und letztes Mal:

<http://aestheticanova.wordpress.com/>

Mal sehn, obs klappt.
> ...
>
> Erfahren Sie mehr »

jollymeier

unread,
Feb 19, 2009, 3:51:40 PM2/19/09
to PhilKritForum
Ich versuch's ein drittes und letztes Mal:

<http://aestheticanova.wordpress.com/>

Mal sehn, obs klappt.

On 19 Feb., 21:48, jollymeier <j.ebme...@online.de> wrote:
> ...
>
> Erfahren Sie mehr »
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