Es war der Höhepunkt und gleichzeitig auch der Wendepunkt im Kalten Krieg: Nie zuvor und nie wieder standen die beiden Supermächte USA und Sowjetunion so kurz vor einem Atomkrieg wie in jenen zwei Oktoberwochen vor genau 50 Jahren. Eine falsche Entscheidung von Präsident John F. Kennedy oder vom sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow - und es hätte leicht zu einer nuklearen Katastrophe kommen können. Begonnen hatte die Krise am 14. Oktober 1962, als amerikanische Spionageflugzeuge sowjetische Raketen und Soldaten auf Kuba entdeckten.
Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington
Im Pentagon sorgen die Aufnahmen für Entsetzen: 36 atomare Mittelstrecken-Raketen hat die Sowjetunion klammheimlich nach Kuba geschifft. Schnell erfährt die amerikanische Öffentlichkeit, dass die Nation erstmals in ihrer Geschichte durch Atomwaffen bedroht ist: "Plötzlich ist der Schleier der russischen Geheimaktion gelüftet!", verkünden die amerikanischen Fernsehnachrichten.
Dem sowjetischen Regierungschef Chruschtschow sind die amerikanischen Atomraketen in der Türkei ein Dorn im Auge. Mit eigenen Raketen auf Kuba will er den unerfahrenen Präsidenten Kennedy zu Zugeständnissen zwingen. Doch Kennedy denkt nicht daran, nachzugeben. Chruschtschow müsse die Raketen wieder abziehen, fordert Kennedy in einer Fernsehansprache am 22. Oktober 1962. Noch habe er "die Gelegenheit, die Welt vom Abgrund der Zerstörung zurückzudrängen".
Damit der Appell nicht folgenlos verhallt, kündigt Kennedy eine strikte Seeblockade für bewaffnete Schiffe rund um Kuba an. Als diese zwei Tage später in Kraft tritt, hält die Welt den Atem an. Kennedy hat die US-Streitkräfte in den höchsten Alarmzustand unterhalb der Schwelle eines Atomkrieges versetzt: Interkontinental-Raketen und Langstreckenbomber sind einsatzbereit. Überall auf der Welt herrscht Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Vor allem in Berlin, an der Nahtstelle zwischen Ost und West.
Als Berater des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt verspürt Egon Bahr in jenen Tagen vor allem Ohnmacht: "Wir sind völlig hilflose Objekte größerer Mächte." Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer weiß, dass eine Konfrontation der Supermächte Krieg in Deutschland bedeutet. Seine Sekretärin Anneliese Poppinga erinnert sich, wie groß damals die Furcht vor einem Atomkrieg ist: "Ich jedenfalls empfand es so, dass man nicht wusste: Wachst du morgen früh wieder auf - überstehst du überhaupt diesen Tag? Es war ja alles völlig offen."
Am 25. Oktober scheint die direkte Konfrontation unausweichlich. Zwei sowjetische Schiffe haben die Blockade unbeirrt passiert. Um glaubwürdig zu bleiben, muss Kennedy handeln. Doch bevor die ersten Torpedos abgeschossen werden, kehren alle weiteren sowjetische Schiffe um. Erleichtert berichten die Fernsehnachrichten über den sowjetischen "Rückzug nach Moskau auf Druck Amerikas".
Was die amerikanische Öffentlichkeit nicht erfährt: In Geheimverhandlungen hat Kennedys Bruder Bobby der sowjetischen Regierung zugesichert, auch Amerika werde seine Atomraketen aus der Türkei abziehen. Allerdings erst später und nur, wenn dies geheim bleibe. Chruschtschow stimmt zu und lässt am 28. Oktober das Ende der Kuba-Krise über Radio Moskau verkünden.
Kennedy und Chruschtschow haben sich gegen die Scharfmacher im eigenen Lager durchgesetzt. Nach der Krise vereinbarten sie die Einrichtung eines Krisentelefons, den "Heißen Draht", um sich in Krisensituationen direkt auszutauschen. Und so blieben die 13 Tage im Oktober 1962 die einzigen, in denen die beiden Supermächte so kurz vor einem Atomkrieg stehen. "Beide Seiten haben in den Abgrund geblickt!", sagen Historiker heute über die Kuba-Krise: "Und beide Seiten sind vor dem Abgrund zurückgeschreckt."