==Geert Lovink: Die Brutalität der Plattform==
Von der radikalen Kritik zum Exodus der Sozialen Medien
Soziale Medien lenken nicht nur ab, sondern verletzen auch – so die zentrale These von Geert Lovink. Er bezeichnet die vorherrschende Gefühlslandschaft im digitalen Raum als Copium, ein metaphorisches Opiat, das die Nutzer*innen betäubt, die in Endlosschleifen von Scrolling, Untergang und Ablenkung gefangen sind. Die gegenwärtige Verfassung des Internets ist ein Zustand der Permakrise, in der Stagnation, Wut, Erstarrung, algorithmische Manipulation, KI-Slop und Technofeudalismus den Alltag bestimmen. Umso dringender braucht es diesen Appell zum kollektiven Rückzug aus den Sozialen Medien, der gleichzeitig dazu aufruft, die digitale Mündigkeit zu bewahren.
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160226 via fb
==Theorie des Bloggens==
Geert Lovink sieht in seiner Theorie des Bloggens (Teil seines Buches
"Zero Comments", Routledge NY, 2007) eher den massiv nach innen
gerichteten Blick des "Tagebuchführens" als die journalistischen
Kategorien wie "Wahrheit", "Nachricht" oder "Bericht". Nach dem 11.
September schlossen Blogs die Lücke zwischen dem Netz und der
Gesellschaft. Es waren die Blogs, die weltweit die Demokratisierung
des Netzes verwirklichten.
Dagegen trägt jeder neue Blog seinen Teil zum Untergang des
Mediensystems bei, das einst das 20. Jahrhundert dominierte. Der
Glaube an eine Botschaft nimmt immer mehr ab. Das ist das
nihilistische Moment der Bewegung und Blogs fördern diese Kultur wie
keine andere Plattform vor ihnen. Blogsoftware unterstützt in
Wirklichkeit Nutzer dabei, den Schritt von der Wahrheit zum Nichts zu
gehen. Die gedruckte und gesendete Botschaft hat ihre Aura verloren.
Nachrichten werden als Waren konsumiert, die einen gewissen
Unterhaltungswert besitzen.
Anstatt Blogs immer wieder von neuem als Instrumente der
Selbstvermarktung zu präsentieren, sollten sie vielmehr als dekadente
Artefakte interpretiert werden, die aus der Ferne die verführerische
Macht der Sendeanstalten demontieren ohne ein alternatives Modell
anzubieten, meint Geert Lovink.
Geert Lovink ist Medientheoretiker, Internetkritiker und Autor von
"Uncanny Networks", "Dark Fiber", "My First Recession" und "Zero
Comments". Er organisiert Konferenzen und ist Mitbegründer von
Internetprojekten wie "nettime" und "fibreculture". Seit 2004 leitet
er das Institute of Network Cultures, Hogeschool van Amsterdam und ist
Professor für mediastudies / new media an der Universität von
Amsterdam.