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'Idiomatisch' zu: segmentierte "Pronominaladverbien" in "Wo soll ich ihn hinstecken?"

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Ralf Joerres

unread,
Apr 8, 2016, 3:31:35 AM4/8/16
to
Ich lebe in einer Ecke von Deutschland (Ruhrgebiet), in der das
Auseinanderreißen der sog. Pronominaladverbien (dabei, davon, dafür)
schwer im Schwange ist. Solche Sätze sind bei uns völlig normal:

1 - Da weiß ich nix von.
2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.

So ähnlich gibt es das auch mit 'wo', allerdings nicht so oft und
überwiegend mit 'hin' und 'her':

4 - Wo hast du diesen Text her?
5 - Wo soll ich die Vase hinstellen?

Statt 'wo ... für' usw. würde man bei uns eher sagen 'für was':

6 - Für was soll das gut sein?
7 - Von was redest du überhaupt?
8 - Auf was willst du hinaus?

Hinsichtlich standardsprachlicher Akzeptabilität fallen vor allem die
Sätze nach dem Muster 1 bis 3 durch, bei 4 und 5 weiß ich es nicht, und
6 bis 8 erscheinen mir ziemlich normal, aber 'umgangssprachlich'.

Sätze wie 1 bis 3 wird es auch in anderen Gegenden Deutschlands geben,
sowieso ist das Ruhrgebiet hinsichtlich seiner sprachlichen Eigenheiten
nicht klar abzugrenzen.

Nun gibt es im Deutschen auch Sätze wie:

9 - "Ich wusste im ersten Moment nicht, wo ich ihn hinstecken sollte"
im Sinne von: 'Ich wusste, dass ich ihn von irgendwoher kannte, aber
ich bin nicht darauf gekommen, woher', also eine Art idiomatische
Redewendung.

Ich weiß nicht, ob man auch sagen würde
10 "... wohin ich ihn stecken sollte"

Ich vermute, dass man das nicht so formulieren würde, auch nicht
in quasi 'wörtlicher' Bedeutung à la

11 'Morgen fangen bei uns zehn Neue an, der Abteilungsleiter weiß
gar nicht, wo er die alle hinstecken soll'

(wobei dieses 'hinstecken' eben auch nicht rein wörtlich = körperlich,
sondern halb-übertragen als 'unterbringen' zu verstehen wäre.)

Der langen Rede kurzer Sinn: Aufgrund meiner sprachlichen Prägung
ist für mich nicht entscheidbar, ob die Standardformulierung für
die Redewendung in 9 wäre "... wohin ich ihn stecken sollte" oder
"... wo ich ihn hinstecken sollte".

Wie seht Ihr das?

Grüße: Ralf Joerres

Martin Bienwald

unread,
Apr 8, 2016, 3:40:01 AM4/8/16
to
Ralf Joerres <rjoe...@gmail.com> wrote:
> Ich lebe in einer Ecke von Deutschland (Ruhrgebiet), in der das
> Auseinanderreißen der sog. Pronominaladverbien (dabei, davon, dafür)
> schwer im Schwange ist. Solche Sätze sind bei uns völlig normal:
>
> 1 - Da weiß ich nix von.
> 2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
> 3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.
>
> So ähnlich gibt es das auch mit 'wo', allerdings nicht so oft und
> überwiegend mit 'hin' und 'her':
>
> 4 - Wo hast du diesen Text her?
> 5 - Wo soll ich die Vase hinstellen?
>
> Statt 'wo ... für' usw. würde man bei uns eher sagen 'für was':
>
> 6 - Für was soll das gut sein?
> 7 - Von was redest du überhaupt?
> 8 - Auf was willst du hinaus?
>
> Hinsichtlich standardsprachlicher Akzeptabilität fallen vor allem die
> Sätze nach dem Muster 1 bis 3 durch, bei 4 und 5 weiß ich es nicht, und
> 6 bis 8 erscheinen mir ziemlich normal, aber 'umgangssprachlich'.

Rein vom Gefühl würde ich 1 bis 3 als "regional umgangssprachlich", 4,
6, 7, 8 als "allgemein umgangssprachlich" und 5 als "allgemein üblich,
auch in geschriebenem Deutsch" ansehen.

> Nun gibt es im Deutschen auch Sätze wie:
>
> 9 - "Ich wusste im ersten Moment nicht, wo ich ihn hinstecken sollte"
> im Sinne von: 'Ich wusste, dass ich ihn von irgendwoher kannte, aber
> ich bin nicht darauf gekommen, woher', also eine Art idiomatische
> Redewendung.
>
> Ich weiß nicht, ob man auch sagen würde
> 10 "... wohin ich ihn stecken sollte"

Ich würde 10 als ebenso umgangssprachlich wie 9 einordnen; vielleicht
gibt es regionale Vorlieben für eine der beiden Varianten. Persönlich
würde ich vermutlich eher 10 als 9 benutzen.

> 11 'Morgen fangen bei uns zehn Neue an, der Abteilungsleiter weiß
> gar nicht, wo er die alle hinstecken soll'

Da würde ich vermutlich "unterbringen" statt "hinstecken" sagen.

... Martin

Jakob Achterndiek

unread,
Apr 8, 2016, 4:05:01 AM4/8/16
to
Am 08.04.2016 um 09:31 schrieb Ralf Joerres:
>
> Hinsichtlich standardsprachlicher Akzeptabilität [..]

Was, bitte, soll das genau heißen? Sowas wie "reif für den Duden"?

> [..]
> Der langen Rede kurzer Sinn: Aufgrund meiner sprachlichen Prägung
> ist für mich nicht entscheidbar, ob die Standardformulierung für
> die Redewendung in 9 wäre "... wohin ich ihn stecken sollte" oder
> "... wo ich ihn hinstecken sollte".
>
> Wie seht Ihr das?

Ganz einfach: Ich entscheide mich, wenn ich spreche, immer für Sätze,
die _meinem_ Standard entsprechen.
Wenn aber jemand anders mich gar zu fern von meinem Standard anquakt,
dann höre ich lieber weg - bevor ich den irgend wohin stecke.
--
j/\a

Helmut Richter

unread,
Apr 8, 2016, 5:08:51 AM4/8/16
to
Am 08.04.2016 um 09:31 schrieb Ralf Joerres:

> Ich lebe in einer Ecke von Deutschland (Ruhrgebiet), in der das
> Auseinanderreißen der sog. Pronominaladverbien (dabei, davon, dafür)
> schwer im Schwange ist. Solche Sätze sind bei uns völlig normal:
>
> 1 - Da weiß ich nix von.
> 2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
> 3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.

Ich glaube in N-De ist das auch verbreitet, bin aber nicht sicher.

> So ähnlich gibt es das auch mit 'wo', allerdings nicht so oft und
> überwiegend mit 'hin' und 'her':
>
> 4 - Wo hast du diesen Text her?
> 5 - Wo soll ich die Vase hinstellen?

"hinstellen" ist ein eigenständiges Verb, so dass die Frage, wo man das
Hinstellen vollzieht, durchaus sinnvoll ist. Eigentlich sinnvoller als
die Frage, wohin man das Stellen vollzieht.

> Statt 'wo ... für' usw. würde man bei uns eher sagen 'für was':
>
> 6 - Für was soll das gut sein?
> 7 - Von was redest du überhaupt?
> 8 - Auf was willst du hinaus?

Das ist nach meinem Geschmack nur umgangssprachlich. In einem
schriftlichen Text, der nicht betont umgangssprachlich sein soll, würde
ich das vermeiden. Die Kombination Präposition mit "es", würde ich für
Dinge auch vermeiden, selbst in der Umgangssprache:

- Ich habe das Buch auf es gelegt (nämlich auf das Regal).
- Es liegt jetzt auf ihm.

Hier wäre "darauf" beidemale passender. Für Personen gehts nur ohne
"da...", klingt aber trotzdem ein wenig holprig:

- Das Kind freute sich, dass man an es gedacht hatte.

Ein ganz anderes Muster, das aber in diesen Kontext gehört, ist der
umgangssprachliche Gebrauch von "irgend-" mit Fragewörtern statt mir
"jemand" oder "etwas":


- Irgendwer wird das doch machen.

- Ich brauche jetzt irgendwen.

- Ich habe es irgendwem gegeben.

- Wir machen einfach irgendwas.


Dagegen sind "irgendwann", "irgendwie" und "irgendwo" standardsprachlich.

Hierzulande (im Bairischen) gehen die meisten davon auch ohne "irgend-"


- Das wird schon wer machen. (aber nicht wie im Satz oben)

- Ich brauche jetzt wen.

- Ich habe es wem gegeben.

- Wir machen jetzt was.


Der letzte Satz ist wohl in ganz De üblich.

--
Helmut Richter

Ralf Joerres

unread,
Apr 8, 2016, 5:48:43 AM4/8/16
to
Am Freitag, 8. April 2016 10:05:01 UTC+2 schrieb Jakob Achterndiek:
> Am 08.04.2016 um 09:31 schrieb Ralf Joerres:
> >
> > Hinsichtlich standardsprachlicher Akzeptabilität [..]
>
> Was, bitte, soll das genau heißen? Sowas wie "reif für den Duden"?

So ähnlich. Sätze wie 'da kann der nix für' werden von vielen als
'falsches Deutsch' tituliert und sind insofern standardsprachlich
inakzeptabel, sind aber im Subsystem eines vergleichsweise saloppen
Ruhrdeutsch - oder bewusst darauf getrimmt - gängig und insofern
regelhaft.

>
> > [..]
> > Der langen Rede kurzer Sinn: Aufgrund meiner sprachlichen Prägung
> > ist für mich nicht entscheidbar, ob die Standardformulierung für
> > die Redewendung in 9 wäre "... wohin ich ihn stecken sollte" oder
> > "... wo ich ihn hinstecken sollte".
> >
> > Wie seht Ihr das?
>
> Ganz einfach: Ich entscheide mich, wenn ich spreche, immer für Sätze,
> die _meinem_ Standard entsprechen.
> Wenn aber jemand anders mich gar zu fern von meinem Standard anquakt,
> dann höre ich lieber weg - bevor ich den irgend wohin stecke.

... auch eine interessante Rechtschreibvariante: 'irgend wohin stecken';
ich hätte geschrieben 'irgendwo hinstecken', wegen der Betonung.

Da gibt's ja noch sowas Ähnliches: Das kann der sich sonstwo hinstecken.
Fiel mir gerade ein, als ich Deine Antwort gelesen hab...

Grüße: Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Apr 8, 2016, 5:58:41 AM4/8/16
to
Optimale Antwort, so klar bekomme ich selten mal gesagt, wie jemand
anders die Sprachrichtigkeit und Sprachüblichkeit von Äußerungen
einschätzt, die ich selbst nicht so gut einschätzen kann.

Welcher Region wärst Du denn zuzuordnen?

Gruß Ralf Joerres

Ralf Joerres

unread,
Apr 8, 2016, 6:03:58 AM4/8/16
to
Interessante Beobachtung. Ich denke auch, man würde das eher vermeiden:
(Auch) das Kind war nicht vergessen worden, und darüber freute es sich
sichtlich.

>
> Ein ganz anderes Muster, das aber in diesen Kontext gehört, ist der
> umgangssprachliche Gebrauch von "irgend-" mit Fragewörtern statt mir
> "jemand" oder "etwas":
>
>
> - Irgendwer wird das doch machen.
>
> - Ich brauche jetzt irgendwen.
>
> - Ich habe es irgendwem gegeben.
>
> - Wir machen einfach irgendwas.
>
>
> Dagegen sind "irgendwann", "irgendwie" und "irgendwo" standardsprachlich.
>
> Hierzulande (im Bairischen) gehen die meisten davon auch ohne "irgend-"
>
>
> - Das wird schon wer machen. (aber nicht wie im Satz oben)
>
> - Ich brauche jetzt wen.
>
> - Ich habe es wem gegeben.
>
> - Wir machen jetzt was.
>
>
> Der letzte Satz ist wohl in ganz De üblich.

Danke für Deine Einschätzungen: Ralf Joerres

Jakob Achterndiek

unread,
Apr 8, 2016, 7:11:31 AM4/8/16
to
Am 08.04.2016 um 11:48 schrieb Ralf Joerres:
> [..] werden von vielen als 'falsches Deutsch' tituliert
> und sind insofern standardsprachlich inakzeptabel

Für mich sind Sätze wie dieser zitierte nicht akzeptabel, weil
in ihm sprachliche Floskeln aus inkommensurablen Rubriken gar
zu bunt durcheinanderpurzeln.

Im einzelnen:
1. "Inakzeptabel" steht als eine Eigenschaft von Sätzen. Es
werden aber keine immanenten Eigenschaften genannt, sondern
von außen ("von vielen") herangetragene Wertungen.
2. Bei "standardsprachlich" fehlt ganz grundsätzlich eine Fest-
legung, _wessen_ Standard gemeint ist. Der Standard "von
vielen" ist keine ausreichende Bestimmung.
3. "Insofern" bezieht sich auf die Titulierung von Sätzen, die
von irgend jemandem "tituliert" werden. Es ist aber unlogsch,
die Akzeptanz (_nicht_ Akzeptabilität) von Sätzen davon
abhängig zu machen, ob ihnen irgend jemand irgend einen Titel
überhängt. (Zur Verdeutlichung: Ich sage, das ist ein blöder
Satz. Wenn Du ihn jetzt als Elitesatz "tituliertest", würde
das an meiner Akzeptanz nichts ändern.)
4. "Falsches Deutsch" ist kein irgenwie gearteter Titel, sondern
eine qualitätsbezogene Sachaussage. Daß die "von vielen"
getroffen wird, sagt nichts über deren Richtigkeit und also
auch nichts über die "Akzeptabilität" des beurteilten Satzes,
sondern allenfalls etwas über geteilte Akzeptanz.

Du siehst hoffentlich, was ich meinte mit den sprachlichen Floskeln
aus inkommensurablen Rubriken, die gar zu bunt durcheinanderpurzeln.

Was lernt uns das?
Wer sich über Sprache ausläßt, der soll sich, bitte sehr, nicht
in Floskeln, sondern in klarer, rational kontrollierter Sprache
auslassen!
--
j/\a

Martin Bienwald

unread,
Apr 8, 2016, 7:40:02 AM4/8/16
to
Ralf Joerres <rjoe...@gmail.com> wrote:

> Welcher Region wärst Du denn zuzuordnen?

Geboren in Berlin (wo auch mein Vater und die Familie meiner Mutter
herstammen), ab 4 1/2 Jahren aufgewachsen in und um Hannover, ab dem
Studium im Rhein-Neckar-Dreieck.

Also eine Art sprachliche Promenadenmischung.

Wuff,
Martin

Sergio Gatti

unread,
Apr 8, 2016, 7:58:29 AM4/8/16
to
Am 08.04.2016 um 11:48 schrieb Ralf Joerres:
> Am Freitag, 8. April 2016 10:05:01 UTC+2 schrieb Jakob Achterndiek:
>> Wenn aber jemand anders mich gar zu fern von meinem Standard anquakt,
>> dann höre ich lieber weg - bevor ich den irgend wohin stecke.
>
> ... auch eine interessante Rechtschreibvariante: 'irgend wohin stecken';
> ich hätte geschrieben 'irgendwo hinstecken', wegen der Betonung.


Seltsam!
Erst nach Gefühl, und dann nach Duden-Überprüfung, da ich
als Nichtmuttersprachler meinem Gefühl misstraue, hätte ich
geschrieben: "irgendwohin stecken".

Jakob Achterndiek

unread,
Apr 8, 2016, 8:21:31 AM4/8/16
to
"irgend" ist ja eine Partikel (laut Duden ein Adverb) zur Kennzeichnung
einer Unbestimmtheit. Ob sie alleinsteht oder eine Verbindung eingeht,
ist weitgehend dem Geschmack des Schreibers überlassen (wenn er einen
hat). Und bei "irgend wohin stecken" versus "irgendwo hinstecken" oder
"irgendwohin stecken" kommt noch hinzu, wie der Sprecher bzw. Schreiber
das "hin" gewichtet.
--
j/\a

Diedrich Ehlerding

unread,
Apr 8, 2016, 10:36:37 AM4/8/16
to
Helmut Richter meinte:

>> 1 - Da weiß ich nix von.
>> 2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
>> 3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.
>
> Ich glaube in N-De ist das auch verbreitet, bin aber nicht sicher.

Da kannst du aber voll von überzeugt sein!

Diedrich
--
pgp-Key (RSA) 1024/09B8C0BD
fingerprint = 2C 49 FF B2 C4 66 2D 93 6F A1 FF 10 16 59 96 F3
HTML-Mail wird ungeleſen entſorgt.

Heinz Lohmann

unread,
Apr 8, 2016, 11:47:14 AM4/8/16
to
Am 08.04.2016 um 15:31 schrieb Ralf Joerres:
> Ich lebe in einer Ecke von Deutschland (Ruhrgebiet), in der das
> Auseinanderreißen der sog. Pronominaladverbien (dabei, davon, dafür)
> schwer im Schwange ist. Solche Sätze sind bei uns völlig normal:
>
> 1 - Da weiß ich nix von.
> 2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
> 3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.
[usw]

Das Phänomen heißt m.W. *Tmesis*.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tmesis

Was sagt da Onkel Duden zu?

Ist mir (MS/NRW) total geläufig. Da find ich nix bei.

--
mfg
Heinz Lohmann
Tamsui, Taiwan

Gedanken sind nicht stets parat,
man schreibt auch, wenn man keine hat. W.B.

Christina Kunze

unread,
Apr 8, 2016, 4:24:00 PM4/8/16
to
Am 08.04.2016 um 17:47 schrieb Heinz Lohmann:
> Am 08.04.2016 um 15:31 schrieb Ralf Joerres:
>> Ich lebe in einer Ecke von Deutschland (Ruhrgebiet), in der das
>> Auseinanderreißen der sog. Pronominaladverbien (dabei, davon, dafür)
>> schwer im Schwange ist. Solche Sätze sind bei uns völlig normal:
>>
>> 1 - Da weiß ich nix von.
>> 2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
>> 3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.
> [usw]
>
> Das Phänomen heißt m.W. *Tmesis*.
> https://de.wikipedia.org/wiki/Tmesis
>
> Was sagt da Onkel Duden zu?
>
> Ist mir (MS/NRW) total geläufig. Da find ich nix bei.
>
Kann das Plattdeutsches Erbe sein? In Mecklenburg kann man sowas auch
sagen, hier in Berlin ebenso.

chr

Ralf Joerres

unread,
Apr 8, 2016, 5:11:10 PM4/8/16
to
Danke für die Blumen! Ich möchte darauf im Zusammenhang antworten.

Ich will versuchen, mich verständlich zu machen. Wenn ich mich
hemdsärmelig ausdrücke, dann deswegen, weil ich nicht die Gelegenheit
habe, mich in differenzierte linguistische Fachterminologie
einzuarbeiten. Und weil solche terminologischen Angestrengtheiten
meiner Beobachtung nach in desd kontraproduktiv wären.

Das Wort 'Standardsprache' existiert, zu finden in Wikipedia und Duden,
entsprechend auch das Wort 'standardsprachlich', ebenso das Wort
'inakzeptabel'. Wer sich mit Sprache gedanklich beschäftigt hat, wird
vom Inhalt dieser Wörter eine ungefähre Vorstellung haben. Bezogen auf
Sprache kann man eine Äußerung wie "Der Satz 'da is doch nix bei' ist
standardsprachlich inakzeptabel" verstehen als: Dieser Satz entspricht
nicht den Regeln, die ein um korrektes Deutsch bemühter Sprecher
beherzigen sollte.

Zum Zustandekommen und der Funktion solcher Regeln sehe ich folgende
primitive Reihenfolge: Zuerst war die Sprache da, dann die Grammatik
mit ihren diversen Beschreibungsmodellen, dann der Deutsch- und
Sprachunterricht auf Basis dieser Modelle, letztere beide(n?) naturgemäß
präskriptiv.

Um die Regelapparate einer Sprache aufzustellen, muss eine
Vorentscheidung getroffen werden, welche Bildungsmuster von Sätzen
als korrekt (akzeptabel) mitbeschrieben werden sollen und welche
nicht. Früher galt sowohl in der Auswahl der akzeptierten Sätze als
auch in der daraus gewonnenen Ableitung der Regeln der Duden als
normsetzend im Sinne von normstabilisierend, gaanz früher, wenn ich
nicht irre, deutlich an literarischer, sprich dem, was man heute als
'Hochsprache' bezeichnen würde, orientiert. Wie auch immer, heute
scheint mir generell eine offenere Auffassung vorzuherrschen, welche
der tatsächlichen sprachlichen Vielfalt Geltung zu geben versucht.
Das macht die Dinge unübersichtlicher.

Ich habe von außen herangetragene Wertungen der Art " 'da finde ich
nix bei' ist kein richtiges Deutsch" erlebt, wohl jeder hat dies
oder etwas Vergleichbares erfahren. Derartige Äußerungen sind in
meinen Augen nicht lediglich Belege für die Nicht-Akzeptanz
bestimmter Sätze durch präskriptionsverliebte Deutsch-Lehrmeister oder
Sprachbewahrer, sondern wären für mich zu übersetzen in: Die Regeln
zur Bildung eines solchen Satzes sollten nicht in den Kernbestand
des grammatischen Regelsystems des Standarddeutschen aufgenommen
werden. Einer solchen Aussage würde ich mich anschließen.

Damit wäre nicht gleichzeitig gesagt, dass es nicht vom
Standarddeutschen abweichende Varietäten geben könnte, in denen
ein derartiges Bildungsmuster voll akzeptabel wäre. Gleichwohl wäre
die Zahl derjenigen, die derartige Sätze für unbedenklich halten,
meiner Einschätzung nach wesentlich kleiner als die Zahl derjenigen,
die Sätzen wie 'ich finde nichts dabei' den Vorzug geben würden. Und
eben dies zeichnet in meinen Augen Standardsprachlichkeit aus: Dass
die ihr zuzurechnenden Äußerungen nach mehr oder weniger allgemein
verbreiteter Einschätzung korrekt im Sinne von 'akzeptables Deutsch'
sind. 'Standardsprachlich' heißt, so gesehen, für mich 'von
einigermaßen normbewussten Deutschsprechern durchschnittlich
akzeptiert'.

Die Nicht-Unterscheidung von 'Akzeptanz' und 'Akzeptabilität' bei mir
beruht zum allergrößten Teil auf der Tatsache, dass 'Akzeptanz' über
längere Zeit hinweg als Modewort in sich akademisch gerierenden
Kreisen kursierte. Ob ansonsten ein dringender Bedarf für diese
Unterscheidung besteht, um Urteile über Sprachrichtigkeit korrekt
zu charakterisieren, möchte ich hier nicht entscheiden.

Das Wort 'titulieren' hatte ich im Sinne von 'bezeichnen' gemeint, um
nicht immer nur 'bezeichnen bezeichnen bezeichnen' zu verwenden. Der
einzige mögliche Hintergedanke bei dieser Wortwahl wäre ein
Distanzierungsversuch gegenüber naiven Etikettierungen als 'richtig'
oder 'falsch', wie man sie überall und auch in desd antreffen kann,
auf die ich mir dann erlaube, das Wort 'titulieren' anzuwenden.

Dessen ungeachtet habe ich Dich vermutlich nicht verstanden. Du
schreibst von 'Inakzeptabilität' als einer immanenten Eigenschaft
von Sätzen? Bist Du der Ansicht, dass es eine solche unabhängig von
von außen herangetragenen Wertungen gibt?

Schließlich: Du wirfst mir floskelhafte Auslassungen vor. Floskel heißt
für mich so viel wie 'Leerformel', auch sprichst Du (im Umkehrschluss)
von meiner unklaren, rational nicht kontrollierten Sprache (mit
Ausrufezeichen dahinter), ich sehe mich also in dem darauf bezogenen
Posting als Verbreiter von sowas wie gedankenarmem Wischiwaschi in
nicht rationaler Sprache beschrieben. Ich weiß nicht so recht, womit
ich mir solche Zurechtweisungen verdient habe, will aber nicht
unerwähnt lassen, dass ich diese sehr verwundert zur Kenntnis nehme.

Grüße von: Ralf Joerres

Heinz Lohmann

unread,
Apr 9, 2016, 2:27:50 AM4/9/16
to
Gut möglich.

Duden 9 (1997) schreibt "norddeutsche Umgangssprache" und untersagt für
den standardsprachlichen Gebrauch die Trennung der von mit da
zusammengesetzten Pronominaladverbien am Beispiel: Da kann ich nichts
für/Dafür kann ich nichts.

Unter Tmesis (1) erwähnt er die Erscheinung noch einmal.

BTW: Da kann Onkel Duden mich mal.

Ralf Joerres

unread,
Apr 9, 2016, 4:08:37 AM4/9/16
to
Am Samstag, 9. April 2016 08:27:50 UTC+2 schrieb Heinz Lohmann:
> Am 09.04.2016 um 04:23 schrieb Christina Kunze:
> > Am 08.04.2016 um 17:47 schrieb Heinz Lohmann:
> >> Am 08.04.2016 um 15:31 schrieb Ralf Joerres:
> >>> Ich lebe in einer Ecke von Deutschland (Ruhrgebiet), in der das
> >>> Auseinanderreißen der sog. Pronominaladverbien (dabei, davon, dafür)
> >>> schwer im Schwange ist. Solche Sätze sind bei uns völlig normal:
> >>>
> >>> 1 - Da weiß ich nix von.
> >>> 2 - Da is doch nix bei. (auch: Da is doch nix dabei.)
> >>> 3 - Da kannze den aber für verantwortlich machen.

> Duden 9 (1997) schreibt "norddeutsche Umgangssprache" und untersagt für
> den standardsprachlichen Gebrauch die Trennung der von mit da
> zusammengesetzten Pronominaladverbien am Beispiel: Da kann ich nichts
> für/Dafür kann ich nichts.
>
> Unter Tmesis (1) erwähnt er die Erscheinung noch einmal.

Duden Grammatik 7. Aufl. 2006 kommt mit vielen neuartigen Betrachtungs-
weisen und nennt diese Wortgruppe - richtigerweise, wie ich finde -
Präpositionaladverbien (Rz 858, S. 585 ff.). In Sachen 'Bewertung der
Sprachrichtigkeit' findet sich dazu ein interessanter Hinweis auf
S. 587:

"In der gesprochenen Sprache (v. a. in Süd- und Mitteldeutschland)
kommt es bei diesen Kontraktionen [gemeint sind 'drin', drauf', 'drum'
usw., RJ] zu Doppelformen: 'dadran, dadrauf' usw., auch 'wodran',
'wodrauf' und 'hierdran', 'hierdrauf'. Solche Formen sind nicht standardsprachlich:
Dadrauf habe ich keine Lust. / Ich habe keine Lust dadrauf."

Solche Doppelbildungen gibt's im Ruhrgebiet reichlich, auch in
merkwürdiger Verquickung mit einer Aufspaltung:

- Da brauchße dir (aber) nix drauf einbilden.

Über den Status von 'da' in solchen und ähnlichen Sätzen mache ich
mir seit längerer Zeit Gedanken, ist ne andere Geschichte...

Diese Doppelformen gibt's auch in nicht-kontrahiert:

- Da kann se ja nix dafür.

Die gesplitteten Formen, von denen hier hauptsächlich die Rede ist,
('da weiß ich nix von' usw.), werden im neuen Duden der "gesprochenen
Sprache u.a. im Norddeutschen" zugeordnet (ebenfalls S. 587), und es
wird dort auf einen Fachaufsatz "zu diesen und vielen weiteren
dialektalen Besonderheiten" verwiesen. Eine weitere stilistische
Bewertung findet sich dort nicht.

Gruß: Ralf Joerres

Florian Ritter

unread,
Apr 9, 2016, 8:42:24 AM4/9/16
to
Am Freitag, 8. April 2016 22:24:00 UTC+2 schrieb Christina Kunze:

>> Ist mir (MS/NRW) total geläufig. Da find ich nix bei.

> Kann das Plattdeutsches Erbe sein? In Mecklenburg kann man sowas auch
> sagen, hier in Berlin ebenso.

In den Erinnerungen eines Reiseleiters (Verf. nicht momentan)
findet sich: Allens nischt jejen bei uns.

FR

Ralf Joerres

unread,
Apr 9, 2016, 3:43:27 PM4/9/16
to
Doppelpräpositionen hamwer auch:
Hasse nich sonnz nowwat für auwet Brötchen?
RJ
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