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Pazifikauster im Wattenmeer
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Matthias Wetzels  
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(1 user)  More options Jan 6 2004, 6:14 am
Newsgroups: de.soc.umwelt, hamburg.umwelt, kiel.umwelt, z-netz.forum.umweltschutz
From: "Matthias Wetzels" <m.wetz...@meeresschutz.de>
Date: Tue, 6 Jan 2004 11:22:30 +0100
Local: Tues, Jan 6 2004 5:22 am
Subject: Pazifikauster im Wattenmeer

Bei unseren Nachbarn in Frankreich sind Austern neben anderen "Fruits de
Mer" und dem obligatorischen Champagner feste Bestandteile des
Festtagsschmauses am Heiligabend. Aber auch dort landet wie bei uns nicht
die ursprünglich heimische Europäische Auster Ostrea edulis auf dem Teller,
sondern fast ausschließlich die pazifische Verwandte Crassostrea gigas.
Robuster und wuchsfreudiger als ihre europäische Schwester wird sie als
Aquakultur seit über 30 Jahren in Europa angebaut, so auch vor Sylt. Die
einheimische Auster ist bereits seit den 20er Jahren im Wattenmeer fast
ausgestorben. Dieses wird zum großen Teil auf die Überfischung
zurückgeführt.
Nun blieb die pazifische Auster nicht in den Aquakulturen sondern "büxte" in
die Umgebung aus. So werden im Wattenmeer nicht mehr nur vereinzelte
Exemplare des Neubürgers gefunden, sondern 100 auf einem Quadratmeter sind
an einigen Stellen im Sylter Watt keine Seltenheit wie die jüngsten
Zählungen, an denen sich auch die Schutzstation beteiligt, im Nationalpark
Wattenmeer ergaben.
Füße haben die Tiere zwar, aber sie sind nicht selber in die Umgebung
"gewandert". Vielmehr ihre Nachkommen besiedeln das Watt. Austern vermehren
sich wie die meisten anderen Muschelarten über frei im Wasser schwimmende
Larven, die mit Meeresströmungen verdriftet werden. Erst nach Abschluss
dieser ca. zweiwöchigen Larvalphase werden die Tiere wieder sesshaft und
heften sich an vorhandenen harten Untergrund z.B. auf Miesmuschelbänke, wo
sie dann festsitzend ihrer Hauptbeschäftigung, der Wasserfiltration
nachgehen.
Miesmuscheln und Austern sind Konkurrenten um die Schwebstoffe im Wasser,
die sie filtern und von denen sie sich ernähren. Wer hierbei effizienter zu
Werke geht, ist im Vorteil. Er kann schneller wachsen oder seine Energie in
mehr Nachkommen stecken.
Wird eine Miesmuschelbank von Austern überwuchert, kann es für die
Miesmuscheln auf diese Weise eng werden. Es ist aber zum jetzigen Zeitpunkt
unmöglich vorherzusagen, wer die Oberhand behalten wird, da nicht nur die
Nahrungsbeschaffung sondern viele Faktoren für die Ausbreitung einer Art
wichtig sind wie Krankheiten oder klimatische Einflüsse. Einmal erwachsen
geworden, braucht die Pazifikauster jedenfalls keine Feinde (außer dem
Menschen...) mehr zu fürchten.
Dem an wärmere Gewässer angepassten Neubürger wurde ursprünglich nicht
zugetraut, sich in der Nordsee zu vermehren, da die kälteren
Umweltbedingungen nicht ideal schienen. Ca. 18° braucht er nämlich schon,
damit er "loslegen" kann. Als Ersatz für die heimische Auster sind sie
allerdings nicht geeignet, da sie eine andere ökologische Nische besetzen.
Eine Pazifikausternbank dürfte im Wattenmeer anders aussehen als eine
Austernbank der Europäischen Auster Ostrea edulis.
Die Zusammensetzung von Ökosystemen unterliegt einer evolutionären Dynamik.
Arten breiten sich aus, andere verschwinden. Dieses sind aber normalerweise
lang dauernde Prozesse. Hat der Mensch seine Finger im Spiel, geht es um
vieles schneller. Ca. 80 Neobiota, also neue Arten sind nach Schätzungen des
Senckenberg-Instituts mittlerweile durch menschliches Zutun in die Nordsee
gelangt, ein Großteil davon mit dem Ballastwasser von Schiffen. Allein die
dauerhafte Etablierung von 5 Arten schreibt man der Austernzucht vor Sylt
zu.
Wie auch immer diese Neozooen in Zukunft beurteilt werden, als schmackhafte
Bereicherung der heimischen Tierwelt oder "Faunenverfälschung", die
heimische Arten verdrängen, eines steht auf jeden Fall fest: Ist eine Art
einmal in ein neues Ökosystem geraten, lässt sich dieses
(i.d.R.) besonders bei einem aquatischen Lebensraum nicht mehr rückgängig
machen. Die pazifische Auster ist leider ein dauerhafter Bestandteil der
Wattenmeerfauna geworden.
Übrigens: Nach einer neuen Studie der Uni Frankfurt unter Leitung des
Zoologen Frank Reinhardt im Auftrag des Umweltbundesamtes entstehen der dt.
Volkswirtschaft durch Neobiota jährlich ein Schaden von 160 Mio. Euro
(Studie kann für 10 Euro bestellt werden unter Tel. 030/2116061; 10 Euro).
Mit freundlichen Grüßen
Christof Goetze
SCHUTZSTATION WATTENMEER
Grafenstr. 23
24768 Rendsburg
Tel. 04331/23622
Fax 04331/25246
e-mail: geschaeftsste...@schutzstation-wattenmeer.de
http://www.schutzstation-wattenmeer.de


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