Schwarmintelligenz und digitaler Maoismus

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King^Lully

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Mar 1, 2007, 10:17:37 AM3/1/07
to Webkompetenz-Forum
"Der Grundgedanke seiner Kritik lautet: wo viele mitarbeiten, kann
nichts Eigenes entstehen."

Da ist was dran, werden Menschen "im Rudel" aktiv, dann setzt sich das
Mittelmass durch. Zumindest bei den normalen Entscheidungsstrukturen.

Allerdings kann auch das Mittelmass bspw. einen modernen Passagierjet
bauen, den kein Einzelner mehr im Detail durchschaut, oder gar zum
Mond fliegen.

So schlimm kann es also nicht sein. Wer von Schwarmintelligenz und
digitalem Maoismus schwätzt und es negativ meint und zudem so aussieht
wie ein Intellektueller ist wohl auch ein Intellektueller. Vorsicht
vor Intellektuellen!

Wie ist es also wirklich? Die Kombination aus Marktwirtschaft und
Demokratie (real existierende Demokratie so zu sagen, also die
bestmögliche ;) bzw. Demokratie und Marktwirtschaft garantiert
Stabilität und gehobenes Mittelmass (also natürlich auch das
"Eigene"). Mehr ist nicht drin, wenn man Systemrisiken minimieren
möchte.

Maoismus bei Wikipedia, Rätetum bei PHP? LOL - mag schon teilweise so
sein, aber ist ja nichts Schlimmes bzw. es sind Begriffe, die
karikieren.

Wikipedia und was es da sonst noch alles gibt fördern natürlich das
Mittelmass, aber haben keine totalitären Tendenzen, genau das
Gegenteil ist der Fall. Der oben zitierte Grundgedanke der Gourmet-
Kritik ist also falsch und zeugt von Unverständnis moderner
gesellschaftlicher Strukuren, hmm, zeugt von völligem Unverständnis
moderner gesellschaftlicher Strukuren, mit der Betonung auf völlig.
LOL

Axel Christ

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Mar 1, 2007, 5:36:49 PM3/1/07
to Webkompetenz-Forum
Ich denke, es kommt darauf an, mit welchem Bereich der Kreation man
sich auseinander setzt. Die Massenbewegung ist für alles brauchbar,
was danach strebt, ein nutzbringendes Ziel zu erreichen. Ein Lexikon
zu verfassen wäre ein Beispiel, OpenSource-Software zu entwickeln ein
anderes. Der gute Mann ist aber nun kein Techniker sondern eher
Künstler und sieht die Dinge von dieser Warte aus. Und für diesen, den
künstlerisch kreativen Bereich, hat er natürlich Recht. Es gibt ja
auch im Kunstbereich immer einen Mainstream, eine Bewegung, der viele
folgen. Und die, die dann irgendwann die ganze Kunstwelt mit was
völlig neuem aufmischen, das sind dann eben oft Eigenbrötler, die sich
schlicht und einfach nicht mit ihren Künster-Kollegen beschäftigen und
genau aus diesem Grund etwas Eigenes schaffen. Für das Entfalten eines
wirklich eigenen Stils ist es tödlich, sich tagtäglich die Arbeiten
anderer Künstler zu betrachten.

Das ist natürlich eigentlich nichts Neues. Es wird dank Internet
lediglich noch etwas offensichtlicher, da die Anzahl publizierender
Menschen dank der neuen Möglichkeiten einfach immer größer wird.

Ciao

Axel

King^Lully

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Mar 1, 2007, 6:31:00 PM3/1/07
to Webkompetenz-Forum
> Der gute Mann ist aber nun kein Techniker sondern eher
> Künstler und sieht die Dinge von dieser Warte aus.

An dieser Stelle den vergessenen Link:
http://webkompetenz.blogspot.com/2007/03/schwarmintelligenz-und-digitaler.html
Dazu noch: http://en.wikipedia.org/wiki/Jaron_Lanier

Da deutet eher alles auf eine spezifische Begabung zum Entwickeln von
SW hin, die wir an dieser Stelle einfach mal als grafiklastig
beschreiben wollen. ;)

Wir sind jetzt noch ein wenig in http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/306/78228/
gegangen und wollen uns noch über folgende Aussagen aufregen:
1.) "Das ist ein Beleg für den Siegeszug eines Online-
Kollektivismus." (Der "Beleg" bestand aus dem in der Wikipedia
wechselseitig geschilderten Sachverhalt "Lanier hat (k)einen Film
gedreht und ist (kein) Filmregisseur.".)
Kollektivismus kennen wir vom Islam, vom Kommunismus und Faschismus/
Nationalsozialismus, nicht aber von der Wikipedia.
2.) "Das entspricht dem unumstößlichen Vertrauen, das Ultraliberale in
die Unfehlbarkeit des Marktes und Ultralinke in die Gerechtigkeit von
Konsensprozessen haben."
Es sind keine "Ultraliberale", die grosses Vertrauen in den Markt
haben, sondern Konservative bzw. Liberale. "Ultralinke" haben _kein_
Vertrauen in Konsensprozesse, sondern veranstalten Konsens a la
Christian Klar, die RAFfies, Nordkorea oder Stalin.
3.) "In den vergangenen ein, zwei Jahren ging der Trend dahin, jede
Spur menschlicher Einflussnahme zu entfernen und den Eindruck
entstehen zu lassen, dass die Inhalte aus dem Netz selbst kommen, als
spräche das Web wie ein überirdisches Orakel zu uns."
Der Eindruck, dass Inhalte keine Autoren haben, wurde beim
westdeutschen Staatsfernsehen geweckt oder beim kommunistischen
Fernsehen, gerade den Autor kriegt man im Web recht gut zu packen (bei
Wikipedia kann man bis zum geht nicht mehr ins Detail gehen,
deutschsprachige Quellen ohne Verantwortlichkeit sind selten).
Will Lanier hier emotional argumentieren? Wendet er sich so zu sagen
gezielt an den typischen SZ-Leser (den wir an dieser Stelle mal
ungeschoren davonkommen lassen wollen ;)?
4.) "Die entscheidende Frage ist allerdings, in welchen Punkten man
als Einzelner klüger ist als das Kollektiv."
Hier bricht der Elitismus des Autors durch. verständige Menschen ab
eines bestimmten Alters wissen normalerweise die Klugheit der Massen
zu schätzen bzw. - besser formuliert ;) - die gefährliche Dummheit des
Individuums richtig einzuschätzen. Eine Person, der es gelingt die
Gunst der Massen zu erobern (auf nicht-demokratischem Wege), ist
normalerweise nicht klug, denn sonst wäre bspw. der Versuch
unterblieben.
5.) "Ein Kollektiv auf Autopilot kann ein grausamer Idiot sein, wie
uns die Ausbrüche maoistisch, faschistisch oder religiös geprägter
Schwarmgeister immer wieder vorgeführt haben."
Andersrum wird ein Schuh daraus, das "Kollektiv" tendiert nicht zum
Totalitarismus (zumindest - vgl. das Computerspiel Civilization ;) -
seitdem bestimmte Technologien bereitstehen), ist das "Kollektiv"
dagegen nicht an Wahlrecht und Marktwirtschaft gewöhnt, kommen
Individuen mit abstrusen Ideen nach oben bzw. sind zumindest nicht
chancenlos.

Gut, die echte Aufregung wie sie uns z.B. mal bei dem Idioten
Weizenbaum ( http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Weizenbaum ) ereilt
hat, ist diesmal unterblieben, aber dennoch, da wird U.E. von der SZ
wieder einmal (s)ein Lesermarkt befriedigt.

Connie Müller-Gödecke

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Mar 2, 2007, 2:31:07 AM3/2/07
to webkom...@googlegroups.com
wer "Idiot" im griechischen Wortsinne als "Einzelgänger" meint, darf Weizenbaum so bezeichnen, ansonsten verbitte ich mir das von Herzen!

 --
|--
Connie Müller-Gödecke, Hamburg
http://www.photografitti.de
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http://www.avantart.com

Stefan Münz

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Mar 2, 2007, 8:20:14 AM3/2/07
to Webkompetenz-Forum
Hallo King^Lully

> Allerdings kann auch das Mittelmass bspw. einen modernen Passagierjet
> bauen, den kein Einzelner mehr im Detail durchschaut, oder gar zum
> Mond fliegen.

Kollektivarbeit ist vermutlich immer da überlegen, wo das Ganze, was
am Ende rauskommen soll, von vorneherein klar spezifiziert und
umrissen ist. Da müssen die Einzelnen auch gar nichts über das Ganze
wissen. Ich hatte früher mal mit Programmierern einer großen Firma zu
tun, die für eine umfangreiche Telekommunikationsanwendungen einzelne
Eingabemasken entwickelten. Als Technischer Redakteur, der die
Oberfläche der Gesamtanwendung dokumentieren sollte, hatte ich da
lauter Fragen wie "und ist der Wert, den man hier im Feld bla eingeben
kann, das, was im Bereich xy im Feld blubb erscheint"? Doch solche
Fragen konnten mir die Programmierer nicht beantworten. Sie hatten
keinen blassen Schimmer von der Gesamtanwendung. Trotzdem kam diese
zustande und tat am Ende ihren Dienst. Wenn die Entwicklung eines
Ganzen von vorneherein so organisiert ist, dass der Einzelne gar
nichts vom Ganzen wissen muss, dann zahlt sich die Emsigkeit eines
Kollektivs aus.

Was anderes ist es jedoch, wenn das spätere Ganze am Anfang noch gar
nicht so klar umressen ist oder erst durch den Entwicklungsprozess
entstehen soll. In diesem Fall ist es mit reiner Arbeitsverteilung
nicht getan. Von denen, die an der Errichtung des Ganzen mitarbeiten,
muss in diesem Fall ein _Bewusstsein_ für das Ganze erwartet werden.
Der Unterschied ist wie der zwischen Koexistenz und Kooperation. Axel
Christ beschreibt diesen Unterschied ja ähnlich: "Ein Lexikon zu


verfassen wäre ein Beispiel, OpenSource-Software zu entwickeln ein

anderes. Der gute Mann (Lanier) ist aber nun kein Techniker sondern


eher Künstler und sieht die Dinge von dieser Warte aus."

Die Extremsicht des Künstlers, für den das Originäre oder zumindest
Originalität entscheidend ist, neigt natürlich dazu, jegliches
"Zusammen" für ein Werk des Teufels zu halten. Dennoch haben sich
gerade unter Künstlern immer wieder auch interessante Gruppierungen
gebildet. Literaturvereinigungen wie die Gruppe 47 etwa
(http://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_47)
Genau so etwas geht aber in die Richtung, die IMHO eigentlich
wünschenswert wäre, und die ich im Blog ja dauerhaft sichtbar so
formuliert habe: "Webkompetenz bedeutet ... die Hypertextualität des
Webs zu begreifen und durch eigene Webaktivität zu unterstützen."
Dieses Bewusstsein, im Rahmen eines Ganzen zu werkeln, ist finde ich
im Web-2.0-Zeitalter deutlich gewachsen. Die meisten Blogger verstehen
sich als Teil der "Blogosphäre", und in Techniken wie Pingbacks oder
Konventionen wie Blogrolls sehe ich eigentlich keine Schwarmgeist-
Mentalität, sondern äußerst sinnvolle Einrichtungen, die mithelfen,
das Web konsequenter zu vernetzen.

Wahrscheinlich muss man innerhalb dessen, was als Web 2.0 bezeichnet
wird, einfach wieder die übliche Unterscheidung treffen: es gibt
Leute, die die neuen Möglichkeiten bewusst nutzen, und es gibt leider
auch viele, die einfach nur noch mehr als früher sinnlos rumzappen und
sich toll fühlen, wenn sie hier und da banale Einzeiler hinterlassen,
so wie Hündchen ihren "Vorrat" beim Gassigehen auf diverse Stellen
verteilen.

> Maoismus bei Wikipedia, Rätetum bei PHP? LOL - mag schon teilweise so
> sein, aber ist ja nichts Schlimmes bzw. es sind Begriffe, die
> karikieren.

Wenn Lanier sie karikierend verwenden würde, hätte er aber sicher die
sprachlichen Mittel, um das deutlich zu machen. Bei ihm scheint es mir
aber eher so bierernst zu klingen wie die Untergangsphantasien eines
schwer Enttäuschten.

viele Grüße
Stefan Münz


King^Lully

unread,
Mar 2, 2007, 9:00:33 AM3/2/07
to Webkompetenz-Forum
"Was anderes ist es jedoch, wenn das spätere Ganze am Anfang noch gar
nicht so klar umressen ist oder erst durch den Entwicklungsprozess
entstehen soll. In diesem Fall ist es mit reiner Arbeitsverteilung
nicht getan. Von denen, die an der Errichtung des Ganzen mitarbeiten,
muss in diesem Fall ein _Bewusstsein_ für das Ganze erwartet werden."

Ein Bewusstsein gibt es in der Tat. Und es ist U.E. eher die blosse
Koexistenz als die gezielte Kooperation, die Spitzenleistungen
hervorbringt. Und zwar auch dann, wenn die Projekt- bzw. Prozessziele
nicht klar umrissen sind. Wie sind bspw. die Erfindung des
Vebrennungsmotors oder die Erfindung der Nuklearwaffen oder die
Erfindung des Strahltriebwerks anders zu erklären als durch
Einzelleistungen, die aber "in der Luft" lagen?
So hat bspw. eine gewisse Unzufriedenheit mit der Effizienz von
Dampfmaschinen die Idee mit dem Verbrennungsmotor entstehen lassen,
Ähnliches gilt für die Erfindung der Strahltriebwerke
(propellermaschinen zu langsam) und sicherlich auch für die
Nuklearwaffen (einfache Explosiv-Bomben schienen nicht mehr
ausreichend um bspw. Hitler oder die Japsen in den Griff zu bekommen,
dasselbe galt natürlich auch für die Achsenmächte (die allerdings
naturgemäss über eine ungünstigere Wissensinfrastruktur verfügten)).
Und dieses Kollektivbewusstsein bringt letztlich die Resultate - auch
wenn es oberflächlich betrachtet so aussieht, als ob Leute wie Diesel,
Whittle oder v.Ohain, Oppenheimer oder Teller "Eigenes" entwickelt
haben - ohne das ein Bewusstsein für das "Ganze" vorhanden ist. (Es
gibt das "Ganze" schlichtweg nicht. ;)
(An dieser Stelle könnte jetzt noch über Oppenheimers späteres
Verhalten und das Kipphardt-Stück polemisiert werden, aber der
geneigte verständige Leser wird ganz sicherlich bereits über genug
Phantasie verfügen wie diese Kritik aussehen könnte.
Denn: Hier ging es natürlich primär um die Laniersche Kritik und um
Kritik an Lanier. :)

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