Ich füge doch nochmal einen längeren Absatz aus o.g. Arbeit ein, der
genau DIE sozialgeschichtlichen Betrachtungen Sennets beschreibt, die
mich so beeindruckt haben:
Zitat aus
http://tombreit.de/university_files/Komm_Sennett-Verfall_und_Ende_des_oeffentl_Lebens_-_Thomas_Breitner_WS98-99.pdf
von Thomas Breitner
* Das 18. Jhdt: Weshalb „Öffentlichkeit“ funktionierte.
Im 18. Jhdt waren die private und die öffentliche Sphäre streng
getrennt, und beide zusammengenommen bildeten ein gewisses
Gleichgewicht. Sah man in der Familie das Ideal, die Ausprägung einer
transzendent aufgefaßten Naturordnung, so war die Öffentlichkeit ein
Raum, der, geprägt von Konvention und Künstlichkeit, dem Menschen die
Möglichkeit bot, mit Fremden in irgendeiner Form in Kontakt zu
kommen.
Um jenen Kontakt in letzter Instanz aber zu ermöglichen, mußten Regeln
für den Umgang mit dem Unbekannten aufgestellt werden. Hier ging man
davon aus, der Mensch auf der Straße gleiche in seiner
gesellschalftlichen Funktion dem Schauspieler auf der Bühne, er spiele
lediglich eine Rolle, anstatt sie, wie im 19. Jhdt zu verkörpern.
Wurde das Bild des „theatrum mundi“ z.B. in der Antike noch als
Metapher zur Umschreibung der Gesellschaft benutzt, so gelang man im
18. Jhdt zu der Überzeugung, es sei nun schlicht die Realität.
Diese Überzeugung manifestierte sich exemplarisch in der Funktion des
Körpers, der nun nur noch als Kleiderpuppe fungierte, die es zu
schmücken und auszustaffieren galt. Was wir an diesem Komplex heute
als „unpersönlich“ bezeichnen würden, stellte damals jedoch eine
tragfähige Grundlage für ein funktionierendes öffentliches Leben dar.
Eben jene Distanz zwischen dem Handelnden und seiner Handlung
ermöglichte ein freies, öffentliches Auftreten. Man sah in der
städtischen Geographie ein Regulativ, das den Gegensatz von Natur und
Kultur im Gleichgewicht hielt. Unter Natur subsumierte man den
privaten Bereich und verstand den Menschen als Naturwesen, als Tier.
Die Öffentlichkeit korrigierte diesen Mangel, sie „zivilisierte“ den
Menschen.(Sennett 1998, S. 125)
* Das 19. Jhdt: Ein neues Gesellschaftsbild zerstört die öffentliche
Sphäre.
Als gegen Ende des 18 Jhdts die Idee der Freiheit, der Individualität
als symbolische Kraft immer mehr an Bedeutung gewann, geriet die alte
Ordnung aus den Fugen. Denn wenn nun der Charakter des Individuums als
Grundlage von Gesellschaft diente und sich dieser Charakter
unwillkürlich und nicht kontrollierbar Ausdruck verschafft, dann muß
ein Aufritt in der Öffentlichkeit immer verbunden sein mit der Angst,
durchschaut zu werden.
Wurde bisher die Handlung vom Handelnden als abgelöst betrachtet, so
beginnt eine Psychologisierung in der Bewertung von Handlungen: Indem
man sein Augenmerk auf die Persönlichkeit des Handelnden richtet,
versucht man seine Integrität, seine Glaubhaftigkeit aus seinem
Erscheinungsbild zu bestimmen.
Geht man davon aus, einem Menschen schon anhand seines Äußeren seine
innersten Gefühle, seinen Charakter ablesen zu können, so kann man
auch allein durch die psychologische Einordnung seines Gegenübers
Rückschlüsse auf eventuelle Handlungen und Handlungsmotive ziehen.
Sennett umschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff des
„Immanenzprinzips“. (Sennett 1998, S. 296)
Das ist der gesellschaftliche Aspekt dieser Entwicklung, die andere
Konsequenz bezieht sich auf das Individuum selbst: Um eben jenes
„Durchschautwerden“ zu verhindern, muß der Einzelne versuchen, Gefühle
zu unterdrücken, muß sich in der Öffentlichkeit stumm verhalten um
keine Ansatzpunkte für eine Analyse seines Ich durch Dritte
offenzulegen.
Gerade dieses Phänomen ist es, welches die Öffentlichkeit nach
Sennetts Definition zerstört. Diese Entwicklung setzt gegen Ende des
18. Jhdts ein und wurde durch die Erschütterungen des
Industriekapitalismus im 19. Jhdt so verstärkt, daß sie in der
heutigen, aktuellen „Tyrannei der Intimität“ (Sennett 1998, S. 424)
mündet.
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Sennet schrieb sein Buch lange vor den Zeiten des Netzes. Wär ich
Soziologie-Studentin, würde ich "Sennet weiter denken" anhand der
aktuellen Entwicklungen - denn es ist ja offenkundig, dass die von ihm
aufgezeige "Terror der Intimität" noch viel schlimmer geworden ist.
Andrerseits gibt es aber auch gegenläufige Entwicklungen, die dem von
ihm sehr negativ bewerteten Rückzug in intime Nah-Gemeinschaften des
physischen Raums entgegen wirken.
Auch das INDIVIDUUM ist heute ein anderes als die seelendurchwirkte
Persönlichkeit des 19.Jahrhunderts, doch auch schon wieder anders als
das der 70ger-Jahre (Zeit ungebrochener Massenkommunikation).
Das "sich verbergen, um nicht durchschaut zu werden", ist einem "sich
zeigen, um bemerkt zu werden" gewichen - Körper und Kommunikation sind
Mittel der Selbstdarstellung, man ist nicht mehr schicksalshafter
Charakter, sondern das selbst zu kreierende Projekt / Kunstwerk, das
eines Publikums bedarf, um sich als "seiend" zu erleben.
Na, genug von der Leber weg philisophiert!
Beste Grüße
Claudia
www.claudia-klinger.de/digidiary