Wie unanständig ist die Preisgabe des Privaten denn wirklich?

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Stefan Münz

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Mar 8, 2009, 9:27:12 AM3/8/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo,

Angeregt durch http://oe1.orf.at/highlights/107662.html (Dank für Link
an Claudia Klingers Twitterstream) hatte ich folgenden Gedanken:

Der moderne, gutsituierte Mensch mit Einfamilienhaus pflegt ja im
Sommer bei schönem Wetter durchaus gerne draußen zu essen. Davon
bekommen andere nicht viel mit, denn gegessen wird natürlich im
Garten, und der geht nach hinten raus und ist außerdem mit dicken
Sichtschutzhecken umgeben. Die Anwesenden bei Tisch sind durchaus die
gleichen, die sich nach dem Essen wieder in ihre Zimmer zurückziehen,
ihre PCs anwerfen und der Welt vorzwitschern, dass die Salzkartoffeln
zu matschig gewesen seien, Oma so eklig gesabbert und der Herr des
Hauses wieder mal zu viele Gläschen Wein getrunken habe.

Und nun stelle man sich einem fröhlichen, extrovertierten Süditaliener
aus einem schnuckeligen, kleinen, noch sehr ursprünglichen Dorf vor,
wo man sonntags in den Gässchen vor den Häusern Tische aufstellt,
Insalata, Pane, Pasta und Vino genießt, mal kurz zu den Nachbarn und
Nachbarsnachbarn rübergeht und überall seine Schwätzchen hält. Auch
dort bekommt jeder mit, dass die Spaghetti von Mama Giulia heute
einfach nicht so richtig bissfest waren, dass Oma Anna-Maria ihr
Gebiss verlegt hat und deshalb Probleme mit dem Essen hatte, und dass
sich Ricardo leider bei jedem Schwätzchen ein Gläschen Vino hat
anschwätzen lassen.

Mein Gedanke bestand also darin, dass die Mitteilung des Persönlichen
immer schon etwas durchaus Normales gewesen ist, und dass es überhaupt
keine essentielle Verletzung der Persönlichkeit darstellt, wenn eine
Reihe anderer Menschen so einiges von einer Person mitbekommen. In
einer Welt jedoch, die alles Persönliche zu etwas Privatem gemacht
hat, das man gefälligst unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausleben
soll, ist das wachsende Bedürfnis, sich doch irgendwie mitzuteilen,
eigentlich völlig verständlich. Mit den Nachbarn kann man nicht mehr
reden, denn mit denen hat man ja die Konvention, dass jeder sein
Privatleben führt. Also sucht man sich die Leute, denen man sich
mitteilen kann, im Internet.

Nicht das Internet bzw. die neueren Entwicklungen im Web sind dafür
verantwortlich, dass sich Menschen massenweise exhibitionieren, die
ansonsten brav in ihren vier Wänden hausen. Es ist das ungesunde und
unnatürliche Ausmaß an Privatsphäre, mit dem viele Menschen leben
müssen, obwohl sie eigentlich (oft uneingestanden) ganz anders leben
würden. Erziehung und Gesellschaft drängen die Menschen in ihre
Schutzbunker und reden ihnen ein, dass ihre Persönlichkeit und ihre
Privatsphäre das Gleiche seien. "Halte alles geheim", wird ihnen
eingeredet, "denn alles, was irgendjemand über dich wissen könnte,
könnte gegen dich verwendet werden". "Na und?", denken sich diese
Menschen (oft ohne sich dessen bewusst zu sein), "meine Erfahrungen
damit sind andere". Und das sind keine dieser Prolo-Exhibitionisten
aus manchen Nachmittags-TV-Talkshows, es sind nicht Menschen aus
"bildungsfernen Schichten" oder so etwas. Es sind durchschnittliche
Menschen, die sich ohne großes Revolutionsbewusstsein einen Weg zurück
in einen sonnigen Sonntagmittag in einem süditalienischen, schmucken
Dörfchen bahnen.

viele Grüße
Stefan Münz

limone

unread,
Mar 8, 2009, 11:25:52 AM3/8/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo Stefan,

mag sein - aber die Privatsphäre ins öffentliche Internet zu tragen
ist IMHO der falsche Weg. Das wäre so, wie wenn man sich auf den
Marienplatz stellen würde und dort laut alles ausrufen, was man privat
gemacht hat.

Das von dir geschilderte kleine italienische Dörfchen ist ein in sich
geschlossenes System mit klaren Spielregeln. Jeder weiß genau, welche
Art Information er öffentlich mitteilen kann, ohne Nachteile zu
erleiden, weil es einen allgemeinen Verhaltenskodex gibt, in dessen
Rahmen z. B. auch gelegentliche Rotweingläser zuviel toleriert
werden.

Im Internet hingegen ist überhaupt nicht kontrollierbar, welchen Weg
eine einmal veröffentlichte Information nimmt und wie lange sie
öffentlich lesbar und vor allem durch Recherche auffindbar bleibt.

Um beim analogen Beispiel zu bleiben: das wäre so, wie wenn die
Nachbarin nach dem fröhlichen Gartenfest zum (nicht am Fest
beteiligten) Chef geht und ihm erzählt, wie man sich im Rotweinrausch
danebenbenommen hat. Das wäre höchstens in Ordnung, wenn der Chef zu
der fröhlichen Runde auch dazugehört und somit Teil des "Spiels" ist.

Die Lösung des Problems sollte daher IMHO eher sein, die Qualität der
"analogen" Kommunikation wieder zu verbessern, damit es nicht nötig
ist, in "ungeschützte" öffentliche virtuelle Räume auszuweichen.

Gruß
limone

Jörg Kantel

unread,
Mar 8, 2009, 11:44:06 AM3/8/09
to webkom...@googlegroups.com
Hallo Stefan,

die Preisgab des Privaten ist solange nicht unanständig, solange
<b>ich</b> die Kontrolle darüber habe, was und wieviel ich an wen
preisgebe. Das heißt: Ich möchte -- aus guten Gründen -- meine
Kontodaten <b>nur</b> bei meiner Bank aufgehoben sehen und nicht in
den Dateien vieler mehr- oder weniger seriöser Online-Händler und
Spam-Mai-Versender.

Und ich möchte die Daten, die ich bei MySpace oder Yahoo! (Flickr)
eingegeben habe, auch nur dort wissen.

Und vor allem möchte ich nicht, daß diese Daten dann von Dritten in
allen möglichen Varianten (re-) kombiniert werden und das daraus ein
Persönlichkeitsprofil gestrickt wird.

Also: Die Dateinpreisgabe an sich ist nicht unanständig. Nur das, was
andere daraus machen wollen (z.B. unser Innenminister) und was mit
Data-Mining-Methoden daraus auch schon gemacht wird.

Liebe Grüße
J"org

--
Jörg Kantel ist der Schockwellenreiter <http://www.schockwellenreiter.de/>

Sky

unread,
Mar 8, 2009, 12:08:30 PM3/8/09
to Webkompetenz-Forum
Das was Du hier thematisierst ist das bürgerliche (deutsche)
Verhalten.
In der Adenauerzeit war man bemüht sein Privatleben mit einer
Akzeptanzschicht zu umgeben, mit dem so genannten Schein. Man trug
auswärts die Krawatte, gab sich bieder-bürgerlich und hielt seine
privaten Probleme bestmöglich zurück, wollte tapfer und erfolgreich
erscheinen, auch wenn es eher mau aussah.
Die Linken ab 1968 haben dieses an und für sich natürliche Verhalten
"entlarvt" und in der Folge wurde auf den o.g. Schein verzichtet und
stattdessen mehr auf Anonymität gesetzt. Wer kennt sie nicht, diese
Leute, die man jahrelang kennt und mit denen man zusammen arbeitet,
über die man aber fast gar nichts weiss? (Irgendwann hört man dann
vielleicht noch en passant "Der ist weg (aus der Firma X), hatte ein
Gestüt, Rennsport, hat sich verspekuliert, war nicht mehr tragbar.",
LOL.)
Das, was Du feststellst, ist ein Zurückpendeln in ein vernünftiges
Gleichgewicht. Das ist gut so.
Überhaupt ist das Internet ein Stabilisator und Optimierer der
gesellschaftlichen Verhältnisse.


On 8 Mrz., 14:27, Stefan Münz <stefan.mu...@googlemail.com> wrote:
> Hallo,
>
> Angeregt durchhttp://oe1.orf.at/highlights/107662.html(Dank für Link

Stefan Münz

unread,
Mar 8, 2009, 5:21:23 PM3/8/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo Jörg,

> die Preisgab des Privaten ist solange nicht unanständig, solange
> <b>ich</b> die Kontrolle darüber habe, was und wieviel ich an wen
> preisgebe.

Das ist eigentlich auch die Definition, die ich diesbezüglich für
wünschenswert halte. Ich glaube aber, die meisten Normal-User denken
gar nicht so weit. Wenn die bei einem Social Network ein Profil
einrichten und munter Messages schreiben, dann _erwarten_ sie
schlichtweg, dass diese Daten in den Grenzen des Networks verbleiben,
und dass als privat gekennzeichnete Message wirklich nur an die
definierten Adressaten gehen. OK, vom Schäuble haben sicher die
meisten schon gehört, aber da denken sie dann "ich bin ja nur ein ganz
normaler Typ, der Schäuble kann gerne mitlesen, was ich so alles
produziere, wünsche ihm viel Spaß dabei. Wegen der paar Kröten, die
ich mit Nebenbei-Proggen am Finanzamt vorbei verdient hab, wird er
schon nicht verraten wollen, dass er mich ausspioniert hat".

Die Kontrolle kann finde ich an ganz anderen Stellen außer Kontrolle
geraten. Da wurde etwa im SPIEGEL letzter Woche in der Titelstory
(siehe Thread "Vollzeitkuschelgruppen") von einer jungen Frau
berichtet, deren Verlobung geplatzt war. Nun wollte sie wahrheitsgemäß
ihren Status in Facebook von "verlobt" auf "Single" zurücksetzen.
Jedoch wollte sie, dass zunächst nur nur ihre engsten Freunde von der
Änderung erfahren, nicht alle ihre Facebook-Kontakte. Die
Einstellmöglichkeiten ermöglichten solche Dinge sogar. Allerdings
scheinen diese Einstelloptionen ziemlich komplex zu sein. Die Frau
hatte fast alles richtig eingestellt, bis auf einen Schalter, den sie
übersehen hatte. Und so wurde die Statusänderung von "verlobt" auf
"Single" doch für alle Kontakte sichtbar. Die Frau hat angeblich sogar
eine Studienarbeit über Facebook geschrieben und man sollte davon
ausgehen, dass sie sich bei den Einstellmöglichkeiten gut auskennt.
Natürlich kann man jetzt sagen: "die soll nicht so rumzicken, entweder
lügt sie und gibt sich weiter als verlobt aus, oder sie steht dazu,
wieder Single zu sein". Aber Software kann nun mal nicht alle
entstehenden Befindlichkeiten von Nutzern abdecken. Oder, noch
schlimmer, sie versucht es, und wird dadurch so komplex, dass die
Nutzer genau in diesem sensiblen Bereich Fehler machen.

viele Grüße
Stefan Münz

ClaudiaK

unread,
Mar 9, 2009, 5:52:46 PM3/9/09
to Webkompetenz-Forum


Ich möchte allen, die sich für das Thema interessieren, das Buch von
Sennet

* "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der
Intimität

wirklich SEHR empfehlen!!

Bevor ich das las, hab ich auch so diskutiert, wie es grade hier im
Thread mit dem Austausch der üblichen Ansichten zum "sich zeigen im
Netz" wieder einmal statt findet.

Ich sag Euch, wir kratzen nur an der äußersten Oberfläche des
Spannungsfelds Öffentlich/Privat - verglichen mit den tief schürfenden
Herleitungen und Aspekten, die Sennet bringt!

Eine ausführliche Zusammenfassung des Inhalts fand ich hier:

http://tombreit.de/university_files/Komm_Sennett-Verfall_und_Ende_des_oeffentl_Lebens_-_Thomas_Breitner_WS98-99.pdf

Der Themenraum ist bei Sennet sehr viel breiter angelegt, als wir das
jetzt in der Regel diskutieren. Speziell die Verwandlung des
Verhältnisses zu Politikern (die man heute vornehmlich mit Kategorien
aus der Psychologie beurteilt und NICHT MEHR anhand ihrer Handlungen)
und die Entwicklung des Künstler- und Starkults sieht Sennet ebenfalls
im Kontext des Wandels im Verhältnis privat/öffentlich.

Sehr spannend alles, und im Original echt besser zu lesen als in
obiger Nacherzählung - aber ich schaff es bisher nicht, mal ne
ordentliche Rezension zu schreiben!

Beste Grüße

Claudia
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ClaudiaK

unread,
Mar 9, 2009, 6:22:44 PM3/9/09
to Webkompetenz-Forum
Ich füge doch nochmal einen längeren Absatz aus o.g. Arbeit ein, der
genau DIE sozialgeschichtlichen Betrachtungen Sennets beschreibt, die
mich so beeindruckt haben:

Zitat aus
http://tombreit.de/university_files/Komm_Sennett-Verfall_und_Ende_des_oeffentl_Lebens_-_Thomas_Breitner_WS98-99.pdf
von Thomas Breitner

* Das 18. Jhdt: Weshalb „Öffentlichkeit“ funktionierte.

Im 18. Jhdt waren die private und die öffentliche Sphäre streng
getrennt, und beide zusammengenommen bildeten ein gewisses
Gleichgewicht. Sah man in der Familie das Ideal, die Ausprägung einer
transzendent aufgefaßten Naturordnung, so war die Öffentlichkeit ein
Raum, der, geprägt von Konvention und Künstlichkeit, dem Menschen die
Möglichkeit bot, mit Fremden in irgendeiner Form in Kontakt zu
kommen.
Um jenen Kontakt in letzter Instanz aber zu ermöglichen, mußten Regeln
für den Umgang mit dem Unbekannten aufgestellt werden. Hier ging man
davon aus, der Mensch auf der Straße gleiche in seiner
gesellschalftlichen Funktion dem Schauspieler auf der Bühne, er spiele
lediglich eine Rolle, anstatt sie, wie im 19. Jhdt zu verkörpern.
Wurde das Bild des „theatrum mundi“ z.B. in der Antike noch als
Metapher zur Umschreibung der Gesellschaft benutzt, so gelang man im
18. Jhdt zu der Überzeugung, es sei nun schlicht die Realität.
Diese Überzeugung manifestierte sich exemplarisch in der Funktion des
Körpers, der nun nur noch als Kleiderpuppe fungierte, die es zu
schmücken und auszustaffieren galt. Was wir an diesem Komplex heute
als „unpersönlich“ bezeichnen würden, stellte damals jedoch eine
tragfähige Grundlage für ein funktionierendes öffentliches Leben dar.
Eben jene Distanz zwischen dem Handelnden und seiner Handlung
ermöglichte ein freies, öffentliches Auftreten. Man sah in der
städtischen Geographie ein Regulativ, das den Gegensatz von Natur und
Kultur im Gleichgewicht hielt. Unter Natur subsumierte man den
privaten Bereich und verstand den Menschen als Naturwesen, als Tier.
Die Öffentlichkeit korrigierte diesen Mangel, sie „zivilisierte“ den
Menschen.(Sennett 1998, S. 125)

* Das 19. Jhdt: Ein neues Gesellschaftsbild zerstört die öffentliche
Sphäre.

Als gegen Ende des 18 Jhdts die Idee der Freiheit, der Individualität
als symbolische Kraft immer mehr an Bedeutung gewann, geriet die alte
Ordnung aus den Fugen. Denn wenn nun der Charakter des Individuums als
Grundlage von Gesellschaft diente und sich dieser Charakter
unwillkürlich und nicht kontrollierbar Ausdruck verschafft, dann muß
ein Aufritt in der Öffentlichkeit immer verbunden sein mit der Angst,
durchschaut zu werden.
Wurde bisher die Handlung vom Handelnden als abgelöst betrachtet, so
beginnt eine Psychologisierung in der Bewertung von Handlungen: Indem
man sein Augenmerk auf die Persönlichkeit des Handelnden richtet,
versucht man seine Integrität, seine Glaubhaftigkeit aus seinem
Erscheinungsbild zu bestimmen.
Geht man davon aus, einem Menschen schon anhand seines Äußeren seine
innersten Gefühle, seinen Charakter ablesen zu können, so kann man
auch allein durch die psychologische Einordnung seines Gegenübers
Rückschlüsse auf eventuelle Handlungen und Handlungsmotive ziehen.
Sennett umschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff des
„Immanenzprinzips“. (Sennett 1998, S. 296)
Das ist der gesellschaftliche Aspekt dieser Entwicklung, die andere
Konsequenz bezieht sich auf das Individuum selbst: Um eben jenes
„Durchschautwerden“ zu verhindern, muß der Einzelne versuchen, Gefühle
zu unterdrücken, muß sich in der Öffentlichkeit stumm verhalten um
keine Ansatzpunkte für eine Analyse seines Ich durch Dritte
offenzulegen.
Gerade dieses Phänomen ist es, welches die Öffentlichkeit nach
Sennetts Definition zerstört. Diese Entwicklung setzt gegen Ende des
18. Jhdts ein und wurde durch die Erschütterungen des
Industriekapitalismus im 19. Jhdt so verstärkt, daß sie in der
heutigen, aktuellen „Tyrannei der Intimität“ (Sennett 1998, S. 424)
mündet.

- - - -

Sennet schrieb sein Buch lange vor den Zeiten des Netzes. Wär ich
Soziologie-Studentin, würde ich "Sennet weiter denken" anhand der
aktuellen Entwicklungen - denn es ist ja offenkundig, dass die von ihm
aufgezeige "Terror der Intimität" noch viel schlimmer geworden ist.
Andrerseits gibt es aber auch gegenläufige Entwicklungen, die dem von
ihm sehr negativ bewerteten Rückzug in intime Nah-Gemeinschaften des
physischen Raums entgegen wirken.

Auch das INDIVIDUUM ist heute ein anderes als die seelendurchwirkte
Persönlichkeit des 19.Jahrhunderts, doch auch schon wieder anders als
das der 70ger-Jahre (Zeit ungebrochener Massenkommunikation).

Das "sich verbergen, um nicht durchschaut zu werden", ist einem "sich
zeigen, um bemerkt zu werden" gewichen - Körper und Kommunikation sind
Mittel der Selbstdarstellung, man ist nicht mehr schicksalshafter
Charakter, sondern das selbst zu kreierende Projekt / Kunstwerk, das
eines Publikums bedarf, um sich als "seiend" zu erleben.

Na, genug von der Leber weg philisophiert!

Beste Grüße

Claudia

www.claudia-klinger.de/digidiary

Swen Wacker

unread,
Mar 10, 2009, 5:30:48 AM3/10/09
to webkom...@googlegroups.com
Hallo,
 
On 09/03/2009, ClaudiaK <bu...@claudia-klinger.de> wrote:

Auch das INDIVIDUUM ist heute ein anderes als die seelendurchwirkte
Persönlichkeit des 19.Jahrhunderts, doch auch schon wieder anders als
das der 70ger-Jahre (Zeit ungebrochener Massenkommunikation).
 
Bei der Auseinandersetzung mit Norbert Elias habe ich mal gelernt (und verinnerlicht), dass Individuum und Gesellschaft nicht getrennt (als "Teil" hier und "Ganzes" dort) betrachtet werden sollten sondern ineinander verwoben sind. Und dass Dinge, die den Menschen (momentan) "gefährlich" werden könnten, quasi hinter den Vorhang der Gesellschaft geschoben werden, indem sie mit Scham und Peinlichkeitsgefühlen belegt werden (Spucken, Furzen, Sexualität, Sterben, Intimität). Und da sich solche Betrachtungsweisen im Laufe der Zeit ändern können, ist das hier vielleicht ein völlig normaler Prozess:
 
Das "sich verbergen, um nicht durchschaut zu werden", ist einem "sich
zeigen, um bemerkt zu werden" gewichen - Körper und Kommunikation sind
Mittel der Selbstdarstellung, man ist nicht mehr schicksalshafter
Charakter, sondern das selbst zu kreierende Projekt / Kunstwerk, das
eines Publikums bedarf, um sich als "seiend" zu erleben.
 
Ich frag mich allerdings manchmal, ob wir da immer die richtige Motive erkennen. Denn eine "Flucht in die Öffentlichkeit" kann ja auch Ausdruck der Angst vor sich selbst sein: Weil ich es mit mir nicht aushalte, mich selbst aus bedeutungslos erlebe, nicht mit meine Persönlichkeitsbildung fertig bin, dann fühle ich mich vielleicht gezwungen, Bestätigung viel einfacher durch Publikum zu erheischen. Eine Freundin, in der offenen Jugendarbeit in einem sozial schwierigen Stadtteil aktiv, deutete das neulich so. Die Jugendlichen, so ihr Eindruck, könnten nicht allein sein, seien in der Clique dann aber keine Akteure in einer Gruppe, interagieren also nicht sondern sind schlicht: gemeinsam einsam.
Na ja, hab ich da gedacht, dann gilt das auch anders herum. Wer vor dem Bildschirm sitzt und ICQt, muss deshalb noch lange nicht einsam sein; sondern hat vielleicht einfach nur einen weiteren Weg gefunden, Gemeinsamkeit mit anderen ausdrücken zu können.
 
Gruß

Swen

Stefan Münz

unread,
Mar 10, 2009, 3:40:11 PM3/10/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo Claudia,

danke für den Link zu dem Kommentar zu Sennett. Irgendwie lustig:
während das Volk der Kurznachrichten frönt, benötigt ein
Wissenschaftler sogar für einen einfachen Kommentar mehrere A4-Seiten,
mehrere Überschriftenebenen und ein Inhaltsverzeichnis ;-)

Den Wandel von der sozial zur psychologisch geprägten
Umweltwahrnehmung habe ich Anfang der 80er durchaus selber
wahrgenommen und mich damit auseinander gesetzt. Damals hatte ich
Briefkontakt zu einer ehemaligen Mitschülerin, die in Berlin studierte
und der Ansicht war, dass man da hin müsse, weil Berlin die einzige
wirlich noch politisierte Stadt Deutschlands sei. Ja, antwortete ich,
da fliegen noch Pflastersteine in den Straßen bei jeder Gelegenheit.
In München, wo ich selber studierte, so antwortete ich, lebt es sich
anders, das ist die nördlichste Stadt Italiens, da hockt das Volk
inklusive der Unterdrückten lieber im Biergarten, beobachtet, sinniert
und genießt. Die Psychologisierung ging mir aber auch teilweise
ziemlich auf die Nerven. Wenn ich mich mit mancher hübschen
Kommilitonin mal abends traf, war das meistens kein "Date", sondern
eher ein tiefenpsychologischer Diskurs, begleitet von griechischen
Vorspeisetellern im Lyra oder Schinkennudeln im Ansbacher Schlössl. Es
war kein Zufall, dass sich, während Berlin stolz war auf seine langen
Kreuzberger Nächte voll bierdunstig-sozialistischem Wirgefühl, München
mit etwas bis dahin völlig Neuartigem aufwartete: da gingen die Leute
mitten in der Stadt in den Park, zogen sich splitternackt aus und
räkelten sich auf diese Weise ohne jedes Schamgefühl für ein Heer von
Gaffern, das sich dicht auf den Wegen tummelte, angeheizt vom Dauer-
Bongo-Getrommel angekiffter Monopteros-Jünger.

Ja, die Phase der intensiven Psychologisierung habe ich miterlebt. Und
eigentlich sah ich im heraufziehenden Web der 90er Jahre eher eine Art
Rückbesinnung auf soziale Tugenden wie das Teilen von Information mit
anderen oder die Möglichkeit, sich ohne die früheren medialen Grenzen
zu Interessensgemeinschaften zu organisieren. Heute bin ich da
unsicher, was eine Bewertung betrifft: die Tendenz der
Zurschaustellung des Privaten ist der eine Teil der Wirklichkeit im
Web. Kollaborative Großprojekte wie Wikipedia verkörpern die andere
Seite.

Um auf Sennett zurück zu kommen: auf den ersten Blick interessant
finde ich da vor allem die historischen Betrachtungen, nämlich den
Wandel des Öffentlichkeitsbegriffs vom 18. zum 19. Jahrhundert. Sollte
ich wirklich mal lesen.

viele Grüße
Stefan Münz
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