Thomas Hochstein wrote:
> Lars Gebauer schrieb:
>
>> * Thomas Hochstein:
>>> Es ist doch ganz einfach: was mir gefällt, darf ich verlinken, nicht
>>> aber nehmen und selbst veröffentlichen. Ansonsten muß ich fragen. Ein
>>> ganz einfaches und durchaus faires Prinzip.
>>
>> Das magst Du ja so sehen.
>
> Das tue ich - und die Rechtsordnung tut es mit gutem Grund auch.
Dagegen ist - im Prinzip - ja auch nichts einzuwenden. Wobei Du nicht
unterschlagen solltest, dass Rechtsordnungen nicht in Stein gemeißelt sind und
speziell das Konzept des "geistigen Eigentums" keinesfalls so unumstritten ist
wie du das gerade hinzustellen versuchst.
>> Aber wie die von Dir und anderen gebrachten Beispiele zeigen stößt die
>> Akzeptanz dieses Prinzips zunehmend an ihre Grenzen.
>
> Ja, ich weiß. Seitdem es Supermärkte mit frei aufgestellten Waren gibt
> und nicht mehr Tante Emma das gewünschte über die Theke reicht, ist
> Ladendiebstahl ein echtes Massenphänomen geworden. Same thing. Die
> Publikationen aus den Anfangszeiten dieser wirtschaftlichen
> Entwicklung lesen sich aus heutiger Zeit BTW sehr interessant.
Lustigerweise war es vor 30 Jahren allerdings nicht unüblich, einem 14-
jährigen, den man erwischt hat vielleicht ein paar Watsch'n zu verabreichen
oder ihn von zwei Grünen heimbringen zu lassen. Wovon man damals, wie heute,
absieht ist, aus einem geklauten Lolli einen Lastwagen voller Lollis zu machen
und Phantasiesummen (ob diese jetzt via Anwaltskosten oder anders anfallen
macht im Endeffekt keinen Unterschied) einzufordern.
Ebenfalls kann ich mich nicht entsinnen, dass Supermarktbetreiber jemals
ernsthaft gefordert haben, dass man sich beim Eintritt in den Laden (oder
besser, beim Verlassen der eigenen Räume) mit einem roten Wimpel, anhand
welchem man auch noch sechs Monate später nachvollziehen kann, wer wann und
wie lange an welchem Regal stand, zu schmücken habe.
>> Jetzt kann man sich natürlich über die bösen Rechtsverletzer beschweren
>> aber ein Gesetz, welches nicht auf eine breite Akzeptanz in der
>> Bevölkerung stößt, ist nunmal ganz schlicht und simpel ein schlechtes
>> Gesetz.
>
> Zum einen sagt die "Akzeptanz eines Gesetzes in der Bevölkerung"
> nichts über dessen Güte aus; zum anderen ist diese Akzeptanz schwer
> valide zu messen und bisher jedenfalls noch nicht geprüft worden -
> massenhafte Verstöße sind nämlich in keiner Weise ein Beleg dafür, daß
> die Norm an sich nicht akzeptiert wird. Oft belegen sie nur, wie gerne
> mit zweierlei Maß gemessen wird.
Leider gibt es auch für Deine Interpretation keine harten Fakten, welche sie
unterstützen würden.
Was allerdings auffällt - der Vergleich zwischen Ladendiebstahl und
Urheberrechtsverstößen hinkt nicht nur aufgrund der oben gebrachten Gründe.
"Immaterielle Güter" zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie im engeren
Sinn nicht "verbraucht" werden. Kopiere ich mir einen Film, dann ist hierdurch
erst mal kein unmittelbarer Schaden entstanden (bzw. um diesen zu konstruieren
müsste es Gründe für die Annahme geben, ich hätte mir den Film, so ich ihn
nicht im Netz hätte kopieren können, gekauft.)
Es kommt noch bunter - ich könnte Dir eine Reihe von Titeln nennen, die ich
mir kurz nach Veröffentlichung in relativ mieser Qualität downgeloadet habe
und mir die DVDs sobald sie auf dem Markt waren gekauft habe. Und ich kann Dir
aus meinem Bekanntenkreis etliche Leute mit 5TB "kopierten" Medien auf Platte
und 500 DVDs und CDs im Wohnzimmerschrank nennen. Last not least, eigentlich
alle Untersuchungen hierzu der letzten Jahre haben gezeigt, dass mein
Bekanntenkreis und ich hier keinesfalls eine Randerscheinung sind.
Kannst Du mir jetzt bitte in kurzen, auch für jemanden wie mich verständlichen
Sätzen schildern, welcher Schaden dem Rechteinhaber durch meinen Verstoß gegen
seine Rechte erlitten haben soll?
>> Es gehört dringend reformiert. Eine Verschärfung erhöht die
>> Akzeptanz nicht. Im Gegenteil.
>
> Ich stimme Dir zu, daß eine Erlaubnis, Werke beliebig zu kopieren,
> ebenso mehrheitsfähig sein wird wie eine Regelung, künftig Konzerte
> und Kinovorstellungen kostenlos besuchen zu dürfen. Allerdings nur, so
> lange man die Frage so isoliert stellt.
Es ist ebenfalls unschwer zu erkennen, dass Du offenbar Probleme mit dem
Konzept der Abstufung hast. Niemand möchte das Urheberrecht pauschal
abschaffen.
Nur stellt sich die Situation zumindest für mich im Moment eher so dar, dass
die Verwertungsmaf^H^H^Hindustrie
- für Verstöße Phantasiesummen ansetzt, und via die Anwaltsgebühren massive
Schäden auf der Gegenseite anrichtet.
- abstruse Forderungen nach Netzsperren, Nutzerüberwachung etc. aufstellt, die
in keiner wie auch immer gearteten Relation zur wirtschaftlichen Bedeutung des
"Industriezweigs" stehen.
- ein offensichtlich in der Form kaum zukunftsfähiges Geschäftsmodell (das
sind Daten. Daten kann man kopieren. Immer. Da hilft auch Warnke nix.) auf
Kosten der Allgemeinheit (die Kollateralschäden aus dem vorigen Punkt sind imo
exorbitant) am Leben erhalten wollen.
- sogar wenn ich mir eine DVD *GEKAUFT* habe darf ich diese eigentlich nicht
rippen, auf den Medienserver legen, so umcodieren, dass ich sie auch auf
meinem PDA schauen kann. Das ist eigentlich eine derart unglaubliche
Frechheit, dass mir die Worte fehlen.
Hier den Herrschaften zu sagen, nee, rote Wimpeln im öffentlichen Raum sind
nicht, wenn der kleine Fritz euer tolles Bild auf seiner Homepage verwendet
dann darf ihn das zunächst auch nicht mehr "kosten" als ein Lolli im
Supermarkt etc. scheint mir durchaus nicht unangemessen.
Last not least, das Ganze ist natürlich immer eine relativ willkürliche (im
Sinn von "nicht durch Naturgesetze vorgegebene") Abwägung verschiedener
Interessen. Nun hat die Rechteindustrie aber in den letzten 10a massiver
Verschärfungen in das hiesige Urheberrecht hineingelobby't. Das Gleichgewicht
hat sich also in den letzten Jahren stark in eine "Richtung" verschoben. Hier
die Frage zu stellen, ob die jetzige Konstellation unkritisch zu akzeptieren
ist dünkt mir alles andere als vermessen.
--
Fuck, fuck, fuck a duck, screw a kangaroo.
69 a porcupine, orgy at the zoo.