Am Fri, 17 May 2013 18:10:58 +0200 schrieb Klaus Roggendorf:
>> Ja, irgendwann... oder auch nicht.
>
> Das eigentliche Dilemma
Hier geht es aber nicht um das eigentliche Dilemma, sondern um die
gegenwärtige Krise der Psychiatrie.
Inzwischen hat sich die Pharmawirtschaft weitgehend aus der
Psychopharmakaforschung zurückgezogen. Die Begründung: Die psychiatrische
Forschung ist nicht in der Lage, Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer
Psychopharmaka zu benennen, die einen eigenständigen, innovativen
Wirkmechanismus und daher eine Chance auf Zulassung besitzen. Aus diesem
Grund wendet sich die Pharmaindustrie Forschungsfeldern mit besseren
ökonomischen Erfolgsaussichten zu.
Unlängst verkündete der Direktor des National Institute of Mental Health,
Thomas Insel, dass das DSM nicht valide sei und dass dieses
Forschungszentrum nur noch Forschungsvorhaben unterstützen werde, die
nicht auf dem DSM beruhen. Insel plädiert dafür, an die Stelle eines
Klassifikationssystems, das auf dem Konsens über Symptome beruht, ein
Ordnungsschema treten zu lassen, dass auf neurophysiologischen und
genetischen Daten fußt. Er muss aber einräumen, dass es diese Daten trotz
jahrzehntelanger Forschung mit modernen Methoden (Computertomographie u.
ä.) zur Zeit noch nicht gibt.
Vor ein paar Tagen plädierte die "Division of Clinical Psychology" der
"British Psychological Society" dafür, das medizinische Modell in der
Diagnostik psychischer Störungen fallen zu lassen; der Krankheitsbegriff
sei hier unangemessen. Die "Division beklagte, wie Insel, die mangelnde
Validität der Diagnosen, führt diese aber, anders als Insel, darauf
zurück, dass soziale und ökonomische Faktoren unzulänglich berücksichtigt
würden.
Die neueste Version des DSM, das DSM-5 steht kurz vor der
Veröffentlichung. Noch nie hat ein psychiatrisches Diagnoseschema so viel
Widerstand erfahren wie diese Version. Auch viele Psychiater halten es
für unzulänglich und würden am liebsten die vorherige Fassung
beibehalten. Die Reliabilität dieser Version ist deutlich schlechter als
die aller Vorgängerversionen. Die Validität ist, wie bereits von Insel
und den Briten konstatiert, gar nicht gegeben. Dem DSM-5 wird
vorgeworfen, dass es die Zahl der so genannten psychischen Krankheiten
inflationär ausweite. Wortführer der Kritik ist ein Psychiater, der
federführend für die Vorgänger-Version verantwortlich war: Allen Frances.
Psychiatriekritik ist heute keine Geisteshaltung von Minderheiten mehr;
Mainstream-Psychiater klingen heute vielfach so, als wären sie zu
Anhängern von Thomas Szasz mutiert. Manche meine, die Zunft sei
zerstritten, weil der Kitt, der sie bisher zusammenhielt, nicht mehr
vorhanden sei. Mit dem Kitt ist natürlich das Geld gemeint, dass nun
nicht mehr zu großzügig aus den Quellen der Pharmawirtschaft fließt.
Wenn dies auch ein Faktor sein mag, so ist er nicht der einzige,
vielleicht auch nicht der entscheidende. Die biologische Psychiatrie hat
sich, natürlich auch mit viel Geld von Big Pharma, gegenüber anderen
Ansätzen brachial durchgesetzt - aber sie hat ein Potemkinsches Dorf
aufgebaut. Nachdem Kritiker über Jahre darauf hingewiesen haben, dass
sich hinter den Fassaden keine Substanz befindet, haben sich nun auch
Persönlichkeiten und Institutionen des Mainstreams diesem Urteil
angeschlossen. Der Schwindel ist aufgeflogen. Es gibt keinen Weg zurück
mehr. Man kann das Fiasko vielleicht für eine Weile noch mit
Marketingmethoden übertünchen, aber über kurz oder lang ist Schluss mit
lustig.
Es bewahrheitet sich wieder einmal die alte Erkenntnis, dass man zwar
einige Leute eine gewisse Zeit zum Narren halten kann, aber nicht alle
Leute auf Dauer.
Links dazu:
http://goo.gl/jUwZC
http://goo.gl/2iX1N
http://goo.gl/awt5K
http://goo.gl/FGJns
http://goo.gl/rlXQW
http://goo.gl/P34Wc
MfG
Hans