Der Psychologe Peter Kinderman (Professor für Klinische Psychologie an
der "University of Liverpool") hat einen interessanten Artikel zur
gegenwärtigen Krise der psychiatrischen Diagnostik geschrieben:
http://dxsummit.org/archives/197
Auszug:
"In my opinion, we need a wholesale revision of the way we think about
psychological distress. We should start by acknowledging that such
distress is a normal, not abnormal, part of human life – we respond to
difficult circumstances by becoming distressed. That does mean that
there’s a problem to be solved, and a demand for help and assistance, but
it doesn’t mean there’s a necessary pathology. We should also acknowledge
that all human emotions, behaviours and thoughts depend on our brains –
and our brains are of course biochemical engines ultimately dependent on
our genetic inheritance. But that simply doesn’t mean that differences
between us depend on biological differences; in fact it’s much more
likely that individual differences owe more to circumstances than biology.
For example, there’s very strong evidence that psychosocial factors such
as poverty, unemployment and trauma are significant causes of
psychological distress although, of course, genetic and developmental
factors may influence how we react to these kinds of challenges. And
finally, we should recognize that there is no easy ‘cut-off’ between
‘normal’ experience and ‘disorder’."
Die sich zuspitzende Krise der psychiatrischen Diagnostik hat
weitreichende Folgen. Es kann mit vernünftigen Argumenten nicht mehr
bestritten werden, dass der, als geschlichtet betrachtete, Streit
zwischen Psychiatrie und Klinischer Psychologie in Wirklichkeit nur für
ein paar Jahrzehnte mehr schlecht als recht unter den Teppich gekehrt
wurde. Dieser nun wieder offen aufflammende Konflikt beruht auf dem
offensichtlichen Gegensatz zwischen dem medizinischen Krankheitsmodell
der Psychiatrie und dem sozialwissenschaftlichen Modell seelischen
Leidens der Klinischen Psychologie.
Dabei verläuft heute die Front nicht mehr strikt zwischen biologischen
Kausalmodellen auf der einen und psychosozialen Erklärungsmustern auf der
anderen Seite, da sich inzwischen beide Lager auf ein multikausales
Erklärungsmodell berufen, das u. a. biologische, soziale, psychische und
ökonomische Faktoren einschließt. Der Zankapfel ist heute vielmehr der
Begriff der Krankheit, das "Disease-Construct" der Psychiatrie.
Eine beständig wachsende Zahl von Psychologen begreift, dass es eben
nicht egal ist, ob man von psychischen Krankheiten oder von psychischen
Störungen spricht. Es ist vielmehr offensichtlich so, dass es aus
psychologischer Sicht absolut unannehmbar ist, seelisches Leiden, soziale
Konflikte, individuelle Anpassungsprobleme aus der Krankheits-/Störungs-
Perspektive, also unter pathologischen Gesichtspunkten zu betrachten.
Der Mensch ist kein Gehirn-Psyche-System, das seiner Umwelt wie ein
Objekt gegenübersteht und dass auf diese Umwelt gestört reagiert, wenn
das Gehirn-Psyche-System defekt ist (im Sinne einer Pathologie oder einer
krankheitswertigen Störung). Der Mensch ist in der Welt. Und in der Welt
sind auch all jene Phänomene, die wir mit seelischem Leiden, sozialen
Konflikten und individuellen Anpassungsproblemen in Verbindung bringen.
In der Welt sind Gehirn und Psyche, sozio-ökonomische Systeme, kulturelle
Imperative etc. Die pathologische, individualisierende Sichtweise reißt
diese Einheit unzulässigerweise auseinander.
MfG
Hans
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