Am 03.06.2013 20:40, schrieb HUG:
> Heute abend, nicht vergessen: Monika Anthes und Eric Beres ("Report
> Mainz") berichten heute Abend (3.6.2013), um 22.45 Uhr im ERSTEN zum Fall
> Mollath: "Die Story im Ersten: Der Fall Mollath - In den Fängen von
> Justiz, Politik und Psychiatrie".
---> Eine für mich persönlich sehr bewegende Dokumentation, bei der ich
mich wohl kaum von Ungefähr -- und im Verbund mit inzwischen vergangenen
wie auch gegenwärtigen anderen Affären -- an "italienische Verhältnisse"
erinnert sah.
Das unsagbare Skandalon der mafiosen Verquickung von Politik, Justiz,
Ökonomie und hier eben auch Psychiatrie kondensiert freilich im
Bewußtsein immer wieder nur an solchen extremen Einzelfällen (wenn sie
denn bekannt werden); ein Fehler in diesem System ist dabei allerdings
womöglich (und daran mag Otto Normalverbraucher nicht ganz unschuldig
sein in seiner beinahe schon perversen politisch-sozialen Indolenz), daß
die dahinterstehende *tagtägliche* unmoralische und tlw. auch kriminelle
Verfilzung entsprechener ges. Teilbereiche vor der Folie solch
tragischer und gemütsbewegender Einzelfälle wieder fast nur banal wirkt
... geht es am Ende wie im Märchen gerade noch mal gut für den armen
Gustl, beruhigt sich unter dem Eindruck des theaterreifen Finales die
Aufregung meist schnell wieder. -- Gerade darauf aber setzen die
Protagonisten im Hintergrund: also auf die gesellschaftliche Amnesie;
und daß sie dafür guten Grund haben, macht die hier im Vorbeitrag
evozierte Erinnerung an /Watergate/ deutlich, worauf in diesem
Zusammenhang kurz hingewiesen sei, auch wenn das nicht gerade
ur-bayrische Assoziationen weckt: Denn gleichen Tages wurde in /gods own
country/ begonnen, jenem Menschen /den Prozeß zu machen/ -- und es sind
sich nahezu alle kompetenten Beobachter einig, daß es ebenfalls kein
fairer sein wird! --, der aus moralischen Erwägungen heraus unsagbare
Verbrechen aufdecken wollte und dafür "militärischen Geheimnisverrat" in
Kauf nahm ... nun sitzen aber nicht die verantwortlichen Verbrecher und
ihre politischen Hintermänner und -frauen (was in diesem Fall zu
erwähnen nichts mit PoCo zu schaffen hat) auf der Anklagebank, sondern
jener, der sie ans Tageslicht brachte.
Was das mit Amnesie in gesellschaftlicher Dimension zu tun hat? -- Ganz
einfach: Hätte der /Watergate/-Skandal wirklich etwas bewegt, würden
heute wohl so Schwerverbrecher wie SchorschDabbelju, Rumsfeld,
Wolffowitz und Rice e.a. auf der Anklagebank hocken*** ... und in Bayern
hätte sich nach den diversen Strauss-Clan-Mafia- und/oder Amigo-Affären
usw. solche wie die eben erst im Parlament "bereinigte" und die mit
Gustl Mollath als Opfer gar nicht ereignen dürfen -- aber es ist wie es
ist: Es findet immer wieder eine gigantische kollektive Verdrängung
statt, und darauf wird in hiesigem Zusammenhang noch zurückzukommen sein.
***im Grunde genommen sogar in schwerst völker- und
menschenrechtsverletzenden Angelegenheiten vor einem *internationalen*
Strafgerichtshof
[...]
> Der indianische Schamane Juan Matus ist eine Erfindung des Ethnologen und
> Schriftstellers Carlos Castaneda. Der Autor berichtete in seinen
> Schriften, deren erste sogar als Dissertation akzeptiert wurde, von
> seinen Abenteuern mit Don Juan, der sein Lehrer wurde und ihn in den
> magischen Künsten ausbildete. Den vollen Nutzen kann der Leser als den
> Büchern Castanedas nur ziehen, wenn es ihm gelingt, seinen Montagepunkt
> zu verschieben und zwar derart, dass Juan Matus und seine Welt aufhören,
> eine Erfindung Castanedas zu sein.
>
> Der Mensch, lehrt Don Juan, ist von einer Energieblase umhüllt, die in
> der Tradition der Schamanenschule dieses Indianers als "Kokon" bezeichnet
> wird. Der wichtigste Bestandteil dieses Kokons, den man mit geübtem Blick
> auch als leuchtendes Ei wahrzunehmen vermag, ist der so genannte
> Montagepunkt, der in etwa so groß ist wie ein Tennisball. Das Universum
> besteht, laut Don Juan, aus einer schier unendlichen Fülle von
> Energiefäden, die sich ihrer selbst bewusst sind. Einen Teil dieser
> Energiefäden bündelt der Montagepunkt; daher kann der Mensch die Welt
> wahrnehmen. Bei den meisten Menschen sitzt der Montagepunkt an derselben
> Stelle, deshalb stimmen ihre Wahrnehmungen weitgehend überein. Der
> Montagepunkt kann sich verschieben; die Wahrnehmungen der davon
> betroffenen Individuen weichen dann von denen ihrer Mitmenschen ab, da
> der Montagepunkt nunmehr andere Energiefäden bündelt. Mitunter aber ist
> die Verschiebung auch kollektiv.
Es wird hier -- in diesem Beitrag -- weniger um die kollektive
Verschiebung von Montagepunkten gehen denn um, wie oben angedeutet, die
Mechanismen kollektiver Verdrängung. Dabei ist das keine konkurrierende,
sondern eine parallele Argumentation. Denn die beiden Sichtweisen
schließen sich m.E. keineswegs aus!
> Durch die Medienberichte über Watergate bzw. durch den Revisionsbericht
> der Bank im Falle Mollaths wurden die Montagepunkte vieler Menschen
> synchron verschoben, und so rieben sie sich die Augen und riefen: Typisch
> Banken, typisch CSU, typisch die Reichen schon wieder einmal! Manche
> riefen sogar: Da sieht man es schon wieder einmal: Typisch, ganz, ganz
> typisch Psychiatrie!
>
> Der Montagepunkt hat sich allerdings durch Watergate und Mollath nur
> geringfügig verschoben. Es ist keine fundamental neue Welt entstanden.
Eben! Das läßt sich mit kollektiver Verdrängung allerdings auch erklären.
> Die Menschen nehmen immer noch eine Welt wahr, in der es die Psychiatrie
> und Machenschaften hinter den Fassaden der Demokratie und des
> Rechtsstaats gibt. Nach wie vor werden Whistleblower psychiatrisiert, und
> daran wird sich vermutlich, zumindest mittelfristig, nichts ändern. Aber
> einige Zeitgenossen sind skeptisch geworden. Das ist immerhin ein kleiner
> Erfolg.
Man kann sich immer wieder mal an den Erfolgen öffentlicher Anteilnahme
freuen, die sich durch mediale Aufmerksamkeitsweckung einstellen ... der
hiesige Beitrag sieht das allerdings eher als temporäre Erscheinung an
-- und führt dafür (und auch zum Behuf des Nachweises der sehr langen
Historizität des dahinterstehenden Grundmechanismus') gleich ein
gedoppeltes Beispiel an: Man findet das sehr schön dargestellt in: Fritz
Graf: /Gottesnähe und Schadenszauber. Die Magie in der
griechisch-römischen Antike/; München 1996. In Abschnitt 3: /Wie wird
man Zauberer? Die Aussensicht/ (S. 58 - 82) analysiert Graf die in der
Literatur berühmten Fälle des C. Furius Cresimus und des Apuleius; beide
waren angeklagt, zum Nachteil anderer Personen und zum Vorteil ihrer
selbst "gezaubert" und damit Schaden angerichtet zu haben. Und in beiden
Fällen waren die Angeklagten gesellschaftliche Außenseiter, die sich
gegen einen lokal lang etablierten, ökonomisch mächtigen Klüngel wehren
mußten, der ihnen Zauberei unterstellte, was bei Bestätigung u.U. die
Hinrichtung zur Folge gehabt hätte. Graf untersucht nun, *warum* die
verantwortlichen röm. Beamten und das anwesende Volk die Klagen anbei
der *öffentlichen* (!) Verhandlung abwiesen und wieso sich beide
Angeklagte trotz eigentlich ungünstiger Ausgangsbasis gut behaupten
konnten. -- Wir müssen dem hier nicht länger nachgehen, sondern können
festhalten, daß die geschickte Kombination von einerseits gutem
Argumentvortrag (bei C. Furius Cresimus auf sehr unorthodoxe, aber tief
beeindruckende Art übrigens ;-)) und andererseits Öffentlichkeitsnutzung
vollen Erfolg erzielte ... und es steht zu vermuten, daß das bei Gustl
Mollath kaum anders sein wird. Denn der Vorhalt, er sei "verrückt", ist
nichts anderes als der Vorhalt an seine beiden antiken Vorgänger, sie
seien Hexer. Und ich nehme hier Bezug auf die alten Vorbilder, weil an
ihnen klar ersichtlich wird, was auch im Falle Mollath von
entscheidender Bedeutung sein wird: Denn wären die beiden antiken Fälle
in irgendwelchen Hinterzimmerchen entschieden worden (was aber das röm.
Recht so nicht vorsah), womöglich noch unter Beiziehung irgendwelcher
"Experten", wären sie vermutlich beide verurteilt und hingerichtet
worden. Was ihnen half, war die Kombination von Argumentvortrag und
Öffentlichkeit, wobei ersterer auf letztere abgestellt war. -- Genau das
passiert jetzt aber auch im Falle Mollath: Durch Zeitungs- und
Fernsehberichte wird eine breite Öffentlichkeit für den Fall
sensibilisiert ... und plötzlich ist nichts mehr (von ganz bornierten
Idiotien einzelner Betroffener mal abgesehen) wie es mal gewesen ist ...
Woher kommt das? Es kommt daher, daß einerseits Expertenkulturen -- wozu
auch das psychiatrische Gutachterwesen gehört -- oft anders vorgehen,
wenn sie (mehr oder weniger) im stillen Kämmerchen operieren dürfen,
anstatt ihrer Aufgabe unter den Augen der Öffentlichkeit nachgehen zu
müssen. Und das trifft nicht minder für das Rechtswesen zu! Im tiefen,
zäh-morastigen und hauptsächlich sicherlich csu-getrübten Sumpf der
bayrischen Provinz mit sowieso stark ausgeprägtem
Spezial-Spezl-Knüppeldammbauwesen (exklusiven Zugangs selbstredend)
konnte man so eine Provinzial-Posse und -Tragödie (Sicht der
Nichtopfer-Beteiligten z.Z. des Ausbruches der Affäre) sicherlich so wie
im stillen Kämmerlein abhandeln ... hätte man damals gewußt, was die
Affäre mal für Kreise ziehen würde, wäre die Sache sicher anders
abgegangen ...
Der Mobilisierung der Öffentlichkeit im Fall des Gustl Mollath
entspricht die Taktik der beiden antiken Angeklagten: Sie nutzten
äußerst geschickt das alltags- und lebensweltgeprägte Verständnis der
Öffentlichkeit davon, was normal und was anormal ist; und sie setzten
auf allgemein geteilte Werte. Die Ädilen/Provinzvorsteher, die
seinerzeit für den Fall verantwortlich waren (Recht sprechen vor dem
versammelten Volk), wären denkbar schlecht beraten gewesen, konträr zu
dieser geballten Macht des "gesunden Menschenverstandes" und
"natürlichen Rechtsempfindens" liegende Urteile zu fällen ... das hätte
sie nämlich in noch ganz anderen Belangen, die letztlich auch ihre
Machtbasis betrafen, tangieren und benachteiligen können; wozu sie aber
sicher nicht beitragen wollten, indem sie Partialinteressen mit
sichtbaren moralischen Defiziten bedient hätten.
So wird es nun sicher auch im Falle des Gustl Mollath kommen -- und
seine "Verrücktmachung" durch einen verantwortungslosen (und möglichst
schnell aus seinem Amt zu entfernenden Psychiater) wird eine Revision
erfahren; genauso, wie die Verleumdung seiner beiden antiken Vorgäber
revidiert wurde (es gibt eine augenscheinliche und historisch gut
belegbare Paralleität der Zuschreibung von Verrücktsein und Hexerei zur
Ausgrenzung und Elimination sozial und politisch etc. Unerwünschter).
Wieso aber konnte es überhaupt so weit kommen? Warum konnte überhaupt
der Versuch als sinnvoll angesehen werden, die Provinzposse am besten im
Hinterzimmerchen unter lauter guten Spezln abzuwickeln?
Um diese Frage beantworten zu können, ist es m.A.n. unhintergehbar, u.a.
auf kollektive Verdrängung zurückzugreifen. Denn es ist ja nicht so, daß
so etwas zum ersten Male passiert. Aber die entscheidenden Agenten --
egal, ob in der bayrischen Provinz oder im weltumspannenden Imperium von
McDonalds & Monsantos Gnaden -- dürfen sich immer wieder darauf
verlassen, daß Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller so
grundstüzende Affären wie Watergate oder Gustl Mollath usw. ... nicht
vergessen ... wohl aber verdrängen. Und das mag -- ich möchte hier
keinen Essay über das kollektive Unbewußte verfassen, sondern nur ein
paar Notizen zum Gresch-Text hinzufügen -- vielleicht auch daran liegen,
daß O.N. und L.M. sich nichts sehnlicher *wünschen* als Normalität.
Zuviel Skandale tun der Seele nämlich gar nicht gut ... und zu genau
will man/frau da auch gar nicht immer hinsehen, weil da ja schon die
Furcht mitschwingt, man könne dabei jeder Zeit ungeheuerlichen Vorgängen
inne werden -- man lebe also gewissermaßen gar nicht im Normalen,
sondern vielmehr in einem globalen Irrenhaus!
Jene, die solche Verbrechen wie die im Weißen Haus während der
Bush-Diktatur begingen oder auch die rechtsbeugenden Provinz-Kasper
(Richter, Staatsanwälte und Psychiater, sicher samt und sonders mit
CSU-Parteiabzeichen und mindestens Verwandtschaft, die über schweizer
Konten gebietet) aus Bayern können sich zumindest *darauf* verlassen!
Also daß Otto und Lieschen eigentlich ihre Ruhe haben wollen und sie die
Furcht vor einem *zu* tiefen Abgrund moralischer ubnd sonstiger
Verworfenheit umtreibt.
Anders gesagt: Der Mechanismus kollektiver Verdrängung ist bekannt; und
deshalb feiern mafios-kriminelle Chuzpe und moralisch-ethische
Verkommenheit in Bayreuth wie auch im Weißen Haus immer und immer wieder
fröhliche Urständ'! Und in einem Klima allgemeiner Verrohung und
Abstumpfung, wie es von der neoliberalen Ideologie sowieso evoziert
wird, ist das gleich dreimal zu erwarten.
Was dürfen wir daraus schließen? -- Daß nach dem Fall des Gustl Mollath
alles besser wird? Mitnichten! Es wird so weitergehen; und neue Gustl
Mollaths werden leiden müssen ... denn wir dürfen in diesem zusammenhang
auch eines nicht vergessen: So Fälle wie der des Gustl Mollath erfüllen
ja auch einen durchaus gesellschaftsstabilisierenden Sinn: O.N. und L.M.
dürfen sich nämlich im Angesicht der einmal offenbar gewordenen
Katastrophe immer wieder selbst versichern, wie gut es doch ist, daß es
nicht sie selbst getroffen hat, sondern einen anderen!
Freilich hat diese ideologische Funktion einen Pferdefuß, weil ihr
natürlich auf der anderen Seite die Furcht entspricht, es sei zumindest
nicht ausgeschlossen, selbst mal von so einem ... ehm ...
"Schicksalsschlag" getroffen zu werden! Die Dialektik dieser
widerstreitenden diversen Strebungen des Menschen -- gerade in
hochkomplexen modernen Gesellschaften -- ist freilich atemberaubend und
mindestens so komplex wie die ihnen zugrundeliegende sozial-ökonomische
Form, weil ja außerdem z.B. noch das Motiv mitspielt, sich dann im Falle
des Eklatantwerdens des Unrechtes mal ein bißchen engagieren oder auch
nur entrüsten zu können ...
... würde man diese ganzen Motivkomplexe durchdeklinieren wollen (etwa
psychologisch), würde man vermutlich damit zu ringen haben wie mit der
Riemannschen Vermutung ...
Jedenfalls durchmischen sich an diesen Soll-Bruchstellen des
gesamtgesellschaftlichen /status quo/ bewußte und unbewußte Motive; und
diejenigen, die damit am besten zu jonglieren verstehen (mehr als 'ne
Zirkusnummer ist ob der internen Komplexität wohl kaum möglich), sind
immer die Gewinner (ein Restrisiko bleibt, wie jetzt der Fall der
bajuwarischen CSU-Provinzmafiaclique aus Bayreuth zeigt, aber schaut man
z.B. auf die Schwerverbrecherbande aus dem Weißen Haus während
GeorgeDabbeljus seinerzeitigem Patronat dort, sieht man ebenso, daß sich
das Risiko in Grenzen hält).
Sehr richtig. Wäre das nicht so, wäre von einem kollektiven Unbewußten
zu reden nicht minder unsinnig wie vom Verschieben des Montagepunktes.
> Und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass manche auch nach dem Sturz
> Nixons meinten, Martha Mitchell habe zwar in Sachen Watergate weitgehend
> recht gehabt, meschugge sei sie aber dennoch. Schließlich hatte sie
> behauptet, sie sei entführt und unter Drogen gesetzt worden, um sie zum
> Schweigen zu bringen, was sich aber nicht beweisen ließ. Und Gustl
> Mollath sitzt ebenfalls immer noch hinter den Gittern der Psychiatrie. Er
> sei gefährlich, so heißt es, und dies habe nichts mit seinen inzwischen
> bestätigten Aussagen über Schwarzgeldgeschäfte zu tun, die aber durchaus
> als angeblich "paranoides Denksystem" zentrale Bestandteile der Gutachten
> waren, die zu seiner Zwangseinweisung führten.
Es ist skandalös, daß es offenbar *niemandem* in der bayreuther Forensik
auffiel, daß G. Mollath wenig Anzeichen von dem zeigte, was ihm
zugeschrieben wurde. Daß er *anfänglich* so diagnostiziert wurde, mag
keine Glanzleistung psychiatrischer Kunst gewesen sein, aber das kann
passieren, muß jedoch durch weitere Beobachtung bestätigt werden, was
aber offenbar nicht geschah oder wenn, dann eben aus anderen denn
psychiatrischen Motiven heraus nicht zu einer Neubewertung führte. Daß
das mehrere Jahre (!) so zugehen konnte, ist *ungeheuerlich*, wird aber
wohl kaum genuin etwas mit der Psychiatrie an sich zu tun haben ...
abdere Psychiater sind ja ersichtlicherweise zu ganz anderen
Auffassungen über die /causa/ gelangt!
[...]
> Adrian Schoolcraft ist ein Polizist, zur Zeit suspendiert. 2010 übergab
> er der Wochenzeitung "The Village Voice" verdeckt aufgenommene Tonbänder.
> Sie dokumentierten zahllose Vorgänge mit polizeilichem Fehlverhalten in
> New York. Er wurde wenig später gegen seinen Willen in die Psychiatrie
> eingewiesen und er behauptet nun, dies sei geschehen, um ihn zu
> diskreditieren und so seinen Vorwürfen gegen die New Yorker Polizei den
> Wind aus den Segeln zu nehmen. Er verklagte seinen Arbeitgeber, das New
> York Police Department (NYPD) auf Schadensersatz. Die Sache ist noch
> nicht entschieden; die erste Runde der Auseinandersetzung hat er gewonnen.
Na, das ist doch schon mal etwas! Die Parallelen zum Fall Mollath und
dem armen Schwein, das man jetzt in den USA lebendig begraben wird, sind
auf jeden Fall eklatant.
> Wir wissen, dass die Psychiatrie über keine Methoden verfügt, um objektiv
> festzustellen, ob ein Mensch "psychisch krank" ist oder eine Gefahr für
> sich und andere darstellt.
Doch doch. Solche Methoden gibt es schon, sie lassen sich allerdings
nicht auf jeden *Menschen* anwenden, weil Menschen etwas anderes sind
als physikalische Entitäten, bei denen sich rein objektivierende
Kriterien aus dem nw-lichen Methodenarsenal bewähren.
> Die psychiatrischen Diagnosen und Prognosen
> sind willkürlich, rein subjektiv.
Nein.
> Man kann, ja, man muss das auch positiv
> formulieren: Die psychiatrischen Diagnosen und Prognosen stammen von
> Menschen mit Lebens- und einschlägiger Berufserfahrung.
Ja.
> Solche
> Erfahrungen sammelt man bekanntlich in Lebenswelten. Die Lebenswelt des
> Psychiaters ist die gehobene Mittelschicht und natürlich seine berufliche
> Sphäre: die Psychiatrie, vor allem deren obere Etagen.
Nein. Hier verwechselst du 'Lebenswelt' mit 'privater Umgebung'.
[...]
> Adorno sagte, man könne nach Auschwitz keine Gedichte mehr
> schreiben. Kann man nach der nach der Massentötung von Geisteskranken im
> Dritten Reich noch psychiatrische Gutachten schreiben? Lassen sich
> Gedichte mit Gutachten vergleichen?
Nein. Im Übrigen ist Adornos berühmtes Diktum nicht wörtlich zu
verstehen. -- Wer seine /Ästhetische Theorie/ o.ä. aus seiner Feder
gelesen hat, weiß das auch!
[...]
> Selbstverständlich gibt es Leute, die den Eindruck erwecken, die
> Psychiatrie sei so eine Art weltlicher Hölle, aus der alles Böse auf
> dieser Welt hervorgehe. Auf schlicht gestrickte Gemüter mag eine solche
> Sichtweise plausibel wirken - vor allem, wenn sie die Grundstufen einer
> begleitenden Gehirnwäsche bereits durchlaufen haben. Menschen, deren
> kognitive Bedürfnisse etwas anspruchsvoller sind, werden sich mit so
> simpler Kost vermutlich nicht zufrieden geben. Das Gute und das Böse sind
> für Kollektive, also auch für Berufsgruppen nicht definiert. Gut und böse
> sind immer nur Individuen.
Nein. -- Kollektive Verhaltensweisen können so verinnerlicht sein im
individuellen Tun, daß die Grenzen verschwimmen. Ein Bsp. für so eine
Analyse liefert eindrucksvoll Mario Erdheim in /Die gesellschaftliche
Produktion von Unbewußtheit/. Seine Analyse etwa der atztekischen
Gesellschaft mit ihrem vollkommen anormalen (und auch anomalen)
Verhaltenskodex -- der Film /Apocalypto/ z.B. versucht das, wie immer
unzureichend und selbst ideologisch motiviert auch immer, nachzubilden
-- zeigt eindrucksvoll, daß es sehr wohl auch ein gesellschaftliches
Böses geben kann; man darf hierbei auch an jüngere historische Beispiele
denken, wird dann allerdings eher wie auch immer dimensionierte
Gesellschaftssegmente anschauen müssen, weil Millionengesellschaften so
stark differenziert sind, daß sie in diesen Dingen *nie* auf einen
Nenner gebracht werden können (weshalb z.B. Goldhagens pauschalisierende
These über die Deutschen ideologischer Unfug ist).
[...]
> Wenn ein Psychiater die Behauptung eines Sachverhalts als Wahn
> diagnostiziert und das Leben beweist ihm dessen Vorliegen, so muss es
> nicht unbedingt böse sein, wenn er ihn nicht kompromisslos als Tatsache
> akzeptiert.
'Böse' wird hier i.d.R. eh die falsche Kategorie sein.
[...]
Viele Grüße
Sina