Am Thu, 09 May 2013 21:25:16 +0200 schrieb Sina Da Ponte:
> Das war nicht als Abwertung intendiert, sondern zielte darauf, erstens
> festzustellen, daß Insel keineswegs für die Mehrheit der Psychiater e.a.
> spricht und daß zweitens kein Wissen darüber existiert, wie Mentales und
> die Physis konkret zusammenhängen, weshalb es schlicht Unfug ist, eine
> so einseitige Präferenz zu treffen, wie es Insel wohl getan hat.
Die Mehrheit der Psychiater ist heute davon überzeugt, dass "psychische
Krankheiten" auf Hirnstörungen beruhen. Dies ist eindeutig die
Grundhaltung des psychiatrischen Mainstreams.
Allerdings ließ sich bisher noch kein Zusammenhang zwischen den so
genannten psychischen Krankheiten und irgendwelchen Hirnstörungen
empirisch nachweisen. Dies bedeutet, dass die entsprechenden
diagnostischen Systeme der Psychiatrie nicht valide sind. Denn die, bei
dieser theoretischen Grundhaltung, entscheidenden Validitätskriterien
liegen im physiologischen Bereich.
Insel (bzw. das NIMH) tritt nun die Flucht nach vor an. Es wird nicht,
was eigentlich naheläge, die biologistische Grundhaltung zurückgenommen
oder relativiert, sondern man verwirft stattdessen das Diagnosesystem DSM.
Bisher, so heißt es, hätten die diagnostischen Kategorien auf Konsens
beruht, auf "klinischer Erfahrung", nunmehr wolle man sie auf
neurowissenschaftliche Daten stützen. Insels Haltung ist also nur
konsequent, insofern man die "biologische Psychiatrie" nicht verwerfen
will.
Die Zahl der Psychiater, die sich von der Hirnmythologie verabschieden und
sich sozialwissenschaftlichen oder philosophischen Ansätzen zuwenden
möchten, ist verschwindend gering. Solche Ansätze erlebten eine kurze
Blütezeit rund um die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts; sie spielen
heute aber keine nennenswerte Rolle mehr.
Dafür sind politische und ökonomische Gründe verantwortlich, nämlich
erstens die wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie, zweitens die
wirtschaftlichen Interessen der Psychiater (die allein Medikamente
verschreiben dürfen) und drittens die Machtinteressen bürgerlicher Politik
(die sozio-ökonomische Gründe für Abweichungen von der Norm lieber unter
den Teppich kehren).
Der Rückzug der Pharmaindustrie aus der Psychopharmakaforschung hat im
wesentlichen zwei Gründe: Erstens gelingt es kaum noch, neue, patentfähige
Wirkstoffe auf den Markt zu bringen. Zweitens wird es immer schwieriger,
sie in Placebo-Studien als überlegen auszuweisen, weil der Placebo-Effekt
immer stärker wird.
In der Pharmaindustrie wird die Psychiatrie dafür verantwortlich gemacht,
dass es kaum noch innovative Entwicklungen mehr gebe. Wenn die Psychiatrie
der Pharmaforschung nicht sagen könne, wo im Gehirn sie mit ihren
Wirkstoffen ansetzen müsse, dann sei es schwierig, fündig zu werden.
Generell gilt, dass Psychopharmaka, wenn überhaupt, hinsichtlich der
erwünschten Wirkungen kaum effektiver sind als Placebos und dass sie
aufgrund ihrer physiologischen und sozialen Schadwirkungen langfristig
mehr schaden als nutzen. Auch die Psychotherapie ist, im Licht empirischer
Forschung betrachtet, kaum effektiver als ein Placebo.
Selbst wenn man also nicht in Frage stellen will, dass sich die
Angehörigen dieser Zünfte redlich bemühen, ihren Patienten zu helfen, so
kann man doch nicht bestreiten, dass die Erfolgsaussichten angesichts
dieser Bedingungen nicht gerade berauschend sind.
MfG Hans
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