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Eine Scheinwissenschaft am Ende - die Bankrotterklärung psychiatrischer Legitimität

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Werner-Fuss-Zentrum

unread,
May 9, 2013, 9:18:16 AM5/9/13
to
A) Kurz vor Neuerscheinen des DSM-5 (also der 5. Ausgabe des
psychiatrischen Diagnose-Märchenbuches der Amerikanischen
Psychiatervereinigung) ist "die Bombe" geplatzt:
Der Direktor des National Institut für Mental Health (NIHM), Thomas
Insel, hat am 29.4. in einer NIMH-Veröffentlichung endlich
eingestanden, das aller psychiatrischer Diagnonsens bisher keine
Validität hatte. Seine Formulierung ist: "lack of validity" aller
psychiatrischen Diagnosen. Sie waren also immer Märchen, oder wie man
im Englischen Sagt: Junk Science.

Das ist deshalb von wesentlicher Bedeutung, weil das NIMH die mit
Abstand größte psychiatrische Forschungsinstitution weltweit ist, und
dessen Direktor, Thomas Insel, einer der renommiertesten Psychiater
und Neurowissenschaftler unserer Zeit. Der Einfluss des NIMH
beschränkt sich nicht auf die Vereinigten Staaten. Das NIMH ist
international tonangebend, wie andererseits der amerikanische DSM-5
maßgeblich war für die Diagnonsens-Märchenbücher der World Health
Organisation, den International Code of Diseases, der in Europa
gebräuchlich ist.
Hier die Veröffentlichung im Internet:
http://www.nimh.nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen:
Am 4.5. erschien in "Scientific American", dem Amerikanischen Pendant
zu "Spektrum der Wissenschaft" der Kommentar:
Psychiatry in Crisis! Mental Health Director Rejects Psychiatric
“Bible” and Replaces With… Nothing
http://blogs.scientificamerican.com/cross-check/2013/05/04/psychiatry-in-crisis-mental-health-director-rejects-psychiatric-bible-and-replaces-with-nothing
Zurecht titelt der Kommentator, John Horgan: "...die Bibel wird
weggeworfen und ersetzt mit ....Nichts
Denn das Eingeständnis nie vorhandener Gültigkeit psychiatrischer
Diagnosen, kann das System nie wieder gutmachen, auch nicht, indem
Herr Insel jetzt angeblich irgendwelche "Biomarker" zu Merkmalen
erheben will; ja aber Marker von was denn, wenn es nix gültig mehr
Diagnostiziertes gibt?
Es beweist nur, wie die Profession auf der Flucht ist!
Aber statt geschickt darauf zu reagieren, versucht das System sich auf
die ganz plumpe Tour aus der Affäre zu ziehen. Denn mit dem, was die
Profession nun als ein "Rettungsmanöver" wähnt, leitet sie tatsächlich
ihren eigenen Untergang durch Selbstversenkung ein :-)

Sicher spielt für diese Entwicklung eine Rolle, wie Allen Frances mit
seinem Buch durch die Lande zog, siehe:
http://www.zwangspsychiatrie.de/2013/04/fuhrender-psychopathologe-warnt-vor-auswuchsen-der-psychiatrie
Wir vermuten allerdings, dass es zwei Faktoren sind, die zu dieser
Selbstzerstörung geführt haben:

Einerseits kann mit der PatVerfü seit 4 Jahren erstmals in der Welt
die "Objektivität" allen psychiatrischen Diagnonsens rechtswirksam
verneint werden, eben "Geisteskrankheit - Ihre eigene Entscheidung"
für die PatVerfü-Geschützten gilt. Selbst wenn diese Möglichkeit
Anfangs nur von einer kleinen Anzahl von Leuten genutzt wird, wird
aber der Verlust des Objektivitätskritierium, das vorher immer durch
zwangsdiagnostizierende Gewalt ersetzt werden konnte, die Psychiatrie
vor den Systemabsturz stellen.

Andererseits ist sicher der Hinweis von Dr. Hans-Ulrich Gresch
bedeutsam: https://groups.google.com/group/de.sci.medizin.psychiatrie/msg/3af12257fbacaecf?dmode=source

Hintergrund: Die Pharmaindustrie hat sich weitgehend aus der
Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen. Nennenswerte Mittel fließen
nur noch in wenige, ausgewählte Projekte. Grund: Es wird immer
schwieriger, die Hürden der Zulassung für neue Psychopharmaka zu
überwinden. Daran gibt man der Psychiatrie die Schuld. Deren
antiquierte, pseudowissenschaftliche Diagnosekriterien würden den
wissenschaftlichen Fortschritt in nicht mehr tolerierbaren Ausmaß
beeinträchtigen.

Kurz: Das NIMH sowie die psychiatrische Forschung allgemein müssen
sich nach anderen Geldgebern umschauen. Horgan lässt dies ja
durchblicken, und in früheren Beiträgen in seinem Director's Blog
lässt Insel dies im Übrigen ziemlich deutlich anklingen.

Es zeichnet sich also folgende Entwicklung ab: Während man früher
nach neuen "psychischen Krankheiten" für viel versprechende neue
Wirkstoffe
aus den Laboren der Pharmaindustrie suchte, werden in Zukunft neue
"psychische Krankheiten" für Cluster von Hirnparametern gesucht, die
statistisch von der Norm abweichen. Jeder neue "Fund" dieser Art
steigert dann die Wahrscheinlichkeit weiterer Fördermittel aus
staatlichen Quellen oder aus den Töpfen einschlägiger Stiftungen. Und
Die Stellungnahme Insels ist nicht mehr und nicht weniger als eine
wissenschaftliche *Bankrotterklärung* der Psychiatrie.

Entsprechend hatte "Psychology Today" ebenfalls am 4.5. nachgesetzt:
http://www.psychologytoday.com/blog/side-effects/201305/the-nimh-withdraws-support-dsm-5
Zitat:
For others still, the NIMH’s “seismic” decision represents an
unmistakable “kill shot to DSM-5,” and not a moment too soon.
... die Grundfesten erschütternde Entscheidung bedeutet einen
unmissverständlichen Fangschuss für den DSM-5 und das nicht einen
Moment zu früh

Und die renommierte New York Times titelt am 6.5. ebenfalls:
Psychiatry’s Guide Is Out of Touch With Science, Experts Say
http://www.nytimes.com/2013/05/07/health/psychiatrys-new-guide-falls-short-experts-say.html?partner=rss&emc=rss&_r=0

Die "Schwere Identitätskrise der Psychiater: nur Okkultismus hilft"
haben wir schon vor über 5 Jahren vorhergesagt: siehe
http://www.zwangspsychiatrie.de/2007/12/schwere-identitatskrise-der-psychiater-nur-okkultismus-hilft/
und der Profession bei Ihrem Jahreskongress im November 2007 unter die
Nase gerieben. So kommt´s, wenn man nicht auf uns hört :-))


B) Und hier ein ergänzender Beweis für das in A) gesagte aus dem
Wochenblatt der Südwestpresse :
http://wochenblatt.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/Klinik-statt-Knast-Immer-mehr-Straftaeter-landen-in-der-Psychiatrie;art4319,1944336

Bereits im Herbst 2012 hatte sich [Ministerin] Altpeter wegen der
Problematik ans Justizministerium gewandt. "Wir wollten ins Gespräch
kommen und zum Beispiel anregen, die Richter besser fortzubilden",
sagt ihr Sprecher. Denn eine Auflistung zeige, wie unterschiedlich
Gerichte urteilten: So weise das Landgericht Mannheim (6,95
Einweisungen pro 100 000 Einwohner) statistisch fast achtmal häufiger
Verurteilte in die Psychiatrie ein als etwa das Landgericht Ulm (0,88
pro 100 000 Einwohner). Die Zahlen zeigten, dass die Kriterien
keineswegs eindeutig seien. Doch eine Antwort aus dem Justizressort
stehe bis heute aus.

Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) wies die Vorwürfe
zurück. "Die Gerichte entscheiden nach dem geltenden Recht - und das
Ermessen der Richterinnen und Richter ist in diesem Bereich eng",
sagte er gestern. Bei alkohol- oder drogenabhängigen Straftätern führe
"der Weg zur Besserung dem Gesetz zufolge über eine Suchttherapie",
betonte Stickelberger. Therapie könne nur in der Psychiatrie
stattfinden, ein Gefängnis sei der falsche Ort.

Psychiatrischer Diagnonsens hatte noch nie Validität/Gültigkeit, er
ist schiere Willkür, wie diese oben genannten Zahlen beweisen.


C) Um zu verstehen, welche Werte in der Auseinandersetzung
gegeneinander stehen und was Gesundheitsterror ist, empfehlen wir
sehr, das Video in der Mediathek der "Sternstunde" vom letzten Sonntag
anzusehen: ein Gespräch von Daniel Cohn-Bendit mit Juli Zeh,
insbesondere ab Minute 20:
http://www.srf.ch/player/tv/sternstunde-philosophie/video/daniel-cohn-bendit-und-juli-zeh-die-grenzen-der-freiheit?id=8600256f-6e78-4ef2-8347-4ee40ad88517
Eine Leseprobe von Juli Zeh hatten hatten wir schon in der Irren-
Offensive Nr. 14, Seite 13 veröffentlicht:
http://www.antipsychiatrie.de/io_14/IrrenOffensive14.pdf


D) Die aktuelle Jungel World hat den Therapieresistenten eine
Titelseite und drei Beiträge gewidmet:
Wir sind unheilbar - die Psychiatrisierung der Gesellschaft:
http://jungle-world.com
Die Beiträge im Einzelnen:
Ihr seid doch alle irre! Das »Diagnostic and Statistical Manual of
Mental Disorders« und die Kritik daran
Leiden und Macht: Theorie und Praxis der Antipsychiatrie
Diagnose als Symptom: Psychiatrie und Neurowissenschaften

Man merkt, dass keiner der Autoren sich vorher mit uns in Verbindung
gesetzt hat, weil z.B. völlig fälschlich die Geschichte der Anti-
Zwangspsychiatrie mit dem Foucault Tribunal abgebrochen wird, genau
da, als wir begannen, effektive Fortschritte gegen das psychiatrische
Gewaltsystem zu machen. Ein Blick in die Irren-Offensive Nr. 1-14
hätte genügt, um zu sehen, wie wir der Opferrolle entkommen sind und
es Stück für Stück gelang, das System politisch in die Enge zu
treiben. So entging der Jungel World das Russell Tribunal, die
Vorsorgevollmacht, die PatVerfü, die Erfolge in der Verhinderung
ambulanter Zwangsbehandlung, und, und, und...
Ja, sie behauptet sogar: "Wie die Gesellschaft mit den Irren umgeht,
ist in der radikalen Linken kein großes Thema mehr."
Dabei wird genau das Gegenteil dadurch dokumentiert, dass sich die
Fraktion der Linkspartei dieses Jahr gegen die Zwangsbehandlung im
Bundestag ausgesprochen hat und nun in Brandenburg die Regierung nach
den Folgen des Bündnisses gegen Folter in der Psychiatrie ausfragt,
siehe:


E) http://www.parldok.brandenburg.de/parladoku/w5/drs/ab_7100/7194.pdf
Wie der Abgeordnete Jürgen Maresch die Regierung befragt, deutet
darauf hin, dass es bei der Entscheidung des Landgerichts Potsdam
bleibt: http://www.die-bpe.de/Beschluss_Landgericht_Potsdam.pdf
Im Land Brandenburg kann das PsychKg keine Zwangsbehandlung
legalisieren und kein Gesetzgeber wird mehr daran etwas ändern, denn
mit einem Justizminister der Partei die Linke und der entsprechenden
Mehrheit im Landtag wird das nix mehr :-)


Dies sind Nachrichten des
Werner-Fuß-Zentrum
im Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin
http://www.psychiatrie-erfahrene.de

Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung!
Informieren Sie sich: http://www.patverfue.de

Nachrichten aus dem Werner-Fuß-Zentrum jetzt auch auf Twitter und
Facebook (und weiterhin per RSS-Feed):
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RSS: http://www.zwangspsychiatrie.de/feed

Richard

unread,
May 9, 2013, 10:12:01 AM5/9/13
to
On Thu, 9 May 2013 06:18:16 -0700 (PDT), Werner-Fuss-Zentrum
<werne...@gmx.de> wrote:
>
>Psychiatrischer Diagnonsens hatte noch nie Validität/Gültigkeit, er
>ist schiere Willkür, wie diese oben genannten Zahlen beweisen.
>
Ich meine, das Problem liegt ganz wo anders.
Die Psychiatrie ist durchaus eine Wissenschaft, etwa so (sinnlos) wie
die Biologie mit ihrer Evolution.
"Wissenschaft ist die Erweiterung des Wissens durch Forschung, seine
Weitergabe durch Lehre, der gesellschaftliche, historische und
institutionelle Rahmen, in dem dies organisiert betrieben wird, sowie
die Gesamtheit des so erworbenen Wissens".

Die Frage ist, welchen Sinn hat das "Wissen", das da zusammengetragen
wird?
Das Wissen der Psychiatrie ist sinn- und nutzlos.
Brutal gesagt, Hirnwixerei.
(soviel Höflichkeit darf sein;)

Es wurden Phantasiebezeichnungen kreiert, geschwollen und
systematisch, die aber zu NICHTS nütze waren.
Unter anderem deshalb, meine ich, weil "Geisteskrankheiten" generell
mit Medikamenten beizukommen geplant war.
DAS ist, aus meiner Sicht, der große Irrtum.
Mit Medikamenten kann man manche Symptome überdecken.
Seelische Panikzustände für die Umwelt erträglicher aussehen zu lassen
ist ein bisserl Kosmetik, die den Zustand aber nicht verändert.
Das allgemeine Dilemma, Menschen als biochemische Maschinen ansehen
und zu korrigieren versuchen hat eine gewisse Spitze errreicht, wo
vielleicht Umdenken (Mensch als geistig-seelisches Wesen) möglich sein
könnte.

Richard


Rattenkönig

unread,
May 9, 2013, 10:19:51 AM5/9/13
to
Am 09.05.2013 16:12, schrieb Richard:
> On Thu, 9 May 2013 06:18:16 -0700 (PDT), Werner-Fuss-Zentrum
> <werne...@gmx.de> wrote:
>>
>> Psychiatrischer Diagnonsens hatte noch nie Validit�t/G�ltigkeit, er
>> ist schiere Willk�r, wie diese oben genannten Zahlen beweisen.
>>
> Ich meine, das Problem liegt ganz wo anders.
> Die Psychiatrie ist durchaus eine Wissenschaft, etwa so (sinnlos) wie
> die Biologie mit ihrer Evolution.



Jo ist alles klar: Eines Tages tat der Himmel sich auf und der grosse
runde Arxx des lieben Gottes erschien und PLUMPS die Erde war da. In
Insiderkreisen weiss man, dass der g�ttliche Durchfall genau 7 Tagen
dauerte.


So war das. Ich schw�re es!

Mein Gott, sind die alle bekloppt hier - aber durchaus lustig -
der Gresch und seine phantasierte Armee (wie er mal schrieb) der
Irreninitiative.

K�stlich!









--- news://freenews.netfront.net/ - complaints: ne...@netfront.net ---

Sina Da Ponte

unread,
May 9, 2013, 11:17:51 AM5/9/13
to
Am 09.05.2013 15:18, schrieb Werner-Fuss-Zentrum:
> A) Kurz vor Neuerscheinen des DSM-5 (also der 5. Ausgabe des
> psychiatrischen Diagnose-Märchenbuches der Amerikanischen
> Psychiatervereinigung) ist "die Bombe" geplatzt:
> Der Direktor des National Institut für Mental Health (NIHM), Thomas
> Insel, hat am 29.4. in einer NIMH-Veröffentlichung endlich
> eingestanden, das aller psychiatrischer Diagnonsens bisher keine
> Validität hatte. Seine Formulierung ist: "lack of validity" aller
> psychiatrischen Diagnosen. Sie waren also immer Märchen, oder wie man
> im Englischen Sagt: Junk Science.

Insels Meinung (!) repräsentiert exakt das, was sie ist: Herrn Insels
Meinung (nehmen wir sie als ein Meinungskonglomerat etwa gleichen Tenors
von einer Forschergruppe, die mit Insel zusammen diese Meinungsbildung
vorangetrieben hat).

---> Wie überall in den Wissenschaften ist es undenkbar, daß eine Person
oder eine um diese Person zentrierte Gruppe vorgeben kann, was wiss.
Konsens über eine oder mehrere wichtige Fragen dieses
Wissenschaftsbereiches ist. Wer anderes behauptet, möge das bitte an
Beispielen zeigen.

Es ist weiters so, daß sicher auch in der NIHM nicht alle
Wissenschaftler, Ärzte und Therapeuten mit Insel übereinstimmen. Wie das
weltweit aussieht, ist noch mal eine ganz andere Frage. Für D kann
jedenfalls gesagt werden, daß man sich über DSM 5 ziemlich aufregt, und
wohl, wie es für mich den Anschein hat, durchaus zurecht.

Vgl.:

http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2013/DGPPN-Stellungnahme_DSM-5_Final.pdf

http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-05/dsm-5-bibel-der-psychatrie

http://www.tagesspiegel.de/wissen/streit-um-psychiatrische-diagnosen-ist-das-noch-normal/8081674.html

http://www.ndr.de/kultur/literatur/allenfrances103.html

[...]

> Sicher spielt für diese Entwicklung eine Rolle, wie Allen Frances mit
> seinem Buch durch die Lande zog

Ach was! Frances hat ja vollkommen recht damit, daß es mit psychischen
Krisen nicht übertrieben werden darf. Aber daher rührt nicht Insels
Stellungnahme. Insel ist nicht GOtt und sein Wort nicht unhinterfragbar.
Wiss. Streit ist davon vorprogrammiert und er wird sicher ausgetragen
werden. Verläuft er nicht im Sinn eines Glaubenskrieges, dann kann das
für die betroffenen Wissenschaften ja nur von Vorteil sein.

[...]

> Andererseits ist sicher der Hinweis von Dr. Hans-Ulrich Gresch
> bedeutsam: https://groups.google.com/group/de.sci.medizin.psychiatrie/msg/3af12257fbacaecf?dmode=source
>
> Hintergrund: Die Pharmaindustrie hat sich weitgehend aus der
> Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen. Nennenswerte Mittel fließen
> nur noch in wenige, ausgewählte Projekte. Grund: Es wird immer
> schwieriger, die Hürden der Zulassung für neue Psychopharmaka zu
> überwinden. Daran gibt man der Psychiatrie die Schuld. Deren
> antiquierte, pseudowissenschaftliche Diagnosekriterien würden den
> wissenschaftlichen Fortschritt in nicht mehr tolerierbaren Ausmaß
> beeinträchtigen.
>
> Kurz: Das NIMH sowie die psychiatrische Forschung allgemein müssen
> sich nach anderen Geldgebern umschauen. Horgan lässt dies ja
> durchblicken, und in früheren Beiträgen in seinem Director's Blog
> lässt Insel dies im Übrigen ziemlich deutlich anklingen.

Erstens ist Dr. Gresch kein Experte für diese Dinge -- seine
entsprechenden Einlassungen kamm NullKommaKein Prozent wissenschaftliche
Relevanz. Dr. Gresch stellt seine Thesen auf einem
nicht-wissenschaftlichen, sondern privaten Plauder-Blog dar. Es ist also
eine Einzelmeinung ... und nicht mal eine, die irgendwie in wiss.
Diskurse eingebunden wäre. Dr. Gresch hat auch weder eine allgemeinmed.,
noch speziell psychiatrische und auch keine psychotherapeutische
Ausbildung. Er kann also im besten aller Fälle als interessierter Laie
bezeichnet werden ...

Seiner These, die Pharmaindustrie stecke hinter der Meinungsäußerung
Insels, kann anhand bisher vorliegenden Materials wohl kaum mit Anspruch
auf Validität nachvollzogen werden.
Es sprechen allerdings einige Umstände dafür, daß die unmäßige
Neuaufnahme "leichter Störungen" in DSM-5 tatsächlich auch auf Einflüsse
der Pharmaindustrie zurückgehen, die in diesen Feldern ja offenkundig
viel besser Geld verdienen kann als im Bereich wirklicher und
langanhaltender psychischer Störungen, v.a. mit einer viel besseren
Kosten-Nutzen-Verteilung als bei letzteren.

---> Wie allerdings das Verhalten einiger -- und seien's noch so
maßgebende -- Wissenschaftler zu bewerten ist, die sich mehr auf
ökonomische Aspekte der Sache kaprizieren denn auf saubere Forschung,
möget ihr vom Werner-Fuß-Zentrum und alle anderen Möchtegern-Robin-Hoods
der antipsychiatrischen Ideologie vielleicht auch mal mitreflektieren
... dann würdet ihr womöglich ein klein bißchen Scham empfinden, wenn
ihr solche Gestalten zu euren /heroes/ macht!

Möge also die neue DSM-Variante vielleicht besser nicht so großen
Einfluß auf die neue, in 2 Jahren zu erwartende ICD-Version nehmen,
mögen andere Wiss. als die von NIMH ihren Job im hier in Rede stehenden
Zusammenhang ernster nehmen und möge doch bitte, bitte, bitte, das
Werner-Fuß-Zentrum endlich das ideologiegetränkte Brett vor dem Kopf
abnehmen und die bisher vollkommen sinnlos vergeudete Energie für etwas
wirklich Wichtiges einsetzen können ...

[...]

Viele Grüße

Sina

HUG

unread,
May 9, 2013, 1:02:48 PM5/9/13
to
Am Thu, 09 May 2013 06:18:16 -0700 schrieb Werner-Fuss-Zentrum:

> Hintergrund: Die Pharmaindustrie hat sich weitgehend aus der
> Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen. Nennenswerte Mittel fließen nur
> noch in wenige, ausgewählte Projekte. Grund: Es wird immer schwieriger,
> die Hürden der Zulassung für neue Psychopharmaka zu überwinden. Daran
> gibt man der Psychiatrie die Schuld. Deren antiquierte,
> pseudowissenschaftliche Diagnosekriterien würden den wissenschaftlichen
> Fortschritt in nicht mehr tolerierbaren Ausmaß beeinträchtigen.
>
> Kurz: Das NIMH sowie die psychiatrische Forschung allgemein müssen
> sich nach anderen Geldgebern umschauen. Horgan lässt dies ja
> durchblicken, und in früheren Beiträgen in seinem Director's Blog lässt
> Insel dies im Übrigen ziemlich deutlich anklingen.

In diesem Zusammenhang ist auch ein Aufsatz interessant, der bereits 2012
im Schizophrenia Bulletin (vol. 38 no. 4 pp. 649–650, 2012) unter dem
Titel "Psychiatry, The Pharmaceutical Industry, and The Road to Better
Therapeutics" erschien.

Er stammt aus der Feder von H. Christian Fibiger, einem renommierten
Pharma-Manager und Neuro-Wissenschaftler. Er nimmt den von euch zitierten
Blogeintrag von Thomas Insel inhaltlich weitgehend vorweg. Das DSM sei
invalide, die psychiatrische Forschung habe versagt und die Hoffnung läge
nunmehr auf dem Projekt RDoC des NIMH. Fibiger konstatierte schon damals,
dass sich aus o. g. Gründen die Pharma-Industrie weitgehend aus der
Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen habe. (Siehe hierzu auch:
http://goo.gl/wKIQC)

Insel ist sich dieser Entwicklung seit Jahren bewusst; die Finanzierung
psychiatrischer Forschung gehört zu seinen Lieblingsthemen. In einem
Blogeintrag aus dem Jahre 2011 sagt er:

"Over the past year, several companies, including Astra Zeneca, Glaxo-
Smith-Kline, Sanofi Aventis, and recently Novartis, have announced either
a reduction or a re-direction of their programs in psychiatric medication
R&D. Some of these companies (such as Novartis) are shifting from
clinical trials to focus more on the early phases of medication
development where they feel they can identify better targets for treating
mental disorders. Others are shifting from psychiatry to oncology and
immunology, which are viewed by some as lower risk."

Später im Text fragt er sich:

"Without the large budget and the scientific expertise for medication
development, how can NIMH *compensate* for the pharmaceutical industry’s
*shift in focus?*"

(http://goo.gl/YadcP)

Da fügt es sich trefflich, dass Obama nunmehr 100 Millionen Dollar für
die Gehirnforschung zur Verfügung stellt und RDoC sich bestens in diesen
Rahmen einpasst.

Es handelt sich hier also keineswegs um eine private Schrulle, wenn Insel
das DSM verwirft und stattdessen die Forschung auf das RDoC ausrichtet.

Auf Deutsch, halten zu Gnaden: Es gibt für Forschung auf Basis des DSM
auf Dauer keine Kohle mehr. Wie Fibiger in seinem o. g. Aufsatz
detailliert darstellt, bietet die traditionelle psychiatrische Forschung
keinerlei Ansatzpunkte zur Entwicklung neuer, patentfähiger Wirkstoffe -
und darum wendet sich die Pharma-Industrie Feldern mit besseren
kommerziellen Erfolgsaussichten zu.

Entsprechend muss die psychiatrische Forschung verstärkt staatliche
Geldquellen erschließen oder wohltätige Stiftungen anzapfen; und dies
geschieht am besten dadurch, dass man sich den Bedürfnissen und
Vorstellungen dieser Geldgeber anpasst. Da diese, wie so viele, vom Neuro-
Hype infiziert sind, ist RDoC ein wunderbares Instrument des
Forschungsmarketings.

Wie anders sollte man auch die Tatsache erklären, dass Insel gerade jetzt
das DSM "abschlachtet" (Patienten verdienen etwas Besseres, sagt er),
obwohl ihm die völlig fehlende Validität dieses Instruments auch zuvor
nicht verborgen geblieben sein kann, denn sie ist seit der ersten Version
des DSM bekannt (dies gilt im Übrigen auch für alle anderen Manuale zur
Klassifikation "psychischer Krankheiten"). Insel verrät der Fachwelt also
nichts Neues; das Neue besteht darin, dass nunmehr ein hochrangiger
Psychiatrie-Vertreter diese Tatsache in der Öffentlichkeit ausspricht.

Es ist bemerkenswert, dass es bisher keinerlei Überschneidungen zwischen
neurowissenschaftlichen Befunden zu gestörten Hirnprozessen und den so
genannten psychischen Krankheiten gibt. Mit RDoC soll also ein völlig
neues Klassifikationssystem entstehen, das die alten Kategorien wie
Schizophrenie, Depression etc. eliminiert. Allerdings, so muss auch Insel
einräumen, fehlen bisher für dieses ehrgeizige Projekt noch die Daten.

Das ist der kleine Schönheitsfehler dieses Marketinginstruments. Da aber
seine Adressaten dem Neuro-Hype verfallen sind, dürfte dies kein
Hindernis für die großzügige Finanzierung sein.

Was geschieht nunmehr? Man wird mehr oder weniger gut statistisch
abgesicherte Cluster von Hirnparametern bilden, die vom "Normalen"
abweichen, und diesen Clustern dann Namen geben, die wissenschaftlich
klingen und die "psychische Krankheiten" bezeichnen sollen. Es sollte
sich eigentlich von selbst verstehen, dass etwas nicht zwingend krank
sein muss, nur weil es vom "Normalen" abweicht. Aber es steht zu
befürchten, dass sich diese Einsicht in den Köpfen interessierter Ärzte
auch nach dieser Kehrtwende nicht zu etablieren vermag.

Nach langen Jahren praktischer Tätigkeit im psychiatrischen Bereich, auch
an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis, weiß ich
allerdings, dass sich solche wissenschaftspolitischen Prozesse auf den
Alltag in den Einrichtungen kaum auswirken werden, weil psychiatrische
Diagnosen dort ohnehin keine interne Bedeutung für die Behandlung von
Patienten besitzen: Solche Diagnosen sind etwas für die Krankenkassen
bzw. andere Kostenträger; solche Diagnosen dienen dem Bedürfnis von
Patienten und deren Angehörigen, rätselhafte Phänomene zu kategorisieren;
alle, die ein Interesse an der Etikettierung von Menschen haben, werden
durch solche Diagnosen bedient.

Im Alltag stehen sich jedoch reale Menschen gegenüber: hier die
"Patienten", dort die "Ärzte", "Psychologen" und das sonstige
"Hilfspersonal". Alle verhalten sich gemäß ihrer Rollen, deren Definition
nur zu einem winzigen Teil von den jeweiligen psychiatrischen Diagnosen
abhängt. Das Leben ist vielschichtig, selbst in totalen Institutionen,
selbst in "constraint environments". Wie sollte es auch anders sein,
angesichts der Tatsache, dass solche Diagnosen nicht trennscharf sind,
weder untereinander, noch gegenüber dem "normalen", und angesichts der
Tatsache, dass sogar die Reliabiltät zu wünschen übrig lässt.

Reliabiltät bedeutet das Ausmaß der Übereinstimmung unterschiedlicher
Diagnostiker hinsichtlich der Diagnose einer Person. Angesichts fehlender
Validität der Diagnosen ist diese natürlich nur ein Maß für die
Übereinstimmung von Vorurteilen. Aber auch damit ist es nicht weit her
und viele Betroffene berichten, dass sie von verschiedenen Diagnostikern
sogar zeitnah mit zum Teil einander erheblich widersprechenden Diagnosen
belegt wurden.

All dies ist seit Jahren bekannt und all dies deutet darauf hin, dass
psychiatrische Diagnosen in der Praxis, also vor Ort in einer
Einrichtung, im Behandlungszimmer keine große Rolle spielen. Entscheidend
ist die politische und ökonomische Dimension psychiatrischer Diagnosen.
Es handelt sich um politische und wirtschaftliche Steuerungsinstrumente.
Wie stark die wirtschaftlichen Interessen sind, kann man an den
Veränderungen ablesen, die im DSM-5 vorgenommen wurden. Wenn
beispielsweise die Kasse schon direkt nach dem Hinscheiden des lieben
Verwandten Antidepressiva bezahlen muss, weil Trauer nunmehr als
Krankheit gilt, dann kommt da schon ein erkleckliches Sümmchen zusammen,
denn gestorben, um einen Branchenspruch der Bestattungsbranche zu
übernehmen, wird ja immer.

MfG
Hans

--
http://ppsk.de ** http://psyconcept.de


Rattenkönig

unread,
May 9, 2013, 1:27:25 PM5/9/13
to
Am 09.05.2013 19:02, schrieb HUG:

> Aber auch damit ist es nicht weit her
> und viele Betroffene berichten, dass sie von verschiedenen Diagnostikern
> sogar zeitnah mit zum Teil einander erheblich widersprechenden Diagnosen
> belegt wurden.


Von den Millionen Diagnosen, die sich nicht widersprechen spricht Gresch
natürlich nicht.

Ach, ich lass den Kerl einfach labern und geh Vatertag feiern.

HUG

unread,
May 9, 2013, 2:00:10 PM5/9/13
to
Am Thu, 09 May 2013 06:18:16 -0700 schrieb Werner-Fuss-Zentrum:

> Hintergrund: Die Pharmaindustrie hat sich weitgehend aus der
> Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen. Nennenswerte Mittel fließen nur
> noch in wenige, ausgewählte Projekte. Grund: Es wird immer schwieriger,
> die Hürden der Zulassung für neue Psychopharmaka zu überwinden. Daran
> gibt man der Psychiatrie die Schuld. Deren antiquierte,
> pseudowissenschaftliche Diagnosekriterien würden den wissenschaftlichen
> Fortschritt in nicht mehr tolerierbaren Ausmaß beeinträchtigen.
>
> Kurz: Das NIMH sowie die psychiatrische Forschung allgemein müssen
> sich nach anderen Geldgebern umschauen. Horgan lässt dies ja
> durchblicken, und in früheren Beiträgen in seinem Director's Blog lässt
> Insel dies im Übrigen ziemlich deutlich anklingen.

Übereinstimmung von Vorurteilen. Aber auch damit ist es nicht weit her und
viele Betroffene berichten, dass sie von verschiedenen Diagnostikern sogar
zeitnah mit zum Teil einander erheblich widersprechenden Diagnosen belegt
wurden.

HUG

unread,
May 9, 2013, 2:30:55 PM5/9/13
to
Am Thu, 09 May 2013 17:17:51 +0200 schrieb Sina Da Ponte:

> Insels Meinung (!) repräsentiert exakt das, was sie ist: Herrn Insels
> Meinung

Insel artikuliert hier nicht seine persönliche Meinung, sondern - im
Director's Blog - die zukünftige Forschungspolitik des National Institute
of Mental Health der Vereinigten Staaten von Amerika. Dies ist eine
Organisation mit einem Etat von 1,5 Milliarden Dollar.

(http://en.wikipedia.org/wiki/National_Institute_of_Mental_Health)

Dies bedeutet, dass sich das NIMH hinsichtlich des DSM in der
größtmöglichen Prägnanz von der American Psychiatric Associaton abgrenzt.

Einen Vorgang wie diesen als "Herrn Insels Meinung" abzuwerten, ist, man
kann es nicht zurückhaltender formulieren, abwegig. Insels Blogeintrag
wurde im Übrigen in der amerikanischen Presse als "bombshell", also als
Schlag ins Kontor aufgefasst.

HUG

unread,
May 12, 2013, 5:23:42 AM5/12/13
to
Am Thu, 09 May 2013 06:18:16 -0700 schrieb Werner-Fuss-Zentrum:

> Der Direktor des National Institut für Mental Health (NIHM), Thomas
> Insel,
> hat am 29.4. in einer NIMH-Veröffentlichung endlich eingestanden, das
> aller psychiatrischer Diagnonsens bisher keine Validität hatte.

Hier findet sich ein lesenswerter Blogartikel zu diesem Vorgang:
http://goo.gl/J5fPU
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