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Michael Berger, Institut für Hirnfor schung, Medizinische Universität Wien
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i_h_f_l@yahoo.com  
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 More options Aug 20 2004, 11:02 am
Newsgroups: de.sci.medizin.misc
From: i_h_...@yahoo.com (i_h_...@yahoo.com)
Date: 20 Aug 2004 08:02:35 -0700
Local: Fri, Aug 20 2004 11:02 am
Subject: Michael Berger, Institut für Hirnforschung, Medizinische Universität Wien
Der Hobby-Mediziner

in Originalzitaten

"Dann braute sich schon allmählich jene Katastrophe zusammen, die in
den nächsten Jahren das, was von der einstmals so lebendigen und
lustbetonten Neuroscience Szene in Wien noch übrig geblieben war,
restlos verwüsten sollte: Die Idee eines Hirnforschungszentrums..."

"Kiloweise wurden Rinderhirne vom Schlachthof herbeigeschafft..."

"Und wenn wir uns alle gegenseitig die Schädel einschlagen: umso
besser, dann werden wenigstens Posten frei."

"kainic acid hieß die Wundersubstanz, die ihn nach kurzer Zeit in die
Nature gebracht hatte, und die wir schließlich auch im Labor von
Karobath mit großem Eifer in die Gehirne von Hunderten bedauernswerter
Ratten spritzten und einander Wunderdinge von ihren Luftsprüngen zu
erzählen wußten."

"Sperk war ein sogenannter 'wilder Hund', und er fand nichts dabei, an
Wochenenden zusammen mit Ernst Singer millicurieweise markierte
Aminosäuren in Rattenhirne zu infundieren"

"Aber ohne die Autorität von Sperk geriet Baran immer mehr außer
Kontrolle. Dazu kam, daß jedem, der näher mit ihr zusammenarbeitete,
über kurz oder lang auffallen mußte, daß sie die Weisheit nicht gerade
mit dem Löffel gegessen hatte."

*** Dieser Bericht von Michael Berger über die Vorgänge am Institut
wurden ursprünglich auf einer Seite der Universität Wien
veröffentlicht. Die Universität entfernte später "auf vielfachen
Wunsch", so der Webmaster, den Text. Seitdem reagiert Michael Berger
mit Drohungen, sobald sein Text weiterverbreitet wird. ***

Original vom Server der Universität Wien von Michael Berger

I'd like to tell my story
said one of them so young and bold.
Yes, I'd like to tell my story
before I turn into gold.
(Leonard Cohen)

Die Wiener Neuroscience Saga

(aus der Sicht eines stillen Beobachters)

1

In den 70er-Jahren, als ich Biochemie studierte und von der
Neurowissenschaft nur träumen konnte, war es Helmut Ruis, der uns
darauf aufmerksam machte, daß auch in jüngster Vergangenheit in Wien
Entdeckungen gemacht wurden von erstrangiger Bedeutung: Die
L-DOPA-Therapie der Parkinson'schen Krankheit war damals bereits
internationaler Standard, und vor kaum 10 Jahren von Hornykiewicz
(Pharmakologie) und Birkmayer (Lainz) in Wien etabliert worden. Und
dennoch: nicht Hornykiewicz, den keiner von uns Studenten kannte, war
unser Idol. Nein, unser Idol hieß Manfred Karobath (später Direktor
der Pharmaforschung bei Sandoz und bei Rhône-Poulence), der das
Chemische Labor der Psychiatrischen Universitätsklinik leitete. Uns
schien es so, als würde der Mediziner Karobath von dem Chemiker Ruis
eher mißtrauisch beäugt werden; dennoch (oder gerade deshalb?) sind
damals viele von uns mit großen Erwartungen durch sein Labor gegangen,
sei es nur für die kurze Dauer eines Praktikum-Beispiels von 3 Wochen,
sei es als Dissertant oder Diplomant, oder auch für längere Zeit (ich
weiß nicht mehr alle Namen): Alexander Lapin (heute Wiener
Privatklinik), Konrad Heckl (Kapitänspatent; später Gitarreprofessor
an der Musikakademie, dann bei der Firma Bender), Rainer Schmid (heute
Zentrallabor AKH), Robert Pirker (heute 1. Interne, AKH), Günther
Adolf (heute Bender), Werner Sieghart (der spätere Leiter dieses
Labors), Georg Schönbeck (heute niedergelassener Psychiater), meine
Wenigkeit, und auch Robert 'Roby' Schwarcz, unser aller Darling, kurz
vor seinem Sprung über den großen Teich. Er hatte bei
Hoffmann-Ostenhof (Biochemie) dissertiert, und noch lange hing im
Praktikumssaal des Biochemischen Instituts die köstliche Karikatur,
die einen unverwechselbar schnauzbärtigen Roby im blutbespritzten
Arbeitsmantel zeigt, wie er messerschwingend ein um sein Leben
laufendes Huhn verfolgt. T

Es war eine aufregende Zeit im Labor von Manfred Karobath, und es ging
zu wie in einem Bienenstock. Prachtstück und Stolz des Labors war ein
riesiges Massenspektrometrie-Gaschromatographie-Ungetüm. Es verging
kein Tag, an dem nicht irgendeiner mit dem Schraubenschlüssel
darunterlag. Von Karobath geht die Mär, daß er nie in seinem Leben
auch nur eine Gebrauchsanweisung gelesen hat. Seine Methode, sich mit
einem neuen Gerät auseinanderzusetzen, bestand darin, auf den Knopf zu
drücken, auf dem ON stand, und erst einmal abzuwarten, was passierte.
Bei diesem Gerät soll er mit seiner Strategie zum ersten Mal
Schiffbruch erlitten haben. Mehr als jeder andere vor und nach ihm
repräsentierte Karobath für uns Studenten die lebendige
Neurowissenschaft. Unvergeßlich bleiben die regelmäßig abgehaltenen
Laborseminare, bei denen immer auch Gäste anwesend waren, wie z.B.
Peter Placheta und Ernst Singer (Pharmakologie), Ludwig Pichler
(Bender), Rembert Vollmer (Lainz), Helmut Pockberger
(Neurophysiologie), Gerhard Langer (Psychiatrie) und viele, die ich
nicht mehr in Erinnerung habe. Gelegentlich ergriff auch der Meister
selbst das Wort, um z.B. Neuigkeiten von einem Kongreßbesuch zu
berichten. Auf diese Weise hörten wir von innovativen Techniken wie
von Michael Kuchar's slice autoradiography, und von der positron
emission tomography (PET), bevor noch die ersten Publikationen
erschienen. Die Seminare waren eine Keimzelle für eine sich rasch
entfaltende Wiener Neurowissenschaftliche Szene, und nach dem Weggang
von Karobath entstand daraus das von Günther Sperk im Leseraum der
Pharmakologie aus der Taufe gehobene Neuroscience Seminar, das auch
heute (1998) noch am selben Ort abgehalten wird.

Der nächste Impuls kam aus Amerika von Roby Schwarcz, der in Baltimore
im Labor von Joseph Coyle sehr erfolgreich war, und der bei seinen
Besuchen in der Heimat auch regelmäßig im Labor von Karobath
vorbeischaute und von seinen Abenteuern erzählte. Und er hat nicht nur
erzählt, er hat auch etwas mitgebracht: kainic acid hieß die
Wundersubstanz, die ihn nach kurzer Zeit in die Nature gebracht hatte,
und die wir schließlich auch im Labor von Karobath mit großem Eifer in
die Gehirne von Hunderten bedauernswerter Ratten spritzten und
einander Wunderdinge von ihren Luftsprüngen zu erzählen wußten. Wo
sind sie geblieben, die guten alten Zeiten, als man in der
Wissenschaft noch herumprobiert hat, auf der Suche nach dem
Überraschenden, dem Sensationellen? Sie sind dahin.

2

Im Jahre 1978 wurde schließlich das 'Institut für Biochemische
Pharmakologie' in der Borschkegasse ins Leben gerufen, um den großen
Oleh Hornykiewicz von Toronto zurück in die Heimat zu locken. Günther
Sperk (heute Pharmakologie Innsbruck), der ebenso wie Werner Sieghart
bei Hans Tuppy dissertiert hatte, war inzwischen in Boston bei Ross
Baldessarini gewesen, wie schon Karobath einige Zeit davor. Er wurde
nach seiner Rückkehr der erste Assistent von Hornykiewicz und übernahm
die Einrichtung des Labors. Rainer Schmid ließ sich rasch die andere
Stelle reservieren, bevor auch er nach Amerika aufbrach, um sich im
Labor von Erminio Costa seine Sporen zu verdienen. Arbeiten konnte man
in der Borschkegasse noch nicht, also konzentrierten sich die
Aktivitäten noch einmal im Chemischen Labor der Psychiatrie (bei
dieser Gelegenheit lernte Sperk seine spätere Frau Renate kennen,
damals MTA im Labor Karobath). Karobath war mit leuchtenden Augen von
einem kurzen Amerika-Aufenthalt zurückgekehrt: Das war die
Geburtsstunde der Benzodiazepin-Forschung in Wien, deren Fahne von
Werner Sieghart (damals gerade bei Paul Greengard in den USA) bis
heute hochgehalten wird.

Ein Jahr lang waren alle im Labor wie verrückt hinter einer endogenen
Substanz her, die die Bindung von markiertem Diazepam an
Hirnhomogenate blockierte. Kiloweise wurden Rinderhirne vom
Schlachthof herbeigeschafft, und die ersten binding assays wurden
etabliert. Viel ist zwar nicht dabei herausgekommen, aber das Gefühl,
ganz vorne mit dabei zu sein, war für alle greifbar. Später, schon im
Labor von Hornykiewicz, nach zahllosen Reinigungsschritten über
riesige Chromatographie-Säulen, erhielt Sperk schließlich ein paar
wenige Microgramm Reinsubstanz - leider zu wenig für eine
Strukturaufklärung. Zu dieser Zeit begann ich meine Dissertation bei
Hornykiewicz, und ich war glücklich über das Thema: kainic acid,
Roby's Wundersubstanz! Während Roby uns die proofs für seine zweite
Nature-Arbeit zeigte, entwarfen wir den Plan. Von Anfang an gab es ein
ausgezeichnetes Gesprächsklima zwischen Hornykiewicz und Schwarcz.
Roby blieb im Ausland, kam aber mindestens einmal pro Jahr, und wir
haben uns immer auf ihn gestürzt wie die Bienen auf den Honig, um ihn
sorgfältig auszuhorchen, ohne allzuviel von unseren eigenen
Geheimnissen preiszugeben. Vorallem Günther Sperk war in diesem
Zusammenhang immer sehr mißtrauisch. Von Günther hab ich den Umgang
mit Ratten und eine Menge wichtiger Techniken kennengelernt, und vor
allem das Neurotoxin 5,7-DHT, das er von Baldessarini mitgebracht
hatte.

Wir waren in Wien eines der ersten Labors, das die damals neue
HPLC-Analytik eingeführt hat. Ich erinnere mich, daß Peter Kissinger,
der Erfinder dieser Technik und Gründer von BAS, einmal
höchstpersönlich zu Besuch war. Hornykiewicz war etwas mißtrauisch.
Ich mußte daneben von Brigitte Stanek (heute 2. Interne, AKH), die
sich damals bei Peter Placheta auf der Pharmakologie herumgetrieben
hat, eine radioenzymatische Methode für die Bestimmung von Dopamin,
Noradrenalin und Adrenalin lernen, die sie ihrerseits in Innsbruck von
Heide Hörtnagl und in der Schweiz von Mosé da Prada gelernt hatte.
Heide Hörtnagl übernahm schließlich bald die 3. Assistentenstelle am
Institut, wodurch wir zunächst einmal vollzählig waren. Ich erinnere
mich noch, daß ich damals über diesen Neuzugang nicht besonders
glücklich war, weil Hörtnagl auf mich einen langweiligen Eindruck
machte; sie hatte sich bis dahin kaum mit dem Gehirn befaßt, und das
periphere Nervensystem konnte mir damals noch gestohlen bleiben.

Ein großes Forschungsfonds-Projekt wurde an Land gezogen, unter dem
Generaltitel 'Epilepsie'. Es beteiligten sich alle, die auch nur im
Entferntesten in Frage kamen (das Schlagwort machte die Runde: 'Mit
Krampf zum Krampf'). Bei einer der gemeinsamen Projektbesprechungen
ließ uns Christoph Stumpf (Vorstand des damals ebenfalls ins Leben
gerufenen Instituts für Neuropharmakologie) aufhorchen, der
Wunderdinge von seinem gerade in Amerika weilenden Assistenten
Sigismund Huck erzählte: Huck würde elektrische Ableitungen von
einzelnen kultivierten Nervenzellen machen. Uns blieb der Mund offen
stehen.

3

Kainic acid erwies sich als eine recht launische Substanz, die nur
mühsam unter Kontrolle zu halten war. Das wurde auch Roby Schwarcz
bald klar, der sich anderen Neurotoxinen zuwandte wie ibotenic acid,
und später vorallem quinolinic acid. In all den Jahren, in denen wir
kainic acid als Instrument benutzten, um in bestimmten Hirngebieten
selektiv die Somata von Nervenzellen auszuschalten, hatten wir es eher
als lästige Nebenwirkung betrachtet, daß die meisten Ratten
epileptische Anfälle bekamen. Aber Arbeiten von John Olney und
vorallem von Yezekiel Ben-Ari zeigten bald eindeutig, daß die
epileptogene Wirkung von kainic acid bei weitem interessanter und
wichtiger war als ihre lokal-toxische Wirkung. Mit Halina Baran aus
Polen begann bei uns eine neue Dissertantin, kainic acid subcutan zu
spritzen und das Verhalten der Tiere nach einer groben, von Sperk
entworfenen rating scale zu quantifizieren. Die Beobachtungen zogen
sich über Stunden hin und waren mühsam, doch immerhin war kein
operativer Eingriff mehr für die stereotaktische Injektion in das
Innere des Rattenschädels erforderlich. Baran bezahlte einen hohen
Preis: Allergie. Das war gewissermaßen die Rache der Ratten, und viele
von uns mußten den Tieren auf diese Weise ihren Tribut zollen. Die
ersten, die es erwischte, waren Werner Sieghart und Ernst Singer. Und
mich selbst hat es mit Asthma besonders schlimm erwischt (vor allem
dann später in Frankreich).

In dieser Zeit kam es zu ersten schweren Auseinandersetzungen zwischen
Hornykiewicz und Sperk. Aus dem bisher Berichteten kann schon erwartet
werden, daß sich ein Günther Sperk nicht gerne dreinreden ließ bei
seiner Arbeit, auch nicht von einem Oleh Hornykiewicz. Sperk war ein
sogenannter 'wilder Hund', und er fand nichts dabei, an Wochenenden
zusammen mit Ernst Singer millicurieweise markierte Aminosäuren in
Rattenhirne zu infundieren (es ging um Substanz P; Singer verbrachte
später 2 Jahre im Labor von Susan Leeman). Das wirkte sich auf das
Budget des Instituts nachteilig aus, und seit dieser Zeit wurden
Bestellhefte geführt, in die alle Anschaffungen einzutragen und vom
Chef abzusegnen waren. Spannungen gab es auch zwischen Sperk und dem
frisch aus Amerika zurückgekehrten Rainer Schmid, zwei Charakteren wie
man sie sich nicht unterschiedlicher vorstellen kann. Schmid hatte bei
John Meek im Labor von Erminio Costa die Bestimmung von Aminosäuren
mittels HPLC erlernt und hatte überhaupt immer schon, schon im Labor
von Karobath, eine Schwäche für die Analytik. Mit ihm konnte man immer
Spaß haben, mit Günther Sperk eher selten. Ich erinnere mich an einen
Disput, ob Spatel nach Gebrauch mit destilliertem Wasser abzuspülen
seien, oder ob Leitungswasser reicht. Sperk war für destilliertes,
Schmid für Leitungswasser. Die Sache ging so weit, daß wir zuletzt
abgestimmt haben. Schmid hat mit einer Stimme Vorsprung gewonnen.

Rainer Schmid hat sehr bald das Handtuch geworfen und sich wieder ins
Chemische Labor der Psychiatrie versetzen lassen. Dort hatte
inzwischen Werner Sieghart das Ruder übernommen, denn Karobath zog es
zu lukrativeren Aufgaben (zunächst Preclinical Research, Sandoz),
nachdem er bei der Schaffung von 2 Ordinariaten im Bereich
Hirnforschung (Biochemische Pharmakologie, Neuropharmakologie) hatte
zusehen müssen. Statt Schmid kam Ulrike Petsche, obwohl ich gerne
seine Stelle gehabt hätte, nach Abschluß meiner Dissertation. Ich
machte mir nichts draus, denn jetzt hieß es sowieso: Hinaus in die
weite Welt!

4

Nachdem ich erst einmal die Bedeutung der epileptogenen Wirkung von
kainic acid erkannt hatte, war es für mich nur logisch, daß ich
entweder zu John Olney nach St. Louis, oder zu Ben-Ari nach
Gif-sur-Yvette in Frankreich gehen würde. Mein Brief an Olney wurde
sehr freundlich beantwortet, aber ich mußte bald erkennen, daß die
Konkurrenz um Amerika-Stipendien einfach zu groß war (schon Roby
Schwarcz hatte sich seinerzeit seinen US-Aufenthalt privat finanzieren
müssen!). Der einflußreiche Franz Seitelberger selbst (Neurologisches
Institut) bat mich zu sich, um mir schonend beizubringen, daß meine
Publikationsliste (Koautor auf einer Arbeit + ein Abstrakt) nicht mit
jener meiner Mitbewerber konkurrieren konnte. Unsere Nature-Arbeit mit
den Ergebnissen meiner Dissertation sollte leider erst ein paar Monate
später angenommen werden. Da ich auf einem 'Schleudersitz' saß, mußte
etwas geschehen. Es gelang mir, aus einer Quelle, die zuletzt ein
Auslandsprojekt von Ulrike Petsche finanziert hatte, das nötige Geld
für 1 Jahr Frankreich zu organisieren.

Bevor ich am CNRS in Gif-sur-Yvette anfing, verpaßte ich mir noch
einen Schnellsiedekurs in der damals noch recht jungen Technik der
slice autoradiography bei dem Kuchar-Schüler José Palacios bei Sandoz
in Basel, dessen Chef jetzt Karobath hieß (später hat Jürgen Zezula -
noch als Student - eine Zeit dort gearbeitet). Ben-Ari erwies sich als
genau die Persönlichkeit, die ich gesucht hatte. Er vereinte in sich
all die positiven Eigenschaften, die ich in den letzten Jahren an
meinen Lehrern und Kollegen bewundert hatte: Er war ein 'wilder Hund',
er vertraute mir sofort, er publizierte wie besessen, er fürchtete
sich vor nichts, er war jung, er wußte alles, und er behandelte mich
von Anfang an wie einen Freund. Das (damals noch relativ kleine) Labor
lag ihm bedingungslos zu Füßen und zerfranste sich für ihn. Das war
genau die Atmosphäre die ich mir gewünscht hatte: Manfred Karobath mal
Roby Schwarcz zum Quadrat. Weder davor noch danach hab ich so viel
gelernt wie in dieser Zeit. Nur mein Asthma machte mir schwer zu
schaffen, und es war Esper Cavalheiro (heute São Paulo), der mir
damals meinen ersten Inhalator in die Hand gedrückt hat.

In Frankreich war ich stolz auf meine Unabhängigkeit. Um meine Arbeit
fortsetzen zu können, schrieb ich französische Projektanträge, und es
lief auch ein Antrag zur Übernahme durch INSERM. Dann geschah das
Unerwartete: Hornykiewicz lud mich ein, an sein Institut
zurückzukehren. Ulrike Petsche hatte es sich anders überlegt und
schickte sich an, nach Graz zu gehen, um mit Peter Holzer (damals bei
Fred Lembeck) eine Familie zu gründen (was ihnen dann auch
hervorragend gelungen ist). Ich überlegte nicht lange und sagte zu,
zumal es bei mir damals privat drunter und drüber ging (Scheidung) und
ich daran interessiert war, wieder ein wenig zur Ruhe zu kommen.
Später hab ich oft darüber nachgegrübelt, ob meine Entscheidung
richtig war, denn ein Jahr später wurde Ben-Aris Gruppe von INSERM
übernommen und kräftig aufgestockt.

Wieder in Wien, fand ich völlig veränderte Verhältnisse vor. Sperk
hatte nach seiner Habilitation das Institut verlassen und war zu Hans
Winkler nach Innsbruck (Pharmakologie) gegangen. Auf seinem Platz saß
jetzt der Theresianum-Absolvent Christian Pifl, ein nüchterner
Karriere-Typ mit einer Vorliebe für militärischen Drill. Halina Baran
hatte unter den Fittichen von Günther Sperk ihre Dissertation
abgeschlossen. Ausgerechnet Walter Kobingers Clonidin hatte sich im
Laufe der Experimente als bestes Antikonvulsivum erwiesen, und jetzt
waren gerade, gemeinsam mit Hans Lassmann (Neurologisches Institut),
Experimente zur Behandlung des krampfbedingten Ödems mit Mannitol im
Gange. Ich stürzte mich sofort mit Feuereifer auf die Aufgabe, das bei
Ben-Ari erlernte kainic acid Modell in Wien zu etablieren. In
kürzester Zeit reichte ich ein Nachfolge-Projekt ein zum eben
ausgelaufenen 'Epilepsie-Projekt', und sicherte damit unter anderem
Halina Baran zwei weitere Arbeitsjahre. Aber ohne die Autorität von
Sperk geriet Baran immer mehr außer Kontrolle. Dazu kam, daß jedem,
der näher mit ihr zusammenarbeitete, über kurz oder lang auffallen
mußte, daß sie die Weisheit nicht gerade mit dem Löffel gegessen
hatte. Die einzige, die sie am Institut noch in Schutz nahm, war Heide
Hörtnagl. Schließlich fädelte Hornykiewicz für Baran einen
Forschungsaufenthalt bei Georg Hertting (Freiburg) ein, wodurch ich
sie (vorläufig) los war.

Die Szene hatte sich, wie schon gesagt, radikal verändert.
Wahrscheinlich fiel mir das deshalb nicht gleich auf, weil ich noch zu
sehr unter dem Eindruck meines Aufenthaltes bei dem Vulkan Ben-Ari
stand, von dessen Feuer zumindest ein gewisser Funke in mir
weiterwirkte. Ich fuhr noch ab und zu nach Gif, brachte noch das eine
oder andere zu Ende, und schrieb gemeinsam mit Ben an ein paar
Manuskripten. Aber viel spielte sich in Wien nicht mehr ab. Es schien
so, als wären die Kometen Karobath, Schwarcz und Sperk durchgezogen,
und das war's dann. Ich war eindeutig nicht dieses Kaliber. Und auch
Werner Sieghart war es nicht, der sich voll und ganz auf die
Molekularbiologie des GABA-Rezeptorkomplexes geworfen hatte, aber
immerhin noch der einzige war, bei dem eine nennenswerte Anzahl von
Studenten durchkam (hauptsächlich Biochemiker). Er war an der
Naturwissenschaftlichen Fakultät habilitiert, und das war für Helmut
Ruis die Grundvoraussetzung für seinen Sanctus zu einem
Praktikums-Beispiel. Rainer Schmid zerstritt sich mit Sieghart und zog
sich schließlich ins Zentrallabor im AKH zurück, um der Hirnforschung
verloren zu gehen. Die Rückkehr von Sigismund Huck von seinem
Amerika-Abenteuer war mit Pomp und Vorschußlorbeer gefeiert worden,
jedoch war bald klar, daß auch sein Charisma sich in Grenzen hielt.
Blieb noch ein tapfer vor sich hin werkelnder Ernst Singer (Peter
Placheta war ebenfalls in die Industrie abgewandert, zu Bender), der
bei all seiner Brillanz auch keine Integrationsfigur abgab, und der
robuste und vielseitig verwendbare Hans Lassmann (Neurologisches
Institut). Mein Eindruck damals war, daß die Wiener Neuroscience Szene
noch am ehesten bei ihm stattfand: bei Hans Lassmann.

5

Nach wie vor lebte das Neuroscience Seminar. Nach dem Abgang von
Günther Sperk hatten nacheinander Heide Hörtnagl, Helmut Pockberger,
Werner Sieghart, Ernst Singer, und schließlich Sigismund Huck die
Organisation übernommen. Aber was einmal als verschwörerische
Versammlung rebellischer Querdenker begonnen hatte, wurde immer mehr
zur zeremoniellen Pflichtübung: In regelmäßigen Abständen kam
turnusmäßig jeder zu seiner Zeit dran. Sensationen gab es keine mehr.
Der Besuch ging zurück. Als ich 1986 die ersten Ergebnisse meiner
Injektionen von kainic acid in die Amygdala der nicht narkotisierten
Ratte vorstellen wollte - eigentlich die Krönung meiner Arbeit während
der letzten drei Jahre - hatte ich gerade einmal 3 oder 4 Zuhörer. Ich
war sehr betroffen und fragte mich, was wohl falsch gelaufen war. Im
Frühjahr 87 kam ich mit (wie ich zumindest meinte) sensationellen
Neuigkeiten von einem Symposium aus London: Glycin war Co-Agonist am
NMDA-Rezeptor, und Phencyclidin und Ketamin blockierten den
assoziierten Ionenkanal! In Wien interessierte sich kein Schwein
dafür. Ein letzter Hoffnungsschimmer zeichnete sich für mich im Sommer
ab, als ich Roby Schwarcz beim World Cogress of Neuroscience in
Budapest traf und wir spontan Pläne schmiedeten für eine mögliche
Zusammenarbeit. Schon träumte ich von einem Kurzaufenthalt in
Baltimore, doch es sollte anders kommen: Halina Baran kehrte von ihrem
Aufenthalt bei Hertting zurück, und wieder einmal mußte sie irgendwo
untergebracht werden. Hornykiewicz gab schließlich die Parole aus:
Wenn einer etwas aus ihr machen konnte, dann kein anderer als Roby
Schwarcz. Und so war es schließlich sie, die bei ihm landete, und ich
habe meine Projektpläne ganz schnell vergessen und war erleichtert,
auf diese Weise wenigstens einen Ozean zwischen ihr und mir zu wissen.
Immerhin gab es mit Karl Vass (von der Lassmann-Gruppe, nach einem
Aufenthalt bei Igor Klatzo am NIH) noch einen anderen Heimkehrer, mit
dem sich eine schöne Zusammenarbeit ergab: Er brachte einen Antikörper
gegen HSP70 (ein heat shock Protein) mit. Vor ihm war schon
Wolf-Dieter Rausch bei Klatzo gewesen (von der Jellinger-Gruppe an
Birkmayers Ludwig-Boltzmann-Institut für Klinische Neurobiologie in
Lainz; heute an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien). Vass
entschied sich allerdings später dafür, seine Fähigkeiten als Arzt in
die Dienste der Patienten der Neurologischen Universitätsklinik (AKH)
zu stellen.

Und dann braute sich schon allmählich jene Katastrophe zusammen, die
in den nächsten Jahren das, was von der einstmals so lebendigen und
lustbetonten Neuroscience Szene in Wien noch übrig geblieben war,
restlos verwüsten sollte: Die Idee eines Hirnforschungszentrums.
Ausgebrütet und ins Rollen gebracht hat diese Idee eigentlich Helmut
Pockberger, der einen guten Draht zu Erhart Busek hatte, und Erhart
Busek war damals der für uns zuständige Minister. Pockberger tat sich
mit Jörg Hoyer (Physiologie) zusammen und wandte sich an Hornykiewicz,
weil er dachte, zur Durchsetzung eines solch hehren Zieles braucht man
eine prominente Gallionsfigur. Vielleicht hätte er das nicht tun
sollen. Denn Hornykiewicz nahm sich der Sache engagierter an, als es
der Rolle entsprach, die man ihm zugedacht hatte. Nach seinen
Vorstellungen sollten die 4 Institute, die zum Hirnforschungszentrum
zusammengeführt werden sollten (sein eigenes, Seitelbergers
Neurologisches Institut, Stumpfs Institut für Neuropharmakologie, und
Petsches Institut für Neurophysiologie; von Sieghart war zu diesem
Zeitpunkt noch nicht die Rede) nicht nur unter ein gemeinsames Dach
kommen, sondern auch unter einen gemeinsamen Chef. Das war zwar
theoretisch, gewissermaßen dienstrechtlich betrachtet, eine durchaus
realisierbare Möglichkeit, da alle 4 involvierten Ordinariate im
Verlauf der unmittelbar bevorstehenden Jahre vakant wurden (als erster
wurde Seitelberger 1987 emeritiert), und man hätte die Idee dem
Ministerium durchaus schmackhaft machen können - immerhin wurden auf
diese Weise 3 Professorengehälter eingespart - allein bei der
überwiegenden Mehrheit der Kollegen biß Hornykiewicz mit diesem
Vorstoß auf Granit. Mit der Zeit kam es zu einer immer
unerträglicheren Polarisierung, vor allem zwischen Jörg Hoyer und
Sigismund Huck auf der einen Seite, und Hornykiewicz auf der anderen.

Heide Hörtnagl hatte zwei Jahre in Pittsburgh bei Israel Hanin
verbracht und von dort, wie sich das so gehört, ein schönes Neurotoxin
mitgebracht: das selektive Cholinotoxin AF64A. Langsam begann sie mir
immer besser zu gefallen, und wir machten zusammen ein paar recht
nette Experimente. Besonders in Erinnerung ist mir geblieben, daß
Manfred Karobath persönlich eines Tages bei uns aufgetaucht ist, um
sich von ihr den Gebrauch des Toxins erklären zu lassen. Man braucht
eine Zeit, um die Qualitäten von Heide Hörtnagl schätzen zu lernen.
Gewöhnungsbedürftig ist die schroffe Art, mit der sie meistens neuen
Ideen und Vorschlägen begegnet. Die Suppe muß erst gekocht werden, in
der sie kein Haar findet. Aber ich habe mich darauf eingestellt und
die Erfahrung gemacht, daß es sich auszahlt, mit ihr etwas
durchzukämpfen. Zwischen ihr und Hornykiewicz hat es vor allem in der
ersten Zeit regelmäßig gekracht. Der Kollissionskurs war praktisch von
beiden Seiten vorprogrammiert. Schließlich gilt er als notorisch
frauenkritisch, während sie durchaus als militante Emanze durchgehen
kann. Wie auch immer, zuletzt waren sie ein Herz und eine Seele,
vorallem als es im Rahmen der allgemeinen Streitereien um die
Organisationsform des leidigen Hirnforschungszentrums drunter und
drüber ging. Auch Christian Pifl und ich haben sich eher aus
Überzeugung auf die Seite von Hornykiewicz gestellt und nicht aus
Loyalität.

6

Es folgte eine Zeit des allgemeinen Niedergangs. Nachdem wir uns als
unfähig erwiesen hatten, aus eigener Kraft zu einem Konsens zu kommen,
mußten wir uns damit einverstanden erklären, daß von der Fakultät eine
spezielle 'Hirnforschungs-Kommission' eingesetzt wurde, denn irgendwie
mußte es ja schließlich weitergehen. Der Plan, der über Jahre auf den
Weg gebracht worden war, war jedenfalls nicht mehr zu stoppen: Das
Hirnforschungszentrum mußte her, koste es, was es wolle. Und wenn wir
uns alle gegenseitig die Schädel einschlagen: umso besser, dann werden
wenigstens Posten frei.

Als Sigismund Huck 1988 die Organisation der Neuroscience Seminare
übernahm, trieb er die Zahl der Vorträge in schwindelnde Höhen und
sorgte durch Gäste aus dem Ausland für Abwechslung. Dann allerdings
erlahmte das Interesse an dieser Veranstaltung völlig: Von 1991 bis
1995 gab es gezählte 4 Vorträge, die unter dem Titel Neuroscience
Seminar angekündigt wurden, und keinem fiel es auf. Wenn man dieses
Seminar als einen Gradmesser für die Vitalität der Wiener Neuroscience
Szene wertet, so mußte man befürchten, daß es mit ihr zu Ende ging.
Eine längst fällige Österreichische Gesellschaft für
Neurowissenschaften mußte 1993 von dem Außenseiter Friedrich Barth
(Zoologie Wien) gegründet werden. Zu Ende ging es auch mit den
Ordinariaten: Nach Seitelberger (1987) gingen Petsche (1993) und
Stumpf (1995), während Hornykiewicz trotz Emeritierung (1995) Leiter
seines Instituts blieb. Die Arbeiten am neuen Haus verzögerten sich,
z.T. wegen der ewigen Streitereien, z.T. wegen technischer Probleme.
Die Hirnforschungs-Kommission rang sich schließlich 1994, rechtzeitig
zur ersten ENA-Tagung auf Wiener Boden, die Entscheidung ab, aus den 5
zusammenzuführenden Einheiten (inklusive Werner Sieghart, der 1992 mit
in die Planung genommen worden war) 3 Abteilungen eines
Hirnforschungsinstituts zu bilden. Sieghart und das
Hornykiewicz-Institut sollten in einer Abteilung mit einem
biochemisch-molekularbiologischem Arbeitsschwerpunkt zusammengefaßt
werden, und Neuropharmakologie (nach Stumpf) und Neurophysiologie
(nach Petsche) sollten ebenfalls in nur einer Abteilung zusammengefaßt
werden, mit einem elektrophysiologischen Arbeitsschwerpunkt. Das
Neurologische Institut (nach Seitelberger) sollte zur dritten
Abteilung werden. Die Gallionsfigur war allerdings abhanden gekommen,
und anläßlich der ENA-Tagung hielt nicht Hornykiewicz, sondern Petsche
den Festvortrag.

Mit dieser Entscheidung fanden sich die Streitparteien - mit eher
wenig Begeisterung, weil schließlich keiner Recht bekommen hatte - ab.
Und damit hätte man es eigentlich bewenden lassen können; aber man war
über all die Jahre hin schon so weit geritten, daß man jetzt auch
gleich im Sattel bleiben und die Sache richtig zum Ende bringen
konnte. Man wollte unbedingt noch Köpfe rollen sehen, und 1995 wurde
zu diesem Zweck ein Beirat ins Leben gerufen. Als Vorsitzender wurde
kein Geringerer als Robert Schwarcz gewünscht (auf wessen Vorschlag?
Ich erinnere mich nicht mehr, aber ich glaube, es war nicht
Hornykiewicz, sondern Hanno Bernheimer, Neurologisches Institut). Und
Roby kam, sah, und konstituierte seinen Beirat. Und dann ging es
Schlag auf Schlag. Im Juni 96 wurde ein Hearing mit Kurzvorträgen
aller potentiellen Institutsmitglieder durchgepeitscht, und im
folgenden Herbst wurden die zu Evaluierenden mit dem Ergebnis
konfrontiert. Für manche von uns gab es ein böses Erwachen. Eine
weitere Debatte fand nicht statt - zumindest nicht offiziell - und im
Sommer 98 mußte der Dekan Wolfgang Schütz (Pharmakologie) 2 Kollegen
mitteilen, daß die Fakultät sie nicht dem Hirnforschungsinstitut
zuordnen würde, und daß sie sich deshalb gefälligst um ein anderes
Institut umschauen sollten. Ironie des Schicksals: Einer der beiden
war Helmut Pockberger, der seinerzeit das ganze Schlamassl mit seinem
Vorstoß losgetreten hatte. Der andere war ich selbst, der stille
Beobachter und Autor dieser Saga, der 1996 das Neuroscience Seminar
aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküßt hat und seitdem mit Eifer
organisiert.

*

Was ist aus der Wiener Neuroscience Szene in diesen letzten beiden
Jahrzehnten geworden? Gab es überhaupt jemals eine solche? Heute neige
ich dazu, zu sagen: Nein, nicht wirklich. Jene, die das Zeug gehabt
hätten, als ihr Kristallisationspunkt zu fungieren, konnte man nicht
lange genug an der Universität Wien halten. Wir wenigen, die aus den
Anfängen einer möglichen 'Wiener Schule' übrig geblieben sind, waren
nicht zahlreich, nicht energisch, oder nicht begabt genug, um die
Fackel weiterzutragen. Zu kurz war der Frühling, und die Reste, die
noch übrig sind, werden jetzt verstreut. Vielleicht wäre noch etwas zu
retten gewesen, wäre das Hirnforschungsinstitut 10 Jahre früher
gekommen. Es hätte schon gereicht, wenn der Zufall wenigstens 2
engagierte, gut harmonisierende Idealisten für eine ausreichend lange
Zeit unter ein Dach geführt hätte. Jetzt fängt man wieder bei Null an
und die Wiener Neuroscience Saga findet damit ihr (vorläufiges?) Ende.

MB 7/98

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