On 14.12.12 11:23, Wolfgang May wrote:
> In de.sci.informatik.misc Georg Bauhaus <
rm.dash...@futureapps.de> wrote:
>> On 13.12.12 20:17, Stefan Ram wrote:
>>>
r...@zedat.fu-berlin.de (Stefan Ram) writes:
>>>> Ich habe etwas wie »123« bisher immer als »ein Numeral«
>>>> bezeichnet.
>>>
>>> Also nun zur »Auflösung«!
>>>
>>> Tatsächlich werden numerische Literale auch »Numerale«
>>> genannt. Beispiel:
>>>
>>> »Ein Literal ist ein Numeral (z.B. 9.5 oder -42),
>>> ein String oder e...«
> Literale sind in diesem Sinn Zahlen, Zeichen, Zeichenketten,
> Datumswerte, geogr. Koordinaten, Koordinaten im R^3 usw.
Also genügen diese Begriffe doch?
(Ich verschwende im beruflichen Alltag mit "peer-Sprech", neuen,
gedankenlosen Begriffen, Zitierkartellen, Abküfi, und der
soundsovielten Variation eines nicht ganz entwickelten frameworks viel
Zeit, weil ein paar talentierte Studienabgänger all jene Worte und
Produkte für den Start ins Leben in der Welt verbreiten konnten. Ihnen
nichts böses, wer im Glashaus sitz, usw. Ich möchte freilich nicht
noch einen Partikularismus von begrenztem theoretischen und
praktischem Nutzen auswendig lernen müssen, damit man mich als
Fachmensch anerkennt.)
> Notiz: im ueblichen umgangssprachlichen Umfeld genuegen grob umrissene
> Begrifflichkeiten. Im fachlichen Umfeld muessen Begriffe klar
> definiert (und in abstrakte Gruppen eingeordnet) werden. Dazu
> benoetigt man eine Fachsprache. In Mathematik, Biologie, und halt auch
> in Informatik hat sich das durchaus als sinnvoll erwiesen.
μὲν ... δὲ νῦν (Heinrich Mann). Wider die Einwörtelei. Sie kostet
zu viel.
Eine Spezialistensprache unterscheidet sich von einer
Fachsprache dadurch, dass nur Spezialisten innerhalb des Fachs
ihr Vokabular unmittelbar verständlich ist. Entscheidend sind
Vorkenntnis, Detailgrad, Abstraktionsebene. "Numerale" umzudeuten,
oder "Numeral" neu einzuführen, sorgt für mehr Spezialisierung in
kleinen Details, also nicht für Fachsprache.
Die Dominanz eines Sprachvorrats an einem informatischen Arbeitsplatz
hat Wirkungen auf eine wirklich wichtige Gruppe von
Informatik-Konsumenten: auf Programmierer, die Zeit und Geld
verbrauchen, wenn sie sich verständigen sollen. Mit Programmierern
meine ich Menschen, die Programme sowohl planen, als auch an
Quelltexten arbeiten. Es geht bei Stefans Texten nicht nur, aber auch
wesentlich um die Vermittlung von Grammatik und Interpretation in
informatischen Zusammenhängen.
Der Detailgrad einer Fachsprache hat Grenzen. ein zu weit gehender
Detaillierungsgrad nimmt der Sprache den Nutzen. Beispiel: Eine
Sprache enthalte einen Wortvorrat für verschieden gruppierbare
Exemplare terminierender Interpunktion. Vermutlich wird der Vorrat als
für ein Verständnis "informatischer Grammatik" den Fachleuten nicht
zwingend notwendig erscheinen. Das wäre zu viel der Überverwaltung
lexikalischer Einheiten für eine gewöhnliche Fachsprache.
Das von Luther und Kommilitonen praktizierte Leutsch oder Datein
unterscheidet sich ebenfalls von Fachsprache: es ist nur Ausdruck
einer noch nicht geübten Fertigkeit in der Nutzung beider
Sprachen. Diese Nutzung braucht Fremdworte oder muttersprachliche
Worte jeweils nicht auszuschließen. Demnach könnte "hingeschriebene
Zahl" dem Fachpublikum verständlich sein. Vielleicht nicht
technisch genug.
("Ich habe mein Laptop angeswitcht und wipe über 'ne Google map."
ist als exemplarischer Satz wohl eher Produkt von
(a) Denkbequemlichkeit,
(b) nachahmender Nichtübersetzung und
(c) sozialer Akzeptanz bei relevanten Anderen.
Ein Soziolekt eben, und keine Fachsprache. Es gibt kein
Alternativangebot an Informatiksprache, die nachzusprechen cool
wäre. "Angeschaltet" klingt zu alt, "wischen" zu ungewohnt,
anderes einfach in der Muttersprache neu,etc.)
Spezialistensprachen finden Eingang in die Fachliteratur, weil
die dafür da ist, verschiedene Spezialisierungen des Fachs zu
umschließen. Das macht eine Spezialistensprache noch nicht zu
der Fachsprache, die inklusiver sein muss. Wegen der für Menschen
notwendigen Umfangsbegrenzung also auch eine Schnittmenge der
Spezialsprachen.
Weil die Fachsprache, also die von Fachleuten verschiedener
Spezialisierungen zur Verständigung benutzte Sprache,
offenbar ohne das Wort Numeral[e] ausgekommen ist, um
etwas wie »123« zu bezeichnen, ist nach dem Problem zu fragen,
das dieses Wort lösen soll, und ob die Verbreitung der Lösung
nicht mehr Kosten als Nutzer verursacht.
Also, wozu das Numerale umdeuten, oder das Wort Numeral neu
einführen?
Des Kontrastes wegen möchte ich das "Ordinal" als hilfreichen
Begriff vorschlagen. Er steht für das Präfix einer Fließkommazahl
in typischer Computerdarstellung, also mit gleitendem Punkt:
Ordinal ::= Ziffer {Ziffer} "."
Beide Interpretationen, die als Ordnungsanzeige und als Präfix,
sind plausibel. Geht das zu weit? Ist das unvernünftig? Wenn das
absurd ist, dann warum? Wegen des Detailgrads?
Die von Stefan als Beleg für die Verwendung von Numeral angeführte
Google-Fundstelle (1 Treffer) mag man sich ansehen. Da steht die
Definition als aufzählende Regel einer Grammatik. Übersetzt:
Literal ::= Numeral | String | eingeklammertes Konstrukt
Numeral ::= z.B. 9.5 oder -42
>> Einen String unter Literal einzuordnen, führt in die selbe
>> verwässernde Richtung: Sie entzieht den Definitionen Trennschärfe.
>
> Nein, es ist konzeptuell genau richtig, und ueblich, s.u.
Das unterstellte Vorverständnis von "String" setzt voraus,
dass es eine allgemein akzeptierte Definition von "String" gibt,
nämlich eine, die etwas wie »bla 123« erfasst. Du sagst an anderer
Stelle, dass übliche umgangssprachlichen Umfeld grobe Umrisse
zulässt. Ja. Aber ein Java-Programmierer wird nicht automatisch
an Literale denken, wenn jemand String sagt. Dieser thread zeigt
weitere Widersprüche.
Das da oben ist aber der Absicht nach fachsprachlich. "String" ist
eben nicht trennscharf, sondern nur kontextabhängig verständlich.
Deshalb erscheint mir String keine gute Grundlage für eine Definition,
eher ein Anzeichen von Umgangssprache. Auch "Numeral" nicht, sofern es
kein Kunstwort (Variablenname) einer formalen Grammtik sein soll.
Wer sich zu Wort + Adjektiv durchringen kann, hat mit der Einwörtelei
kein Problem mehr.
Warum sonst ein Problem entsteht, bei zu vielen Spezialbegriffen,
zeigt m.E. die im Folgenden ausgemalte Situation. Zwei Fachsprachler
versuchen, sich zu verständigen.
B sei ein statistisch häufiger Programmierer, A weisungsbefugt.
A: "Können Sie, bitte, ... Numerale ... einsammeln ...?"
B: "Äh?"
Aus meiner Sicht wäre die Aufforderung durch A erfolgreicher, wenn
"Numerale" durch "Zahlkonstanten" oder auch "Literalzahlen" ersetzt
würde. Dabei spielt es keine Rolle, wenn sich untern Spezialsprachlern
Argumente finden ließen, dass "Zahlkonstante" nicht von selbst eindeutig
ist.
Der A würde, in der erfolgreichen Variation, doch getypten Literale in
seiner Aufforderung an B verwenden, oder? Also "Literale vom Typ Zahl"
verwenden, auf die du im Zusammenhang DB-Typen verwiesen hast?
Informatik hätte Grund, ihre Produkte nach mehreren Kriterien, nicht
nur formalen oder sprachlichen, auszurichten. Also auch für die
Verwendung in informatischen Situationen vorzubereiten. Das kann
bedeuten, den Detailgrad auf je Wesentliches zu beschränken.
Das "Numeral" scheint mir das nicht.
Schönes Wochenende.