ich habe folgende, vermutlich banale Frage. Ist es wissenschaftlich korrekt,
wenn man den neuzeitlichen Kolonialismus (von Europa ausgehend) in zwei
Phasen unterteilt? Einmal in die Phase vom 15. Jh. bis zum 19. Jh und dann
in die Phase von 1800 bis zum 2. Weltkrieg?
Ich habe keine eindeutigen Aussagen bzw. Literatur gefunden.
Besten Dank,
Daniel Herrmann
Hallo Daniel, die Frage ist nicht banal, vielleicht aber etwas
unvollständig gestellt.
Die Einteilung nach Epochen wird ja in aller Regel nachträglich
vorgenommen und soll durch Zusammenfassung und Trennung dem besseren
Verständnis dienen.
"Wissenschaftlich korrekt" ist deshalb jede Epocheneinteilung, die
nachvollziehbar begründet wird, und je nach dem, worum es konkret
geht, können auch unterschiedliche Epocheneinteilungen sinnvoll sein.
Die Einteilung nur nach runden Jahreszahl ist so gesehen nicht
"wissenschaftlich", aber lass uns doch gemeinsam überlegen: Haben sich
um 1800 herum Methoden, Ziele, oder auch nur das Ausmaß der
Kolonialisierung so verändert, dass man von einem Epochenwechsel
sprechen kann? Gibt es irgendwelche markanten Ereignisse, die so einen
Wechsel ausgelöst haben können oder ihn deutlich machen?
Mir fallen ein paar Jahre vor 1800 die Unabhängigkeit der USA und in
den zwei Jahrzehnten danach die Unabhängigkeit der Südamerikanischen
Staaten von Spanien ein. Woran hast du denn gedacht, als du die
Wendemarke gesetzt hast?
Gruß
Gerald
--
Im Interesse der Lesbarkeit dieser Gruppe
beteilige ich mich nicht an Phantomzeit-Debatten
http://www.boen-end.de
Hallo,
> Wechsel ausgelöst haben können oder ihn deutlich machen?
> Mir fallen ein paar Jahre vor 1800 die Unabhängigkeit der USA und in
> den zwei Jahrzehnten danach die Unabhängigkeit der Südamerikanischen
> Staaten von Spanien ein. Woran hast du denn gedacht, als du die
> Wendemarke gesetzt hast?
Erst nach 1800 begannen sich weitere Staaten an der Kolonialisierung zu
beteiligen. Z.B. England, Deutschland (um 1813) und Frabkreich.
Ich suchte nur nach einer einfachen Einteilung für ne mündliche. Also
erstmal kolonialisieren vor allem Portugal und Spanien. Erst lange Zeit
später um 1800
kamen weitere Länder hinzu. Es soll nur um eine kurze Info für den Prof
gehen, daß es zwei Phasen gab, in denen große Kolonialisierungen
stattfanden.
Gruß,
Daniel
Hallo,
falscher Irrtum. Ich habe den Text nur falsch verstanden. Das kommt davon,
wenn man um 1000 Eckern denkt 8))
Der Grund für die 2 Phasen war schlichtweg die Einteilung wie folgt:
1. Phase von 1450-1800 Beginn der Kolonialisierung. Zunächst hauptsächlich
der amerikanische Kontinent (nach 1492).
2. Phase von 1800-1945 die Zeit der Kolonialisierung Afrikas, Asiens und des
Pazifiks
Unabhängig von den beteiligten Nationen. Also Phaseneinteilung nach
Occupation der Länder.
> Gruß,
> Daniel
>Erst nach 1800 begannen sich weitere Staaten an der Kolonialisierung zu
>beteiligen. Z.B. England, Deutschland (um 1813) und Frabkreich.
Und was ist mit den englischen Kolonien in Nordamerika, von denen ein
erheblicher Teil um 1800 schon wieder verloren war?
In Indien hatten die Briten schon spätestens nach dem Siebenjährigen
Krieg die Macht über wichtige Gebiete.
Die erste britische (Sträflings-)Kolonie in Australien wurde 1788
eingerichtet.
Deutsche Kolonien um 1813? Tut mir leid, da habe ich eine
Bildungslücke. Gab es sowas? Wenn ja, dann war es eine Marginalie. Die
tatsächliche deutsche Konialgeschichte beginnt wesentlich später.
Frankreich schickte seine ersten Siedler, wenn ich mich recht
erinnere, unter Henri IV nach Amerika, wenn auch noch mit wenig
Erfolg. Hast du mal "Lederstrumpf" gelesen? Das Buch beginnt doch mit
einem Krieg zwischen Engländern und Franzosen in Nordamerika. Wie
sollte das möglich sein, wenn die Franzosen sich vor 1800 nicht an der
Kolonialisierung beteiligten?
>Ich suchte nur nach einer einfachen Einteilung für ne mündliche. Also
>erstmal kolonialisieren vor allem Portugal und Spanien. Erst lange Zeit
>später um 1800
>kamen weitere Länder hinzu. Es soll nur um eine kurze Info für den Prof
>gehen, daß es zwei Phasen gab, in denen große Kolonialisierungen
>stattfanden.
Richtig ist, dass zu den portugiesischen und und spanischen Kolonien
nach 1800 nichts Wesentliches mehr dazukam, und in den folgenden
Jahrzehnten mit den südamerikanischen Kolonien viel verlorenging, aber
das allein scheint mir deine Einteilung nicht zu rechtfertigen.
Hallo,
falscher Irrtum. Ich habe den Text nur falsch verstanden. Das kommt davon,
England bereits im 17. Jh. in Nordamerika, Deutschland erst ab 1880er Jahre.
>und Frabkreich.
> Ich suchte nur nach einer einfachen Einteilung für ne mündliche. Also
> erstmal kolonialisieren vor allem Portugal und Spanien. Erst lange Zeit
> später um 1800
> kamen weitere Länder hinzu.
Nein, das stimmt nicht. Es ist vielmehr ein *systematisch* anderer Hintergrund.
>Es soll nur um eine kurze Info für den Prof
> gehen, daß es zwei Phasen gab, in denen große Kolonialisierungen
> stattfanden.
>
> Gruß,
> Daniel
1. Kolonialisierungsphase: vor 1830, 16. Jh.: Seemächte Spanien,
Portugal (Kolonisation und Missionierung = Sendungsbewußtsein)
ab 17. Jh.: Niederlande, Frankreich, England (ohne religiösen Hintergrund)
Kennzeichnend sind Handelsposten, Beförderung vorwiegend hoch
ertragreicher Rohstoffe (wie Gewürze, Zucker, Edelmetalle, Sklaven),
denn bedingt durch lange Seewege und unzureichende
Navigationsinstrumente war Schiffahrt risikoreich.
.Der Gedanke des "Kolonisierens", wie man ihn aus dem 19./20. Jhdt.
kennt: durch Unterwerfung, administrative Kontrolle und Einwanderung
(sog. Siedlungskolonien ) *beschränkte* sich auf Teile der Amerikas (nur
Spanien/Portugal, F in Kanada, bei England stand bei staatlich
gelenktre Kolonisation zunächst der Gedanke der Entfernung von
Strafgefangenen bzw. religiös unzuverlässiger Gruppen im Vordergrund),
Australiens sowie dem Kap. Im übrigen Afrika bzw. Asien (mit Ausnahme
kleiner, wertvoller Gewürzinseln) wird das Hinterland nicht unterworfen,
vielmehr als Vertragspartner gesucht.
--> Man beschränkt sich auf strategische Punkte und hochseefähige Häfen.
Nur hoch ertragreiche Gebiete (zB Karibik= Zuckerrohranbau, Molukken =
Gewürze, Teile Südamerikas = Edelmetalle werden vollständig besezt)
2. Phase im 19. Jhdt. ab ca. 1830 Ausdehnung Kolonisation auf Teile
Afrikas, es beginnt die Unterwerfung der Hinterlands der Seehäfen. Den
Beginn kann man mit 1830 (Algerien, französische Siedlungskolonie)
ansetzen. Die beginnende Semikolonisierung Chinas ab 1840, die
Unterwerfung und direkte Regierung Nordindiens nach dem Sepoy Aufstand
fällt in die gleiche Zeit. Beginn der Massenauswanderung nach Nord- und
Südamerika bzw. Australien. Der Bevölkerungsüberschuß des
industrialisierten Europas wird nun gezielt in die Kolonien gelenkt.
3. Phase die Hochphase des Kolonialismus ab ca. 1880
Die Späteinsteiger Deutschland, Italien, Japan mischen ab 1880 mit.
Kolonien werden Prestigeobjekte des Hypernationalismus (vgl. Frankreich,
Reaktion auf Krieg 1870/71). Der wirtschaftliche Gedanke tritt in den
Hintergrund. Die deutsche Kolonisation verdankt ihreEntstehung nur
Bismarcks Idee, innenpolitischen Druck durch schwerpatriotisches im
Äußern abzulenken. Wurde dann ein nationalistischer Selbstläufer. - Dazu
kam die USA, die nach ihrer "Binnenkolonisation" ab 1890 sich den
spanischen Resten zuwendet.
Ab 1880 werden auch die bisher meist Privatfirmen überlassenen Monopole
meist in staatliche Hand zurückgenommen, das Hinterland unter
militärische und dann zivile Kontrolle und Administration (Steuern)
gebracht. Das gilt vor allem für Afrika (bisher nur Küsten, jetzt
vollständig), aber auch für NL-Indien. Südostasien ebenso wie
Zentralasien (Russland) kommen unter direkte europäische Kontrolle.
Frankreichs Ausgreifen nach Tunis und Ägypten
-- Der Hintergrund ist vor allem in der Verbesserung der Schiffahrt
(Dampf), schneller/weniger Risko, weiteren Kommunikations- bzw.
Kontrollmöglichkeiten wie Eisenbahn, Telegraphen usw.zu sehen. Dazu
kommt die Möglichkeit, die Kolonien als Absatzmärkte für die entstandene
Fertig-/Industrieprodukte zu nutzen.
Die meisten kennen nur den Kolonialismus der Phase 3.
Den "Kolonialmächten" des 16.-18. Jhdt. war dieser Gedanke, schon aus
Kostengründen weitgehend fremd.
Kolonien waren damals nur etwas für Investoren, private Glücksritter ...
und die Ärmsten, die sonst keine Chance hatten.
Literatur:
Kolonialismus, Jürgen Osterhammel, BeckscheReihe
Europäische Kolonialherrschaft 1880-1940, Rudolf von Albertini, Steiner
Verlag
Geschichte der europäischen Expansion, Wolfgang Reinhard, Kohlhammer Verlag,
4 Bde.
Reinhard gibts auch als kleine Handbuch zusammengefasst als:
Kleine Geschichte des Kolonialismus, Wolfgang Reinhard, Kröner Verlag
Spezielleres (1992 notiert, also gibt es vielleicht
neuere Auflagen):
Halstead/Procari, Modern European Imperialism, Boston 1974
Baumgart, Deutschland im Zeitalter des Imperialismus 1974
Baumgart, Der Imperialismus. Idee und Wirklichkeit der englischen
und französischen Kolnialexpansion 188-1914.Wiesbaden (Steiner) 1975.
Baumgart, Artikel "Imperialismus" in: Staatslexikon (ed. Görres
Gesellschaft) 7. Aufl. 1987.
Recht problematisch ist Wehling (wie auch sonst...), der die sozialimperialistische
Deutung (dt. Kolonialismus = Ablenkung von der Innenpolitik) verabsolutiert.
Hat auch etwas merkwürdige "Sammelfußnoten".
Ach so:
Verbunden mit dem späten Kolonialismus ist der "Imperialismus"
Paar Stichworte dazu:
Ältere Imperialistische Perioden = China, Rom mit langfristigen
Großreichsbildungen (Kennzeichen: übernational, geschlossene Flächen)
Der Begriff "Imperialismus" erscheint in der Moderne dann ab Napoleon
III (gekrönt Dez. 1851) mit seinen Unternehmungen in Mexiko, Italien
und Nordafrika 1859f.
Als spezielleren modernen Imperialismus bezeichnet man die Periode
1870-1914 (Waffen, Kommunikation,Schiffahrt/Telegraphie).
Bedeutungserweiterung in GB. "Imperialism"
als Schimpfwort der whigs gegen die toris (Disraeli). 1876 "Empress
of India".
Hochimperialismus beginnt dann mit Frankreichs Unternehmungen 1881
(Tunis) und 1882 (Ägypten).
In Bezug auf das DR dann wichtig 1884/85
Spätkolonialismus: Dtl, Italien, Japan
HTH Florian
--
"Unable to locate coffee. Operator halted."
Hallo,
meine Güte, was für eine Mörderantwort. Vielen Dank dafür. Zumindest weiß
ich jetzt, daß es sinnvoller wäre, mein Stichwort
- Phasen der Kolonialisierung zu nennen
und nicht -die zwei Phasen der Kolonialisierung.
Es geht nur um eine kurze Info in der mündlichen Prüfung.
Die Literatur wird mir sicherlich dabei weiterhelfen. Ich will die Epochen
der Kolonialisierung nach Hobhouse bzw. Mintz
auf andere Weise betrachten. Also bezogen auf den Einfluß von Chinarinde,
Zucker, Baumwolle, Tee auf die Kolonialmächte.
So z.B. weite Teile ohne Medizin nicht Kolonialisierbar. Denn um Macht
auszuüben muß man physisch präsent sein und gesund sein.
Gruß,
Daniel
> Deutsche Kolonien um 1813? Tut mir leid, da habe ich eine
> Bildungslücke. Gab es sowas? Wenn ja, dann war es eine Marginalie. Die
> tatsächliche deutsche Konialgeschichte beginnt wesentlich später.
Ich weiß, daß das jetzt OT ist, aber wie definiert Ihr "Kolonisation"?
Haben nicht schon die deutschen Ordensritter die ersten Kolonien im
Osten angelegt? Und was ist mit den deutschen Kolonien des heiligen
römischen Reiches in den slawischen Gebieten(Donauschwaben,
Siebenbürgen, Banat usw.)?
Hermann, Salzburg
"Hrrmmmpfff." (Prof. Asterix).
>Vielen Dank dafür. Zumindest weiß
> ich jetzt, daß es sinnvoller wäre, mein Stichwort
>
> - Phasen der Kolonialisierung zu nennen
>
> und nicht -die zwei Phasen der Kolonialisierung.
>
> Es geht nur um eine kurze Info in der mündlichen Prüfung.
> Die Literatur wird mir sicherlich dabei weiterhelfen. Ich will die Epochen
> der Kolonialisierung nach Hobhouse bzw. Mintz
> auf andere Weise betrachten. Also bezogen auf den Einfluß von Chinarinde,
> Zucker, Baumwolle, Tee auf die Kolonialmächte.
Soweit, so schön. Aber:
> So z.B. weite Teile ohne Medizin nicht Kolonialisierbar. Denn um Macht
> auszuüben muß man physisch präsent sein und gesund sein.
Das war aber kein Kriterium für die Periodisierung. Die eingesetzten
Administratoren in den Tropen, etwa die Briten in HK oder die
Rrreichsdeutschen in Neuguinea, sind fast alljährlich weggestorben und
mußten ersetzt werden...
Es war für die Regierungen kein Maßstab, ob das Klima/Infektionsrisiko
ihren Leuten etwas zumutete.
Eine Periodisierung kann man daraus nicht ableiten.
Das wäre allenfalls für Teile der letzten Phase, dh Ansiedlung eigener
Landsleute/Gesundheitsrisiken evtl. relevant.
Im übrigen war den Regierungen wie den Unternehmern das gesundheitliche
Risiko wohl bekannt - man ging es ein.
Viel Erfolg.
Gruß
Florian
> Daniel Herrmann wrote:
[ snip ]
>
> Die meisten kennen nur den Kolonialismus der Phase 3.
>
> Den "Kolonialmächten" des 16.-18. Jhdt. war dieser Gedanke, schon aus
> Kostengründen weitgehend fremd.
>
> Kolonien waren damals nur etwas für Investoren, private Glücksritter ...
> und die Ärmsten, die sonst keine Chance hatten.
Und die Welser gingen auch Pleite mit ihrer Mittelamerikafirma...
>
>
> Literatur:
>
> Kolonialismus, Jürgen Osterhammel, BeckscheReihe
>
> Europäische Kolonialherrschaft 1880-1940, Rudolf von Albertini, Steiner
> Verlag
>
> Geschichte der europäischen Expansion, Wolfgang Reinhard, Kohlhammer Verlag,
> 4 Bde.
>
> Reinhard gibts auch als kleine Handbuch zusammengefasst als:
>
> Kleine Geschichte des Kolonialismus, Wolfgang Reinhard, Kröner Verlag
Und wie ist es denn mit den Quellen gemäß Charta ?
Eberhard Schmitt (Hg.), Dokumente zur Geschichte der europäischen
Expansion, 7 Bände, München: C.H.Beck (übersetzt und kommentiert, keine
Belästigung mit Originalsprachen ...)
>
[ snip ]
--
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Horst Enzensberger
Historische Hilfswissenschaften
Otto - Friedrich - Universität Bamberg
>Deutsche Kolonien um 1813? Tut mir leid, da habe ich eine
>Bildungslücke. Gab es sowas? Wenn ja, dann war es eine Marginalie. Die
>tatsächliche deutsche Konialgeschichte beginnt wesentlich später.
Bei http://www.deutsche-schutzgebiete.de/default_kolonien.htm steht
einiges über die Kolonien und gewissen Vorgeschichten, aber die Zahl
1813 ist mir da nicht wirklich untergekommen.
>1. Phase von 1450-1800 Beginn der Kolonialisierung. Zunächst hauptsächlich
>der amerikanische Kontinent (nach 1492).
>2. Phase von 1800-1945 die Zeit der Kolonialisierung Afrikas, Asiens und des
>Pazifiks
Wieso wurde eigentlich Afrika später kolonialisiert obwohl es früher
bekannt war?
Gibt es eigentlich auch irgendwo eine Übersicht der Kolonialisten und
was ihre Ziele waren bzw. was sie in den Kolonien gemacht haben?
Welche waren eigentlich die schlimmsten und die am wenig schlimmsten
(wenn man das überhaupt beurteilen kann)?
Was ist eigentlich mit den schwedischen Kolonien (in der Karibik)
passiert?
Was heißt denn "kolonisiert"?
Mit Ausnahme von Gold und Sklaven war da wenig zu holen. Dafür genügten
die Küstenfaktoreien.
Zur Besiedlung (mit Ausnahme der gemäßigten Kapregion) war Afrika wenig einladend.
In Südamerika (Edelmetalle) und Asien (Gewürze, Luxusgüter wie Seide)
war viel mehr zu holen.
Die Kolonisierung Afrikas ab ca. 1870 ist mehr eine Sache des
Hypernationalismus statt der Ratio.
Nur in Südafrika bzw. Rhodesien versprachen die zahlreichen Minen
lohnende Investments.
>
> Gibt es eigentlich auch irgendwo eine Übersicht der Kolonialisten und
> was ihre Ziele waren bzw. was sie in den Kolonien gemacht haben?
Sicher, siehe die Literaturhinweise von mir und die Ergänzung von Horst Enzensberger.
>
> Welche waren eigentlich die schlimmsten und die am wenig schlimmsten
> (wenn man das überhaupt beurteilen kann)?
OK: gaanz wüst, die Belgier im Kongo.
Ganz nett: die Deutschen in Samoa (aber auch nur dort).
Hängt ganz von der Gegend ab.
>
> Was ist eigentlich mit den schwedischen Kolonien (in der Karibik)
> passiert?
Es war nur 1 Inselchen, und auch nur 1784-1878 schwedisch.
St. Bartholome (St. Bartholomew oder St. Barthélemy) wurde von Columbus
1493 entdeckt und nach seinem zweiten Bruder genannt.
Die Insel NW von Guadelupe umfasst 25 qkm, ist steinig, waldlos,
wasserarm, vorwiegend unfruchtbar und durch zahllose Riffe schwer
zugänglich. 1648 wurde St. Barth von Frankreich in Besitz genommen und
mit Bauern aus der Bretagne, der Normandie und dem Poitou besiedelt.
Bald kamen Negersklaven dazu.
1784 wurde das Inselchen von Louis XVI an den schwedischen König Gustav
III gegeben, im Tausch gegen einige Handelsprivilegen im Hafen von
Göteborg/Schweden. Der einzige Hafenort im SW wurde in Gustavia
umbenannt. Der einzige anderen Ort auf St. Barth ist Lorient.
Die Schweden hatten an der afrikanischen Westküste mit Faktoreien ein
gutes Standbein im Sklavenhandel, und wollten auch das Ende der
Wertschöpfungskette nutzen: sie verwendeten das Inselchen für die
Rohrzucker- bzw. Rum- und Tabakproduktion, damals eine sehr lukrative
Sache. Mit Ausnahme einiger Militärs (es gab ein kleines Fort und einen
Leuchtturm), Verwalter und Händler kamen keine Schweden nach St. Barth.
Bevölkerung und Sprache blieben französisch bzw. schwarz oder kreolisch,
heute meist englisch.
1878 (16. März wirksam) verkauften die Schweden es wieder an Frankreich,
Preis angeblich £1000.
Ursache vermutlich das Sinken des Zuckerpreises durch Rübenzucker,
wonach der wirtschaftliche Wert irrelevant geworden war.
Heute ist es eine Art tropisches St. Tropez in der Karibik für eine
superreiche US Clientel.
Wie sinnvoll ist es überhaupt, von _Phasen_ der Kolonialisierung zu
reden? Phasen - wenn sie denn einigermaßen sinnvoll sein sollen - setzen
doch voraus, dass beispielsweise in den Zeiträumen a, b und c recht
uniform die Entwicklungen A, B und C abgelaufen sind.
Doch findet man in der Kolonialgeschichte derart uniforme Entwicklungen?
Die Spanier waren zwar recht schnell dabei, in Lateinamerika Kolonien im
Sinne von "eroberten Ländern" aufzubauen, die Portugiesen folgten ihnen
in Brasilien.
Doch nur wenig später als die Kolonisierung Lateinamerikas und zu einem
großen Teil zeitlich überlappend geschah der Aufbau von europäischen
Handelsstützpunkten in Nordamerika, Afrika und Asien bis nach Indien.
Diese wuchsen sich zum Teil zu Kolonien im engeren Sinne aus, blieben
aber auch zum Teil im Stadium des Handelstützpunktes stecken. Dazwischen
gab es dann Formen, in denen die "exotischen" Staaten zwar nicht mehr
wirklich unabhängig waren, aber auch keine Kolonien im engeren Sinn. Und
wie bringt man in dieses Bild dann noch zeitlich und thematisch die
Ausdehnung Russlands bis an den Pazifik hinein? Und was waren die USA
nach ihrer Unabhängigkeit? Und im 19. Jahrhundert wurden die meisten der
lateinamerikanischen Kolonien wieder von ihren Mutterländern unabhängig
(wenn auch meist unter einer spanischen bzw. portugiesischen
Oberschicht, die nicht im Traum daran dachte, die Ureinwohner und -
falls vorhanden - die importierten Sklaven ihrer Zahl entsprechend an
der Macht zu beteiligen).
Wenn man denn gern eine Periodisierung will, so wäre spätestens die
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eher das Zeitalter des
"Imperialismus" als das des "Kolonialismus" - egal, welcher Phase - zu
nennen.
Kurzum, ich frage mich, ob es nicht besser wäre, statt recht
willkürlicher Phasen nicht eine Typologie des Kolonialismus
aufzustellen, die seine verschiedenen Formen beschreibt, die - oft
gleichzeitig - aufgetreten sind.
--
Tilmann Chladek
300 Jahre Mittelalter bloss erfunden?
Infos dazu ueber: <http://home.snafu.de/tilmann.chladek>
>
>Was heißt denn "kolonisiert"?
>Mit Ausnahme von Gold und Sklaven war da wenig zu holen. Dafür genügten
>die Küstenfaktoreien.
>Zur Besiedlung (mit Ausnahme der gemäßigten Kapregion) war Afrika wenig einladend.
>In Südamerika (Edelmetalle) und Asien (Gewürze, Luxusgüter wie Seide)
>war viel mehr zu holen.
Es gab ja noch einen anderen Faktor: Bis weit ins 18. Jahrhundert
hinein erschien die Europa zugewandte Seite Afrikas nicht gerade als
unterentwickeltes und kolonisierbares Gebiet. Die Europäer hatten
immer wieder alle Hände voll zu tun, nicht selbst von Afrika und
Kleinasien aus "kolonisiert" zu werden.
Erst der offenkundige Niedergang und Zerfall des Herrschaftsbereichs
des Kalifats im 19. Jahrhundert ("kranker Mann am Bosporus")ließen
überhaupt eine Kolonisierung dieses Gebiets zu.
Wegen des gefährlichen Feinds/Rivalen im nördlichen Afrika wurde
natürlich auch dessen "Hinterland" Schwarzafrika lange Zeit nicht
gerade als leichte Beute gesehen.
Hallo,
>
> meine Güte, was für eine Mörderantwort.
"Hrrmmmpfff." (Prof. Asterix).
Das war doch nett gemeint. Ich hatte nicht mit so vielen und so hilfreichen
Antworten gerechnet.
Im Endeffekt habe ich es dann doch gelassen, Phasen einziteilen. Man kann da
in Teufels Küche kommen.
Lieber einfach "Phasen der Kolonialisierung", das reicht 8))
Gruß,
Daniel
Hallo,
> Wie sinnvoll ist es überhaupt, von _Phasen_ der Kolonialisierung zu
> reden? Phasen - wenn sie denn einigermaßen sinnvoll sein sollen - setzen
> doch voraus, dass beispielsweise in den Zeiträumen a, b und c recht
> uniform die Entwicklungen A, B und C abgelaufen sind.
>
> Doch findet man in der Kolonialgeschichte derart uniforme Entwicklungen?
> Die Spanier waren zwar recht schnell dabei, in Lateinamerika Kolonien im
> Sinne von "eroberten Ländern" aufzubauen, die Portugiesen folgten ihnen
> in Brasilien.
Es geht nur um den Zeitraum bis ca. 1800. Der Rahmen ist vom Dozenten
zeitlich begrenzt worden. Das Zeitalter des
Imperialismus ist nicht mehr mein Thema. Ich dachte, es wäre sinnvoller,
hier einfach "Phasen der Kolonialisierung" zu schreiben. Zumal es
sich um Kolonialwaren und deren Einfluß auf die Wirtschaft der
Kolonialstaaten handelt und dementsprechend nur eines
von 5 Unterthemen ist (und nur max 15 Minuten Zeit hat).
Gruß,
Daniel
Nein, nach 1697/1715 gab es einen Status Quo mit der Türkei, die ja
selbst in das Visier Rußlands geraten war.
> hinein erschien die Europa zugewandte Seite Afrikas nicht gerade als
> unterentwickeltes und kolonisierbares Gebiet.
Nochmal, es war klimatisch uninteressant. Die frühe Massenauswanderung
im 18. Jhdt. auf klimatisch und wirtschaftliche interessante Gebiete begrenzt.
Nordafrika: Warum sollte man sich mit den gut gesichterten und
bewaffneten Barbareskenstaaten herumschlagen?
>Die Europäer hatten
> immer wieder alle Hände voll zu tun, nicht selbst von Afrika
Na, Du willst doch jetzt hoffentlich nicht die Piratenflotten als
"Kolonisationsgefahr" ansehen?
>und Kleinasien aus "kolonisiert" zu werden.
>
> Erst der offenkundige Niedergang und Zerfall des Herrschaftsbereichs
> des Kalifats im 19. Jahrhundert ("kranker Mann am Bosporus")ließen
> überhaupt eine Kolonisierung dieses Gebiets zu.
Nach 1689 war die Sache mit der Türkei als Aggressor gegessen.
Verteidigen konnten die Türkei und ihre nordafrikanischen Vasallen sich
aber noch bestens.
Man muß doch sehen, daß für die theoretischen Angreifer Spanien und
Frankreich Südamerika bzw. die Karibik viel lukrativer und risikoloser
waren, als sich mit den bestens bewaffneten Flotten der
Barbareskenstaaten herumzuschlagen.
Im 19. Jhdt. war der Vorsprung der europäischen Waffen dann schon
deutlich, vgl. Napolenons Ägyptenexepedition.
Der Niedergang der Türkei setzt nicht umsonst 1824/30 mit der
Unabhängigkeit Griechenlands, dem Abfall Ägyptens ein - im gleichen Jahr
1830 begann Frankreich mit der Besetzung Algeriens seine Nordafrikaexpansion.
>
> Wegen des gefährlichen Feinds/Rivalen im nördlichen Afrika wurde
> natürlich auch dessen "Hinterland" Schwarzafrika lange Zeit nicht
> gerade als leichte Beute gesehen.
Das hat nun damit gar nichts zu tun. Dazwischen lag eine große Wüste.
Der Handel lief bereits seit dem 15. Jhdt. entlang der Westküste, unter
Umgehung Nordafrikas bzw. des Osmanischen Reiches.
Diese Umgehung war ja der Ausgangspunkt der Umseglungen/Erkundungen der
frühen Seemächte.
Die interessanten Gebiete der "Goldküste" und "Sklavenküste" am Golf von
Guinea waren für ebendiese Güter von Interesse.
An eine Ansiedlung dachte niemand, schon wegen der Krankheiten. Die
krankheitsbedingten Ausfälle in den Faktoreien waren schon beträchtlich.
Was besiedelt wurde, waren klimatisch geeignetere vorgelagerte
Inseln/Inselgruppen entlang der afrikanischen Westküste, von den Kanaren
bis Goree und den Golf von Guinea.
Man darf da nicht Zustände der 1870/80er Jahre auf das 18. Jhdt. übertragen.
Vielmehr arbeitete man mit den Herrschern vor Ort bestens zusammen. Die
"Forts" hatten ihre Kanonen zur See gerichtet - gefährlich war nämlich
die europäische Konkurrenz, nicht die lokalen Potentaten, von denen man
seine Grundstücke gepachtet hatte und der Gold und Sklaven lieferte.
Warum denn das?
>
> Doch findet man in der Kolonialgeschichte derart uniforme Entwicklungen?
> Die Spanier waren zwar recht schnell dabei, in Lateinamerika Kolonien im
> Sinne von "eroberten Ländern" aufzubauen, die Portugiesen folgten ihnen
> in Brasilien.
>
> Doch nur wenig später als die Kolonisierung Lateinamerikas und zu einem
> großen Teil zeitlich überlappend geschah der Aufbau von europäischen
> Handelsstützpunkten in Nordamerika, Afrika und Asien bis nach Indien.
> Diese wuchsen sich zum Teil zu Kolonien im engeren Sinne aus, blieben
> aber auch zum Teil im Stadium des Handelstützpunktes stecken.
"Steckenbleiben", das sehe ich jetzt nicht so. Es war die normale Form
des Überseehandels/Kolonisierung der Zeit.
Die direkte Unterwerfung bzw. das sich Niederlassen in den Amerikas war
die Ausnahme.
Man darf Entwicklungen des 19. Jhdts. nicht für "normal" halten bzw. auf
ältere Zeiten übertragen.
> Dazwischen
> gab es dann Formen, in denen die "exotischen" Staaten zwar nicht mehr
> wirklich unabhängig waren, aber auch keine Kolonien im engeren Sinn.
Was sind denn "Kolonien im weiteren Sinn".
>Und wie bringt man in dieses Bild dann noch zeitlich und thematisch die
> Ausdehnung Russlands bis an den Pazifik hinein? Und was waren die USA
> nach ihrer Unabhängigkeit?
Kein Problem, das ist als Phänomen der "Binnenkolonisation" bekannt:
Zarenreich "go East" und USA "go west",
Russische und Nordamerikanische Historiker (US; CDN) sehen das als
vergleichbar an, eine ganze Reihe von Studien über Vergleichbares und
Unterschiede sind dazu erschienen.
Das Ausgreifen Russlands in die islamischen Gebiete im heutigen
Kasachstan bzw. der USA auf Nordmexiko bzw. später Spaniens
Kolonialreste sehe ich als Teil der "normalen" Kolonisierung im
Hyperimperialismus nach 1870 an. Dh sie unterscheidet sich nicht von
dem, was die europäischen Mächte in Übersee betrieben.
>Und im 19. Jahrhundert wurden die meisten der
> lateinamerikanischen Kolonien wieder
Nach so müden 250+ Jahren... ;-)
>von ihren Mutterländern unabhängig
> (wenn auch meist unter einer spanischen bzw. portugiesischen
> Oberschicht, die nicht im Traum daran dachte, die Ureinwohner und -
> falls vorhanden - die importierten Sklaven ihrer Zahl entsprechend an
> der Macht zu beteiligen).
Die Vergleichbarkeit zu den USA, wo eine wohlhabende einheimische
Siedlerschicht sich in Sachen Steuern/Wirtschaft nicht mehr hereinreden
lassen wollte und andererseits die Ureinwohner weiterhin unterwarf, ist
durchaus gegeben.
Man muß ja auch sehen, daß die Regierungen dieser Staaten im späteren
19. Jhdt. gezielt "Weiße" in Europa anwarben, um "die Wirtschaft zu
entwickeln". Darunter verstand man dann zB die Enteignung des
Gemeinbesitzes der Ureinwohner, die anschließend ihr ehemaliges Land als
Plantagenarbeiter weißer Besitzer bewirtsschaften mußten. Die Länder in
Südamerika waren zwar unabhängig, setzten aber im Inneren das
Kolonisieren munter fort. Brasilien war ja nicht umsonst das letzte
Land, das die Sklaverei 1890 abschafft - jedenfalls theoretisch. De
fakto besorgte man sich noch bis zum 1. Weltkrieg Zwangsarbeiter aus Westafrika.
Als Dekolonisierung würde ich diese Phase 1776/1825 also im
Unterstellungsverhältnis, nicht aber im Verhalten der aus Europa
einwandernden/kolonisierenden ansehen. Dh staatsrechtlich wurden sie
unabhängig, die Kolonisierung ging aber munter weiter.
>
> Wenn man denn gern eine Periodisierung will, so wäre spätestens die
> zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eher das Zeitalter des
> "Imperialismus" als das des "Kolonialismus" - egal, welcher Phase - zu
> nennen.
Das ist wohl ein Mißverständnis.
Ich habe den Imperialismus nur als Phänomen genannt, das man bei der
Betrachtung der Spätphase des Kolonialismus miteinbeziehen muß.
Aus historischer Sicht ist das 19. Jh. sicher das ZA des Imperialismus,
der ja auch andere Aspekte als lediglich Kolonienbildung aufweist.
Der Hyperimperialismus hat den Kolonialismus aber erheblich angefacht.
Der Kolonialismus dieser Zeit war einer der ganz plakativen
Ausdrucksformen des Imperialismus.
Deshalb muß man sich bei der Betrachtung der 2. Phase des Kolonialismus
auf jeden Fall mit dem I. befassen.
>
> Kurzum, ich frage mich, ob es nicht besser wäre, statt recht
> willkürlicher Phasen
Wieso denn willkürlich?
Eine ungefähre Chronologie kann man schon bilden. Die ist aber nicht an
Jahreszahlen fixiert, allenfalls ca.
Man muß halt den Überbau dabei sehen.
>nicht eine Typologie des Kolonialismus
> aufzustellen, die seine verschiedenen Formen beschreibt, die - oft
> gleichzeitig - aufgetreten sind.
Das verschiedene Formen zu unterschiedlichen Zeiten aufgetreten sind,
ist ja unstrittig.
Ich sehe Kolonialisierung im neuzeitlichen Sinne (ab 15. Jh.) in
allererster Linie als wirtschaftliche Ausbeutung.
1. Phase = vorindustriell bis frühindustriell. Luxusgüter, hohe Gewinnspanne,risikobehaftet.
Als 2. Phase der Kolonisierung kann man schlicht das Ausgreifen der
europäischen Industrialisierung (Nordamerika beziehe ich da mit ein, was
man in Mittel- und Südamerika betrieb, war ja Semi-Kolonialisierung) und
ihrer Begleiterscheinungen nach Übersee ansehen.
(1) direkt, die erweiterten technischen Möglichkeiten durch
Dampfschiffahrt, Eisenbahn, Telegraphie ermöglichen schnellere
Verbindung und intensivere Nutzung; Abbau/Export schlichterer Werkstoffe
wie Kupfer oder Kohle wird dadurch auch in Kolonien wirtschaftlich interessant.
(2.1) indirekt, Kolonien werden auch als *Absatzmärke* für Halb- und
Fertigprodukte interessant;
(2.2) indirekt, Massenauswanderung ist ja auch nur ein Phänomen der
Bevölkerungsexplosion im Gefolge der Industrialisierung des 19. Jhdt.
-- Vorher sehe ich das eher als Folge des Pauperismus. dh man wollte den
Bevökerungsüberschuß der Armen bzw. Kriminellen/Kriminalisierten
(Überschneidungen) loswerden - Amerika/Australien als überseeisches "Arbeitshaus".
1. Vorindustriell, S/P; dann zusätzlich UK-F-NL inkl. Skandinavien.
2. Industriell, Beginn 1820-30, Spätphase 1870f
>> Es gab ja noch einen anderen Faktor: Bis weit ins 18. Jahrhundert
>
>Nein, nach 1697/1715 gab es einen Status Quo mit der Türkei, die ja
>selbst in das Visier Rußlands geraten war.
Nu ja, die österreichischen "Türkenkriege" zogen sich ja bis 1739 hin,
wobei die Österreicher 1737 bis 39 ein paar derbe Schlappen erlitten,
und als Macht deklassiert wurde das Osmanische Reich, soweit ich das
übersehen kann, eigentlich erst durch den Frieden von
Kütschük-Kainardsche 1774, da verlor es die Herrschaft über die
Krimtartaren, Asow, die Mündung des Don etc an die Russen, behielt
aber eine wenn auch wacklige Macht über Bessarabien, Moldau und die
Walachei, war also noch massiv auf dem Balkan präsent und wurde
durchaus noch als Bedrohung wahrgenommen.
>Nordafrika: Warum sollte man sich mit den gut gesichterten und
>bewaffneten Barbareskenstaaten herumschlagen?
Eben, eben.
>Im 19. Jhdt. war der Vorsprung der europäischen Waffen dann schon
>deutlich, vgl. Napolenons Ägyptenexepedition.
>Der Niedergang der Türkei setzt nicht umsonst 1824/30 mit der
>Unabhängigkeit Griechenlands, dem Abfall Ägyptens ein - im gleichen Jahr
>1830 begann Frankreich mit der Besetzung Algeriens seine Nordafrikaexpansion.
... und das osmanische Kernland an der Meerenge blieb vor allem
deshalb noch unangetastet, weil keine der damaligen Großmächte einer
anderen den Zugriff auf dieses strategisch wichtige Gebiet gegönnt
hätte.
>An eine Ansiedlung dachte niemand, schon wegen der Krankheiten. Die
>krankheitsbedingten Ausfälle in den Faktoreien waren schon beträchtlich.
>Was besiedelt wurde, waren klimatisch geeignetere vorgelagerte
>Inseln/Inselgruppen entlang der afrikanischen Westküste, von den Kanaren
>bis Goree und den Golf von Guinea.
>Man darf da nicht Zustände der 1870/80er Jahre auf das 18. Jhdt. übertragen.
Hmm, in weiten Teilen Süd- und Mittelamerikas waren die klimatischen
Verhältnisse nicht angenehmer, und da wurde gesiedelt, - wobei das
spanische Kolonialsystem sicher ein spezielles Phänomen ist.
Also 1813 waren die Befreiungskriege. Da hat in Deutschland keiner an
Kolonisierung gedacht.
Vor dem eigentlich großen "Schlag" 1883-85
(Deutsch-Südwest/Kamerun/Deutsch-Ostafrika) gab es nur die mehr oder wenigen
exotischen Unternehmungen Brandenburgs in Westafrika, die ich eher als
Handelsstützpunkte und weniger als Kolonien bezeichnen würde.
Dann gibt es natürlich noch die "Ostkolonisation", die im weiteren Sinn eine
Kolonisation war, man könnte sie aber auch als reine
Bevölkerungswanderung/-verschiebung betrachten. Zumal viele deutsche
Einwanderer im Mittelalter auf Einladung der Könige (z.B. von Polen)
umgesiedelt sind.
Zur Einteilung der Kolonisation in Phasen: Ich denke, wenn man sie schon
einteilen will, dann könnte man die wesentliche Verstärkung in der Mitte des
19.Jahrhunderts als Trennungslinie nehmen. Danach begann der "Run auf die
letzten freien Plätze". Hektisch wurde die Welt unter dem Vorzeichen des
Nationalismus und Imperialismus untereinander aufgeteilt.
Vorher waren es doch mehr "praktische" Beweggründe, die Kolonisation voran
trieben. Ich sehe da vor allem drei Ansatzpunkte:
1) Wirtschaft (Sklavenhandel etc.)
2) Missionstätigkeit
3) Tatsächliche Siedlungswünsche (von Flüchtlingen, Benachteiligten etc.)
Nach 1850 waren diese Ziele zwar auch noch offiziell da, aber immer mit
einem Beigemenge von Machtgier und Imponiergehabe. Die Inbesitznahme
uninteressanter Landstriche ( Wüsten und Urwälder) wurde plötzlich so
wichtig, daß man Millionen Reichsmark hineinpumpte...
Arne
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