Wie die Stadtbewohner, die in einer Lagunenstadt leben,
in deren Wasseradern sich salziges Meereswasser be-
wegt, mit Trinkwasser versorgt wurden, geht aus einem
interessanten Bericht hervor, der in der Biedermeierzeit
verfaßt wurde. Man brauchte "eine Menge Behältnisse",
"in welchen das Regenwasser sorgfältig gesammelt und
aufbewahrt werden kann, und wo dasselbe vom Eindrin-
gen des Meerwassers gesichert ist." (1)
Da auch schon damals "die höchstliegenden Straßen
und Plätze von Venedig überschwemmt" wurden, war
darauf zu achten, daß ein "Eindringen des Meerwassers
in die Zisterne nicht Statt finden kann".
Man fragt sich, wie das gemacht wurde und von welcher
Art solche Zisternen waren. Die ungewöhnliche Lage
der Stadt erzwang intelligente Lösungen für solche Bau-
ten.
Man grub eine Grube in der Größe aus, die erforderlich
war. Ein Beispiel wird angeführt, dessen Grubentiefe
"beiläufig 15 Schuh" ausmachte. Die Grube war etwa dop-
pelt so breit und lang wie tief. Die ausgehobene Grube
in eine Bodenfläche eines Quadrats hatte leicht abge-
schrägte Wände. Die leicht schrägen Grubenwände
wurden mit einer dicken und zähen Tonschicht ausge-
kleidet, die nach unten hin immer dicker gehalten wur-
de, sodaß zu einer in der Mitte der Grube aufzubauen-
den hohen Zisternenröhre hin eine gerundete Becken-
form entstand. Regenwasser, das in ein solches
Becken gelangte, konnte sich dann in der Brunnen-
röhre sammeln.
Als Basis für diese Brunnenröhre legte man eine gros-
se und dicke Marmorplatte von einigem Gewicht.
sie war von "Istrianer Stein", wie diese Marmorsorte
bezeichnet wird. Auf dieser Platte wurde eine "zylin-
drische Röhre als Trockenmauerwerk "aus gewöhnli-
chen guten Backsteinen" errichtet. Man wird das sehr
kunstvoll getan haben müssen. Um diesen Hohlzylin-
der kam ein weiteres Trockenmauerwerk, damit der
Zylinder, in den das trinkbare Wasser zum Ausschöp-
fen einsickern soll, stabiler wurde. Nun gab es also das
große Becken aus einer wasserdichten Tonschicht
und diesen hohen und hohlen Zylinder aus zwei Rin-
gen Trockenmauerwerk. Das Becken hatte in diesem
Beispiel eine Tiefe von gut 15 Schuh, der Zylinder in
der Mitte des großen Beckens wurde deutlich höher
aufgemauert.
Den großen leeren Raum des Beckens, außer dem
darin befindlichen Hohlraum des Zylinders, füllte man
"alsdann mit reinem und feinem Flußsande" aus. Man
tat das wohl zunächst nur bis zur halben Höhe des
Beckens, weil dann zwei parallele Mauern im Geviert
zu errichten waren, die eingewölbt wurden und an
vier Stellen des umlaufenden, nach unten offenen Ka-
nals aus vermörtelten Mauern über sich Wassereinlaß-
öffnungen hatten. Nun wurde der Kanal im unteren
Drittel, dazu der restliche Raum des Beckens bis
über die Gewölbe des umlaufenden Kanals bis zum
Rand mit feinem und reinem Sand aufgefüllt. Das
Becken erhielt dann eine Abdeckung. Aus dieser
Fläche ragte der Hohlzylinder des Brunnens deutlich
heraus und war von einer ringförmigen Treppenanlage
aus drei Stufen umgeben. Das obere, aus der abge-
deckten Zisterne herausragende Mauerwerk des
Zylinders wird man mit gemörteltem Mauerwerk her-
gestellt haben, da von seinem Rand aus das Trink-
wasser zu schöpfen war. Durch die vier Einlaßöffnun-
gen des eingewölbten Kanals, der im feinen Sand
unter der abgedeckten Oberfläche der Zisterne im
Geviert verlief, floß das Regenwasser in die Zisterne,
wurde zunächst im Hohlraum des Kanals vorge-
speichert und sickerte dann, durch die Speicherung
im Kies des Beckens gereinigt, bis zur Brunnen-
röhre, die ein Durchsickern des Wassers zuließ,
da sie nur aus Trockenmauerwerk bestand. Auf diese
Weise konnten die Venezianer, die über eine solche
Anlage verfügten, Regenwasser speichern und als
Trinkwasser aus dem ausreichend weiten Schöpf-
zylinder schöpfen.
War das gespeicherte Regenwasser knapp geworden,
so wird berichtet, habe man Wasser aus den Flüssen
der Brenta und dem Sile auf Schiffen herangebracht
und in die Einlässe des eingewölbten Kanals, der
im Geviert im Sand des oberen Teils der Zisterne
um die Brunnenröhre angelegt war, nachschütten
können, um die Zisterne ausreichend aufzufüllen.
Dieses Wasser sei dann, wie das Regenwasser, in
den Speicher gesickert, durch die Sandfüllung aus-
reichend gereinigt worden, und wäre dann in brauch-
barer Qualität und Menge in die Brunnenröhre ein-
gedrungen. (2)
In der Biedermeierzeit gab es solche Zisternen in
großer Zahl:
"Es mögen in Venedig 4000 bis 4500 Zisternen be-
stehen, wovon über 1500 vortreffliches trinkbares
Wasser geben. Oeffentliche Zisternen sind hier ge-
gen 300." (3)
Man hatte auch für Belagerungsfälle der Stadt vorge-
sorgt:
"Für den Fall, daß wegen einer feindlichen Berennung
die Zufuhr des Wassers aus der Brenta oder dem
Sile nicht Statt haben könnte, sorgen vier ungeheure
Zisternen, welche am Lido im Jahre 1797 hergestellt
worden sind, hinlänglich dafür, daß im nachtheiligsten
Falle die jetzige Bevölkerung auf ein volles Jahr mit
Wasser genugsam versehen werden kann." (4)
Der Text zu den Zisternen von Venedig war im Jahre
1836 in der Allgemeinen Bauzeitung erschienen.
Das System war also noch in vollem Gebrauch.
Man fragt sich, wie die Wasserversorgung der Stadt
später weiterentwickelt wurde und einen Moderni-
sierungsschub nach dem anderen erhielt. Ob diese
historischen Anlagen noch heute der Wasserversor-
gung der Bevölkerung dienen dürfen, weiß ich nicht.
Es dürfte interessant sein, mehr darüber zu wissen.
Es dürften heute höhere Ansprüche an die Trink-
wasserqualität bestehen, sodaß sie vielleicht außer
Funktion gesetzt sind und nur noch dem Wasser-
schöpfen für das Blumengießen dienen. Aber all das
wäre erst noch herauszufinden. Die Worte für diese
historischen Anlagen in Venedig lauten Cisterne
oder Cozzi.
Bei Anlage der Zisternen war natürlich darauf ge-
achtet worden, daß die abgedeckte Oberfläche
der Wasserspeicher einige Fuß über der Höhe der
höchsten Hochwässer der Lagune lag. Man war
sich auch bewußt, daß man, "gräbt man 2 bis 3
Schuh unter der Oberfläche des Bodens" /.../
"fast überall auf Meerwasser" stößt. Deswegen hat-
te man diese Speicherbecken durch eine wasser-
undurchässige Tonschicht von dem salzigen
Grundwasser der Stadt getrennt. (5)
Wer solche Zisternen zu erbauen hatte, mußte all
das in Rücksicht nehmen. Woher der zähe Ton kam,
der beim Bau der Zisternen zu nehmen war, müßte
noch geklärt werden.
K.L.
Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
und
http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
Anmerkungen:
(1) zitiert aus: o.A.: Ueber die venezianischen Was-
serbehälter. (Cisterne oder Cozzi.) S.159-160 in:
Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1836. S.159
(2) siehe: o.A., wie vor, S.159f.
(3)-(4) zitiert aus: o.a., wie vor, S.160
(5) siehe: o.A., wie vor, S.159
>
>Auch die Venezianer benötigen Trinkwasser:
>Regenwasserbehältnisse im Vendig der Biedermeierzeit
>
>
>Wie die Stadtbewohner, die in einer Lagunenstadt leben,
>in deren Wasseradern sich salziges Meereswasser be-
>wegt, mit Trinkwasser versorgt wurden, geht aus einem
>interessanten Bericht hervor, der in der Biedermeierzeit
>verfaßt wurde. Man brauchte "eine Menge Behältnisse",
Wie bei Fernand Braudel nachzulesen ist (er schreibt viel über
das europäische Zentrum Venedig im 13. bis 15. Jhdt), wurde
Venedig lange Zeit per Boot mit Wasser versorgt - man kann es
kaum glauben, daß etwas so grundlegendes wie Wasser derart knapp
war, aber die sonstigen Vorteile des Ortes wogen diesen
gravierenden Nachteil anscheinend auf.
>Als Basis für diese Brunnenröhre legte man eine gros-
>se und dicke Marmorplatte von einigem Gewicht.
>sie war von "Istrianer Stein", wie diese Marmorsorte
>bezeichnet wird.
Ja, die Venezianer grasten Istrien und Dalmatien ab nach Baustein
(hauptsächlich Kalk dort) und Holz (für Schiffe und Häuser; der
Wald hat sich bis heute nicht wirklich davon erholt). Liegt ja
auch quasi vor der Haustür und war jahrhundertelang zumindest
teilweise venezianisch.
Aha, es hätte mich jetzt auch gewundert, wenn diese Zisternen
eine biedermeierliche Spezialität gewesen wären. Ich nehme doch
stark an, daß man dieses System schon Jahrhunderte anwandte (in
seinen Aufbauzeiten im 13. Jhdt. hatte Venedig gewiß nicht mehr
Wasser als im 19. Jhdt) und perfektionierte.
>
>Der Text zu den Zisternen von Venedig war im Jahre
>1836 in der Allgemeinen Bauzeitung erschienen.
>Das System war also noch in vollem Gebrauch.
>Man fragt sich, wie die Wasserversorgung der Stadt
>später weiterentwickelt wurde und einen Moderni-
>sierungsschub nach dem anderen erhielt. Ob diese
>historischen Anlagen noch heute der Wasserversor-
>gung der Bevölkerung dienen dürfen, weiß ich nicht.
>Es dürfte interessant sein, mehr darüber zu wissen.
Ich auch nicht, ich weiß nur, daß Venedig heute Trinkwasser durch
Leitungen vom Festland erhält.
Ich hab mal in den 70ern aus einem Straßenbrunnen getrunken, in
der Nähe des Markusplatzes, und der Brunnen schien mir aus der
Zeit der Jahrhundertwende zu stammen. Das ist alles vage, weil
ich mich nicht mehr genau erinnere, aber es könnte durchaus sein,
daß die Trinkwasserleitungen nicht erst Mitte des 20. Jhdts
aufkamen.
>Es dürften heute höhere Ansprüche an die Trink-
>wasserqualität bestehen, sodaß sie vielleicht außer
>Funktion gesetzt sind und nur noch dem Wasser-
>schöpfen für das Blumengießen dienen. Aber all das
>wäre erst noch herauszufinden. Die Worte für diese
>historischen Anlagen in Venedig lauten Cisterne
>oder Cozzi.
>
>Bei Anlage der Zisternen war natürlich darauf ge-
>achtet worden, daß die abgedeckte Oberfläche
>der Wasserspeicher einige Fuß über der Höhe der
>höchsten Hochwässer der Lagune lag. Man war
>sich auch bewußt, daß man, "gräbt man 2 bis 3
>Schuh unter der Oberfläche des Bodens" /.../
>"fast überall auf Meerwasser" stößt. Deswegen hat-
>te man diese Speicherbecken durch eine wasser-
>undurchässige Tonschicht von dem salzigen
>Grundwasser der Stadt getrennt. (5)
>
>Wer solche Zisternen zu erbauen hatte, mußte all
>das in Rücksicht nehmen. Woher der zähe Ton kam,
>der beim Bau der Zisternen zu nehmen war, müßte
>noch geklärt werden.
Hm, die Poebene ist nah, da wird es vermutlich Ton geben.
Dein hinweis hat mich neugierig gemacht. Dabei
stieß ich auf eine Einrichtung in einer Stadt
der USA im Staate New York, durch die ich reiste,
ohne zu wissen, daß diese Einrichtung dort
zu Braudel existiert:
http://fbc.binghamton.edu/
Ich habe also dummerweise etwas versäumt. Schade.
> >Als Basis für diese Brunnenröhre legte man eine gros-
> >se und dicke Marmorplatte von einigem Gewicht.
> >sie war von "Istrianer Stein", wie diese Marmorsorte
> >bezeichnet wird.
> Ja, die Venezianer grasten Istrien und Dalmatien ab nach Baustein
> (hauptsächlich Kalk dort) und Holz (für Schiffe und Häuser; der
> Wald hat sich bis heute nicht wirklich davon erholt). Liegt ja
> auch quasi vor der Haustür und war jahrhundertelang zumindest
> teilweise venezianisch.
Wo meinst Du kommt der istrische Stein her, wenn
er in der Biedermeierzeit verlegt wurde? Es werden
nur ganz bestimmte Steinbrüche existiert haben.
> >In der Biedermeierzeit gab es solche Zisternen in
> >großer Zahl:
> >"Es mögen in Venedig 4000 bis 4500 Zisternen be-
> >stehen, wovon über 1500 vortreffliches trinkbares
> >Wasser geben. Oeffentliche Zisternen sind hier ge-
> >gen 300." (3)
> >Man hatte auch für Belagerungsfälle der Stadt vorge-
> >sorgt:
> Aha, es hätte mich jetzt auch gewundert, wenn diese Zisternen
> eine biedermeierliche Spezialität gewesen wären. Ich nehme doch
> stark an, daß man dieses System schon Jahrhunderte anwandte (in
> seinen Aufbauzeiten im 13. Jhdt. hatte Venedig gewiß nicht mehr
> Wasser als im 19. Jhdt) und perfektionierte.
Hm, ja, einerseits ist das Zisternensystem älter,
andererseits wird man darauf zu achten haben,
welche in der Biedermeierzeit entstanden, weil
bei prachtvollen Gebäuden sicherlich auch der
Schöpfbrunnen stilgeschichtlich auswertbar ist.
Ich könnte mir aber auch vorstellen, daß sich
die übrigen Details solcher Zisternen mit den
Epochen mit veränderten. Um mehr dazu zu wissen,
müßte man sich erst einmal einen historischen
Überblick zu dem Werdegang solcher Zisternen
verschaffen. Da es sehr viele waren oder noch
sind, dürfte viel Material dazu zusammenkommen.
> >Der Text zu den Zisternen von Venedig war im Jahre
> >1836 in der Allgemeinen Bauzeitung erschienen.
> >Das System war also noch in vollem Gebrauch.
> >Man fragt sich, wie die Wasserversorgung der Stadt
> >später weiterentwickelt wurde und einen Moderni-
> >sierungsschub nach dem anderen erhielt. Ob diese
> >historischen Anlagen noch heute der Wasserversor-
> >gung der Bevölkerung dienen dürfen, weiß ich nicht.
> >Es dürfte interessant sein, mehr darüber zu wissen.
> Ich auch nicht, ich weiß nur, daß Venedig heute Trinkwasser durch
> Leitungen vom Festland erhält.
> Ich hab mal in den 70ern aus einem Straßenbrunnen getrunken, in
> der Nähe des Markusplatzes, und der Brunnen schien mir aus der
> Zeit der Jahrhundertwende zu stammen. Das ist alles vage, weil
> ich mich nicht mehr genau erinnere, aber es könnte durchaus sein,
> daß die Trinkwasserleitungen nicht erst Mitte des 20. Jhdts
> aufkamen.
Als Laufbrunnen wird er wohl an eine Druckwasserleitung
angeschlossen gewesen sein.
> > Woher der zähe Ton kam,
> >der beim Bau der Zisternen zu nehmen war, müßte
> >noch geklärt werden.
> Hm, die Poebene ist nah, da wird es vermutlich Ton geben.- Zitierten Text ausblenden -
Keine Ahnung. Ich weiß dazu nichts. Heutzutage
wird viel ton aus dem Westerwald nach Italien
verfrachtet. Woher er damals nach Venedig kam,
ist die Frage. Die werden für die Zisternen
richtig fetten Ton genommen haben.
K.L.