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Wachsseife für den Wandanstrich in der Biedermeierzeit: eine Wirkung wie Satin
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Karl-Ludwig Diehl  
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 More options May 16, 9:23 am
Newsgroups: de.sci.architektur
From: Karl-Ludwig Diehl <spaceoff...@web.de>
Date: Fri, 16 May 2008 06:23:14 -0700 (PDT)
Local: Fri, May 16 2008 9:23 am
Subject: Wachsseife für den Wandanstrich in der Biedermeierzeit: eine Wirkung wie Satin

Wachsseife für den Wandanstrich in der Biedermeierzeit:
eine Wirkung wie Satin

In der Biedermeierzeit rührte man, auf Satinwirkung be-
dacht, eine Farbe an, die mit einem Gemisch aus flüs-
sig gemachtem Wachs, Pottasche und Wasser ver-
mengt wurde. Man nennt diesen Zusatz Wachsseife.
Wie man sich diese spezielle Farbe herstellte, wird er-
klärt. Zunächst schuf man sich eine Wachsseife:

"Zu einem Pfund fein geschabtem Wachs werden 3 - 4
Loth Pottasche und 1/4 Quart Wasser genommen und
die Mischung auf nicht zu starkem Feuer, unter fort-
währendem Umrühren, in einem großen Gefäße (einem
kupfernen Kessel) gekocht." (1)

Sich diese Maßangaben etwas bewußter zu machen,
dürfte nicht verkehrt sein. Es kann sich um Maßanga-
ben handeln, die nur in einer bestimmten Region galten.
Vermutlich macht es Sinn, sich diese Wachsseife
selbst herzustellen, um das Verfahren zu besser zu
verstehen und auszuprobieren, ob die beschriebene Wir-
kung wirklich eintritt.

Man hat also in einem großen Gefäß bei kleiner Flam-
me Wachs, Pottasche und Wasser langsam aufzu-
kochen. Auf einer anderen Flamme soll Wasser er-
hitzt werden:

"Gleichzeitig werden auf dieses Quantum 3 Quard
Wasser zum Feuer gesetzt und langsam während des
Kochens zugeschüttet /.../" (2)

Es war also 1/4 Quart Wasser bereits in die Mischung
aus Wachs und Pottasche gekommen. Daneben wur-
den 3 Quard Wasser erhitzt und der Wachs-Pottasche-
Mischung zusätzlich zugeschüttet. Empfohlen wurde
dafür ein "Wassergefäß" mit "Tülle". Diese Mischung
mit zugesetztem heißen Wasser läßt man gut durch-
kochen und schüttet sie dann "in ein irdenes Gefäß",
weil andere sich nicht eignen. So hebt man sich diese
Mischung auf.

Wenn nun Wände zu streichen sind, hat einerseits
die Farbe bereitzustehen, denn dieser wird der erneut
aufbereitete Zusatz, genannt "Wachsseife" beigege-
ben. Dazu muß die Wachs-Pottasche-Mischung wie-
der aufgelöst werden:

"Zum Gebrauche wird von der Mischung, so viel als
nöthig ist, in heißem Wasser aufgelöst und mit der
Farbe tüchtig angerührt. Zu einem Quart dieser Farbe
gehören zwei Tassenköpfe voll Wachsseife." (3)

Damit lassen sich bereits die Wände außen und innen
streichen. Wer in der Biedermeierzeit an besondere
Verfeinerung der Farbwirkung dachte, griff zu diesem
Mittel:

"Auf Papier gestrichen kann die Farbe mit fein pulve-
risirtem Talgstein abgerieben werden, wodurch die
Fläche das Ansehen satinirter Tapeten erhält." (4)

Mehr Einzelheiten dazu werden sich vielleicht im
"Notizbl.des Architektenvereins in Berlin" finden las-
sen, da der Autor des Beitrags in der Allgemeinen
Bauzeitung, der 1837 in Wien abgedruckt wurde,
dieses erwähnt. (5) Das sagt nun andererseits, daß
es parallel zur Wiener Allgemeinen Bauzeitung im
Berlin der Biedermeierzeit bereits dieses Notizblatt
gab.

Leider ist nicht erklärt, wie man sich die Farbe in
dieser Zeit vorzustellen hat, die verstrichen wurde.
Man müßte dem nachgehen, um die Farbgebung von
Gebäuden in der Biedermeierzeit besser zu ver-
stehen. Angaben dazu werden sich finden lassen.
Andererseits fragt man sich, welches Papier es ge-
wesen ist, auf das die Farbe kam, und wie man den
Abreibevorgang "mit fein pulverisirtem Talgstein"
wirklich vornahm. Ich nehme an, daß dieses Papier
sich bereits an den Wänden befand, wenn es so
nachbehandelt wurde. Anzunehmen ist, daß diese
"satinirten Tapeten" durchaus unterschiedlich aus-
fallen konnten. Ab wann sie als qualitativ gut ge-
lungen anzusehen sind, ist dann die Frage.

K.L.

Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
und
http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1)-(4) zitiert aus: o.A.: Wachsseife für äußern und
innern Wandanstrich. S.100 in: Allgemeine Bauzei-
tung. Wien, 1837
(2) Siehe dazu den Hinweis am Ende des Textes
von: o.A., wie vor, S.100


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Harald Maedl  
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 More options May 16, 3:59 pm
Newsgroups: de.sci.architektur
From: Harald Maedl <harald.ma...@gmx.de>
Date: Fri, 16 May 2008 21:59:17 +0200
Local: Fri, May 16 2008 3:59 pm
Subject: Re: Wachsseife für den Wandanstrich in der Biedermeierzeit: eine Wirkung wie Satin

Karl-Ludwig Diehl wrote:
> Wachsseife für den Wandanstrich in der Biedermeierzeit:
> eine Wirkung wie Satin
> In der Biedermeierzeit rührte man, auf Satinwirkung be-
> dacht, eine Farbe an, die mit einem Gemisch aus flüs-
> sig gemachtem Wachs, Pottasche und Wasser ver-
> mengt wurde. Man nennt diesen Zusatz Wachsseife.
> Wie man sich diese spezielle Farbe herstellte, wird er-
> klärt. Zunächst schuf man sich eine Wachsseife:
> "Zu einem Pfund fein geschabtem Wachs werden 3 - 4
> Loth Pottasche und 1/4 Quart Wasser genommen und
> die Mischung auf nicht zu starkem Feuer, unter fort-
> währendem Umrühren, in einem großen Gefäße (einem
> kupfernen Kessel) gekocht." (1)

1 Loth (Sachsen)= ca 14,6 gr
1 Loth (Bayern) = ca 17,5 gr

1 Quart = 1,145 l
1 Quart (Bayern) = 0,267
l Quart (brit)(  = 2 Pints = 1,136 l

Vermutlich ist das erste gemeint, da man sonst die 3-4 Loth beim
bayerischen Quart imho nicht lösen könnte. Demnach wären 1/4 Quart rund
0,36 ltr.

> Sich diese Maßangaben etwas bewußter zu machen,
> dürfte nicht verkehrt sein.

Nun, wenn du da schon im Biedermeier herumgurkst, hättest du das gleich
bei der Recherche miterledigen können. Muss ma denn alles selber
machen! ;-)

> [Zubereitung]
> Wenn nun Wände zu streichen sind, hat einerseits
> die Farbe bereitzustehen, denn dieser wird der erneut
> aufbereitete Zusatz, genannt "Wachsseife" beigege-
> ben. Dazu muß die Wachs-Pottasche-Mischung wie-
> der aufgelöst werden:

Hier wäre es nun wirklich interessant zu wissen, was seinerzeit Mitte
des 18. Jahrhunderts für Farben verwendet wurden, z.B. Kaseinfarben,
Farben auf Leinölbasis, Kalkfarben etc.
Wenn es denn nun irgendwelche wasserlösliche Farben gewesen wären, dann
hätte sich vernmutlich unter Zugabe der Wachseife eine Emulsion
gebildet. Ich könnte mir vorstellen, dass bei einer Emulsion mit sehr
kleinen Farbtröpfchen ein satinartiger Effekt aufgetreten sein könnte.

Anmerken möchte noch, dass dieser Wandanstrich durch die Zugabe von
Kaliumkarbonat (Pottasche) vermutlich sehr alkalisch war. Jedenfalls
wirken alkalische Anstriche antibakteriell und bei pH-Werten >10, was
sich sicherlich leicht erreichen lässt, auch gegen Schimmelpilze.

--
Grüße
Harald


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Karl-Ludwig Diehl  
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 More options May 17, 9:07 am
Newsgroups: de.sci.architektur
From: Karl-Ludwig Diehl <spaceoff...@web.de>
Date: Sat, 17 May 2008 06:07:51 -0700 (PDT)
Local: Sat, May 17 2008 9:07 am
Subject: Re: Wachsseife für den Wandanstrich in der Biedermeierzeit: eine Wirkung wie Satin
On 16 Mai, 21:59, Harald Maedl <harald.ma...@gmx.de> wrote:

Da dieses Rezept in Form Berliner Angaben bis nach
Wien gelangte, müßte ein Berliner Maß gelten.

> > Sich diese Maßangaben etwas bewußter zu machen,
> > dürfte nicht verkehrt sein.
> Nun, wenn du da schon im Biedermeier herumgurkst,
> hättest du das gleich
> bei der Recherche miterledigen können.
> Muss ma denn alles selber
> machen! ;-)

Tja, wenn Angaben so einfach greifbar wären, kein
"problem", um ma wieda mit meim Inglish zu prahlen.

> > [Zubereitung]
> > Wenn nun Wände zu streichen sind, hat einerseits
> > die Farbe bereitzustehen, denn dieser wird der erneut
> > aufbereitete Zusatz, genannt "Wachsseife" beigege-
> > ben. Dazu muß die Wachs-Pottasche-Mischung wie-
> > der aufgelöst werden:
> Hier wäre es nun wirklich interessant
> zu wissen, was seinerzeit Mitte
> des 18. Jahrhunderts für Farben
> verwendet wurden, z.B. Kaseinfarben,
> Farben auf Leinölbasis, Kalkfarben etc.

Ich bin dicht dran. Aufsätze zur Farbe wanderten
mir schon entgegen. Hoffentlich enthalten sie
solche Angaben.

> Wenn es denn nun irgendwelche
> wasserlösliche Farben gewesen wären, dann
> hätte sich vernmutlich unter Zugabe der
> Wachseife eine Emulsion
> gebildet. Ich könnte mir vorstellen,
> dass bei einer Emulsion mit sehr
> kleinen Farbtröpfchen ein satinartiger
> Effekt aufgetreten sein könnte.

Dazu mußte ich mir erst bewußt machen:
"Unter einer Emulsion versteht man ein
fein verteiltes Gemisch zweier verschiedener
(normalerweise nicht mischbarer) Flüssigkeiten
ohne sichtbare Entmischung." aus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emulsion

Hm, keine Ahnung, ob ausgerechnet das einen
Satineffekt ergibt. Sagt das bei Dir, Wachseife und
Farbe sind sehr fein gemischt und dadurch kommt
der Effekt zustande? Oder eher gegenteilig?
Bei Satin müßte eigentlich eine sehr feine
Verteilung der Tröpfchen vorliegen müssen.

> Anmerken möchte noch, dass dieser Wandanstrich
> durch die Zugabe von
> Kaliumkarbonat (Pottasche) vermutlich
> sehr alkalisch war. Jedenfalls
> wirken alkalische Anstriche antibakteriell
> und bei pH-Werten >10, was
> sich sicherlich leicht erreichen lässt,
> auch gegen Schimmelpilze.

Das ist ein interessanter Aspekt, denn die
Beheizbarkeit der Häuser war nicht gerade
optimal. Es dürfte komplizierte Übergangs-
zeiten gegeben haben, will sagen, bei großen
Häusern, las ich einmal, zog man mit dem
Mobiliar in die Sommerresidenz und später in
die Wohnung, die im Winter genutzt wurde.
Da konnten Räumlichkeiten lange leerstehen.

K.L.


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