Am Thu, 02 Feb 2012 10:47:13 +0100 schrieb M. Handschuher:
>> die Beschreibung um das Kompetenzgerangel bzw. der nicht
>> Koordination/Kommunikation der landseitigen Stäbe spricht Bände.
>
> Auf was konkret zielst Du dabei ab? Ich hab da nichts rausgelesen, was
> da grundsätzlich schiefgelaufen ist.
Mir ist nicht klar, wie man das nicht rauslesen kann.
Man muß allerdings den ganzen Bericht lesen, ja.
* Es gab massive Kompetenzstreitigkeiten zwischen HK und den
beteiligten Leitstellen, die Richtlinienkompetenz des HK war teilweise
unbekannt bzw. wurde immer wieder in Frage gezogen. Das verursacht
viel unnötige Metakommunikation.
Andererseits: Wenn man schon 1,5 Stunden vor Ort ist und Leute aus dem
Wasser zieht, und nun die Gesamtleitung an jemand in 130 km Entfernung
abgeben soll, der sich erst ein Bild (sic!) von der Lage machen muß - da
würde ich evtl. auch diskutieren wollen :-)
* Die Onscene-Commander sowohl für die Personen- als auch für die
Hardwarebergung/Brandbekämpfung haben sich wenig abgesprochen, und
auch sich verändernde Sachverhalte nur auf Nachfrage ans HK gemeldet.
Das HK hatte aber nachvollziehbarerweise keine direkte Sicht auf den
Unfall, und OSC POB zu sein und gleichzeitig selbst viele der POBs an
Bord zu nehmen und zu versorgen ist wohl auch eine kleine personelle
Überforderung, besonders, weil geeignetere Fahrzeuge vor Ort waren.
* Die beteiligten deutschen Schiffe haben das gleiche gemacht, wie Ärzte
bei einer Visite. Anstatt in Englisch (am besten in imo standard
marine communication phrases) zu kommunizieren, damit alle
mitbekommen, was Ambach ist, wurde deutsch geplattet, so daß die stark
vertretenen nicht deutschsprachigen Rettungskräfte nur vermindert
leistungsfähig waren, anscheinend so sehr, das das MRCC da auch noch mal
zu Funkdisziplin aufrufen mußte. Das sind alles Profis.
* Die HK-Hörwache besteht anscheinend nur aus 3 (drei!) Würsten pro Schicht
(wenn überhaupt, es klingt an, daß auch diese erst durch das MRCC in
Betrieb gesetzt werden) die dann per Mobiltelefon und Fax(!) 'Experten'
hinzuholen, bzw. Kollegen wecken, 'zufällig' anwesende Geschäftsführer
der DGzRS und eines Stabilitätsrechenexperten haben ausgeholfen.
Der Zufall wohnt auch 90km entfernt.
* Ein Drittel des Stabes sitzt dann noch in einem anderen Gebäude.
Clever - wahrscheinlich Bund/Land-Kompetenzen gemixt.
* es ist anscheinend keine Luftraumkoordination vorgesehen - ich dachte bisher,
das wäre die Aufgabe des Marine-RC Glücksburg. Die hatten dort nur 5
Helikopter im Einsatz, wenn der Brand an der gleichen Stelle auf einer
Colourline- oder Stena-Fähre ausgebrochen wäre, hätten die völlig
andere Personenzahlen gehabt, und damit auch viel mehr Luftfahrzeuge.
Das HK ist genau für Großschadenslagen gedacht, und nicht für
alltägliche Unfälle, wenn ein Sportboot oder ein Fischer absäuft.
Ich dachte, das sich im HK durch die Pallas-Katastrophe einiges geändert
hätte - anscheinend noch nicht genug.
Ich würde sagen, das HK hat Schwein gehabt.
Wenig Paxe (im Vergleich), ein konsequent handelnder Kapitän und das
gute Wetter haben dem HK (bzw. der Rettungsorganisation an sich) eine
Menge blöder Fragen erspart.
> Aufgefallen/-gestoßen ist mir nur, daß der Kapitän nur per Sprechfunk
> mit BRR gesprochen hat, ohne gleich einen entsprechenden Mayday via DSC
> auszusenden. Aber im Gegensatz zu dem italienischen Versager hat er ja
> schnell und (fast) konsequent gehandelt.
Sorry, aber ich sehe da kein fast. Ein Schiff dieser Größe so schnell
(innerhalb von 10 Minuten nach Brandausbruch) aufzugeben erfordert einiges
an Entschlossenheit.
Anscheinend hat es den Versuch gegeben, einen DSC-Alarm abzusetzen -
zumindest ist einer eingegangen, zu einer Zeit, als schon lange keiner
mehr an Bord war.
Insgesamt scheint nicht so oft eingesetzte Technik immer noch zu
kompliziert zu sein und durch Bedienfehler zum Versagen zu neigen (egal,
ob DSC-Notruf oder falsche Schalterstellung der Sprühflutanlange).
Auf meinem Funkgerät ist die Bedienung bei Distress auch mal komplett anders
als bei einem normalen DSC-Ruf. Ich konnte das aber auch nur bis zu Ende
ausprobieren, weil ich dafür einen Blindwiderstand geliehen bekommen habe.
Und eine Sprühflutanlage setzt man ja auch eher selten nur zur Übung
ein.
Ahja, jemand der feine Sinn für angewandte Ironie der Dänen aufgefallen?
Die nennen einen ihrer FastResponder Gunnar SEIDENFADEN.
Das finde ich mehrfach sehr schön.