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Räuber

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Wolfram Heinrich

unread,
Jun 7, 2009, 3:57:02 AM6/7/09
to
Neulich hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den
Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so l�uft. Die privaten Sender
�berspring ich eh, so da� ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade
ein Theaterst�ck. 4 Typen wollten ein M�dchen anwanzen und diskutierten
gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also
blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, da� die 4 Typen dieselbe
Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als
wenn's nix w�re.
Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu,
sagte ich mir und sagte schlie�lich, da� dies wohl Schillers "R�uber" sein
m��te. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.
Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut
und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.

Kann es sein, so fragte ich mich, da� nur noch Narren ins Theater geh'n?

Aber, immerhin: Das St�ck war angek�ndigt als "Die R�uber" *nach* Friedrich
Schiller. Dann pa�t's ja wieder.

Ciao
Wolfram
--
Wenn die Pferde Katzen w�ren, w�rden wir auf den B�umen reiten.
DEUTSCHE WEISHEIT
<http://derfranzehatgsagt.blogspot.com/> <www.theodor-rieh.de/heinrich>
<www.mpu-forum.eu> <www.brueckenbauer.it> <www.theodor-rieh.de>

Michael Kallweitt

unread,
Jun 7, 2009, 2:27:49 PM6/7/09
to
Wolfram Heinrich schrieb:

> Neulich hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den
> Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so l�uft. Die privaten Sender
> �berspring ich eh, so da� ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade
> ein Theaterst�ck. 4 Typen wollten ein M�dchen anwanzen und diskutierten
> gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also
> blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, da� die 4 Typen dieselbe
> Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als
> wenn's nix w�re.
> Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu,
> sagte ich mir und sagte schlie�lich, da� dies wohl Schillers "R�uber" sein
> m��te. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.

Auf die Gefahr hin, mich wieder [1] in die Nesseln zu setzen: F�r mich geh�rt
es zur Inszenierung, dass der Regisseur sich mit der Vorlage auseinandersetzt
und seinen eigenen Zugang findet. Viele Werke bieten gen�gend Freiraum f�r
eigene Akzente, ohne dass man dem Endprodukt mangelnde Werktreue vorhalten m�sste.

> Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut
> und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.
>
> Kann es sein, so fragte ich mich, da� nur noch Narren ins Theater geh'n?

Kann es sein, dass du schon l�nger nicht mehr im Theater warst? :-)

> Aber, immerhin: Das St�ck war angek�ndigt als "Die R�uber" *nach* Friedrich
> Schiller. Dann pa�t's ja wieder.

Ebent. Dann sind es auch nicht mehr die Schillerschen "R�uber".

[1]
<http://groups.google.com/group/rec.arts.theatre.plays/browse_thread/thread/a5e36601898033e0/8d812f6121f3a755>

Wolfram Heinrich

unread,
Jun 8, 2009, 1:16:39 AM6/8/09
to
Am Sun, 07 Jun 2009 20:27:49 +0200 schrieb Michael Kallweitt:

> Wolfram Heinrich schrieb:
>
>> Neulich hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den
>> Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so l�uft. Die privaten Sender
>> �berspring ich eh, so da� ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade
>> ein Theaterst�ck. 4 Typen wollten ein M�dchen anwanzen und diskutierten
>> gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also
>> blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, da� die 4 Typen dieselbe
>> Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als
>> wenn's nix w�re.
>> Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu,
>> sagte ich mir und sagte schlie�lich, da� dies wohl Schillers "R�uber" sein
>> m��te. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.
>
> Auf die Gefahr hin, mich wieder [1] in die Nesseln zu setzen: F�r mich geh�rt
> es zur Inszenierung, dass der Regisseur sich mit der Vorlage auseinandersetzt
> und seinen eigenen Zugang findet.

Das versteht sich.

> Viele Werke bieten gen�gend Freiraum f�r
> eigene Akzente, ohne dass man dem Endprodukt mangelnde Werktreue vorhalten m�sste.
>

Volle Zustimmung. Ich ginge ein Schrittlein weiter: Alle Werke.

>> Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut
>> und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.
>>
>> Kann es sein, so fragte ich mich, da� nur noch Narren ins Theater geh'n?
>
> Kann es sein, dass du schon l�nger nicht mehr im Theater warst? :-)
>

Das kann gut sein. Theater kommt f�r mich in Buchform oder im Fernsehen
vor.

>> Aber, immerhin: Das St�ck war angek�ndigt als "Die R�uber" *nach* Friedrich
>> Schiller. Dann pa�t's ja wieder.
>
> Ebent. Dann sind es auch nicht mehr die Schillerschen "R�uber".
>

Man m�chte es meinen. Ich habe im Internet ein bisserl die Kritiken
angeschaut, nur sehr wenige haben das "nach" registriert, die meisten
schreiben, Steman habe "Die R�uber" von Schiller inszeniert. Das
distanzierende "nach" ist, so scheint es, ein bisserl augenzwinkernd
gesetzt.
Korrekt h�tte er schreiben m�ssen: "'Die R�uber' von Nicolas Steman nach
einem St�ck von F. Schiller". Aber dann w�re die Bude leergeblieben. Wer
will sich schon ein St�ck von Steman anschauen, wenn sie woanders Schiller
spielen.

Ciao
Wolfram
--
Lieber Rosinen im Kopf als Haare im Kuchen.

Thomas Weiner

unread,
Jun 15, 2009, 6:37:57 PM6/15/09
to
Wolfram Heinrich schrieb:

> Am Sun, 07 Jun 2009 20:27:49 +0200 schrieb Michael Kallweitt:
>
>> Wolfram Heinrich schrieb:
[...]

>>>
>>> Kann es sein, so fragte ich mich, da� nur noch Narren ins Theater geh'n?
>> Kann es sein, dass du schon l�nger nicht mehr im Theater warst? :-)
>>
> Das kann gut sein.

Dann ist das eine sehr arrogante Haltung. Bei Goschs Tod kam mir wieder
dieser schlimme Speiegelartikel in den Sinn, in dem ein "Schriftsteller"
(dessen Namen ich vorher noch nie geh�rt hatte) vor einigen Jahren
freim�tig bekannte, seit langem nicht mehr im Theater gewesen zu sein
und deshalb quasi von einem s�ffigen Stammtisch aus glaubte mal heftig
vom Leder ziehen zu d�rfen. (Es traf damals u. a. Goschs gro�artigen
D�sseldorfer Macbeth). Ich fragte mich damals, ob so ein Herangehen auch
m�glich w�re, wenn es z. B. um neue Literatur oder um Bildende Kunst
geht. Ich glaube nicht, ich glaube man w�rde den Autor wohl eher
bemitleiden und auffordern, sich erst mal mit seinem Sujet
auseinanderzusetzen.

> Theater kommt f�r mich in Buchform oder im Fernsehen vor.

Weder im Buch noch im Fernsehen findet Theater statt (es gibt allerdings
einige sehr sch�ne Theaterfilme, aber selbst Cassavetes "Opening Night"
bleibt ein Film und ist kein Theater).

[...]

> Korrekt h�tte er schreiben m�ssen: "'Die R�uber' von Nicolas Steman nach
> einem St�ck von F. Schiller". Aber dann w�re die Bude leergeblieben.

Das bezweifel ich.

Gr��e,
Thomas

Wolfram Heinrich

unread,
Jun 15, 2009, 7:33:14 PM6/15/09
to
Am Tue, 16 Jun 2009 00:37:57 +0200 schrieb Thomas Weiner:

> Wolfram Heinrich schrieb:

>>>> Kann es sein, so fragte ich mich, da� nur noch Narren ins Theater geh'n?
>>> Kann es sein, dass du schon l�nger nicht mehr im Theater warst? :-)
>>>
>> Das kann gut sein.
>
> Dann ist das eine sehr arrogante Haltung.

Die Berichte �bers Theater, die ich so gelegentlich lese, machen mir wenig
Lust, dorthin zu gehen. Gut, seit 10 Jahren kommt bei mir hinzu, da� es von
S�ditalien aus ein bi�chen weit zum n�chsten deutschsprachigen Theater ist.
Ich schau halt ab und an im Fernseh Theater.

> Bei Goschs Tod kam mir wieder
> dieser schlimme Speiegelartikel in den Sinn, in dem ein "Schriftsteller"
> (dessen Namen ich vorher noch nie geh�rt hatte) vor einigen Jahren
> freim�tig bekannte, seit langem nicht mehr im Theater gewesen zu sein
> und deshalb quasi von einem s�ffigen Stammtisch aus glaubte mal heftig
> vom Leder ziehen zu d�rfen. (Es traf damals u. a. Goschs gro�artigen
> D�sseldorfer Macbeth). Ich fragte mich damals, ob so ein Herangehen auch
> m�glich w�re, wenn es z. B. um neue Literatur oder um Bildende Kunst
> geht.

Neue Literatur ist ein bi�chen ein schlechtes Beispiel, will mir scheinen.
Nimm alte Literatur. Stell dir vor, da �bersetzt einer das Nibelungenlied
ins Neuhochdeutsche und verlegt bei der Gelegenheit den Hof von Worms in
eine Frankfurter Konzernzentrale und Attilas Hof wird zu einem russischen
Konzern...
Ich habe mich vor zwei, drei Jahren in de.rec.musik.klassik �ber diese
Frage gestritten, was bei Inszenierungen an Aktualisierungen sinnvoll ist
und wo die Albernheit anf�ngt. Dieselben Leute w�rden laut aufjaulen (zu
Recht), wenn einer ein klassisches Musikst�ck mit E-Gitarre, Schlagzeug u.
dergl. auff�hren w�rde, Swing-Elemente mit reinbr�chte *und dies dann als
zeitgem��e Auff�hrung von Mozarts Jupitersymphonie ausg�be*. Wohlgemerkt,
wenn einer ein St�ck als seines ank�ndigt, das blo� einige Elemente des
Originals als Spielmaterial verwendet, dann ist das nat�rlich okay, dann
kann er alles, buchst�blich alles machen.

> > Theater kommt f�r mich in Buchform oder im Fernsehen vor.
>
> Weder im Buch noch im Fernsehen findet Theater statt

Je nun, ein Theaterst�ck ist halt doch auch ein St�ck Literatur und als
solches pa�t es nicht schlecht in ein Buch.

>> Korrekt h�tte er schreiben m�ssen: "'Die R�uber' von Nicolas Steman nach
>> einem St�ck von F. Schiller". Aber dann w�re die Bude leergeblieben.
>
> Das bezweifel ich.
>

Wir werden es nicht rausfinden, so was macht ja doch keiner.

Ciao
Wolfram
--
In der Seefahrt war es zuzeiten ein �blicher Spa�, bei Aufenthalten in
Schottland die Einheimischen gezielt betrunken zu machen. Daher der Ausruf:
"Macht die Schotten dicht!"

Thomas Weiner

unread,
Jun 16, 2009, 4:16:37 PM6/16/09
to
Wolfram Heinrich schrieb:

> Am Tue, 16 Jun 2009 00:37:57 +0200 schrieb Thomas Weiner:
>
>> Wolfram Heinrich schrieb:
>
>>>>> Kann es sein, so fragte ich mich, da� nur noch Narren ins Theater geh'n?
>>>> Kann es sein, dass du schon l�nger nicht mehr im Theater warst? :-)
>>>>
>>> Das kann gut sein.
>> Dann ist das eine sehr arrogante Haltung.
>
> Die Berichte �bers Theater, die ich so gelegentlich lese, machen mir wenig
> Lust, dorthin zu gehen.

Ja, hmm, "das Theater" gibt es ja so nicht, es gibt doch recht
unterschiedliche Herangehensweisen, das ist viel Platz und im Moment, so
kommt es mir jedenfalls vor, gibt es beim Publikum auch eine gro�e Lust
drauf. Aber so Sachen wie Peter Stein oder Andrea Breth oder die
Textexerzitien von Laurent Chetouane, die deinen Erwartungen vermutlich
n�her kommen als das, was du da aus Hamburg auf 3Sat gesehen hast,
finden ja auch statt.

> Gut, seit 10 Jahren kommt bei mir hinzu, da� es von
> S�ditalien aus ein bi�chen weit zum n�chsten deutschsprachigen Theater ist.

Und wie sieht's in Italien aus? Gerade gestern wurde im Tagesspiegel von
einem Festival in Neapel berichtet (- zu dem �brigens auch
deutschsprachige Inszenierungen von Marthaler und Matthias Langhoff
eingeladen worden sind)
(http://www.tagesspiegel.de/kultur/Salman-Rushdie-Francesco-Clemente;art772,2823100).
Gibt's - davon abgesehen - sonst nichts zu sehen?

> Ich schau halt ab und an im Fernseh Theater.
>
>> Bei Goschs Tod kam mir wieder
>> dieser schlimme Speiegelartikel in den Sinn, in dem ein "Schriftsteller"
>> (dessen Namen ich vorher noch nie geh�rt hatte) vor einigen Jahren
>> freim�tig bekannte, seit langem nicht mehr im Theater gewesen zu sein
>> und deshalb quasi von einem s�ffigen Stammtisch aus glaubte mal heftig
>> vom Leder ziehen zu d�rfen. (Es traf damals u. a. Goschs gro�artigen
>> D�sseldorfer Macbeth). Ich fragte mich damals, ob so ein Herangehen auch
>> m�glich w�re, wenn es z. B. um neue Literatur oder um Bildende Kunst
>> geht.
>
> Neue Literatur ist ein bi�chen ein schlechtes Beispiel, will mir scheinen.
> Nimm alte Literatur. Stell dir vor, da �bersetzt einer das Nibelungenlied
> ins Neuhochdeutsche und verlegt bei der Gelegenheit den Hof von Worms in
> eine Frankfurter Konzernzentrale und Attilas Hof wird zu einem russischen
> Konzern...

Aber Theater ist keine Literaturvermittlungsanstalt. Theater ist eine
Verabredung zu einem Spiel und das St�ck, der Text, das gegeben wird,
ist ein Teil dieses Spiels, das auch und noch viel mehr von den
Schauspielern, der Regie, dem B�hnenbild bestimmt wird. Und wenn das
sehr sehr gut geht, dann gewinnt das so eine seltsame ganz und gar
eigene Wirklichkeit, die weit �ber den Text irgendwie ins Magische
hinausgeht. Das kann kein Film und keine Fernsehaufzeichnung
nachzeichnen. Und der klassische Text geht darin auf. Dann kann man das
Nibelungenlied auch in eine Konzenrzentrale verlegen, ja. Das ist eben
Spiel.

> Ich habe mich vor zwei, drei Jahren in de.rec.musik.klassik �ber diese
> Frage gestritten, was bei Inszenierungen an Aktualisierungen sinnvoll ist
> und wo die Albernheit anf�ngt. Dieselben Leute w�rden laut aufjaulen (zu
> Recht), wenn einer ein klassisches Musikst�ck mit E-Gitarre, Schlagzeug u.
> dergl. auff�hren w�rde, Swing-Elemente mit reinbr�chte *und dies dann als
> zeitgem��e Auff�hrung von Mozarts Jupitersymphonie ausg�be*.

Es gibt ein paar sehr sch�ne Sachen von Friedrich Gulda ... Aber auch
bei der rein klassischen Musik (da bin ich kein Experte): ein modernes
Orchester t�nt doch heute ganz anders als ein Orchester vor 50 oder vor
100 oder vor 200 Jahren. Da findet doch auch eine dauernde
Modernisierung statt (sonst w�re es ja auch langweilig, dann m�sste es
ja eine g�ltige Auff�hrung geben und den ganzen Rest kann man sich
schenken).

> Wohlgemerkt,
> wenn einer ein St�ck als seines ank�ndigt, das blo� einige Elemente des
> Originals als Spielmaterial verwendet, dann ist das nat�rlich okay, dann
> kann er alles, buchst�blich alles machen.

>
>> > Theater kommt f�r mich in Buchform oder im Fernsehen vor.
>>
>> Weder im Buch noch im Fernsehen findet Theater statt
>
> Je nun, ein Theaterst�ck ist halt doch auch ein St�ck Literatur und als
> solches pa�t es nicht schlecht in ein Buch.

Das Spiel findet in dem Buch nicht statt.

>>> Korrekt h�tte er schreiben m�ssen: "'Die R�uber' von Nicolas Steman nach
>>> einem St�ck von F. Schiller". Aber dann w�re die Bude leergeblieben.
>> Das bezweifel ich.
>>
> Wir werden es nicht rausfinden, so was macht ja doch keiner.

Das Publikum ist ja nicht so naiv, es geht ja nicht in eine Black Box,
es hat sich ja informiert, es kennt die Namen der Regisseure, es wei� in
etwa, wie sie, wie Stemann inszenieren, es liest Kritiken, es unterh�lt
sich miteinander, wenn es an irgendeinem verregneten Sonnabendvormittag
drei Stunden nach Karten ansteht ...

Viele Gr��e,
Thomas

Wolfram Heinrich

unread,
Jun 16, 2009, 4:41:30 PM6/16/09
to
Am Tue, 16 Jun 2009 22:16:37 +0200 schrieb Thomas Weiner:

> Wolfram Heinrich schrieb:
>>

>>> Dann ist das eine sehr arrogante Haltung.
>>
>> Die Berichte �bers Theater, die ich so gelegentlich lese, machen mir wenig
>> Lust, dorthin zu gehen.
>
> Ja, hmm, "das Theater" gibt es ja so nicht, es gibt doch recht
> unterschiedliche Herangehensweisen, das ist viel Platz und im Moment, so
> kommt es mir jedenfalls vor, gibt es beim Publikum auch eine gro�e Lust
> drauf.

Das freut mich. Ich w�re nicht zufrieden, wenn es dem Theater schlecht
ginge, aus ganz eigenn�tzigen Motiven.

> Aber so Sachen wie Peter Stein oder Andrea Breth oder die
> Textexerzitien von Laurent Chetouane, die deinen Erwartungen vermutlich
> n�her kommen als das, was du da aus Hamburg auf 3Sat gesehen hast,
> finden ja auch statt.
>

Wo immer sie stattfinden und worin immer sie genau bestehen, sie sind
au�erhalb meiner Reichweite. Vor S�ditalien habe ich in der N�he von
Regensburg gewohnt, da gibt's dann halt nur das Regensburger Stadttheater.
Macht aber nix, ich ginge selbst dann selten ins Theater, wenn ich neben
einem wohnen w�rde. Es ist mir zu viel Geschi� n�tig, dort reinzukommen.
Aber gut, das ist meine pers�nliche Sache.

>> Gut, seit 10 Jahren kommt bei mir hinzu, da� es von
>> S�ditalien aus ein bi�chen weit zum n�chsten deutschsprachigen Theater ist.
>
> Und wie sieht's in Italien aus? Gerade gestern wurde im Tagesspiegel von
> einem Festival in Neapel berichtet (- zu dem �brigens auch
> deutschsprachige Inszenierungen von Marthaler und Matthias Langhoff
> eingeladen worden sind)
> (http://www.tagesspiegel.de/kultur/Salman-Rushdie-Francesco-Clemente;art772,2823100).

Ach Gottchen, Neapel ist 120 km entfernt. Nach 22.00 h wird's schwierig mit
Z�gen. Und ich werde den Deibel tun und mit dem Auto nach Neapel fahren.

> Gibt's - davon abgesehen - sonst nichts zu sehen?
>

Halt auf Italienisch. Mein Italienisch ist nicht gut genug f�r geschliffene
Dialoge.

>> Neue Literatur ist ein bi�chen ein schlechtes Beispiel, will mir scheinen.
>> Nimm alte Literatur. Stell dir vor, da �bersetzt einer das Nibelungenlied
>> ins Neuhochdeutsche und verlegt bei der Gelegenheit den Hof von Worms in
>> eine Frankfurter Konzernzentrale und Attilas Hof wird zu einem russischen
>> Konzern...
>
> Aber Theater ist keine Literaturvermittlungsanstalt. Theater ist eine
> Verabredung zu einem Spiel und das St�ck, der Text, das gegeben wird,
> ist ein Teil dieses Spiels, das auch und noch viel mehr von den
> Schauspielern, der Regie, dem B�hnenbild bestimmt wird. Und wenn das
> sehr sehr gut geht, dann gewinnt das so eine seltsame ganz und gar
> eigene Wirklichkeit, die weit �ber den Text irgendwie ins Magische
> hinausgeht. Das kann kein Film und keine Fernsehaufzeichnung
> nachzeichnen. Und der klassische Text geht darin auf. Dann kann man das
> Nibelungenlied auch in eine Konzenrzentrale verlegen, ja. Das ist eben
> Spiel.
>

Wenn es das braucht, dann soll es mir auch wurscht sein. Ich g�nne ja jedem
seinen Spa�.

>> Ich habe mich vor zwei, drei Jahren in de.rec.musik.klassik �ber diese
>> Frage gestritten, was bei Inszenierungen an Aktualisierungen sinnvoll ist
>> und wo die Albernheit anf�ngt. Dieselben Leute w�rden laut aufjaulen (zu
>> Recht), wenn einer ein klassisches Musikst�ck mit E-Gitarre, Schlagzeug u.
>> dergl. auff�hren w�rde, Swing-Elemente mit reinbr�chte *und dies dann als
>> zeitgem��e Auff�hrung von Mozarts Jupitersymphonie ausg�be*.
>
> Es gibt ein paar sehr sch�ne Sachen von Friedrich Gulda ...

Der macht sehr wohl einen Unterschied, ob er ein klassisches St�ck
interpretiert oder ob er damit spielt und seine eigenen Bestandteile dazu
gibt.

>> Je nun, ein Theaterst�ck ist halt doch auch ein St�ck Literatur und als
>> solches pa�t es nicht schlecht in ein Buch.
>
> Das Spiel findet in dem Buch nicht statt.
>

Es findet in meinem Hirn statt. Das pa�t dann schon.

Ciao
Wolfram
--
Der Franze hat gsagt, bal amal im Schlo� ein Proze� stattfind't, na, sagt
er, geht er nach Amerika.

Michael Kallweitt

unread,
Jun 16, 2009, 5:21:17 PM6/16/09
to
Wolfram Heinrich schrieb:

> Am Tue, 16 Jun 2009 22:16:37 +0200 schrieb Thomas Weiner:
>
>> Wolfram Heinrich schrieb:

>[...]


> Macht aber nix, ich ginge selbst dann selten ins Theater, wenn ich neben
> einem wohnen w�rde. Es ist mir zu viel Geschi� n�tig, dort reinzukommen.
> Aber gut, das ist meine pers�nliche Sache.

Wenn ich (als Zuschauer) ins Theater gehe, kaufe ich eine Eintrittskarte und
sehe zu, dass ich p�nktlich zum Einlass erscheine. Mehr braucht es nicht.

>>> Je nun, ein Theaterst�ck ist halt doch auch ein St�ck Literatur und als
>>> solches pa�t es nicht schlecht in ein Buch.
>> Das Spiel findet in dem Buch nicht statt.
>>
> Es findet in meinem Hirn statt. Das pa�t dann schon.

Um nochmal die Ausf�hrungen von Thomas aufzugreifen: Theater ist keine
Literaturvermittlung, sondern darstellende Kunst.

Weil diese Kunst von der Un-mittel-barkeit des Spiels lebt, ist es auch nicht
gleich, ob ich als Zuschauer pers�nlich der Auff�hrung beiwohne oder mir eine
Aufzeichnung im Fernsehen anschaue. Der Unmittelbarkeit geschuldet ist der
Verzicht auf die M�glichkeiten einer vollst�ndig naturalistischen Darstellung
(wie es sie im Film gibt).

Selbst wenn ich mir dieselbe Inszenierung mehrfach anschaue, entsteht das St�ck
doch jedesmal wieder von neuem - nicht zuletzt deshalb, weil es immer wieder zu
minimalen Abweichungen und "Fehlern" im Spiel bis hin zu handfesten technischen
Pannen kommt, die durch gekonnte Improvisation �berspielt werden m�ssen. Nicht
zuletzt dieses Erlebnis macht f�r mich den Reiz des Theaters aus.

--
www.wasfuereintheater.com - neue Theaterprojekte im Ruhrpott

Wolfram Heinrich

unread,
Jun 17, 2009, 2:26:48 AM6/17/09
to
Am Tue, 16 Jun 2009 23:21:17 +0200 schrieb Michael Kallweitt:

> Wolfram Heinrich schrieb:
>

>> Macht aber nix, ich ginge selbst dann selten ins Theater, wenn ich neben
>> einem wohnen w�rde. Es ist mir zu viel Geschi� n�tig, dort reinzukommen.
>> Aber gut, das ist meine pers�nliche Sache.
>
> Wenn ich (als Zuschauer) ins Theater gehe, kaufe ich eine Eintrittskarte und
> sehe zu, dass ich p�nktlich zum Einlass erscheine. Mehr braucht es nicht.
>

Zu meiner Zeit mu�te man noch mit Anzug oder zumindest guter Hose im
Theater erscheinen. Mir war das immer l�stig, ich habe mich ums Theater
rumgedr�ckt und bin lieber ins Kino gegangen. Aber, wie ich schon schrieb,
das ist meine pers�nliche Marotte, die spielt hier eigentlich keine Rolle.

>>>> Je nun, ein Theaterst�ck ist halt doch auch ein St�ck Literatur und als
>>>> solches pa�t es nicht schlecht in ein Buch.
>>> Das Spiel findet in dem Buch nicht statt.
>>>
>> Es findet in meinem Hirn statt. Das pa�t dann schon.
>
> Um nochmal die Ausf�hrungen von Thomas aufzugreifen: Theater ist keine
> Literaturvermittlung, sondern darstellende Kunst.
>

Das schadet nicht. Blo�: Wenn ich mir den "Macbeth" anschaue, dann will ich
mir den "Macbeth" von Shakespeare anschauen, einfach weil mich das St�ck
interessiert. M�glicherweise habe ich das St�ck noch nicht gelesen (in dem
Fall habe ich es schon mehrfach gelesen, aber das ist jetzt belanglos), und
wenn ich das Theater verlasse, will ich den Text von Shakespeare auf der
B�hne gespielt gesehen haben. Ob das St�ck in einer mittelalterlichen
Kulisse gespielt hat und die Schauspieler mittelalterliche Kost�me getragen
haben, spielt dabei keine Rolle, die k�nnen das auch in normaler
Stra�enkleidung spielen, soviel Phantasie mu� sein.
Und wenn auf dem Plakat draufsteht: "Macbeth" von William Shakespeare,
Regie: Hans M�ller-M�hrenschneider, dann will ich Shakespeare sehen und
nicht ein von Hans M�ller-M�hrenschneider gegen den Strich geb�rstetes
St�ck.
Ein inzwischen schon verstorbener bekannter Regisseur, der sich auch als
Theaterautor versucht hat, hat sich immer wieder mal St�cke �lterer Autoren
vorgenommen und diese St�cke in seiner Bearbeitung auf die B�hne gebracht.
Diese St�cke liefen (und laufen) aber unter dem Etikett "Bertolt Brecht".
Wenn ich mir seinen "Hofmeister" anschaue, dann wei� ich, da� das der
Hofmeister von Brecht ist, der das St�ck von Lenz bearbeitet hat. Das ist
okay, kein Etikettenschwindel, nat�rlich ist die copyrightfreie
Weltliteratur ein Steinbruch, aus dem sich jeder bedienen kann und darf.

> Weil diese Kunst von der Un-mittel-barkeit des Spiels lebt, ist es auch nicht
> gleich, ob ich als Zuschauer pers�nlich der Auff�hrung beiwohne oder mir eine
> Aufzeichnung im Fernsehen anschaue.

Auch im Fernsehen sehe ich die Unmittelbarkeit dieser einen
Theaterauff�hrung.

> Der Unmittelbarkeit geschuldet ist der
> Verzicht auf die M�glichkeiten einer vollst�ndig naturalistischen Darstellung
> (wie es sie im Film gibt).
>

Das braucht es ja auch nicht.

> Selbst wenn ich mir dieselbe Inszenierung mehrfach anschaue, entsteht das St�ck
> doch jedesmal wieder von neuem - nicht zuletzt deshalb, weil es immer wieder zu
> minimalen Abweichungen und "Fehlern" im Spiel bis hin zu handfesten technischen
> Pannen kommt, die durch gekonnte Improvisation �berspielt werden m�ssen. Nicht
> zuletzt dieses Erlebnis macht f�r mich den Reiz des Theaters aus.

Feine Sache, dies. Aber wer, abgesehen von Profis, schaut sich schon die
gleiche Inszenierung mehrfach an?

Ciao
Wolfram
--
Der Franze hat gsagt, der Frangs� sagt "L�ff" f�r aroa und "D�s�" f�r
zwoaroa. Da wundert's ihn nicht, sagt er, wenn den Frangs� keiner versteht.

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