Am 20.06.2013 06:24, schrieb Peter Becker:
> Am 18.06.2013 19:17, schrieb Johannes Leckebusch:
>> Am 17.06.2013 11:49, schrieb Peter Becker:
>>> Nebenher beim Shooting abgeschossen:
>>>
http://www.flickr.com/photos/unblind/9066713000/
>>
>> BK? Der Kopf der blonden hebt sich schlecht von den Reflexen im Wasser
>> ab. Nicht alles, was SW ist, glänzt auch ... oder so.
>
> Man kann ihn aber immer noch recht gut erkennen.
> Ja, dass nicht jedes Bild für SW geeignet ist, das weiß ich.
> Hier gefällts mir.
Wie war das eigentlich, früher, als wir, wenn wir Schwarzweiß gemacht
haben, einen SW-Film in der Kamera hatten? Da haben wir vor der Aufnahme
geschaut und manchmal getrixt. Heute ist es umgekehrt?
Ich habe hier manchmal das Gefühl, da wollen manche Leute aus einem Foto
mit aller Gewalt ein SW-Bild machen, koste es was es wolle, Hauptsache,
Schwarzweiß.
Der Hitchcock hat mal gesagt (sinngemäß, ich suche jetzt nicht das Buch
vom Truffaut und blättere darin): Als erstes sei ihm (beim Übergang zum
Farbfilm) aufgefallen, dass man "in Farbe viel besser sieht" und manches
gar nicht machen muss, wie den Leuten immer ein Licht von hinten auf den
Kopf geben (also ein Gegenlicht, um sie vom Hintergrund abzuheben). Was
aber impliziert, dass er eben wusste, wie man "in SW sieht" bzw.
fotografisch gestaltet.
Und: Es gibt aber ganz andere Probleme - vor allem geschmackliche! Und
ach, die Farbberater von Technicolor ... (ist jetzt verkürzt).
Er wußte, dass es verschiedene Welten sind, die jeweils eigener
Ausdrucksformen bedürfen.
Ich fürchte, hier suchen viele in einem Foto einen neuen Ausdruck oder
überhaupt einen, indem sie es in SW umwandeln - und wundern sich
manchmal, dass da eigentlich nicht wirklich was ist. Oder auch nicht,
indem sie sich einbilden, da sei was neues drin, weil es ist ja jetzt
SW. Oder jedenfalls, dass das nicht einfach automatisch entsteht. Ein
Foto wird nicht ausdrucksstärker oder künstlerischer dadurch, dass man
die Farben wegnimmt. Sondern dadurch, dass es so aufgenommen wurde, dass
es die Farbe nicht braucht (oder diese sogar ablenken kann).
Seltsamerweise ist Farbveränderung etwas eher verpöntes. Farben sollen
"natürlich, realistisch, echt sein" (eine eigentlich absurde Forderung,
da Farbwahrnehmung per se nicht realistisch, sondern artefaktisch ist).
SW-Fotografie lebt aber - neben der Dominanz von Licht und Schatten -
auch davon, die Farben bei ihrer Übertragung in Grauwerte zu
manipulieren, durch Gelb- und Orangefilter, oder durch Ausnutzen des
Lichtes. Nur merken das die meisten Betrachter gar nicht.
Vielleicht sollte man mal über die OS SW nochmal eine Diskussion führen,
welches Bild nun wirklich in oder durch SW etwas besonderes ausdrückt.
Oder auch neue Beiträge sammeln, vielleicht auch als Gegenüberstellung
von Farb- und SW-Version, und diskutieren, was warum wieso oder lieber
doch nicht ...
Weil jetzt sonst alles bunt ist und die Farben immer perfekter, ist SW
wieder "Mode" - aber weiß man noch, wie man sich in SW wirklich
ausdrückt? Und warum? Aber sie konnten auch von künstlerischen
Ausdrucksformen wie Holzschnitt, Bleistiftzeichnung usw. lernen.
Die Fotografen haben sich ja ursprünglich nicht nach SW gesehnt - sie
mussten es einfach nehmen, weil sie nichts anderes hatten. Und man hat
immer versucht, diese "Beschränkung" zu überwinden und auch in Farbe zu
fotografieren - teils aus technischem "Wollen", teils - vielleicht -
weil man noch nicht verstand, dass der Fotografie mit der Farbe auch
etwas verlorengeht, also wenn die Farbe dazukommt, nämlich eine
Abstraktionsstufe. Der gleiche Irrtum wird alle paar Jahre wieder mit
dem neuesten 3D-Hype begangen: Man meint, etwas zu gewinnen, das dem
Film bisher fehle. Und übersieht, dass man etwas sehr, sehr wesentliches
verliert, was Film (unter vielem anderem) gegenüber dem Theater
auszeichnet. Theater ist per se 3D, und man kann die Schauspieler auch
durchs Publikum marschieren lassen - das ist banal. Aber Film ist
technisch zweidimensional und benutzt dennoch viele Ausdrucksmittel für
Tiefe (die, die auch die Fotografie kennt, und noch ein paar mehr, die
auf der fließenden Bewegung der Kamera beruhen).
Ich persönlich glaube nicht, dass sich 3D jemals so durchsetzen wird wie
Farbfilm oder Tonfilm. Aber nehmen wir einmal an, es wäre so, und dann
würde es plötzlich Mode, wieder Filme in 2D zu machen, weil das ist ja
"Kunst". Wenn man aber in der Zwischenzeit die Ausdrucksmittel, die der
zweidimensionale Film besessen und genutzt hat (und die z. T. in 3D gar
nicht funktionieren, weil den Leuten davon nur schlecht/schwindelig
wird), in Vergessenheit geraten sind ...
Ich muss gestehen, ich habe dieser Tage auf einige meiner ganz alten
SW-Bilder (von Negativen, namentlich eines aus den 50er Jahren und eines
aus den 1960igern) geschaut und mich gefragt, ob ich das heute noch so
könnte. Also, wenn ich wollte. Bei dem jüngeren war die Gestaltung mit
dem Licht experimentelle Absicht (das hat die Jury genommen). Bei dem
ganz alten, das mehr ein Zufallsbild ist, das ich aber seelisch viel
ausdrucksstärker finde), kann ich mir noch weniger vorstellen, sowas
heute bewußt zu machen. Aber vielleicht sollte ich tatsächlich einmal
wieder versuchen, SW zu fotografieren ...
--
Mit freundlichen Grüßen: Johannes Leckebusch (AR1)
http://johannes-leckebusch.de/