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Medusa Touch

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Johannes Schwarz

unread,
Apr 2, 2001, 3:12:43 AM4/2/01
to
Hallo ihr,

am Wochenende habe ich mir noch mal diesen "alten" Streifen angetan und
dachte, daß vielleicht der eine oder andere seine Gedanken dazu äußern
möchte. Außerdem ist das meine erste Kritik hier, also beißt mich.

Ein Mann sitzt im Halbdunkel vor seinem Fernseher und betrachtet die
mißglückte Mondlandung, die als erste Weltraumkatastrophe in die
Geschichte der Menschheit eingehen wird. Eine Person klopft an die Tür
("Es ist offen!") und betritt den Raum. Provoziert von den Aussagen des
Mannes vor dem Fernseher wirbelt sie ihn auf seinem Stuhl herum ("Ah!
Endlich eine Reaktion!"). Von den Äußerungen des Mannes vor dem
Fernseher offensichtlich provoziert greift sie sich eine Statue, holt
aus - die Statue fährt auf die Kamera zu - immer und immer wieder - Blut
spritzt auf den Fernseher, wo der Kommentator bereits einen Nachruf auf
die Insassen der Mondkapsel abgibt und die Kamera gleitet über die
Wohnzimmerwand, wo sie schließlich eine Darstellung der Medusa erfasst.

Der französische "Austausch"-Kommissar (dargestellt von Lino Ventura)
betritt die Szene. Bald wird er England verlassen; dies ist sein letzter
Fall. Ventura sucht mit seiner Crew nach Indizien; findet das Tagebuch
des Toten, während seine Kollegen peinliche Witze reißen. Das Opfer
Morlar liegt auf dem Boden mit eingeschlagenem Schädel; die Verletzungen
sind absolut tödlich. Ein Polizist betrachtet den Toten; wird plötzlich
nervös: Der vermeintlich Tote beginnt zu atmen. Trotz schwerster
Gehirnverletzungen ist er nicht tot, die Ärzte stehen vor einem Rätsel.

Morlar (Richard Burton) beschrieb in seinen Büchern sehr realistisch,
wie die Politik dieser Welt funktioniert - damit gibt es viele
Verdächtige und der Fall wird so brisant, daß Ventura vom Polizeichef
selbst auf die Wichtigkeit der Aufklärung hingewiesen wird. Ventura
sucht den Psychiater Zonefeld auf. Während der Fahrt wird der Wagen
umgeleitet; ein Jumbo-Jet ist über London abgestürzt. Ventura ist
erstaunt, daß Zonefeld (Lee Remick) eine durchaus attraktive Frau ist.
Er erfährt von Zonefeld, daß Morlar sich für verschiedene Todesfälle in
seiner näheren Umgebung verantwortlich fühlt: Seine Eltern sind bei
einem Autounfall ums Leben gekommen; ein Lehrer nebst 13 Schülern
verbrannte in seinem Internat.

Ventura fühlt, daß der Täter im nächsten Umkreis des Opfers zu suchen
ist. Die Tagebucheinträge ("West-Fassade") kann er ebensowenig deuten
wie die plötzlich zunehmende Hirnaktivität des Opfers. Die Überführung
des Täters ist schließlich zweitrangig, denn Morlars Überzeugung,
Auslöser für verschiedene Katastrophen zu sein, scheint sich zu
bewahrheiten - die "West-Fassade" erweist sich als äußerst brüchig und
die Gehirnaktivitäten Morlars nehmen von Stunde zu Stunde zu...

[Vorsicht! Wer bis jetzt weitergelesen hat, soll sich spätestens jetzt
verpissen, wenn er den Film unvorbelastet sehen möchte! Dies ist eine
totale Spoiler-Warnung!]

Der Fernseh-Regisseur Jack Gold legte hiermit seinen Kino-Erstling vor
und suchte sich ausgerechnet das Buch von Peter van Greenaway aus. Das
Drehbuch tilgte manches von dem paranoid anmutenden Material und
zeichnete die Figuren um: Aus dem ermittelnden Kommissar wurde ein
Franzose (notwendig, weil wir es hier mit einer britisch-französischen
Koproduktion zu tun haben); aus dem männlichen Psychiater eine Frau.
Viele Dinge wurden ganz weggelassen: Im Buch ist der Bestseller-Autor in
keiner Bibliothek der Welt vertreten, weil "SIE" alle Bücher aufkaufen,
um ein Bekanntwerden der Theorien Morlars (die übrigens absolut
kryptisch beschrieben werden, so daß kaum jemand die Bücher überhaupt
lesen würde) zu verhindern.

Trotz (oder gerade wegen) der Änderungen macht der Film seine Sache
erstaunlich gut. Burton tritt nur in Rückblenden auf (wir erinnern uns:
Ihm wird zu Anfang der Schädel eingeschlagen und folglich liegt er in
einer Art Koma, obwohl seine Gehirnaktivität stündlich zunimmt). Burtons
Charisma ist intensiv; sein "tödlicher" Blick ist gänsehauterregend. So
jemandem möchte man nicht in die Augen schauen. Hier gibt es keine
Spezial-Effekte; Burtons Blick reicht aus, um dem Zuschauer zu
versichern, daß der Kandidat dem Tode geweiht ist - dazu bedarf es
keiner Verdeutlichung. Morlar wird durch Burtons Darstellung greifbarer
als in der literarischen Vorlage, denn er weckt Sympathien; trotz allem
Zynismus wird hier eine verzweifelte Person offenbar, die der Zuschauer
mögen kann. Als seine Frau ihn niedermacht, empfindet der Zuschauer das
fast als Sakrileg; so darf man nicht mit einem solchen Mann sprechen; er
ist überlegen; er ist eine Autorität; er ist ein verdammter Held (und
ihr Tod erscheint als verdient).

Bis zu diesem Punkt ist Morlar sympathisch; seine Reaktionen erscheinen
unausweichlich. Die Eltern haben den Tod genauso verdient wie sein
Lehrer oder die Ehefrau. Hinzu kommt noch, daß Morlar selbst an seiner
Fähigkeit zweifelt (oder vielmehr den Freispruch von einer Mitschuld
möchte). Der skeptische Zuschauer möchte Morlar zuschreien, daß er nur
Schuldgefühle habe, die auf zufälligen Ereignissen beruhen - ein Wagen
mag sich bewegen und Menschen von einer Klippe schleudern; ein Internat
kann abfackeln; eine untreue Ehefrau mag bei einem Unfall sterben -
selbst die hysterische Ehefrau von nebenan mag sich durch ein wütendes
hingeworfenes "Frau, spring schon!" aus dem Fenster stürzen.

Eine Jumbo-Katastrophe mit Ankündigung ist allerdings nicht so leicht zu
erklären.

Ab dieser alptraumhaften Szene weiß der Zuschauer, daß Morlar kein
Spinner ist (mal ganz davon abgesehen, daß dieses merkwürdige Gehirn
immer noch weiterarbeitet, obwohl der größte Teil auf einem Teppich
verteilt wurde). Auch Morlar begreift in dieser entsetzlichen Szene,
welche Macht er wirklich besitzt. Jetzt beginnt man sich wirklich Sorgen
um die "West-Fassade" zu machen - und diese Sorge ist nicht unbegründet.
"Ich bin das Werkzeug, daß Gott die Drecksarbeit abnimmt" sagt Morlar
und hat seinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Ventura mag die
Wahrheit begreifen, er mag nach seinem Erlebnis mit der West-Fassade die
lebensrettenden Maschinen von Morlar abschalten - trotzdem kritzelt
dieser auf einen schnell herbeigelegten Notiz-Block im Augenblick des
Todes noch das Wort "Windscale" - der Ort, an dem Demonstranten gegen
das dort ansässige Atomkraftwerk demonstrieren - und dann beginnt
Morlars Gehirn wieder zu arbeiten....

Ich habe eine Menge Horror-Filme gesehen. Ich habe gesehen, wie Gehirne
auf dem Boden verteilt werden, Köpfe in alle Richtungen platzen oder das
Hirn aus dem Schädel gedrückt wird. Trotzdem ist der Anblick von Morlar,
der mit eingeschlagenem Schädel im Krankenhaus liegt, für mich immer
noch ziemlich heftig. Hier wird weder etwas angedeutet noch wirklich
explizit gezeigt, sondern nur beschrieben. Die Mullbinden um den Kopf
tragen ihren Teil dazu bei, mich unbehaglich zu fühlen.

Genauso unbehaglich fühle ich mich, als die Lebensgeschichte von Morlar
ausgebreitet wird: Man möchte um den Mann weinen, der so brilliant ist
und durch die Umstände gezeichnet wird. Sein Baby stirbt, weil es eine
Mißgeburt ist. Seine Frau kränkt ihn auf die mieseste Art, die ich mir
vorstellen kann ("Mein Vater hatte recht: So jemand wie Du kann nur eine
Mißgeburt hervorbringen!"). Dann kommt die Jumbo-Jet-Katastrophe (und
man nimmt Burton in dieser Szene ab, daß er einen Jet zur Erde
dirigieren kann) und in dieser Szene wird man herumgerissen: Dieser Mann
ist ein Monster; seine Verhaltensweise ist erklärbar, aber er muß
vernichtet werden. Ventura ist noch schlimmer dran: Er mag den Täter,
denn sie ist nicht nur sympathisch, sondern auch verdammt attraktiv
(hey, ich bin über 30, also erspart euch eure Kommentare). Wer würde
außerdem kein Verständnis für jemanden aufbringen, der eine Katastrophe
miterlebt und eine andere verhindern möchte (siehe Anfang der
Inhaltsangabe). Als die West-Fassade einstürzt, ist jeder Zweifel aus
der Welt geräumt. In dieser Szene möchte man einerseits fast jubeln,
denn Morlar hat nicht unrecht, allerdings schlägt das Grauen jedes
euphorische Gefühl tot: Man sieht, wie Menschen sterben; man hat keine
Distanz. Zu einem der Sterbenden hat man mittlerweile ein positives
Gefühl aufgebaut; das Blut, welches über die toten Steine spritzt, tut
ebenfalls seine Wirkung. Die West-Fassade stürzt nicht über
irgendwelchen Menschen zusammen, sondern über dem Zuschauer.

Die letzte Szene ist auf ihre eigene Weise die aufwühlendste. Als
"Medusa Touch" gedreht wurde, hatte man noch keine Ahnung von
Tschernobyl. Tschernobyl hingegen ist auch für die meisten Leute hier
sehr weit weg. Wieviel schlimmer ist es, einen SuperGAU in nächster Nähe
zu wissen - ausgelöst von einem Mann, der sich für das Werkzeug Gottes
hält?

"Medusa Touch" ist brilliant. Selten kann man das wahre Gesicht des
Horrors so gut erkennen wie in diesem Film. Dabei verzichtet die
Darstellung fast vollkommen auf irgendwelche Special-Effects-Mätzchen.
Morlar strahlt keine Blitze aus (es gibt auch nicht die beunruhigenden
Geräusche aus dem anderen großen "Telekinese"-Film namens "Scanners" von
D. Cronenberg - diesen Film werde ich an anderer Stelle entprechend
würdigen); Burton überzeugt einfach durch seine Anwesenheit, auch wenn
er hier nur einen begrenzten Teil seines Könnens preisgeben darf. Der
Film ist perfekt inszeniert; ich habe da keinerlei Einwände.

Was mich allerdings ein wenig stört: Morlar denkt, er wäre ein Werkzeug
Gottes, "das diesem die Drecksarbeit abnimmt". In manchen Szenen des
Filmes kommt durchaus Sozialkritik auf. Ich habe mich beim letzten
Ansehen ein wenig gefragt, welche Intention hinter dem Film steckt. Vom
fundamentalistischen Standpunkt aus gesehen könnte Morlar wirklich ein
Werkzeug Gottes sein, daß die "Sünder" für die Vergehen bestraft und die
Welt in die prophezeite Vernichtung führt. Ich habe keinen Grund
gefunden, der diese Ausdeutung widerlegt (obwohl ich der Meinung bin,
daß dies fern der Intention des Regisseurs lag). Diese Auslegung ist
natürlich nur interessant, wenn man die Argumentationsgrundlage der
christlichen Spinner heranzieht; ansonsten sollte man sofort diesen
Absatz vergessen.

Abgesehen von meiner obigen Deutung halte ich "Medusa Touch" für den
perfektesten aller "Brain-Killer"-Filme. "Scanners" von Cronenberg war
expliziter (und die Head-Crunch-Szene sucht immer noch ihresgleichen);
Brian de Palmas "The Fury" mag 'wissenschaftlicher' erscheinen, doch
erreichen beide Filme nich die Intensität von "Medusa". Das mag
natürlich am wirklich bösen Ende liegen (und es erscheint im Gegensatz
zu vielen anderen Horrorfilmen unausweichlich und global; es wird durch
die Story gerechtfertigt und gibt ihr eine erweiterte Perspektive. Hier
wird keinesfalls auf eine Fortsetzung spekuliert, denn danach gibt es
nichts mehr, was man fortsetzen könnte - übrigens ist das auch das Ende
des Buches; also bleibt man hier sehr nah an der Vorlage wie im Grunde
beim gesamten Film); zum anderen natürlich an der sorgfältig ruhigen und
sparsam inszenierten Regieführung von Jack Gold, der dem Zuschauer die
Geschichte praktisch in Häppchen vorwirft und es schafft, ohne sichtbare
Übertreibungen die Geschichte für den Zuschauer absolut beunruhigend
wirken zu lassen (mir fehlen hier ein wenig die Worte, weil der Film
wirklich sehr sparsam mit den üblichen Mitteln vorgeht). Es werden
darüberhinaus ein paar Dinge angesprochen, die durchaus zum Nachdenken
anregen (z. B. warum Morlar ausgerechnet die West-Fassade einstürzen
lässt - natürlich ist dieses Motiv aus dem weitergehenden Buch
übernommen; trotzdem trägt Morlar im Film seine Intention sehr
überzeugend vor).

Hervorzuheben wäre der superbe Soundtrack. Das beunruhigende Thema tritt
teilweise in Szenen auf, denen man nur aufgrund der Musik besondere
Beachtung schenkt (und natürlich trotzdem beim ersten Male nicht ganz
versteht; es sei denn, man hat diese Glorifizierung gelesen). Auch in
dieser Hinsicht haben die Filmschaffenden perfekt gearbeitet.

Grüße
Hannes

PS: Das Videoband wurde von VCL aufgelegt. Ich hoffe natürlich auf eine
DVD. Ich habe das verdammte Band für 5,- DM auf einer Auktion erworben
(ist in WS).

Thomas Neitz

unread,
Apr 2, 2001, 3:45:39 AM4/2/01
to
Johannes Schwarz schrieb:


> > PS: Das Videoband wurde von VCL aufgelegt. Ich hoffe natürlich auf eine
> > DVD. Ich habe das verdammte Band für 5,- DM auf einer Auktion erworben
> > (ist in WS).
>
> Das ist nicht in Widescreen, sondern Full-Screen! Steinigt mich!

Genau, sb! *schmeißdenerstenstein* So besoffen warst du beim Gucken doch
noch garnicht. Oder hat dich der Rostocker Freibeuter doch etwas mehr
zugrundegerichtet? *gg* Nette Kritik though. Kann ich nur vollkommen
unterschreiben. Einer der wenigen Streifen, die mich nicht nur als
kleinen Hosenscheißer zum Gruseln brachten.

> Hannes

Jodo, noch gähnend

--
"I mistrust things that bleed for 5 days and don't die!"

Johannes Schwarz

unread,
Apr 2, 2001, 3:38:07 AM4/2/01
to
Ich Blödmann schrieb:

> PS: Das Videoband wurde von VCL aufgelegt. Ich hoffe natürlich auf eine
> DVD. Ich habe das verdammte Band für 5,- DM auf einer Auktion erworben
> (ist in WS).

Das ist nicht in Widescreen, sondern Full-Screen! Steinigt mich!

Hannes

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