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Der Oscar vor 50 Jahren

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Manfred Polak

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Apr 24, 1998, 3:00:00 AM4/24/98
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Zu diesem Thema hab ich gerade einen sehr schönen Text
gelesen, aus dem hervorgeht, daß sich in den letzten 50 Jahren
in mancher Hinsicht nicht viel geändert hat.

Im März 1948 veröffentlichte Raymond Chandler einen Aufsatz
mit dem Titel "Oscar Night in Hollywood". [1]

Chandler war ab 1943 für etwa 5 Jahre als Drehbuchautor
bei Paramount angestellt.
Er schrieb u.a. mit Billy Wilder das Drehbuch zu Wilders
"Double Indemnity", der für den Oscar nominiert war, und
die erste Drehbuchfassung von Hitchcocks "Strangers on a
Train", die zu seinem Leidwesen noch stark überarbeitet
wurde.
Von seinen Romanen wurden alle bis auf einen verfilmt.
Chandler war auch Mitglied der Academy of Motion Picture
Arts and Sciences. Er wußte also, wovon er sprach.

Im folgenden ein paar längere Zitate aus dem Aufsatz.

"Nicht, daß die Preise nie für hervorragende Leistungen
vergeben würden - die Crux ist vielmehr die, daß diese
hervorragenden Leistungen nie als solche den Preis
gewinnen. Sie gewinnen ihn als hervorragende Leistungen
im Kassenfüllen. In einer verlierenden Mannschaft kann
man eben kein echter Amerikaner sein. Verfahrenstechnisch
stimmt man wohl für diese Leistungen, praktisch entschieden
wird jedoch nicht nach irgendwelchen künstlerischen oder
kritischen Maßstäben, über die Hollywood möglicherweise
sogar verfügt. Man rührt vielmehr kräftig die Reklametrommel
für diese Leistungen, man stellt sie groß heraus, man jubelt
sie hoch, marktschreierisch, und hämmert sie der Jury während
der Wochen vor der endgültigen Abstimmung so unablässig
ins Hirn, daß am Ende alles vergessen ist bis auf die
goldene Aura des Kassenerfolges."

"Die Motion Picture Academy läßt alle nominierten Filme
[...] in ihrem eigenen Lichtspieltheater laufen [...]
Dieses Vorführen der Filme soll den Jurymitgliedern
Gelegenheit geben, sich Filme anzusehen, die sie vielleicht
verpaßt oder teilweise vergessen haben. Es ist der Versuch,
ihnen vor Augen zu halten, daß früh im Jahre herausgekommene
[...] Streifen immer noch im Rennen liegen und daß es nicht
ganz gerecht ist, nur solche Filme in Betracht zu ziehen,
die erst kurz vor Jahresende herausgekommen sind.
Dieser Versuch ist weitgehend verlorene Liebesmüh´. Die
Stimmberechtigten gehen nicht zu diesen Vorführungen. Sie
schicken ihre Verwandten, Freunde oder Bediensteten. Sie
haben genug vom Leinwandgeflimmer, und die Stimmen der
Parzen sind in Hollywoods Luft ohnehin nicht zu überhören.
Sie tönen zwar schrill und aufgeblasen, deswegen aber
keinesfalls undeutlich.
All das ist mehr oder weniger gute Demokratie. Kongreßabgeordnete
und Präsidenten wählen wir auf so ziemlich die gleiche Weise,
warum also nicht auch Filmschauspieler, Kameramänner,
Drehbuchautoren und all die übrigen Leute, die mit dem
Filmemachen zu tun haben? Wenn wir zulassen, daß Lärm,
Marktgeschrei und schlechtes Theater uns bei der Auswahl
derjenigen beeinflußt, die das Land führen sollen, warum
dann etwas dagegen haben, daß dieselben Methoden bei der
Auswahl verdienstvoller Leistungen im Filmgeschäft angewandt
werden? Wenn wir einem Präsidenten das Weiße Haus zuschustern
können, warum können wir dann dem sich abstrampelnden Fräulein
Joan Crawford oder dem kalten und schönen Fräulein Olivia
de Havilland nicht eine von diesen goldenen Statuetten
zuschustern, die das rasende Verlangen der Filmindustrie
ausdrücken, sich selber in den Nacken zu küssen?"

"Aber im Film besitzen wir ein Kunst-Medium, dessen Höhepunkte
noch längst nicht hinter uns liegen. Schon hat die neue Gattung
Erhebliches geleistet, und wenn davon - vergleichsweise und
verhältnismäßig - aus Hollywood viel zuwenig kam, so ist das,
meine ich, um so mehr ein Grund, warum Hollywood einen Weg
finden sollte, bei seinem jährlichen Stammestanz der Stars
und Großproduzenten dieser Tatsache leise eingedenk zu werden.
Hollywood wird das natürlich nicht tun. Ich hab´s mir nur
gerade mal vorgestellt."

"Dennoch - und wenigstens einmal in meinem Leben - muß ich
zugeben, daß der Abend der Verleihung der Akademiepreise
eine gute und stellenweise recht komische Schau ist,
wenngleich ich den bewundern werde, der tatsächlich darüber
lachen kann."

"Die Qualität der Arbeit wird immer noch nach Maßgabe des
Erfolgs beurteilt. Eine hervorragende Leistung in einem
durchgefallenen Film geht leer aus, und eine Durchschnittsleistung
in einem Kassenknüller wird Stimmen bekommen."

"Was eine tiefere Art Ehrlichkeit anbelangt, so wird es, meine
ich Zeit, daß die Academy of Motion Picture Arts and Sciences
ein wenig von dieser Ehrlichkeit darauf verwendet, freimütig
zu erklären, daß ausländische Filme außer Konkurrenz laufen [...]
Da die Akademie kein internationales Tribunal für Filmkunst ist,
sollte sie aufhören, sich als ein solches zu gebaren. Wenn
ausländische Filme praktisch keinerlei Chance haben, einen
Hauptpreis zu gewinnen, sollten sie auch nicht nominiert werden.
Ganz zu Anfang der Festlichkeit von 1947 wurde Laurence Olivier
mit einem Sonder-Oscar für "Henry V" geehrt, obgleich der Film
zu denen gehörte, die als bester Film des Jahres nominiert worden
waren. Unverhohlener konnte man kaum sagen, daß er nicht
gewinnen würde. [...]
Außenstehende konnten den Eindruck gewinnen, daß da irgend etwas
nicht mit rechten Dingen zuging. Hollywood-Kenner wissen indes -
und daran gibt es nichts zu rütteln! -, daß die Oscars für und durch
Hollywood existieren; daß ihr Zweck der ist, die Überlegenheit
Hollywoods zu zementieren; daß die mit ihnen verbundenen Maßstäbe
und Probleme die Maßstäbe und Probleme Hollywoods sind; und daß
die mit ihnen verbundene Falschheit die Falschheit Hollywoods ist.
Doch wenn die Akademie den Ausländern ein bißchen Flitter hinwirft,
die Edelsteine für sich behält und dabei die Pose des
Internationalismus aufrechterhalten will, muß sie lächerlich
wirken."

"Sofern die Schauspieler und Schauspielerinnen die alberne
Schau lieben - und ich bin mir gar nicht so sicher, daß die
besten von ihnen das tun -, wissen sie wenigstens, wie man
in starkem Licht elegant aussieht und die kleinen, ach so
bescheidenen Ansprachen mit so treuherzig großen Augen
vorbringt, als glaubte man selber an sie. Sofern die großen
Produzenten sie lieben - und ich bin mir ganz sicher, daß
sie das tun, denn sie enthält die einzigen Bestandteile,
von denen sie wirklich etwas verstehen (Werbewirksamkeit und
folglich verstärktes Kassenklingeln) -, wissen sie wenigstens,
wofür sie kämpfen."

"Aber das *ist* der entscheidende Punkt, nicht wahr? - ob
diese jährlichen Preise (abgesehen von dem grotesken Ritual,
das mit ihnen einhergeht) tatsächlich etwas darstellen, was
von künstlerischem Wert für das Medium Film ist; etwas
Eindeutiges und Ehrliches, das bleibt, wenn die Lichter
erloschen, die Nerze abgelegt und das Aspirin geschluckt ist?
Ich glaube nicht, daß sie das tun. Ich glaube, sie sind bloß
Theater, und nicht einmal gutes Theater."

Soweit Chandler.

cu, Manfred

[1] deutsch "Oscar-Abend in Hollywood". Enthalten in
Raymond Chandler: Englischer Sommer
Diogenes, Zürich 1980, ISBN 3 257 20754 9

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