Wolfgang Strobl schrieb:
> Nein. Wenn die Leistungsfähigkeit allmählich nachlässt, fallen die am
> schlechtesten erreichbaren Ziele nach und nach heraus, also solche, die
> weit entfernt sind und somit zu viel Ausdauer erfordern, solche, die
> etwa auf einem Hügel liegen und somit die Bewältigung von Lastspitzen
> erfordern, oder solche, die nur über eine schwierige - enge,
> verkehrsreiche, unübersichtliche - Route erreichbar sind und somit (zu)
> viel Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen erfordern.
Zum Teil ja. Einkauf und z.B. der Weg in den Garten, zu den Enkeln
o.ä. bleiben.
> Ein untermotorisiertes, schweres Zweirad hilft in den ersten beiden
> Situationen nur begrenzt (und schafft neue Probleme - was tun, wenn der
> Akku 500m vor der Hügelkuppe schlappmacht?) und in letzterer überhaupt
> nicht und ist da manchmal sogar kontraproduktiv, weil neue
> Komplikationen hinzukommen, die ich z.T. diskutierte.
Dasselbe wie bei einem normalen Fahrrad, wenn die Kette abspringt,
der Reifen platt ist oder der Bowdenzug reißt: Pause machen, Hilfe holen
oder schieben.
Wir argumentieren hier vermutlich alle für Situationen, die wir höchstens
als Beteiligte und nicht als Betroffene kennen und haben da unterschiedliche
Erfahrungen. Die Strecken, die meine Mutter mit dem Fahrrad bis vor kurzem
per Rad zurücklegte, beliefen sich auf max. 5 km (Hin- und Rückweg).
> Nimmt man zur Kenntnis, daß dann, wenn im Alter die Leistungsfähigkeit
> nachläßt, häufig auch die langjährig genutzten Räder in die Jahre
> gekommen sind, läge der Gedanke viel eher auf der Hand, daß sich das
> befürchtete Scheitern in allen drei Problembereichen mit besserer
> Fahrradtechnik häufig noch eine ganze Weile herausschiebeln liesse -
> effizienter Nabendynamo, besserers Licht, weniger verlustreiche neue
> Schaltung, größerer Schaltbereich, besser kontrollierbare Bremsen,
> Gewichtsreduktion des Fahrzeugs, nur um ein paar Ansatzpunkte zu nennen
> -, vor allem dann, wenn man dafür so viel Geld in die Hand nimmt, wie
> ein Pedelec für Anschaffung und Betriebskosten auffrisst.
Wir haben für sie ein neues Rad mit extra tiefem Durchstieg angeschafft.
Licht spielt überhaupt keine Rolle. Schaltung natürlich auf niedrige
Gänge ausgerichtet. Trotzdem schafft sie das jetzt nicht mehr. Die Kraft
reicht nicht, um sicher zu fahren.
Ich gebe aber zu, dass sie vermutlich auch mit einem Pedelec nicht ofahren
würde. Ich habe noch nicht gefragt.
> Hilft auch das bei einzelnen Zielen nicht mehr, so ist die naheliegende
> Wahl nicht der Wechsel des Verkehrsmittels, sondern die Wahl eines
> geeigneteren Zieles, vor allem, wenn nach Beginn der Rente der
> Wahlfreiheit durch Wegfall der Arbeitswege deutlich zunimmt.
Wie gesagt: Einkauf und Garten blieben. Andere Ziele fielen weg, ja.
> Ich möchte aber auch etwas Zweifel an der Prämisse anmelden.
> Alltagsverkehr ist für Renter mehr oder weniger dasselbe wie
> Freizeitverkehr.
Und das ist Alltagsverkehr: Nicht der Weg ist das Ziel, und das
Ziel dient nur der Meisterung des Alltags.
Du hast ganz offenbar eine andere und deutlich auffälligere Personengruppe
vor Augen:
> Wenn ich hier überproportional häufig Pedelecs im
> Bipack und von mit Gadgets behängten alten Leuten im Unisexlook (gleiche
> neuwertige Fahrzeuge, gleichfarbige Helme, gleiche
> Schärpe/Müllmanwesten) gefahren sehe, dann bezweifle ich sehr, daß hier
> mehr als einmal Bonn-Rheinaue und zurück oder einmal Kottenforst und
> zurück - also eine reine Selbstzweckfahrt - ansteht.
> Ich halte es aber für eine
> Schnapsidee, dafür zu werben, wenn man nicht selber dran verdient, egal
> ob man das als Radfahrer sieht, der seine Interessen in der
> Verkehrspolitik vertreten sehen will, oder aus einem allgemeinen
> gesundheits- oder verkehrspolitischen Blickwinkel. Aus diesem ist das
> nämlich ein klarer und meist endgültiger Rückschritt.
Hier werden wir uns wieder einig: Unspezifische Werbung ist Blödsinn.
Das Pedelec sollte als das Image einer Hilfe für Schwache bekommen.
> Mich würde eine ehrliche (!) Schätzung interessieren, welchen Anteil die
> Gruppe der aufgrund einer schweren Krankheit nicht mehr radfahrenden
> Personen hat, am derzeitigen und dem prognostizierten Gesamtmarkt für
> Pedelec.
Mich auch. Vermutlich ist das etwa derselbe Anteil wie die Gruppe
der aufgrund einer schweren Krankheit nicht mehr radfahrenden
Personen an der Gesamtheit der Radfahrenden.
> Mein langjähriger Kollege Ralf Joho (auf Seite 16 des PDF
><
http://www.ld-vlg.de/pdfs/25_jahre_hpv_lesepro.pdf> vor zehn Jahren auf
> seinem z.T. eigenhändig auf seine Bedürfnisse umgebauten Windcheetah zu
> sehen) hat mir vor vielen Jahren mal erzählt, wie sehr er es hasste, auf
> motorisierten Fahrprothesen angewiesen zu sein bzw. davon abhängig zu
> werden, was er mit eiserner Energie und erstaunlich lange vermieden hat.
> Ein großer Teil meiner Einschätzung dieses Themas stammt aus Gesprächen
> mit ihm.
OK, das erklärt einiges. Hier geht es um jemanden, der Einschränkungen
in einem Teil seines Bewegungsapparates hat. Das ist eine ganz andere
Baustelle. Der gesunde Teil des Körpers kann trainiert werden.
Kennst Du das Gefühl nach einer richtigen Infektion, wenn man das
Bett wieder verlassen hat und mit dem Gefühl, Gummi in den Beinen zu
haben, durch die Wohnung schleicht? Stell dir vor, das ist der Dauer-
zustand. Das ist nicht nach einem Tag wieder gut, sondern das das Beste,
was Du erreichen kannst, ist, nicht noch schwächer zu werden.
Gruß!
Ralph.