--
Viele Grüße
Gerald Fix
>In article <kn8o14p0vs78urkm4...@4ax.com>,
>Ich habe es so ähnlich in einem Lesebuch/Deutschbuch meines Vaters
>oder meiner Mutter gesehen: "Dichter unbekannt" oder "Volksgut".
>Die Antwort ist also: im Prinzip ja, aber ich habe weder das Buch,
>noch bibliografische Angaben.
Ich glaube es ja gerne :-)
Es wundert mich halt, da Heine als Autor ja bekannt war und diese
Angabe zwar Schulkindern, aber doch kaum erfahrenen Lesern
unterzujubeln war.
Ich habe mich darüber 1992 mit dem Leiter des HH-Instituts in
Düsseldorf unterhalten, der zwar auch diese weitverbreitete Behauptung
kannte, aber damals betonte, man habe bislang keinen einzigen Beleg
dafür. Es mag aber sein, dass sich da in den mehr als 15 Jahren etwas
geändert hat. Es kann aber auch gut "urban legend" sein.
Gruß, Marius
--
Zehn Jahre drb!
Viele Grüße
Klaus Bernstein
>Gerald Fix schrieb:
>> Fritz Stern schreibt in seinen Memoiren, Heines Loreley-Gedicht sei so
>> populär gewesen, dass es im dritten Reich nicht unterdrückt werden
>> konnte. Um den Namen Heines zu umgehen, sei es unter "Autor unbekannt"
>> geführt worden. Lässt sich dies belegen?
>
>Ich habe mich darüber 1992 mit dem Leiter des HH-Instituts in
>Düsseldorf unterhalten, der zwar auch diese weitverbreitete Behauptung
>kannte, aber damals betonte, man habe bislang keinen einzigen Beleg
>dafür. Es mag aber sein, dass sich da in den mehr als 15 Jahren etwas
>geändert hat. Es kann aber auch gut "urban legend" sein.
Das wundert mich. Bücher aus den dreißiger Jahren sollten doch keine
Seltenheit sein, oder? Und die Behauptung kann doch mit wenigen
Ausgaben belegt werden: Es war so, es war nicht so, es war mal so und
mal so. Oder unterfordere ich da die Geschichtswissenschaft :-?
> Das wundert mich. Bücher aus den dreißiger Jahren sollten doch keine
> Seltenheit sein, oder? Und die Behauptung kann doch mit wenigen
> Ausgaben belegt werden: Es war so, es war nicht so, es war mal so und
> mal so. Oder unterfordere ich da die Geschichtswissenschaft :-?
> On Sat, 03 May 2008 12:08:34 +0200, Marius Fraenzel
> <marius....@gmail.com> wrote:
>> Es kann aber auch gut "urban legend" sein.
Gruß, Marius
Berendson war natürlich nicht verantwortlich, er hat vermutlich nur
einen Witz im Exil kolportiert.
http://www.exilpen.de/HTML/Texte/biermann_2_060301.html
Ist schon erstaunlich, wie tief der verborgene Antisemitismus sitzten
muss, wenn man ohne Prüfung Opfer zu Tätern machen möchte.
--
Roland Franzius
> http://www.exilpen.de/HTML/Texte/biermann_2_060301.html
> Ist schon erstaunlich, wie tief der verborgene Antisemitismus sitzten
> muss, wenn man ohne Prüfung Opfer zu Tätern machen möchte.
In der 1939er Auflage von Nadlers Literaturgeschichte nach Stämmen
und Landschaften steht die unten zitierte Zusammenfassung. Obgleich
die ersten dreibändigen Auflagen in Regensburg gedruckt worden sind,
haben die hiesigen Bibliotheken kein Exemplar aus der Zeit vor 1938.
Deshalb meine Frage und Bitte: Kann unter Euch jemand herausfinden,
ob diese Passage schon in einer der frühen, lange vor der Nazizeit
erschienenen Auflagen enthalten ist?
j/\a
| So war Heine weder der Jude des Alten noch der des Neuen Testaments.
| Er war der in jeder Gemeinschaft heimatlose Jude, der durch das
| Abendland entsittlichte Jude, und die Entsittlichung Deutschlands
| war sein eigentliches Werk. Er hat den wurzelzerstörenden Vorgang auf
| Marx zu am weitesten gefördert, der die Sprengwirkung französischen
| Geistes im deutschen Körper aufs höchste gesteigert und den Abfall von
| Goethe ins Gewissenlose getrieben. Ohne Geschmack, ohne Organ für den
| Geist der Kunst, der Wahrheit, der inneren Haltung war Heine der
| einflußreichste Verwüster des deutschen Prosastils, der Schöpfer der
| deutschen Zeitungsphrase.
aus: Josef Nadler, Literaturgeschichte des Deutschen Volkes, Berlin 1939,
Bd.3 S.46
So ganz schlimm wird es mit dem Antisemitismus bei Biermann nicht sein.
Ciao
Wolfram
--
Seelenwanderung - au ja! Ich will auch mal eine Indische Prinzessin gewesen
sein.
www.theodor-rieh.de, www.theodor-rieh.de/heinrich, www.brueckenbauer.it
>> http://www.exilpen.de/HTML/Texte/biermann_2_060301.html
>> Ist schon erstaunlich, wie tief der verborgene Antisemitismus sitzten
>> muss, wenn man ohne Prüfung Opfer zu Tätern machen möchte.
>
> So ganz schlimm wird es mit dem Antisemitismus bei Biermann nicht sein.
Ach, war der gemeint? Ich hatte das Erstaunen da oben erst gar nicht
verstanden. Da muß wohl, in Bezug auf Berendsohn und Adorno, jemand
vergessen haben, an seinem Ironie-Detektor den Sensor für Sarkasmus
zu aktivieren.
j/\a
--
> Am 05.05.2008, 08:07 Uhr, schrieb Wolfram Heinrich <in...@theodor-rieh.de>:
>
>>> http://www.exilpen.de/HTML/Texte/biermann_2_060301.html
>>> Ist schon erstaunlich, wie tief der verborgene Antisemitismus sitzten
>>> muss, wenn man ohne Prüfung Opfer zu Tätern machen möchte.
>>
>> So ganz schlimm wird es mit dem Antisemitismus bei Biermann nicht sein.
>
> Ach, war der gemeint?
Das weiß ich auch nicht genau. Ich hatte Roland jedenfalls so verstanden,
aber gut, er hatte den Punkt auch nur angerissen, nicht voll ausgebreitet.
Vielleicht hat er auch was anderes gemeint. Falls ja, wird ihn das jetzt
hoffentlich dazu anregen, die Sache zu klären.
Ciao
Wolfram
--
Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt, mein Leser, nichts des
Dankes wert gefunden, so sei mir wenigstens für das verbunden, was ich
zurück behielt. LESSING
www.theodor-rieh.de, www.theodor-rieh.de/heinrich, www.brueckenbauer.it
Wer das ganze Posting aufmerksam liest, merkt, dass mit dem Vorwurf
des Antisemitismus Joseph A. Kruse gemeint war, der (zumindest nach
dem Referat der Herausgeber des Sammelbandes) Walter Berendsohn für
die Ausmerzung Heinrich Heines als Verfasser des Liedes verantwortlich
macht. Da muss Roland gar nichts weiter klar stellen.
Nur halt lesen müsste man können.
> Nur halt lesen müsste man können.
Derlei hochnäsige Bemerkungen solltest Du Dir verkneifen,
es sei denn, Du möchtest jeden Meinungsaustausch verbellen.
Wir nehmen also zur Kenntnis,
> dass mit dem Vorwurf des Antisemitismus Joseph A. Kruse
> gemeint war, der (zumindest nach dem Referat der Herausgeber
> des Sammelbandes) Walter Berendsohn für die Ausmerzung
> Heinrich Heines als Verfasser des Liedes verantwortlich
> macht.
Daß die Nazis ausgerechnet von einem emigrierten Juden
Empfehlungen zur Behandlung Heines in den Anthologien
angenommen hätten, ist doch wohl eher unwahrscheinlich.
Nimm aber mal an, Berendsohn hätte sinngemäß gesagt:
»Heines Gedichte, und gar die "Loreley", sind bei den
Deutschen so bekannt, die kann man nicht einfach vergessen
machen. Allenfalls, wenn den Nazis der Name Heine so zuwider
ist, könnten sie behaupten, die "Loreley" sei von einem
unbekannten Dichter.«
Eine solche Äußerung wäre situationsgerechter Sarkasmus.
Das aber nun als "verantwortlich für die Ausmerzung Heines"
auszugeben, ist mindestens eine Sprachschlamperei, wenn nicht
gar Gedankenschlamperei.
> Da muss Roland gar nichts weiter klar stellen.
Zumal diese "Klarstellung" in die Hose gegangen ist. Denn
da war gar kein "verborgener Antisemitismus", sondern nur
ein Rezensent, der mit den Wörter "verantsortlich" und
"Ausmerzung" nicht hat umgehen können.
j/\a
--
Vermute ich auch nicht. Sollte ich mich so mißverständlich ausgedrückt
haben?
--
Roland Franzius
Wuff! Wuff!
Roland muß sowieso nicht müssen. Jetzt schon gleich gar nicht mehr. Danke
für den Hinweis.
> Nur halt lesen müsste man können.
>
- Könnense nicht lesen, Mann?
- Ach, Herr Wachtmeister, wenn ich lesen könnt, wär ich ein gemachter Mann.
Ciao
Wolfram
--
Trauring aber wahr.
UNBEKANNTER MEISTER
www.theodor-rieh.de, www.theodor-rieh.de/heinrich, www.brueckenbauer.it
> Am 05.05.2008, 14:03 Uhr, schrieb Marius Fraenzel
> <marius....@gmail.com>:
>
>> Nur halt lesen müsste man können.
> Derlei hochnäsige Bemerkungen solltest Du Dir verkneifen,
> es sei denn, Du möchtest jeden Meinungsaustausch verbellen.
>
Nun ist ja gottlob diese Art von Knurrigkeit bei Marius eher selten.
Außerdem hab ich jetzt wieder 1 x Beißen gut.
Ciao
Wolfram
--
Wer ohne Rinde ist, der werfe das erste Schwein.
www.theodor-rieh.de, www.theodor-rieh.de/heinrich, www.brueckenbauer.it
> Wolfram Heinrich schrieb:
>> So ganz schlimm wird es mit dem Antisemitismus bei Biermann nicht sein.
>
> Vermute ich auch nicht. Sollte ich mich so mißverständlich ausgedrückt
> haben?
Wahrscheinlich nicht, vermutlich habe ich zu oberflächlich gelesen. Aber
deswegen führt man ja einen Dialog, damit sich Mißverständnisse aufklären.
Ciao
Wolfram
--
Geschichten, deren erster Satz nicht eine unbändige Lust weckt,
weiterzulesen, sind direkt für Kritiker oder Literaturhistoriker
geschrieben; Verwunschene, die nahezu jeden Dreck, der irgendwann aus
Federn quillt und zwischen zwei Buchdeckel gepreßt wird, lesen müssen.
Verbitterte Existenzen.
www.theodor-rieh.de, www.theodor-rieh.de/heinrich, www.brueckenbauer.it
> Jakob Achterndiek schrieb:
>> Am 05.05.2008, 14:03 Uhr, schrieb Marius Fraenzel
>> <marius....@gmail.com>:
>>
>>> Nur halt lesen müsste man können.
>> Derlei hochnäsige Bemerkungen solltest Du Dir verkneifen,
>> es sei denn, Du möchtest jeden Meinungsaustausch verbellen.
>
> Wuff! Wuff!
>
Kusch! :o)
Ciao
Wolfram
--
Am Wachstum hindert den Menschen oft das eigene Dach über dem Kopf.
STANISLAW JERZY LEC
www.theodor-rieh.de, www.theodor-rieh.de/heinrich, www.brueckenbauer.it
Viele Grüße
Klaus Bernstein
> Tu das.
>
> Hier wenigstens schonmal das Adorno-Zitat:
>
> | Die Wunde Heine
> |
> | Wer im Ernst zum Gedächtnis Heines am hundertsten Tag seines
> | Todes beitragen will und keine bloße Festrede halten, muß von
> | einer Wunde sprechen; von dem, was an ihm schmerzt und seinem
> | Verhältnis zur deutschen Tradition, und was zumal in Deutschland
> | nach dem zweiten Krieg verdrängt ward. Sein Name ist ein
> | Ärgernis, und nur wer dem ohne Schönfärberei sich stellt, kann
> | hoffen, weiterzuhelfen. Nicht erst von den Nationalsozialisten
> | ist Heine diffamiert worden. Ja diese haben ihn beinahe zu Ehren
> | gebracht, als sie unter die Loreley jenes berühmt gewordene
> | »Dichter unbekannt« setzten, das die insgeheim schillernden
> | Verse, die an Figurinen der Pariserischen Rheinnixen einer
> | verschollenen Offenbachoper mahnen, als Volkslied unerwartet
> | sanktionierte. Das 'Buch der Lieder' hatte unbeschreibliche
> | Wirkung getan, weit über den literarischen Umkreis hinaus. In
> | seiner Folge ward schließlich die Lyrik hinabgezogen in die
> | Sprache von Zeitung und Kommerz. Darum geriet Heine um 1900 bei
> | den geistig Verantwortlichen in Verruf. Man mag das Verdikt der
> | Georgeschule dem Nationalismus zuschreiben, das von Karl Kraus
> | läßt sich nicht auslöschen. Seitdem ist die Aura Heines
> | peinlich, schuldhaft, als blutete sie. Seine eigene Schuld ward
> | zum Alibi jener Feinde, deren Haß gegen den jüdischen
> | Mittelsmann am Ende das unsägliche Grauen bereitete.
>
> [...]
>
> [Band 11: Noten zur Literatur: Die Wunde Heine. Theoder W.
> Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8951 (vgl. GS 11, S. 95 ff.)
> http://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ]
>
> Ralf
Walter A. Berendsohn,
Der lebendige Heine im Germanischen Norden.
Det Schønbergske Forlag Kopenhagen 1935; 159 Seiten.
Die Kapitel:
I. Heinrich Heine, der Jude, der Deutsche, der Europäer
und Weltbürger
II. Überblick über die Wirkung Heines im germanischen Norden
III. Der lebendige Heine ... (nach dem Weltkriege)
IV. Ein unzerstörbares Heine-Denkmal
Dazu 20 Seiten Anmerkungen und 6 Seiten Register.
Zitat von Seite 21:
| Gegenwärtig herrschen in Deutschland die Anhänger des
| Rassenwahns. Die Denkmäler Heines werden entfernt, seine
| Bücher verbrannt und verboten, sein Name in den Bann getan,
| obwohl man in grober Unwissenheit manchmal seine Verse im
| Kampf verwendet. Die »Loreley« in seiner Fassung wird
| weiter abgedruckt und gesungen, aber darunter steht:
| »Verfasser unbekannt«.
Im selben Absatz folgt die Erwähnung zweier Dozenten, die
wegen der Erwähnung Heines in akademischen Prüfungen aus dem
Dienst entfernt worden seien. Der Absatz endet:
| Deutschland soll völlig gereinigt werden vom artfremden
| Einfluss, von jüdischer Vergiftung. Unter diesen Umständen
| ist es ungewöhnlich reizvoll die Frage aufzuwerfen, wie der
| germanische Norden sich zu Heinrich Heine verhalten hat und
| verhält. Die erschöpfende wissenschaftliche Beantwortung
| dieser Frage erfordert noch mancherlei Vorarbeiten, aber
| einige grosse Linien lassen sich schon festlegen.
Im Apparat zu den ersten 9 Seiten Text (12-20) schon elf
Anmerkungen, aber keine Anmerkung zu diesem Absatz. Also kein
Beleg, keine Quelle, keine Namen - nur eine Behauptung.
Aber welche Wirkung!
j/\a
--
> Im Apparat zu den ersten 9 Seiten Text (12-20) schon elf
> Anmerkungen, aber keine Anmerkung zu diesem Absatz. Also kein
> Beleg, keine Quelle, keine Namen - nur eine Behauptung.
> Aber welche Wirkung!
So schwierig könnte es wohl nicht sein, in den Schullesebüchern der
zwölf Jahre, die hier in Frage kommen und die in Bibliotheken auffindbar
sein müssten, nachzusehen, und in zu der Zeit veröffentlichten Lexika,
in denen das dann ja wohl konsequenterweise auch so hätte gehandhabt
werden müssen. Dass man es schon bis 1935 flächendeckend geschafft
hätte, ist erst recht unwahrscheinlich. Am ehesten kann ich es mir noch
bei den Notenausgaben der Vertonung (Silcher) vorstellen. In der 1941
erschienenen und damals weithin beachteten Literaturgeschichte von Paul
Fechter jedenfalls wird Heine ausführlich behandelt und ihm die
Verfasserschaft seiner Gedichte nicht abgesprochen.
Leider habe ich das Fechtersche Machwerk, aus Platzgründen und weil es
mich so angewidert hat, bei meinem vorigen Umzug entsorgt. Sonst würde
ich mich jetzt bei Wikipedia anmelden, um dem dortigen Fechter-Artikel,
in dem seine Nähe zu Widerstandskreisen erwähnt wird, die ekelhafte
Lobeshymne auf /Mein Kampf/ aus besagtem Buch hinzuzufügen.
MfG
CH
Soviel zu dem, was ich so gefunden habe. Vieles enthielt dann doch die
unbewiesene Behauptung von der unbekannten Verfasserschaft. Nur die
Düsseldorfer Schriftstellerin Eva Zeller bringt eine Variante, die für
mich sogar glaubhaft klingt. Sie erinnert sich an Ausflüge auf
Rheindampfern, auf denen sehr oft die Loreley gesungen wurde und meint
dazu: „Daß 'Ich weiß nicht, was soll es bedeuten' von Heinrich Heine
stammt, bedeutete einem nichts, stand es doch in den Liederbüchern
unter VOLKSLIEDER, oft genug war nicht einmal der Name Heinrich Heine
genannt.“ [8]
Entschuldigung, daß es ein etwas langer Beitrag ist, aber das Thema
hat mich interessiert und ich denke, heute am 10. Mai ist es
statthaft, sozusagen stellvertretend für alle anderen verfemten
Schriftsteller, etwas mehr zu Heinrich Heine zu schreiben.
Viele Grüße
Klaus Bernstein
--------
[1] Galley, E.: Heinrich Heine. Kassel 1973, S. 160
[2] Hädecke, W.: Heinrich Heine. München 1985, S. 540
[3] Wulf, J.: Literatur u. Dichtung im Dritten Reich. Frankfurt 1983,
S. 468
[4] ebd., S. 469
[5] ebd., S. 467
[6] Füllner, B.: Heinrich Heine in deutschen Literaturgeschichten.
Frankfurt 1982
[7] Geständnisse. Hrsg.: W. Gössmann u.a., Düsseldorf 1972, S. 144f.
[8] ebd., S. 150
> In article
> <213e9ee8-c602-4713...@s50g2000hsb.googlegroups.com>,
> Klaus Bernstein <kbern...@netcologne.de> wrote:
>
>> Entschuldigung, daß es ein etwas langer Beitrag ist,
>
> Von wegen Entschuldigung. Vielen Dank dafür!
Dem Dank schließe ich mich gerne an, möchte aber noch drei
Anmerkungen machen:
1. Der Antisemitismus der Nazis ist die übersteigernde
Fortsetzung eines schon vorher verbreiteten Antisemitismus.
So gab es auch außerhalb Deutschlands und schon lange vor
1933 Schmähungen jüdischer Künstler und Gelehrter in
wirklichen oder sogenannten wissenschaftlichen Publikation.
Walter A. Berndsohn zitiert[1] den schwedischen Literatur-
wissenschaftler Fredrik Böök[2], der schon in "Tysklitteratur
mellan romantik och naturalismen", Stockholm 1931, das
gehässige Urteil der NS-Literaturgeschichtsschreibung über
Heine vorwegnimmt. Daß diese Richtung in Deutschland nach
1933 größeres Gewicht erhält, liegt auf der Hand.
2. Das Zeugnis der Eva Zeller habe ich noch nicht nachlesen
können. Aber ich kann die von Klaus B. zitierte Erinnerung an
Rheinfahrten und Loreley-Gesänge nur schlecht in der Vita der
Schriftstellerin[3] unterbringen. Als Beweis für die
Richtigkeit der Mär vom unbekannten Verfasser taugt das
jedenfalls nicht.
3. Wenn es die behauptete Zuweisung der "Loreley" an einen
"unbekannten Dichter" wirklich gegeben hätte, dann hätte sich
in den über 70 Jahren, seit das behauptet wird, wenigstens
*ein* Beleg finden lassen müssen, sei es eine Anthologie, ein
Schulbuch oder ein Vereins-Liederbuch, hektographierte Zettel
mit Texten zum Mitsingen für die 19jährige Eva Zeller auf den
Kaffeetafeln der Rhein-Ausflugsdampfer des Jahres 1944 (sic!)
mitgerechnet.
Daß man die nicht findet, ist kein Beweis dafür, daß es sie
nicht gegeben habe. Aber ich frage mich: Was wäre denn gewonnen,
wenn man so etwas tatsächlich noch fände? Daß die Nazis den
Harry Heine nicht mochten, weiß man doch auch so. Und daß es
Leute gibt, die weinselig die "Loreley" singen, obgleich ihnen
Heine ein ebenso unbekannter Dichter ist wie Eichendorff oder
Hölty, wissen wir doch auch. Warum also - und das ist nicht nur
rhetorisch gefragt - warum riskieren Leute ihre Reputation,
indem sie ohne Beleg und inzwischen gegen jede Wahrscheinlichkeit
immer dieselbe alte Geschichte immer noch einmal kolportieren?
Warum?
Meine Vermutung: Es muß etwas mit der "Lufthoheit über den
Stammtischen" zu tun haben. Da gelten Zeichen und Symbole mehr
als Gedanken und Tatsachen. Wer eine Taube ins Kirchenschiff
flattern läßt, muß nicht erklären können, was es mit der
Ausgießung des Geistes auf sich hat.
j/\a
--
[1] Walter A. Berendsohn, Der lebendige Heine im Germanischen
Norden. Det Schønbergske Forlag Kopenhagen 1935; S.119ff.
[2] u.a.: <http://de.wikipedia.org/wiki/Fredrik_Böök>
[3] u.a.: <http://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Zeller>
> Warum also - und das ist nicht nur
>rhetorisch gefragt - warum riskieren Leute ihre Reputation,
>indem sie ohne Beleg und inzwischen gegen jede Wahrscheinlichkeit
>immer dieselbe alte Geschichte immer noch einmal kolportieren?
>Warum?
> Meine Vermutung: Es muß etwas mit der "Lufthoheit über den
>Stammtischen" zu tun haben. Da gelten Zeichen und Symbole mehr
>als Gedanken und Tatsachen. Wer eine Taube ins Kirchenschiff
>flattern läßt, muß nicht erklären können, was es mit der
>Ausgießung des Geistes auf sich hat.
Steht denn Fritz Stern - und mit ihm begann dieser Thread ja - unter
dem Verdacht, die Lufthoheit über Stammtischen erringen zu wollen?
Oder liegt es nicht eher daran, dass auch renommierte Wissenschaftler
gelegentlich das nachplappern, was Ihnen passt?
(Gerade bei Stern sind mir auch sonst Ungenauigkeiten aufgefallen. Er
vermerkt, dass es ihn in seiner Arbeit über den Bismarck-Bankier
Bleichröder aufgefallen war, dass zu dessen Kunden auch Cosima Wagner
gehört habe. Es habe ihn, Stern, sehr amüsiert, dass die ausgeprägte
Antisemitin Wagner mit einem jüdischen Bankier Geschäfte gemacht habe.
Stern hätte aber wissen können, dass Cosima Wagner ihre Ideologie
niemals zwischen sich und ihre Geschäfte gestellt hat; sie hat auch
lange Jahre mit dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi
zusammengearbeitet. Sie hat ihn wohl nur wie den letzten Dreck
behandelt.)
> Steht denn Fritz Stern - und mit ihm begann dieser Thread
> ja - unter dem Verdacht, die Lufthoheit über Stammtischen
> erringen zu wollen? Oder liegt es nicht eher daran, dass
> auch renommierte Wissenschaftler gelegentlich das
> nachplappern, was Ihnen passt?
Natürlich liegt es genau daran. Aber was verführt ihn dazu?
Ein Wissenschaftler sollte bei allem, was er ex cathedra
vorträgt, unterscheiden zwischen:
1. Etwas ist evident oder so allgemeinbekannt erwiesen, daß
man es nicht jedesmal von neuem beweisen muß. Ergo:
Ich darf es ohne Beleg vortragen.
2. Etwas ist neu oder nicht evident oder in Fachkreisen noch
nicht allgemein bekannt und muß also jetzt und hier belegt
bzw. bewiesen werden. Ergo: Ich darf es vortragen, muß
aber den Beleg mitliefern.
3. Etwas ist in Fachkreisen umstritten und nicht ausreichend
belegt. Dann gilt dasselbe wie unter 2: Ich muß es belegen
oder die Finger davon lassen.
Welcher Fall jeweils vorliegt, muß ein Mann vom Fach wissen.
Wenn er das nicht weiß, ist er nicht entschuldigt, sondern
blamiert! Bei Stern (s.o., ich hab's nicht gelesen) scheint
das dann wohl der Fall zu sein.
j/\a
--
> 3. Wenn es die behauptete Zuweisung der "Loreley" an einen
> "unbekannten Dichter" wirklich gegeben hätte, dann hätte sich
> in den über 70 Jahren, seit das behauptet wird, wenigstens
> *ein* Beleg finden lassen müssen, sei es eine Anthologie, ein
> Schulbuch oder ein Vereins-Liederbuch, hektographierte Zettel
> mit Texten zum Mitsingen für die 19jährige Eva Zeller auf den
> Kaffeetafeln der Rhein-Ausflugsdampfer des Jahres 1944 (sic!)
> mitgerechnet.
> Daß man die nicht findet, ist kein Beweis dafür, daß es sie
> nicht gegeben habe.
Ich gebe dir da recht. Es ist schon merkwürdig, daß es solch einen
Beleg noch nicht gegeben hat. Als die Frage gestellt wurde, war ich
mir ziemlich sicher, eine gute Literaturgeschichte oder Heine-
Biographie aufschlagen zu können und dort ein Faksimile einer solchen
Lesebuchseite zu sehen. Vielleicht ist es so (und ich begebe mich da
jetzt absichtlich auf sehr dünnes aus), daß die Behauptung von Adorno
solche Überzeugungskraft entfaltet hat, daß niemand intensiv genug
nach solch einem Beleg gesucht hat.
> Warum also - und das ist nicht nur
> rhetorisch gefragt - warum riskieren Leute ihre Reputation,
> indem sie ohne Beleg und inzwischen gegen jede Wahrscheinlichkeit
> immer dieselbe alte Geschichte immer noch einmal kolportieren?
> Warum?
"Gegen jede Wahrscheinlichkeit" würde ich nun auch nicht so einfach
sagen. Die Behauptung klingt so wahrscheinlich, daß es mich nicht
wundert, wenn man gerne daran glaubt. Erst wenn man sie hinterfragt
und nach Belegen und Beweisen forscht, wird sie plötzlich immer
unwahrscheinlicher.
Mich bewegt da eher die Frage, wieso Adorno die Wendung "diese haben
ihn beinahe zu Ehren gebracht, als sie unter die Loreley jenes berühmt
gewordene
»Dichter unbekannt« setzten," gebraucht. Er schreibt nicht etwa, "bei
Berendsohn habe ich gelesen", oder ähnliches, sondern "jenes berühmt
gewordene
»Dichter unbekannt«". Wenn er seine Worte mit Bedacht gewählt hat -
und das möchte ich bei Adorno voraussetzen - heisst das ja, das dieses
»Dichter unbekannt« schon mindestens zur Abfassungszeit des Aufsatzes
"bekannt" bzw. "berühmt" war. Aber woher? Von einem schmalen Bändchen,
das 1935 in Kopenhagen erschienen ist und, soweit ich es sehe, auch
nie mehr nachgedruckt wurde?
Außerdem, die Reputation riskiert wahrscheinlich jetzt kaum jemand,
der solches behauptet. Ist doch diese Behauptung so zum Allgemeingut
geworden, daß fast jeder beiläufig nickt, wenn er das hört und nicht
glaubt, er müsse das noch nachprüfen. Die Gefahr des
Reputationsverlustes war da 1956 bei Adorno schon grösser, weil noch
genug Leser vorhanden waren, die sich an ihre nationalsozialistische
Schullektüre erinnern und Einspruch erheben konnten: "In meinem
Lesebuch stand aber Heine als Verfasser drunter..."
Viele Grüße
Klaus Bernstein
> Um den Namen Heines zu umgehen, sei es unter "Autor unbekannt"
> geführt worden. Lässt sich dies belegen?
Neugierig geworden, hab ich die nachgelassenen Liederbücher meines
Vaters nach einem Beleg durchstöbert.
In dem einen aus der fraglichen Zeit, welches noch da war (KdF), ist
kein Heine und keine Loreley zu finden.
Allerdings hab ich amüsiert festgestellt, daß den damaligen Zensoren (?)
doch der eine oder andere subversive Vers durchgegangen ist: in dem
abgedruckten Geusenlied kommen die Zeilen
>>Ihr bebt mit Recht ob Sklavenschande,
>>bei Gott wird dieser Boden rein,
>>und müßten alle Niederlande
>>von Meeresflut verschlungen sein.
>>Durchstecht den Deich,
>>reißt auf die Schleusen,
>>ersäuft die fremde Tyrannei.
>>Es naht das Meer, es nahn die Geusen.
>>Das Land wird Meer,
>>doch es wird frei.
Ich nehm nicht an, daß die Geusen mit Deutschen gleichzusetzen sind,
oder doch?
Der Text war allerdings auch ohne Autorennennung abgedruckt. Ich
vermeine aber, daß er aus dem neunzehnten Jahrhundert (?) von einem
Walter Dahn (Der Goten Kampf um Rom[?]) ist.
Frohes Schaffen
Scharlih
--
Von hier aus:
Trinkt 's Bier aus!
www.boml-werk.de
www.krefeldwiki.de
>Allerdings hab ich amüsiert festgestellt, daß den damaligen Zensoren (?)
>doch der eine oder andere subversive Vers durchgegangen ist: in dem
>abgedruckten Geusenlied kommen die Zeilen
>>>Ihr bebt mit Recht ob Sklavenschande,
>>>bei Gott wird dieser Boden rein,
>>>und müßten alle Niederlande
>>>von Meeresflut verschlungen sein.
>>>Durchstecht den Deich,
>>>reißt auf die Schleusen,
>>>ersäuft die fremde Tyrannei.
>>>Es naht das Meer, es nahn die Geusen.
>>>Das Land wird Meer,
>>>doch es wird frei.
>Ich nehm nicht an, daß die Geusen mit Deutschen gleichzusetzen sind,
>oder doch?
Die Geusen sind die holländischen Freiheitskämpfer - aber was sollten
die Zensoren da übersehen haben? Ersoffne Erde statt verbrannte Erde,
warum nicht?
Da sich Adorno auf Karl Kraus beruft ein ganz vager Hinweis auf
die "Dritte Walpurgisnacht" (S. 54):
Dem Mägdelein werden die Zöpfchen noch wachsen, die Lorelei
wird ihr goldenes Haar kämmen, und man wird keines drin finden,
das von Heine ist, ....
Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang.
TH
> Mich bewegt da eher die Frage, wieso Adorno die Wendung
> "diese haben ihn beinahe zu Ehren gebracht, als sie unter
> die Loreley jenes berühmt gewordene »Dichter unbekannt«
> setzten," gebraucht. Er schreibt nicht etwa, "bei Berendsohn
> habe ich gelesen", oder ähnliches, sondern "jenes berühmt
> gewordene »Dichter unbekannt«". Wenn er seine Worte mit
> Bedacht gewählt hat - und das möchte ich bei Adorno
> voraussetzen - heisst das ja, das dieses »Dichter unbekannt«
> schon mindestens zur Abfassungszeit des Aufsatzes "bekannt"
> bzw. "berühmt" war. Aber woher? Von einem schmalen Bändchen,
> das 1935 in Kopenhagen erschienen ist und, soweit ich es sehe,
> auch nie mehr nachgedruckt wurde?
Bei allen Erwägungen - und mehr kann ja dieser Austausch nicht
sein - sollten wir berücksichtigen, daß Berendsohn, Adorno und
andere emigrierte Wissenschaftler in Doppelrollen waren: Sie
waren Emigranten, und sie waren Wissenschaftler. Wenn viele
ihrer Äußerungen in der Emigration und kurz nach der Rückkehr
mehr durch ihre Vertreibung als durch kühlen Wissenschaftsgeist
geprägt waren, ist begreiflich, muß dann aber auch relativierend
in Rechnung gestellt werden. Zu diesem Fall habe ich an anderer
Stelle schon spekuliert, es könnte ein verbreiteter Emigrantenwitz
gewesen sein: »Den Heine können die Nazis verbieten, aber was
woll'n se machen gegen die "Loreley"? - Nu, se kennt'n "Verfasser
unbekannt" drunterschreiben.« Einmal erfunden, macht ein so guter
Witz sich selbständig und landet, gerade weil Sarkasmus und
Wahrscheinlichkeit hier so nahe beieinander sind, am Ende gar in
einer wissenschaftlichen Abhandlung. - So könnt's gewesen sein,
und das wär ja nicht das Schlechteste.
Viele von denen, die das Märchen noch immer für wahr halten, mögen
es einfach nicht besser wissen. Mit denen will ich gerne Nachsicht
haben, sie sollten nur nicht gerade Historiker oder Literatur-
wissenschaftler sein. Doch wer sich heute als Zeuge für die
Wahrheit ausgibt, aber neben seinem Wort nicht Handfestes vorweisen
kann, der ist mir als eine Art geistiger Spesenritter suspekt.
j/\a
--
> Fritz Stern schreibt in seinen Memoiren, Heines Loreley-Gedicht
> sei so populär gewesen, dass es im dritten Reich nicht
> unterdrückt werden konnte. Um den Namen Heines zu umgehen, sei
> es unter "Autor unbekannt" geführt worden. Lässt sich dies
> belegen?
Die Erinnerungen eines Menschen, Jahrgang 1927, der damals die
Schule besuchte, ist wohl kein Beleg, aber vielleicht interessiert
das folgende Zitat trotzdem:
| I have mentioned previously that anti-Semitism did not exist in
| our family. It was a taboo subject. In our classes in school
| there was virtually no anti-Semitic emphasis in any subject. To
| be sure, there were omissions: in the songbook we used in our
| music classes, Heinrich Heine's "Die Lorelei" appeared with the
| notation /Verfasser unbekannt/, "lyrics author unknown," and our
| music teacher did not have the courage to correct this.
|
(Willy Schumann, "Being Present: Growing Up in Hitler's Germany",
The Kent State University Press", 1991, p. 29-30.)
Die Sache mit "Autor unbekannt", ob Tatsache oder Gerücht, war
jedenfalls soweit verbreitet, daß es 1942 in einem amerikanischen
Hörspiel vorgekommen ist:
| NAZI VOICE: New editions of the works of the Jew, Heinrich
| Heine, are not desirable. In all textbooks and anthologies where
| the words of the song "The Lorelei" appear, the name of the Jew,
| Heine, shall be omitted and the author given as "Author
| Unknown."
|
| HEINE [/mocking/]: Author well-known - since 1828. Author
| unknown - since 1933.
|
(Stephen Vincent Benét (1898-1943), "They Burned the Books"
(ausgestrahlt am 11. Mai 1942 auf NBC), in "'We Stand United' and
Other Radio Scripts", Chauhau Press, 2007 (?), S. 103.)
--
Steve
My e-mail address works as is.
> | I have mentioned previously that anti-Semitism did not exist in
> | our family. It was a taboo subject.
Der Willy Schumann hätte sich bei der Niederschrift entscheiden sollen:
Entweder "gab's nicht" oder "ein Tabu". Beides paßßt irgendwie nicht.
j/\a
--
> Entschuldigung, daß es ein etwas langer Beitrag ist,
Na, hier ist doch nicht diese sehr bekannte auflagenstarke Tageszeitung.
> aber das Thema
> hat mich interessiert und ich denke, heute am 10. Mai ist es
> statthaft, sozusagen stellvertretend für alle anderen verfemten
> Schriftsteller, etwas mehr zu Heinrich Heine zu schreiben.
Ich habe am Freitag an einer Veranstaltung zu dem Thema im
Willy-Brandt-Haus teilgenommen. Hauptreferent war ein Historiker namens
Werner Treß, Mitherausgeber eines umfänglichen Bandes "Orte der
Bücherverbrennungen in Deutschland 1933", von dem interessante Details
zu erfahren waren. So dass auf dem Opernplatz in Berlin, entgegen auch
jetzt wiederholten Behauptungen, ob zufällig oder nicht, keine Bücher
von Heine verbrannt wurden –- jedenfalls nicht "deklariert" -- anderswo
dafür ein Exemplar des Decamerone von Boccaccio, als Pornographie. Aber
auch, dass nicht, wie derzeit ebenfalls noch behauptet, Goebbels diese
Aktionen angestiftet hatte. Die Regierung verhielt sich sogar
verhältnismäßig zurückhaltend, trotz Goebbels' Einsatz auf dem
Opernplatz, weshalb die Vorgänge auch längst nicht so medial
dokumentiert und präsentiert wurden, wie es möglich gewesen wäre. Das
lag wohl daran, dass ihnen, gerade drei Monate an der Macht, die zu
erwartende überwiegend schlechte Presse im Ausland doch noch nicht ganz
egal war. Treibende Kraft waren hingegen durchaus der "Kampfbund für
deutsche Kultur" und die (nicht nur NS-)Studentenschaft, vielfach
unterstützt von ihren Lehrkörpern. In Göttingen tat sich der damalige
Privatdozent Gerhard Fricke als Brandredner hervor, mit dem einer der
Vortragenden in den 60er Jahren in Köln zu tun hatte und dort
miterlebte, wie Fricke sich genötigt sah, dazu Stellung zu beziehen. Die
von ihm 1965 gehaltene Rede habe ich bei Google-Groups in einem Band
/Deutsche Literaturwissenschaft 1945-1965/ (hg. Petra Boden u. Rainer
Rosenberg) gefunden. Im wesentlichen weist er darin darauf hin, dass
sich hinterher eben alles anders ausnimmt, und dass er sein
Parteiabzeichen schon seit 1938 nicht mehr getragen hatte, gibt aber
auch einen Einblick in seine Beweggründe:
"Ich war /nicht grundsätzlich/ dagegen, daß die studentische Jugend in
Göttingen durch einen solchen, wie ich meinte symbolischen Akt, ihre
Abkehr von literarischen und politischen Tendenzen bekunden wollte, die
damals auch mir höchst unerfreulich und verderblich erschienen. [...]
Mir schien ein /Buch/ als /solches/, nur weil es ein bedrucktes Papier
ist, nichts an sich Unantastbares zu besitzen, –- wie denn in Rede und
Schrift jederzeit höchst Verwerfliches und höchst Würdiges nebeneinander
gehen. Mir stand vor Augen, wie in dem gleichen Göttingen studentische
Mitglieder des Hainbundes einst ihrer Entrüstung über die
erotisch-lüsterne Reiz-Virtuosität Wielands durch feierliche Verbrennung
seiner Schriften Ausdruck gaben, wobei die Klopstock-Verehrer Hölty,
Stolberg usw. gewiß nicht von mörderischen und barbarischen Instinkten
angetrieben wurden, oder wie Goethe im Zorn gegen die ihm in Jacobis
Roman 'Allwill' zuteilgewordenen Mißdeutung das Buch an einen Baum
genagelt hatte oder auch wie die Burschenschaft auf der Wartburg 1817
unter den Farben Schwarz-Rot-Gold die antifreiheitlichen und
antieinheitlichen Schriften der absolutistischen und partikularistischen
Reaktionen verbrannt hatte."
Im gleichen Göttingen hatte auch Lichtenberg vorgeschlagen, zwar nicht
öffentlich, aber in seinem Notizheft, "in einem kalten Winter Bücher zu
brennen". Allerdings hätte er sich dazu wohl keine Werke von Wieland
ausgesucht, sondern eher Erzeugnisse der "Oden schnaubenden Muse"
mancher Stürmer und Dränger.
Jedenfalls wurde Fricke im Jahr darauf mit einer Professur an der
strammen Nazi-Uni in Kiel belohnt. 1941 ward er, trotz nicht mehr
getragenem Parteiabzeichen, an das neugegründete Bollwerk der
Reichsuniversität Straßburg berufen. Nachdem die umständehalber
geschlossen wurde, erlitt er einen Karriereknick, da die französische
Verwaltung immerhin etwas darauf achtete, dass in Tübingen, wo er es
versuchte, die alten Kameraden nicht ganz so bruchlos weitermachen
konnten. Von einem ehemaligen Schüler nach Istanbul vermittelt, fühlte
er sich dort jedoch recht wohl, vielleicht auch, weil anscheinend keiner
etwas gegen die Empfindsamkeit auf dem Katheder, die er seinen wehrlosen
Hörern zumutete, einzuwenden hatte:
"In der Schilderung einer türkischen Studentin wird dies sehr
eindrücklich beschrieben: 'Wenn er über Kleist sprach, liefen ihm die
Tränen herunter, bei Hölderlin auch, beim jungen Goethe auch, und in der
Vorlesung ist es sehr oft vorgekommen, daß seine Augen ganz tränenblind
waren. [...] Nie hätte er bei einem fremden Text geweint. Wenn er über
Ibsen sprach, war er sehr genau und sachlich.'"
Daher hatte sich diese professorale Heulsuse, als sie dann in Mannheim
und schließlich in Köln wohlbestallt weiterschluchzen durfte,
ausdrücklich ausbedungen, in Istanbul noch häufige Gastvorlesungen zu
halten.
MfG
CH
Wieso das? Wenn ein Thema stark tabuisiert ist, bedeutet das doch, dass
man nicht darüber spricht. Und so verstehe ich das: Antisemitismus gab
es nicht, insofern, dass keienr darüber sprach, nicht dass die Familie
sich explizit dagegen ausgesprochen hätte.
Gruß,
Ralf
Viele Grüße
Klaus Bernstein
> Weiland, am Sonntagabend des 4. Mai 2008, schrieb Jakob Achterndiek:
>
>> In der 1939er Auflage von Nadlers Literaturgeschichte nach Stämmen
>> und Landschaften steht [..]
>>
> Ich habe gerade die Ausgabe von 1928 vor mir liegen. [..]
> Nadler hat den Text sprachlich leicht überarbeitet. Inhaltlich hat er
> nichts verschärft oder abgemildert. Man kann also sagen, daß er kein
> Opportunist war, sondern schon vor '33 ins antisemitsche Horn geblasen
> hat. Was auf den Seiten zuvor über Heine steht, ist nicht weniger
> harmlos.
Herzlichen Dank für die Auskunft und den Vergleich der Ausgaben.
Das Ergebnis hilft mir auch jetzt nach fast anderthalb Jahren noch
beim Vergleich und bei der Einordnung zweier anderer, ähnlich
orientierter Fälle von Gesinnungskonstanz. Einer davon ist Hans
Egon Holthusen, der zu Zeiten meines Studiums eine Rolle spielte
(wir nannten ihn Egon Maria Goldbusen) und dessen Verriß von Thomas
Manns "Doktor Faustus" ich jetzt noch einmal (und mit Grausen)
gelesen habe.
Dank also und Gruß!
j/\a
--