Am 11.05.2008, 13:41 Uhr, schrieb Gerald Fix <gerald....@t-online.de>:
> Steht denn Fritz Stern - und mit ihm begann dieser Thread > ja - unter dem Verdacht, die Lufthoheit über Stammtischen > erringen zu wollen? Oder liegt es nicht eher daran, dass > auch renommierte Wissenschaftler gelegentlich das > nachplappern, was Ihnen passt?
Natürlich liegt es genau daran. Aber was verführt ihn dazu? Ein Wissenschaftler sollte bei allem, was er ex cathedra vorträgt, unterscheiden zwischen: 1. Etwas ist evident oder so allgemeinbekannt erwiesen, daß man es nicht jedesmal von neuem beweisen muß. Ergo: Ich darf es ohne Beleg vortragen. 2. Etwas ist neu oder nicht evident oder in Fachkreisen noch nicht allgemein bekannt und muß also jetzt und hier belegt bzw. bewiesen werden. Ergo: Ich darf es vortragen, muß aber den Beleg mitliefern. 3. Etwas ist in Fachkreisen umstritten und nicht ausreichend belegt. Dann gilt dasselbe wie unter 2: Ich muß es belegen oder die Finger davon lassen.
Welcher Fall jeweils vorliegt, muß ein Mann vom Fach wissen. Wenn er das nicht weiß, ist er nicht entschuldigt, sondern blamiert! Bei Stern (s.o., ich hab's nicht gelesen) scheint das dann wohl der Fall zu sein.
On 11 Mai, 12:32, "Jakob Achterndiek" <achternd...@buzemann.net> wrote:
> 2. Das Zeugnis der Eva Zeller habe ich noch nicht nachlesen > können. Aber ich kann die von Klaus B. zitierte Erinnerung an > Rheinfahrten und Loreley-Gesänge nur schlecht in der Vita der > Schriftstellerin[3] unterbringen. Als Beweis für die > Richtigkeit der Mär vom unbekannten Verfasser taugt das > jedenfalls nicht.
Naja, als "Beweis" habe ich das auch nicht angesehen, sondern eher als interessante Variante zur sonst stereotyp vorgebrachten Behauptung vom unbekannten Verfasser. Es erschien mir einfach möglich, daß in manchen Liederbüchern die Loreley abgedruckt wurde, ohne daß der Verfasser genannt wurde. So in der Art, wie in manchen Büchern einfach der Originaltitel nicht angeführt wird. Ob das nun zur Vita von E. Zeller passt oder nicht, kann ich nicht so recht beurteilen. Aber warum Du sie erst mit 19 Jahren einen Ausflug auf einem Rheindampfer machen lässt, leuchtet mir auch nicht so recht ein. Allerdings ist es für unsere Frage nicht von großer Bedeutung.
> 3. Wenn es die behauptete Zuweisung der "Loreley" an einen > "unbekannten Dichter" wirklich gegeben hätte, dann hätte sich > in den über 70 Jahren, seit das behauptet wird, wenigstens > *ein* Beleg finden lassen müssen, sei es eine Anthologie, ein > Schulbuch oder ein Vereins-Liederbuch, hektographierte Zettel > mit Texten zum Mitsingen für die 19jährige Eva Zeller auf den > Kaffeetafeln der Rhein-Ausflugsdampfer des Jahres 1944 (sic!) > mitgerechnet. > Daß man die nicht findet, ist kein Beweis dafür, daß es sie > nicht gegeben habe.
Ich gebe dir da recht. Es ist schon merkwürdig, daß es solch einen Beleg noch nicht gegeben hat. Als die Frage gestellt wurde, war ich mir ziemlich sicher, eine gute Literaturgeschichte oder Heine- Biographie aufschlagen zu können und dort ein Faksimile einer solchen Lesebuchseite zu sehen. Vielleicht ist es so (und ich begebe mich da jetzt absichtlich auf sehr dünnes aus), daß die Behauptung von Adorno solche Überzeugungskraft entfaltet hat, daß niemand intensiv genug nach solch einem Beleg gesucht hat.
> Warum also - und das ist nicht nur > rhetorisch gefragt - warum riskieren Leute ihre Reputation, > indem sie ohne Beleg und inzwischen gegen jede Wahrscheinlichkeit > immer dieselbe alte Geschichte immer noch einmal kolportieren? > Warum?
"Gegen jede Wahrscheinlichkeit" würde ich nun auch nicht so einfach sagen. Die Behauptung klingt so wahrscheinlich, daß es mich nicht wundert, wenn man gerne daran glaubt. Erst wenn man sie hinterfragt und nach Belegen und Beweisen forscht, wird sie plötzlich immer unwahrscheinlicher. Mich bewegt da eher die Frage, wieso Adorno die Wendung "diese haben ihn beinahe zu Ehren gebracht, als sie unter die Loreley jenes berühmt gewordene »Dichter unbekannt« setzten," gebraucht. Er schreibt nicht etwa, "bei Berendsohn habe ich gelesen", oder ähnliches, sondern "jenes berühmt gewordene »Dichter unbekannt«". Wenn er seine Worte mit Bedacht gewählt hat - und das möchte ich bei Adorno voraussetzen - heisst das ja, das dieses »Dichter unbekannt« schon mindestens zur Abfassungszeit des Aufsatzes "bekannt" bzw. "berühmt" war. Aber woher? Von einem schmalen Bändchen, das 1935 in Kopenhagen erschienen ist und, soweit ich es sehe, auch nie mehr nachgedruckt wurde? Außerdem, die Reputation riskiert wahrscheinlich jetzt kaum jemand, der solches behauptet. Ist doch diese Behauptung so zum Allgemeingut geworden, daß fast jeder beiläufig nickt, wenn er das hört und nicht glaubt, er müsse das noch nachprüfen. Die Gefahr des Reputationsverlustes war da 1956 bei Adorno schon grösser, weil noch genug Leser vorhanden waren, die sich an ihre nationalsozialistische Schullektüre erinnern und Einspruch erheben konnten: "In meinem Lesebuch stand aber Heine als Verfasser drunter..."
Gerald Fix <gerald....@t-online.de> wrote: > Um den Namen Heines zu umgehen, sei es unter "Autor unbekannt" > geführt worden. Lässt sich dies belegen?
Neugierig geworden, hab ich die nachgelassenen Liederbücher meines Vaters nach einem Beleg durchstöbert. In dem einen aus der fraglichen Zeit, welches noch da war (KdF), ist kein Heine und keine Loreley zu finden. Allerdings hab ich amüsiert festgestellt, daß den damaligen Zensoren (?) doch der eine oder andere subversive Vers durchgegangen ist: in dem abgedruckten Geusenlied kommen die Zeilen
>>Ihr bebt mit Recht ob Sklavenschande, >>bei Gott wird dieser Boden rein, >>und müßten alle Niederlande >>von Meeresflut verschlungen sein. >>Durchstecht den Deich, >>reißt auf die Schleusen, >>ersäuft die fremde Tyrannei. >>Es naht das Meer, es nahn die Geusen. >>Das Land wird Meer, >>doch es wird frei.
Ich nehm nicht an, daß die Geusen mit Deutschen gleichzusetzen sind, oder doch? Der Text war allerdings auch ohne Autorennennung abgedruckt. Ich vermeine aber, daß er aus dem neunzehnten Jahrhundert (?) von einem Walter Dahn (Der Goten Kampf um Rom[?]) ist.
Bongartz) wrote: >Allerdings hab ich amüsiert festgestellt, daß den damaligen Zensoren (?) >doch der eine oder andere subversive Vers durchgegangen ist: in dem >abgedruckten Geusenlied kommen die Zeilen >>>Ihr bebt mit Recht ob Sklavenschande, >>>bei Gott wird dieser Boden rein, >>>und müßten alle Niederlande >>>von Meeresflut verschlungen sein. >>>Durchstecht den Deich, >>>reißt auf die Schleusen, >>>ersäuft die fremde Tyrannei. >>>Es naht das Meer, es nahn die Geusen. >>>Das Land wird Meer, >>>doch es wird frei. >Ich nehm nicht an, daß die Geusen mit Deutschen gleichzusetzen sind, >oder doch?
Die Geusen sind die holländischen Freiheitskämpfer - aber was sollten die Zensoren da übersehen haben? Ersoffne Erde statt verbrannte Erde, warum nicht?
Am 11.05.2008, 16:07 Uhr, schrieb Klaus Bernstein <kbernst...@netcologne.de>:
> Mich bewegt da eher die Frage, wieso Adorno die Wendung > "diese haben ihn beinahe zu Ehren gebracht, als sie unter > die Loreley jenes berühmt gewordene »Dichter unbekannt« > setzten," gebraucht. Er schreibt nicht etwa, "bei Berendsohn > habe ich gelesen", oder ähnliches, sondern "jenes berühmt > gewordene »Dichter unbekannt«". Wenn er seine Worte mit > Bedacht gewählt hat - und das möchte ich bei Adorno > voraussetzen - heisst das ja, das dieses »Dichter unbekannt« > schon mindestens zur Abfassungszeit des Aufsatzes "bekannt" > bzw. "berühmt" war. Aber woher? Von einem schmalen Bändchen, > das 1935 in Kopenhagen erschienen ist und, soweit ich es sehe, > auch nie mehr nachgedruckt wurde?
Bei allen Erwägungen - und mehr kann ja dieser Austausch nicht sein - sollten wir berücksichtigen, daß Berendsohn, Adorno und andere emigrierte Wissenschaftler in Doppelrollen waren: Sie waren Emigranten, und sie waren Wissenschaftler. Wenn viele ihrer Äußerungen in der Emigration und kurz nach der Rückkehr mehr durch ihre Vertreibung als durch kühlen Wissenschaftsgeist geprägt waren, ist begreiflich, muß dann aber auch relativierend in Rechnung gestellt werden. Zu diesem Fall habe ich an anderer Stelle schon spekuliert, es könnte ein verbreiteter Emigrantenwitz gewesen sein: »Den Heine können die Nazis verbieten, aber was woll'n se machen gegen die "Loreley"? - Nu, se kennt'n "Verfasser unbekannt" drunterschreiben.« Einmal erfunden, macht ein so guter Witz sich selbständig und landet, gerade weil Sarkasmus und Wahrscheinlichkeit hier so nahe beieinander sind, am Ende gar in einer wissenschaftlichen Abhandlung. - So könnt's gewesen sein, und das wär ja nicht das Schlechteste.
Viele von denen, die das Märchen noch immer für wahr halten, mögen es einfach nicht besser wissen. Mit denen will ich gerne Nachsicht haben, sie sollten nur nicht gerade Historiker oder Literatur- wissenschaftler sein. Doch wer sich heute als Zeuge für die Wahrheit ausgibt, aber neben seinem Wort nicht Handfestes vorweisen kann, der ist mir als eine Art geistiger Spesenritter suspekt.
Gerald Fix <gerald....@t-online.de> wrote: > Fritz Stern schreibt in seinen Memoiren, Heines Loreley-Gedicht > sei so populär gewesen, dass es im dritten Reich nicht > unterdrückt werden konnte. Um den Namen Heines zu umgehen, sei > es unter "Autor unbekannt" geführt worden. Lässt sich dies > belegen?
Die Erinnerungen eines Menschen, Jahrgang 1927, der damals die Schule besuchte, ist wohl kein Beleg, aber vielleicht interessiert das folgende Zitat trotzdem:
| I have mentioned previously that anti-Semitism did not exist in | our family. It was a taboo subject. In our classes in school | there was virtually no anti-Semitic emphasis in any subject. To | be sure, there were omissions: in the songbook we used in our | music classes, Heinrich Heine's "Die Lorelei" appeared with the | notation /Verfasser unbekannt/, "lyrics author unknown," and our | music teacher did not have the courage to correct this. | (Willy Schumann, "Being Present: Growing Up in Hitler's Germany", The Kent State University Press", 1991, p. 29-30.)
Die Sache mit "Autor unbekannt", ob Tatsache oder Gerücht, war jedenfalls soweit verbreitet, daß es 1942 in einem amerikanischen Hörspiel vorgekommen ist:
| NAZI VOICE: New editions of the works of the Jew, Heinrich | Heine, are not desirable. In all textbooks and anthologies where | the words of the song "The Lorelei" appear, the name of the Jew, | Heine, shall be omitted and the author given as "Author | Unknown." | | HEINE [/mocking/]: Author well-known - since 1828. Author | unknown - since 1933. | (Stephen Vincent Benét (1898-1943), "They Burned the Books" (ausgestrahlt am 11. Mai 1942 auf NBC), in "'We Stand United' and Other Radio Scripts", Chauhau Press, 2007 (?), S. 103.)
> Entschuldigung, daß es ein etwas langer Beitrag ist,
Na, hier ist doch nicht diese sehr bekannte auflagenstarke Tageszeitung.
> aber das Thema > hat mich interessiert und ich denke, heute am 10. Mai ist es > statthaft, sozusagen stellvertretend für alle anderen verfemten > Schriftsteller, etwas mehr zu Heinrich Heine zu schreiben.
Ich habe am Freitag an einer Veranstaltung zu dem Thema im Willy-Brandt-Haus teilgenommen. Hauptreferent war ein Historiker namens Werner Treß, Mitherausgeber eines umfänglichen Bandes "Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933", von dem interessante Details zu erfahren waren. So dass auf dem Opernplatz in Berlin, entgegen auch jetzt wiederholten Behauptungen, ob zufällig oder nicht, keine Bücher von Heine verbrannt wurden –- jedenfalls nicht "deklariert" -- anderswo dafür ein Exemplar des Decamerone von Boccaccio, als Pornographie. Aber auch, dass nicht, wie derzeit ebenfalls noch behauptet, Goebbels diese Aktionen angestiftet hatte. Die Regierung verhielt sich sogar verhältnismäßig zurückhaltend, trotz Goebbels' Einsatz auf dem Opernplatz, weshalb die Vorgänge auch längst nicht so medial dokumentiert und präsentiert wurden, wie es möglich gewesen wäre. Das lag wohl daran, dass ihnen, gerade drei Monate an der Macht, die zu erwartende überwiegend schlechte Presse im Ausland doch noch nicht ganz egal war. Treibende Kraft waren hingegen durchaus der "Kampfbund für deutsche Kultur" und die (nicht nur NS-)Studentenschaft, vielfach unterstützt von ihren Lehrkörpern. In Göttingen tat sich der damalige Privatdozent Gerhard Fricke als Brandredner hervor, mit dem einer der Vortragenden in den 60er Jahren in Köln zu tun hatte und dort miterlebte, wie Fricke sich genötigt sah, dazu Stellung zu beziehen. Die von ihm 1965 gehaltene Rede habe ich bei Google-Groups in einem Band /Deutsche Literaturwissenschaft 1945-1965/ (hg. Petra Boden u. Rainer Rosenberg) gefunden. Im wesentlichen weist er darin darauf hin, dass sich hinterher eben alles anders ausnimmt, und dass er sein Parteiabzeichen schon seit 1938 nicht mehr getragen hatte, gibt aber auch einen Einblick in seine Beweggründe:
"Ich war /nicht grundsätzlich/ dagegen, daß die studentische Jugend in Göttingen durch einen solchen, wie ich meinte symbolischen Akt, ihre Abkehr von literarischen und politischen Tendenzen bekunden wollte, die damals auch mir höchst unerfreulich und verderblich erschienen. [...] Mir schien ein /Buch/ als /solches/, nur weil es ein bedrucktes Papier ist, nichts an sich Unantastbares zu besitzen, –- wie denn in Rede und Schrift jederzeit höchst Verwerfliches und höchst Würdiges nebeneinander gehen. Mir stand vor Augen, wie in dem gleichen Göttingen studentische Mitglieder des Hainbundes einst ihrer Entrüstung über die erotisch-lüsterne Reiz-Virtuosität Wielands durch feierliche Verbrennung seiner Schriften Ausdruck gaben, wobei die Klopstock-Verehrer Hölty, Stolberg usw. gewiß nicht von mörderischen und barbarischen Instinkten angetrieben wurden, oder wie Goethe im Zorn gegen die ihm in Jacobis Roman 'Allwill' zuteilgewordenen Mißdeutung das Buch an einen Baum genagelt hatte oder auch wie die Burschenschaft auf der Wartburg 1817 unter den Farben Schwarz-Rot-Gold die antifreiheitlichen und antieinheitlichen Schriften der absolutistischen und partikularistischen Reaktionen verbrannt hatte."
Im gleichen Göttingen hatte auch Lichtenberg vorgeschlagen, zwar nicht öffentlich, aber in seinem Notizheft, "in einem kalten Winter Bücher zu brennen". Allerdings hätte er sich dazu wohl keine Werke von Wieland ausgesucht, sondern eher Erzeugnisse der "Oden schnaubenden Muse" mancher Stürmer und Dränger.
Jedenfalls wurde Fricke im Jahr darauf mit einer Professur an der strammen Nazi-Uni in Kiel belohnt. 1941 ward er, trotz nicht mehr getragenem Parteiabzeichen, an das neugegründete Bollwerk der Reichsuniversität Straßburg berufen. Nachdem die umständehalber geschlossen wurde, erlitt er einen Karriereknick, da die französische Verwaltung immerhin etwas darauf achtete, dass in Tübingen, wo er es versuchte, die alten Kameraden nicht ganz so bruchlos weitermachen konnten. Von einem ehemaligen Schüler nach Istanbul vermittelt, fühlte er sich dort jedoch recht wohl, vielleicht auch, weil anscheinend keiner etwas gegen die Empfindsamkeit auf dem Katheder, die er seinen wehrlosen Hörern zumutete, einzuwenden hatte:
"In der Schilderung einer türkischen Studentin wird dies sehr eindrücklich beschrieben: 'Wenn er über Kleist sprach, liefen ihm die Tränen herunter, bei Hölderlin auch, beim jungen Goethe auch, und in der Vorlesung ist es sehr oft vorgekommen, daß seine Augen ganz tränenblind waren. [...] Nie hätte er bei einem fremden Text geweint. Wenn er über Ibsen sprach, war er sehr genau und sachlich.'"
Daher hatte sich diese professorale Heulsuse, als sie dann in Mannheim und schließlich in Köln wohlbestallt weiterschluchzen durfte, ausdrücklich ausbedungen, in Istanbul noch häufige Gastvorlesungen zu halten.
> Am 11.05.2008, 20:26 Uhr, schrieb Stephen Hust <shNOS...@a1.net>:
>> | I have mentioned previously that anti-Semitism did not exist in >> | our family. It was a taboo subject. > Der Willy Schumann hätte sich bei der Niederschrift entscheiden sollen: > Entweder "gab's nicht" oder "ein Tabu". Beides paßßt irgendwie nicht.
Wieso das? Wenn ein Thema stark tabuisiert ist, bedeutet das doch, dass man nicht darüber spricht. Und so verstehe ich das: Antisemitismus gab es nicht, insofern, dass keienr darüber sprach, nicht dass die Familie sich explizit dagegen ausgesprochen hätte.
> Die Sache mit "Autor unbekannt", ob Tatsache oder Gerücht, war > jedenfalls soweit verbreitet, daß es 1942 in einem amerikanischen > Hörspiel vorgekommen ist:
> | NAZI VOICE: New editions of the works of the Jew, Heinrich > | Heine, are not desirable. In all textbooks and anthologies where > | the words of the song "The Lorelei" appear, the name of the Jew, > | Heine, shall be omitted and the author given as "Author > | Unknown." > | > | HEINE [/mocking/]: Author well-known - since 1828. Author > | unknown - since 1933. > | > (Stephen Vincent Benét (1898-1943), "They Burned the Books" > (ausgestrahlt am 11. Mai 1942 auf NBC), in "'We Stand United' and > Other Radio Scripts", Chauhau Press, 2007 (?), S. 103.)
Das finde ich sehr interessant. Schade, daß man schlecht herausfinden kann, woher Benet dies hatte. Ich habe aber auch noch einen Text aus dem Jahre 1947 gefunden. Er stammt von Herbert Eulenberg, der nicht emigriert ist und es somit aus eigener Anschauung wissen könnte. Auch kein Beweis, aber seine Behauptung hat er sicher nicht von Adorno und wahrscheinlich auch nicht von Berendsohn. Es handelt sich dabei um eine Art Heine-Biographie, in der der Geist Heines nochmals seine alten Wirkungsstätten besucht und neben Biographischem auch Kommentare zum gerade untergegangenen Dritten Reich äußert. An der betreffenden Stelle meint er, daß er und sein Werk bei den Nationalsozialisten "höchst unbeliebt und unerwünscht" waren, vor allem sein volkstümlich gewordenes Lied von der Lorelei. "Aus welcher Verlegenheit sie sich nur dadurch kläglich zu helfen wußten, daß sie unter Ausmerzung meines ihnen verhaßten Namens darunter setzten 'Dichter unbekannt'." (Herbert Eulenberg: Heinrich Heine. Berlin 1947, S. 31f.)
Am 20.08.2009, 23:34 Uhr, schrieb Ralf Heinrich Arning <rha1...@t-online.de>:
> Weiland, am Sonntagabend des 4. Mai 2008, schrieb Jakob Achterndiek:
>> In der 1939er Auflage von Nadlers Literaturgeschichte nach Stämmen >> und Landschaften steht [..]
> Ich habe gerade die Ausgabe von 1928 vor mir liegen. [..] > Nadler hat den Text sprachlich leicht überarbeitet. Inhaltlich hat er > nichts verschärft oder abgemildert. Man kann also sagen, daß er kein > Opportunist war, sondern schon vor '33 ins antisemitsche Horn geblasen > hat. Was auf den Seiten zuvor über Heine steht, ist nicht weniger > harmlos.
Herzlichen Dank für die Auskunft und den Vergleich der Ausgaben. Das Ergebnis hilft mir auch jetzt nach fast anderthalb Jahren noch beim Vergleich und bei der Einordnung zweier anderer, ähnlich orientierter Fälle von Gesinnungskonstanz. Einer davon ist Hans Egon Holthusen, der zu Zeiten meines Studiums eine Rolle spielte (wir nannten ihn Egon Maria Goldbusen) und dessen Verriß von Thomas Manns "Doktor Faustus" ich jetzt noch einmal (und mit Grausen) gelesen habe.