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Tatort Westphalen

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Carsten Herrmann

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Nov 1, 2009, 6:36:03 AM11/1/09
to
Die Anpreisung der 2008 erschienenen Studie /Der Fall Judenbuche:
Revision eines Fehlurteils/ von Norbert Mecklenburg verspricht "im
Gegenzug zu metaphysisch-phantastischen Deutungskonstrukten eine
psychologisch-sozial-ethische Sinnebene" herauszuarbeiten. Als deren
Voraussetzung gilt es darzulegen, dass, anders als in den meisten der
vielen Beitrᅵge zu dem Text behauptet oder ohne weiteres angenommen,
nicht Friedrich Mergel den Aaron gemeuchelt hat. Dazu werden dreizehn
Argumente aufgelistet und nᅵher ausgefᅵhrt. Das beginnt mit dem
lyrischen Vorspruch, "den nur rohe hermeneutische Gewalt mit der
Mᅵrder-These in Einklang bringen kann", fᅵhrt ᅵber "das auffᅵllige
Eigengewicht" der "Episode um den Fᅵrstermord und Friedrichs Mitschuld
daran" ᅵber die "Haussuchungsszene, die alle Interpreten bisher
vernachlᅵssigt haben" und das Gestᅵndnis des Lumpenmoises zum
"'Umsonst'-Seufzer des Heimgekehrten". Dreh- und Angelpunkt der
Geschichte sei vielmehr der Mord an dem Fᅵrster Brandes, zu dem
Friedrich immerhin Beihilfe geleistet hatte. Seine anhaltenden
Gewissensqualen deshalb hᅵtten ihn schlieᅵlich dazu gebracht, sich an
den Baum zu hᅵngen. Die scheinbare Piᅵce de rᅵsistance derjenigen, die
in ihm den Mᅵrder Aarons sehen, wird in einem eigenen Kapitel ausgerᅵumt:

"Die Autorin mag den ominᅵsen Schluss schon zu einer Zeit zugespitzt
haben, als sie noch, von ihrer Quelle abhᅵngig, mit der Tᅵterschaft
Mergels operierte.
Als sie dann aber, aufgrund ihres gleichfalls schon sehr frᅵh
entwickelten diagnostisch-ethischen Erzᅵhlkonzepts, zu dem der
Nemesis-Plot nicht mehr passte, die Tᅵterschaft von Mergel abgezogen und
die ganze Erzᅵhlung entsprechend umgestaltet hatte, lieᅵ sie den Schluss
in seiner Offenheit dennoch stehen, einerseits als Vergegenstᅵndlichung
eines von ihr ᅵberwundenen Deutungsmusters, anderseits als ironisch
gestellte Falle, 'um unseren Scharfsinn und unser ethisches Gewissen zu
prᅵfen'. [Zitat aus Wolfgang Schaum, /Ironie und Ethik in Annette von
Droste-Hᅵlshoffs/ Judenbuche, Heidelberg 2004.] Erzᅵhlanalytisch lieᅵe
sich das als Ansatz zu Polyphonie im Sinne Bachtins, also als
Miteinander und Differenz von 'Autorwort' und 'objekthaftem Wort'
beschreiben. Ein im Ganzen klar hervortretender und dominierender
auktorialer Erzᅵhler tritt an dieser einen, allerdings sehr markanten
Stelle hinter einen 'Chronisten' mit begrenztem Wissen und
problematischen Konzepten, also etwa mit der Stimme Haxthausens, zurᅵck,
um den Leser auf die Probe zu stellen."

Den von einem anscheinend sehr zartbesaiteten Rezensenten beanstandeten
"rauen Ton" Mecklenburgs habe ich ᅵbrigens nicht bemerken kᅵnnen.
Allerdings zᅵhlt er einige Kapazitᅵten seiner Kollegenschaft ohne
Umschweife zu den "plumpen Lesern", die "bei dem Lese-Intelligenz-Test,
den diese Erzᅵhlung darstellt, klᅵglich durchgefallen sind". Befremdlich
erscheint mir jedoch seine ᅵuᅵerung, er mᅵsse "fᅵr das hier Vorgetragene
den Kopf hinhalten". Wohl mehrheitlich verbeamtete
Literaturwissenschaftler in gesetztem Alter werden doch hoffentlich
nicht zur Ausᅵbung gewalttᅵtiger Racheakte neigen?

CH

Ignatios Souvatzis

unread,
Nov 5, 2009, 11:25:35 AM11/5/09
to
Carsten Herrmann wrote:

> Den von einem anscheinend sehr zartbesaiteten Rezensenten beanstandeten

> "rauen Ton" Mecklenburgs habe ich �brigens nicht bemerken k�nnen.
> Allerdings z�hlt er einige Kapazit�ten seiner Kollegenschaft ohne

> Umschweife zu den "plumpen Lesern", die "bei dem Lese-Intelligenz-Test,

> den diese Erz�hlung darstellt, kl�glich durchgefallen sind". Befremdlich
> erscheint mir jedoch seine �u�erung, er m�sse "f�r das hier Vorgetragene

> den Kopf hinhalten". Wohl mehrheitlich verbeamtete
> Literaturwissenschaftler in gesetztem Alter werden doch hoffentlich

> nicht zur Aus�bung gewaltt�tiger Racheakte neigen?

Sei da nicht so sicher:

In Gisbert Haefs' "Kein Freibier f�r Matzbach" ist einer der
Nebenf�lle der Mord an einem Philosophen durch einen Kollegen.
Motiv?

Der Philosoph hatte Heidegger aus seinem selbsterarbeiteten
Fachvokabular ins Deutsche �bersetzt und stand kurz vor der
Ver�ffentlichung. Dabei w�re, so der Roman, nicht nur Heideggers
Trivialit�t offen sichtbar zu Tage getreten, sondern dar�ber hinaus
durch letzteres auch der T�ter (und einige andere Heideggerinterpreten)
quasi themenlos geworden.

(Anmerkung von mir: Vergleichbar starke Reaktionen sind wohl
gegen�ber mit einem Mathematiker oder theoretischen Informatiker,
der die Gleichheit der Komplexit�tsklassen "P" und "NP" beweist,
zu erwarten. Ein Beweis f�r "P" != "NP w�re nicht ganz so schlimm.)

Tsch�
-is
--
seal your e-mail: http://www.gnupg.org/

Ignatios Souvatzis

unread,
Nov 5, 2009, 3:12:21 PM11/5/09
to
Carsten Herrmann wrote:

> Den von einem anscheinend sehr zartbesaiteten Rezensenten beanstandeten

> "rauen Ton" Mecklenburgs habe ich �brigens nicht bemerken k�nnen.

> Allerdings z�hlt er einige Kapazit�ten seiner Kollegenschaft ohne

> Umschweife zu den "plumpen Lesern", die "bei dem Lese-Intelligenz-Test,

> den diese Erz�hlung darstellt, kl�glich durchgefallen sind". Befremdlich

> erscheint mir jedoch seine �u�erung, er m�sse "f�r das hier Vorgetragene

> den Kopf hinhalten". Wohl mehrheitlich verbeamtete
> Literaturwissenschaftler in gesetztem Alter werden doch hoffentlich

> nicht zur Aus�bung gewaltt�tiger Racheakte neigen?

Sei da nicht so sicher:

In Gisbert Haefs' "Kein Freibier f�r Matzbach" ist einer der
Nebenf�lle der Mord an einem Philosophen durch einen Kollegen.
Motiv?

Der Philosoph hatte Heidegger aus seinem selbsterarbeiteten
Fachvokabular ins Deutsche �bersetzt und stand kurz vor der
Ver�ffentlichung. Dabei w�re, so der Roman, nicht nur Heideggers
Trivialit�t offen sichtbar zu Tage getreten, sondern dar�ber hinaus
durch letzteres auch der T�ter (und einige andere Heideggerinterpreten)
quasi themenlos geworden.

(Anmerkung von mir: Vergleichbar starke Reaktionen sind wohl

gegen�ber einem Mathematiker oder theoretischen Informatiker, der

Carsten Herrmann

unread,
Nov 7, 2009, 10:21:30 AM11/7/09
to
Ignatios Souvatzis schrieb:

> Sei da nicht so sicher:

Manche der von Prof. Mecklenburg tadelnd zitierten Kollegen k�nnen ihm
sowieso nicht mehr gef�hrlich werden, weil sie bereits in die ewigen
Interpretationsgr�nde eingegangen sind. So Benno von Wiese, dem die
T�terschaft Friedrichs als "v�llig eindeutig" galt. Hingegen weist der
besagte Rezensent zu Recht darauf hin, dass, wiewohl im /Fall
Judenbuche/ nicht thematisiert, zu den "Leerstellen" der Erz�hlung
zuletzt noch die Identit�t des Heimgekehrten geh�rt. Der Erz�hler nennt
ihn immer Johannes. Dass es Friedrich gewesen sein soll, erfahren wir
nur durch die Aussage des Gutsherrn, wegen der omin�sen Narbe, zu der
Mecklenburg nichts Neues beitr�gt.

CH

Ignatios Souvatzis

unread,
Nov 12, 2009, 8:28:34 AM11/12/09
to
Carsten Herrmann wrote:

> [...] Der Erz�hler nennt

> ihn immer Johannes. Dass es Friedrich gewesen sein soll, erfahren wir
> nur durch die Aussage des Gutsherrn, wegen der omin�sen Narbe, zu der
> Mecklenburg nichts Neues beitr�gt.

Dazu haben wir weiland unter der Anleitung einer gewissen Frau
Vogel auch nichts herausgefunden - es scheint keine fr�here Erw�hnung
der Narbe in der Erz�hlung zu geben - aber es scheint mir doch,
dass man der Aussage des Zeugen, er erkenne die Leiche (anhand der
Narbe) wieder, glauben schenken mu�. Dagegen, dass es Johannes war,
spricht ja auch, dass er bei der R�ckkehr nicht wirklich wiedererkannt
wurde und sich mit kosmetischen �nderungen durch nah�stliche
Krankheiten herausgeredet hat.

Ignatios Souvatzis

unread,
Nov 30, 2009, 8:19:10 AM11/30/09
to

Halt, eine Verdrehung f�llt mir noch ein: es war der Gutsherr, oder
jemand in seinem Auftrage, um seine Verwicklung in irgendwas zu
decken.

Hm... Variante: Mergel ist unehelicher Sohn, und die Gutsherrin
hat das herausgefunden und wollte ihn ermorden lassen, und der
Schu� ging daneben und traf den F�rster, aber hm, wie passt der
Mord an Aaron da hinein? Ein Mitwisser?

-is

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