On Fri, 16 Nov 2012, Christina Kunze wrote:
> Mir geht es darum:
> Wissenschaftlergenerationen bemᅵhten und bemᅵhen sich, erst einmal einen
> mᅵglichst ursprᅵnglichen Text zu erarbeiten, an dem sich dann andere
> Wissenschaftler interpretativ betᅵtigen.
Die von Christina erwᅵhnten Konfessions- und Interpretationsunterschiede
machen sich aber nur sehr selten an unterschiedlichen Textvarianten fest.
Weitaus hᅵufiger ist der Fall, dass der Text bis auf wirkliche
Kleinigkeiten feststeht und ᅵber seine Bedeutung gestritten wird.
Um das Beispiel dieses Threads aufzunehmen: er ging um die Bedeutung von
"Ehebruch", und in der Diskussion wurde auf die deutsche Zusammensetzung aus
"Ehe" und "brechen" verwiesen. Die ist aber fᅵr die Auseinandersetzung mit dem
Bibeltext ziemlich irrelevant: weder das hebrᅵische Wort "na'af" noch das
griechische Wort "moichenᅵ" haben Bestandteile, die "Ehe" und "brechen"
bedeuten; vielmehr sind, soweit ich sehen kann, beide nicht zusammengesetzt.
Und Sepps Aussage war:
Umgekehrt wird ein Schuh draus:
Die Nicht-Christen (und Nicht-Juden) zitieren zusammenhanglos aus der
Bibel, ohne die wahre Bedeutung der Texte zu kennen.
Die Christen (und Juden) sind es dann immer, die anschlieᅵend aufklᅵren und
richtigstellen mᅵssen.
Das ist natᅵrlich auch stark verkᅵrzt: selbstverstᅵndlich gibt es korrekt
zitierende "Nicht-Christen (und Nicht-Juden)" und erst recht zusammenhanglos
zitierende "Christen (und Juden)". Und wieweit letztere die "wahre Bedeutung"
gepachtet haben, darᅵber mag man gerne geteilter Ansicht sein.
Nimmt man Sepps Satz von der Goldwaage runter, stimmt aber seine Grundtendenz
durchaus. Angriffe Andersdenkender, die mit Bibelzitaten untermauert sind,
zeigen nicht selten eine ziemliche Unkenntnis des Restes der Bibel (auch da
wirds rᅵhmliche Ausnahmen geben), so dass das einzelne solche Zitat weit
weniger aussagt als es auf den ersten Anschein tut. Nett finde ich die Haltung
hinter manchem Angriff, man mᅵsse den Christen nur mal anhand von ein paar
Bibelzitaten zeigen, was da drinsteht: Entweder die solcherart Belehrten
interessieren sich nicht fᅵr geistige Auseinandersetzung, dann hilfts nichts;
oder aber sie tun es doch, dann kennen sie diese Einwᅵnde meist schon und
haben sich damit auseinandergesetzt.
Witzig ist manchmal, dass sich diejenigen, die sich da bekriegen, sich erst
die Haltung der Gegner zu eigen machen, die sie bekᅵmpfen. Da zitieren
Atheisten Bibelstellen nach Art der biblizistischen Fundamentalisten, nᅵmlich
als isolierte Sᅵtze, aus denen man ebenso isolierte Schlᅵsse ziehen kann. Oder
andersherum wird die wᅵrtliche Bedeutung der Schᅵpfungsgeschichte aufgrund des
durchaus aufklᅵrerischen Prinzips verteidigt, dass nur wahr sein kann, was im
*naturwissenschaftlichen* Wortsinn richtig ist.
> All das: die vielen Abschriften der biblischen Texte, aus dem sich bei
> allem kriminalistischen und stemmatischen Scharfsinn kein authentischer
> Urtext heraussieben lᅵsst, die Textkritik und die Interpretationen, sind
> Menschenwerk und also fehlbar. Ich achte die Arbeit dieser Menschen (und
> finde sie unglaublich spannend).
Fᅵr einen Text dieses Alters ist die Quellenlage aber recht ordentlich und
auch die ᅵltesten Textzeugen recht alt. Weiᅵ jemand, wie alt die ᅵlteste
erhaltene Abschrift von Texten von Homer ist? Soweit ich weiᅵ, *wesentlich*
jᅵnger als die ᅵltesten Abschriften von Bibeltexten. (Natᅵrlich ist Alter
*allein* kein Beweis fᅵr Authentizitᅵt.)
> Hᅵtte man einen einzigen gᅵttlich autorisierten Text, wᅵren die alle
> arbeitslos und viele Glaubensstreitigkeiten hᅵtte es nie gegeben bzw. sie
> wᅵren unnᅵtig.
Die Textkritiker wᅵren arbeitslos, die Glaubensstreiter aber leider nicht.
--
Helmut Richter