„Herr Kommissar. Ich ließ mich mit der Kritikerin zweimal in der Öffentlichkeit sehen. Lassen Sie uns doch diese zwei Lokalitäten aufsuchen, die ich mit der Kritikerin besucht habe. Es besteht zwar nur eine vage Hoffnung, dass ich wiedererkannt werde. Aber der Versuch ist es wert.“
„Wieso? Glauben Sie nicht, dass das uns weiterhelfen könnte?“
„Sehen Sie. Ich besuchte diese Restaurants, Lokale jeweils nur einmal mit der Toten. Niemand kann uns da garantieren, dass sich die Wirte noch an uns bzw. an mich erinnern werden.“
Der Kommissar ist alles andere überzeugt. Er hat sich keinen Zentimeter in seinem Sessel bewegt.
„Das klingt sehr dünn!“
„Ich gebe es ja zu. Aber es ist das nicht wert, wenn Sie einen Mörder überführen können, Herr Kommissar?“
„Das stimmt auch wieder. Und wenn nicht…“
„Stehen wir wieder dort, von wo wir ausgegangen sind.“
„Nämlich keinen Zentimeter weiter.“
„Haargenau. Wenigstens wird der Versuch nicht geschadet haben. Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen.“
Der Kommissar ist ein kluger Mensch, erhebt sich, weder grinsend, noch übermäßig ernst dreinschauend, halt so, wie man tut, wenn man sich einer lästigen Pflicht erledigen muss, schaut auf seine Armbanduhr, tippt mit dem Finger darauf und verkündet: „Es ist spätnachmittags. Eine gute Zeit für unsere Aktion. Die Wirte werden gerade ihren Laden geöffnet oder wiedereröffnet haben nach der Lunchtime.“
„Es handelt sich um kein englisches Pub oder Restaurant.“
„Dann Siesta!“
„Auch kein Spanisches.“
„Na dann halt nach der Essenszeit!“
„Kommt schon eher hin. Um eine deutsche Pinte dreht es sich auch.“
„Gut, jedenfalls, es werden wahrscheinlich noch keine Gäste da sein. Wir werden also Ruhe und Freiraum haben, um ein paar ernstere Worte und Gedanken auszutauschen, die nicht in der Hektik eines großen Wirtschaftsbetriebes untergehen dürften oder gestört werden könnten.“
Freudig, wenn auch reserviert über die Aussichten, springe ich aus meinem Sessel.
Als erstes an der Reihe ist die kleine, deutsche, enge Pinte um die Ecke.
Von weitem schon sieht man, dass die Kneipe geöffnet hat, da die Tür offen steht. Davor steht ein älterer Combi. Deswegen und der Kneipengröße nach zu urteilen, handelt es sich wohl um einen Ein-Mann-Betrieb und also von einem größeren Wirtschaftsbetrieb zu sprechen, wäre etwas übertrieben, wenngleich es vom kalten Rauch her beizend nach einem solchen riecht, aber nur, gingen wir ein paar Dekaden zurück. Alles sehr merkwürdig, herrscht nicht öffentliches Rauchverbot in diesem Land mittlerweile?
Der Wirt, allein, ist an der Theke gelehnt, als könnte er nicht mehr aufrecht stehen und glotzt in den riesigen flimmernden Flachbildschirm in einer der obersten Raumecken.
Er hat nicht einmal den Gruß „Guten Tag“ erwidert. Aber der Polizist stellt sich unverdrossen formell vor, bevor er zur Sache kommt. Diese sehe so aus, dass sie hier seien, um einen Mord aufzuklären, weswegen seine Zeugenaussage gefragt sei. „Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“ Und er deutet auf mich.
Der Angesprochene zuckt nicht einmal mit der Wimper, die Worte prallen an ihm ab wie Wasser an manchen tropischen Pflanzen und er raucht ungerührt weiter, ohne von der Glotze abgelenkt zu sein.
Er lässt sich alle Zeit der Welt für eine Antwort.
Prioritäten sind hier und im folgenden klar abgesteckt: zuerst kommt der Fußball.
Er stößt sich auch nicht daran, dass ein Ordnungshüter hier steht, während er verbotenerweise in einer Kneipe an einer Zigarette nuckelt. Vielleicht denkt er, soll der Bulle nur etwas sagen, dann parliere ich mit: ist noch nicht geöffnet. Kommen Sie in einer halben Stunde wieder. Oder: sehen Sie nicht, dass die Kneipentür offen steht, ich habe doch überhaupt noch nicht geöffnet.
Es zieht hier kalt herein, aber wen soll es schon stören?
Doch kommt es zu keiner Konfrontation und er starrt weiter sehr konzentriert auf dieses gerade menschengeschichtlich entscheidendes Schauspiel, das zu versäumen sträflich wäre.
Nachdem der Fußballspieler nur den Torpfosten getroffen hat und Werbung eingeblendet wird, antwortet der Wirt nicht etwa endlich, sondern verschwindet in der anliegenden kleinen Küche. Fasziniert beobachten Polizist und ich ein anderes Schauspiel: die zurückgelassene Zigarette im Aschenbecher auf der Theke, wie sie sich zu Tode qualmt.
Zweitwichtigstes wird nunmehr erst einmal versorgt: er bringt dem Hund in der blechernen Schüssel ein paar Scheiben Wurst und Geschnetzeltes. Der Hund, mit dem Schwanz winselnd, macht sich sofort darüber her.
Der Wirt ist schon wieder in die Küche entschwunden, um Drittwichtigstes zufriedenzustellen: seinen Hunger. Immerhin, als er zurückkommt mit einem gefüllten Teller in der Hand, belfert er etwas: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, setzt sich dieses Mal auf einen Barhocker, zündet sich erneut eine Zigarette an, an der er zieht, wenn er nicht gerade in das mitgebrachte belegte Baguette hineinbeißt. Dabei verfolgt er wieder, völlig teilnahmslos für die Umwelt, das Spiel.
Außer den Worten, dass er sich in an nichts mehr erinnern könne, hat er unmissverständlich deutlich ausgedrückt: „Und jetzt will ich meine Ruhe haben. Dass das klar ist.“
Polizist und ich verziehen uns, ohne umständlicher und überflüssiger Höflichkeitsbezeigungen. Was uns niemand verdenken kann, der Abschied fällt uns leicht und erleichtert uns gleichzeitig.
Beim Italiener jedoch bin ich mir fast des Gegenteils sicher, zumindest voll der Hoffnung.
Er fixiert mich tatsächlich eindringlich. Und siehe da, des Chefs pfiffiges Gesicht wird tatsächlich spitz, wie mir scheint. Ich glaube ein Funkeln wahrzunehmen, dass zu mir spricht: he, natürlich kennen wir uns, du und ich und deine verkorkste Signora damals.
Sein Augenfunkeln jedoch muss ich retrospektiv wie folgt interpretieren: he, Amico, sei ganz unbesorgt, von mir wirst du nicht verpfiffen, ich regele das schon! Obwohl ich zugeben muss, im Moment habe ich eine ganze andere Meinung da heraus gelesen. So täuscht man sich.
„Ich habe Senior noch niemals gesehen in meinem Leben. Tut mir leid.“
Mein leichtes Funkeln der Angst in meinen blauen Augen hat ihn dazu verleitet, mich falsch zu verstehen und die Unwahrheit zu sagen.
Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen.
Ich sage zwar noch: „Hören Sie, Sie müssen die Wahrheit sagen, unbedingt.“
Bestimmt jedoch deutet er diesen Satz auch nur als rhetorische Floskel.
Er tut jetzt so, was man ihm nicht verübeln kann, als verbete er sich entschieden jegliches Missverstehen-Wollen, macht dazu ein galantes, unverwechselbares, deutschsprachlich nicht wiederzugebendes: tz.
Ich kapiere, dass alles verloren ist und ich sage resigniert: „Ich verstehe!“, um den Kopf hängen zu lassen.
Meinen Dringlichkeitsappell im Ton hat er bestimmt der Anwesenheit des Polizisten in die Schuhe geschoben, gedacht, va bene, bist ein guter Schauspieler, aber, Ragazzo, keine Angst, ich verrate Dich schon nicht, ich habe meine Erfahrungen mit der Obrigkeit, da brauchst Dich nicht zu ängstigen, oder mir etwas vorzumachen, ich weiß Bescheid. Er hat, kurzum meinen Appell völlig anders gedeutet: statt als aufrichtige Ausdruck der Angst, jetzt bitte die Wahrheit sagen, jetzt bitte nicht die Wahrheit sagen und mich zu verraten.
Ich war danach völlig am Boden zerstört.
Buch erhältlich unter:
http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.htm
Dann kommt mir eine Idee.
„Herr Kommissar. Ich ließ mich mit der Kritikerin zweimal in der Öffentlichkeit sehen. Lassen Sie uns doch diese zwei Lokalitäten aufsuchen. Es besteht zwar nur eine vage Hoffnung, dass ich wiedererkannt werde. Aber der Versuch ist es wert.“
„Wieso? Glauben Sie nicht, dass das uns weiterhelfen könnte?“
„Sehen Sie. Ich besuchte diese Restaurants, Lokale jeweils nur einmal mit der Toten. Niemand kann uns da garantieren, dass sich die Wirte noch an uns bzw. an mich erinnern werden.“
Der Kommissar ist alles andere überzeugt. Er hat sich keinen Zentimeter in seinem Sessel bewegt.
„Das klingt sehr dünn!“
„Ich gebe es ja zu. Aber es ist das nicht wert, wenn Sie einen Mörder überführen können, Herr Kommissar?“
„Das stimmt auch wieder. Und wenn nicht…“
„Stehen wir wieder dort, von wo wir ausgegangen sind.“
„Nämlich keinen Zentimeter weiter.“
„Haargenau. Wenigstens wird der Versuch nicht geschadet haben. Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen.“
Der Kommissar ist ein kluger Mensch, erhebt sich, weder grinsend, noch übermäßig ernst dreinschauend, halt so, wie man tut, wenn man sich einer lästigen Pflicht erledigen muss, schaut auf seine Armbanduhr, tippt mit dem Finger darauf und verkündet: „Es ist spätnachmittags. Eine gute Zeit für unsere Aktion. Die Wirte werden gerade ihren Laden geöffnet oder wiedereröffnet haben nach der Lunchtime.“
„Es handelt sich um kein englisches Pub oder Restaurant.“
„Dann Siesta!“
„Auch kein Spanisches.“
„Na dann halt nach der Essenszeit!“
„Kommt schon eher hin. Um eine deutsche Pinte dreht es sich auch.“
„Gut, jedenfalls, es werden wahrscheinlich noch keine Gäste da sein. Wir werden also Ruhe und Freiraum haben, um ein paar ernstere Worte und Gedanken auszutauschen, die nicht in der Hektik eines großen Wirtschaftsbetriebes untergehen dürften oder gestört werden könnten.“
Freudig, wenn auch reserviert über die Aussichten, springe ich aus meinem Sessel.
Als erstes an der Reihe ist die kleine, deutsche Pinte um die Ecke.
Der Kneipe sieht man von weitem schon wegen der sperrangelweit offenen Tür an, dass sie geöffnet ist. Davor steht ein älterer Combi. In dieser Fußgängerzone, die nicht abgesperrt ist, wozu die Lage zu dezentral ist, nämlich in einem Großstadt-Vorort, ist es das einzige Auto, das weit und breit hier parkt. Aber es stört und kümmert hier niemanden.
Der Kneipengröße nach zu urteilen, handelt es sich um einen Ein-Mann- anstatt einem größeren Wirtschaftsbetrieb, wenngleich letzteres absolut angemessen wäre angeruchs des beizenden, kalten Rauches dadrinnen. Der Wirt, allein und umgeben von einem einhüllenden Zigarettenqualm, ist an der Theke gelehnt, als könnte er nicht mehr aufrecht stehen und glotzt in den riesigen, flimmernden Flachbildschirm oben in der Raumecke.
Der Polizist, unerwidert sein Gruß „Guten Tag“, schreitet gleich zu direkteren Maßnahmen und baut sich ostentativ unverdrossen formell vor dem Angesprochenen auf.
Er kommt unmittelbar zur Sache. Diese sehe so aus, dass sie hier seien, um einen Mord aufzuklären, weswegen seine Zeugenaussage gefragt sei.
Er prallt mit seinen Worten ab wie Wasser an manchen tropischen Pflanzen.
Schweigen.
Doch der Ermittler gibt so schnell nicht auf. Er deutet jetzt direkt auf mich und fragt: „Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“
Kein Wimperzucken. Aber ungerührt Zuckeln an seiner Ziggi.
Ich fühle mich extrem unwohl wegen des kalten Rauches zum einen, zum anderen wegen der von der Straße hereinziehenden kalten Luft. Aber wen soll das schon stören?
Prioritäten sind hier klar abgesteckt: zuerst kommt der Fußball. Unbeeindruckt starrt gerade unser Gastgeber völlig gebannt auf ein menschengeschichtlich entscheidende Schauspiel, das zu versäumen sträflich wäre. Die Spielspannung ist aber auch zum Zerreißen angespannt: eine Mannschaft greift an, die andere versucht abzuwehren.
Der Polizist schaut mir in die Augen, die besagen: „Was können wir schon anderes tun, als uns zu gedulden“, und lässt die Arme hängen. Ich schniefe mit der Nase, als hätte meine Nase eine Überportion Koks abgekriegt.
Aber nachdem nur ein Torpfosten getroffen und die Werbung eingeblendet wird, antwortet der Kneipier nicht etwa endlich, sondern verschwindet in der anliegenden kleinen Küche. Fasziniert beobachten Polizist und ich ein anderes Schauspiel: die zurückgelassene Zigarette im Aschenbecher auf der Theke, wie sie sich zu Tode qualmt.
Man darf sich die Fortbewegung des Wirtes nicht als normale Bewegungsabläufe vorstellen. Es handelt sich mehr um ein einzige Bewegung, wie wenn eine Rakete lossaust, die zwischen ihren Stationen keinerlei Takte, Zwischenspiele kennt. Er bewegt sich in perfekter Weise wie ein Strich, der von A nach B und umgekehrt hin und her gezogen wird, ohne Um-, Ab- oder sonstige überflüssige Wege.
Selbst wenn er sich gleich auf den Barhocker setzt, darf man sich nicht ein Klettern auf diesen vorstellen, sondern ein Schweben daraufhin und darauf ab, blitzschnell, ohne Ruckeln und Unterbrechung der perfekten Mensch-Maschine.
Zweitwichtigstes wird nunmehr erst einmal versorgt: er bringt in einer blechernen Schüssel in der Hand ein paar Scheiben Wurst und Geschnetzeltes und pfeift und gurrt: „Wo ist den mein kleiner geiler Schlecker? Pffff.“ Der Hund, ein Spitz, so klein, dass er von zwei Menschenhänden könnte umfasst werden, sich überhaupt noch nicht bemerkbar gemacht, kommt aus seiner Ecke gedackelt und wedelt mit dem Schwanz. Glücklicherweise ist die Schüssel von Essbaren brechend voll, weil der Hund selber kleiner als diese ist und somit kaum etwas davon abbekommen würde.
„Gella, das tut Ihm aber gut, dem wilden Fiffi!“ Wir sind beeindruckt. Seinen Hund in der dritten Person Plural wie einen Adligen anzureden, ist nicht die schlechteste Form und lässt auf gute Kinderstube schließen.
Er ist schon wieder in die Küche entschwunden, um Drittwichtigstes zufriedenzustellen: seinen Hunger. Immerhin, als er zurückkommt mit einem gefüllten Teller in der Hand, belfert er etwas: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, fliegt auf einen Barhocker, zündet sich erneut eine Zigarette an, an der er dann zieht, wenn er nicht gerade in das mitgebrachte überbelegte Baguette hineinbeißt und mit vollsten Mund kauen muss. Dabei verfolgt er wieder, völlig teilnahmslos gegenüber der Umwelt, das Spiel.
Außer den Worten, dass er sich an nichts mehr erinnern könne, hat er unmissverständlich deutlich ausgedrückt: „Und jetzt will ich meine Ruhe haben. Dass das klar ist.“
Polizist und ich verziehen uns, ohne umständlicher und überflüssiger Höflichkeitsbezeigungen. Was uns niemand verdenken kann, der Abschied fällt uns leicht und erleichtert uns gleichzeitig.
Mir wurde furchtbar schlecht, als wir in diese eintraten. Der Kneipengröße nach zu urteilen, handelt es sich zwar um einen Ein-Mann- anstatt einem größeren Wirtschaftsbetrieb, aber angeruchs des beizenden, kalten Rauchs da träfe letzteres eher zu. Da musste gestern eine ganze Armeebrigade Einstand gehalten haben. (Überflüssig die Frage, ob wir nicht in einem Land lebten, wo öffentliches Rauchen verboten war.)
Einiges sprach dafür. Zum Beispiel lehnte der Wirt stehend mit seinem ganzen Körper an der Theke, als könnte er sich nicht mehr aufrecht halten. Sein Kopf war umhüllt von einem Zigarettenqualm, der sein Gesicht wie einen Ballon einhüllte. Seine Augen blitzten jedoch wie Laserstrahlen daraus hervor, fixiert auf den riesigen, flimmernden Flachbildschirm oben in der Raumecke.