Werner Pentz
unread,May 10, 2013, 5:29:13 PM5/10/13You do not have permission to delete messages in this group
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Ich wei�, hier kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen, aber geben wir mal
nicht die Hoffnung auf.
Dieser Text ist ein Experiment, entsprechend des Sujets komplex, und
m�glicherweise habe ich viele, viele Fehler wieder darin, der Natur der
Sache nach. undsoweiter...
Morgens
Zum Gl�ck war sie noch so fit, dass sie sich k�rperlich in bester Verfassung
w�hnte. Ihre Sch�nheit war ihr noch immer anzusehen, wenn sie sich wie jetzt
im Spiegel betrachtete. Die steinerne Sch�nheit einer Marmorstatue.
Allerdings ihr Konterfei, empfand sie, gleichfalls wie aus Marmor
versteinert, hatte dadurch das Gesicht einer steinernen Tonsur gekriegt. Es
wirkte so angespannt, als h�tte sie eine Sch�nheitsoperation hinter sich,
weil sich kaum eine verr�terische Falte zeigte. Auch ihr K�rper - sie
stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihren prallen Busen im Spiegel
taxieren zu k�nnen - war objektiv noch recht anziehend, wenngleich ohne
Leben, was nur sie wusste. Diese Tatsache entrang ihr ein Seufzer, sie
wandte sich vom Spiegel ab und schaltete das Licht in ihrem kleinen Kabuff
ab, um in der D�sternis des Zimmers ihren Gedanken �ber ihr Leben
nachzuh�ngen.
Zwar war sie von ihrem Mann wegen einer J�ngeren verlassen worden, aber es
war ihr ein Klacks gewesen, locker weggesteckt und kein bisschen aus der
Bahn geworfen hatte es sie. Sie war ehrlich, und das war sie sowohl zu sich
selbst, soweit man das kann(!) als auch ihrer Umwelt gegen�ber, der sie
freim�tig verk�ndete, dass sie es Leid sei, so einen alten Bock st�ndig in
ihrem Bett abwehren zu m�ssen (so sprach sie freilich nur zu sich selbst),
also, dass sie sich froh d�nkte, da durch zu sein. (Sie durfte gar nicht an
diese immerw�hrenden Umst�nde denken, wo sie sich diverse �le und sonstige
Gleitmittel in die Vagina rieb, um geschmeidig zu sein. Von wegen, Sex im
Alter sei eine Sache der Attit�de, bei ihr war eindeutig der Ofen aus.) Dies
zu begr�nden brauchte sie nicht, denn ihre Zuh�rer waren in einem Alter, in
dem sie das nur zu gut verstanden. Andere, gl�cklicher- und
r�cksichtsvollerweise, waren anst�ndig genug, nicht nachzubohren, Sexualit�t
hatte immer noch einen gewissen Status an Bigotterie inne.
Vor sich sagte sie sich: ich habe alle Perioden eines erf�llten Lebens
mitgemacht: in jungen Jahren von einem hei� begehrten Soldaten umworben,
erobert und geschw�ngert und in fortgeschrittenem Alter von einem
hochangesehenen Intellektuellen umgarnt, ausgehalten und herumgetragen
worden, so dass ich stets Erf�llung in meinem Leben gefunden habe. Auch als
ihr sich letzter Mann von ihr verabschiedet und abgewandt hatte, hatte sie
immer noch ihren Jungen, mit dem sie nach Deutschland umzog, dann wieder
nach Amerika zur�ck undsoweiter, je nach Bedarf und erforderlicher Umst�nde.
So sah sie es als ebenso schicksalhaft an, dass sie im Alter von ihrem
Ehemann versto�en worden war, was sollte sie diesem ja noch bieten k�nnen,
sie, die die Menopause hinter sich hatte und wirklich kein sexuelles
Bed�rfnis mehr in sich versp�rte und sich mehr regte, ganz im Gegensatz zu
diesem Partner und "Mann", dessen Energiefluss stetig gleichm��ig str�mte,
nicht zu versiegen drohte und bei ihr nat�rlicherweise sein Ventil suchte.
"In jungen Jahren", gr�belte sie, "sind die M�dchen den Jungen voraus, im
Alter, ausgleichende Gerechtigkeit, ist es der Mann, der der Frau dann
voraus ist", seufzte sie melancholisch.
Mag er sich an einer j�ngeren Latinofrau befriedigen, so g�nnte sie es ihm -
sie empfand keinen Neid und keine Eifersucht. Im Kapitalismus oder in ihrer
Welt vielleicht, so wie sie sie erlebt hatte und wohinein sie geboren wurde,
gesellschaftlich-privilegiert, k�rperlich-attraktiv und
geistig-intellektuell ungemein rege, geh�rte es dazu, dass man seine
gesellschaftliche Status entsprechend seinem Verwendungszweck zugewiesen
bekam.
Wie stand sie heute da?
Wie h�tte es auch anders sein k�nnen: sie war stark, sehr stark, das, was
man als starke Frau bezeichnete. Beweis ihrer St�rke: in ihrer letzten
Beziehung mit dem j�dischen Diplomaten war sie stets die Aktivere gewesen.
Sie war es doch, die ihm nach Amerika hinterhergereist war, als er wieder
zur�ck in die Staaten von seinem Auftraggeber beordert und sie allein in der
Nachkriegszeit in einem zerbombten hoffungslos dastehenden Deutschland
zur�ckgelassen worden war und das, bedenke man, obwohl ihr ihre zwei B�lger,
ihre T�chter, am Hals hingen!; sie war es, die den Herrn Staatsdiener stets
aus seiner Lethargie herausrei�en musste, damit er etwas auf die Beine
stellte, als er dann von seinem Arbeitgeber, dem amerikanischen Staat,
suspendiert worden war (notabene: wegen ihr; wegen ihr! L�cherlich, als sei
sie ein Nazibraut gewesen, v�llig abstrus!) und sich nach anderer Arbeit
umsehen musste - wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben, hatte er doch
bestimmt von seiner Familie die Order erteilt gekriegt, in den Staatsdienst
einzutreten und schwerlich aus freien St�cken dazu getrieben worden war.)
(�brigens, an ihre zwei T�chter dachte sie kaum. Sie war dem neuen Schwarm
�ber den Ozean nachgereist, um sich dort mit ihm zu verm�hlen, aber mit der
Hoffnung und festen Absicht, ihre zwei T�chter aus erster Ehe nachreisen zu
lassen. Die Umst�nde jedoch wollten es, dass ihre Herkunftsfamilie ihr die
eigenen Kinder entfremdete, sie als die verlorene Mutter mit
zur�ckgelassenen Kindern am Pranger stand, die Kinder zur Adaption in eine
reiche kinderlose Familie �bergeben wurden, dort eine gute b�rgerliche
Erziehung genossen und in jungen Jahren sehr gute Partien mit zwei �rzten
machten. Nunmehr lebten sie gl�cklich verheiratet in M�nchen und wollten
nichts mehr von ihrer Mutter wissen. Aber auch sie nichts mehr von ihnen.)
Nein, verletzt sich zu zeigen, war nicht ihr Stil, verstie� gegen das
Selbstverst�ndnis ihrer beiden Rollen, die sie zueinander pflegten. Genauso
wenig ihrem Sohn gegen�ber nat�rlich. Auch wegen ihrer Vertreibung aus dem
Paradies, sicherem Pensionat ihres Staatsbeamten, hegte sie keinen Groll. Es
ging immer weiter, sie k�mpfte sich immer �ber Mauern, die sich vor ihr
auftaten, auch dieser nunmehr. Wenngleich sie jetzt schon sehr auf dem
absteigenden Ast sa�, nachdem sie ihre Eigentums-Wohnung hier in N�rnberg
hatte aufgeben m�ssen, weil es ihr zu viel geworden war, einen eigenen
Hausstand aufrechtzuerhalten und nunmehr in ein Altenheim, wenn auch das
beste der Stadt hatte einziehen m�ssen, eine Stiftung f�r verarmte S�hne und
T�chter dieser Stadt, aber von der Lage her lag es absolut zentral, n�mlich
gleich neben dem Marktplatz und an der Pegnitz, von der zwar nachts schon
recht unheimliche Nebelschwaden aufstiegen, aber wie hei�t es schlie�lich:
nothing is perfect.
Dann der Verlust ihres Sohnes! Hm, eigentlich auch eine wahrhaftige
Erleichterung, nur noch f�r sich selbst sorgen zu brauchen, jetzt noch der
Wegfall der Mutterrolle, wenngleich diese Aufgabe zu verlieren, ihr wohl am
schlimmsten fiel. Sie seufzte. An ihren Sohn zu denken, bedeutete noch
immer, Rot zu sehen.
Was aber die Pflichten, Aufgaben und B�rden anbelangte, kam ihr doch am
schlimmsten die Zeit mit dem Ehemann an. Diesem durfte man keine laue Suppe
vorsetzen, wie dies beim Sohn erlaubt war. - Ein Bild tauchte auf, der f�r
diese Zeit wichtigste Eindruck, der ihr geblieben war. Wie sie so oft am
Fenster stand, hinter dem Store, um durch einen Spalt immer wieder auf den
Vorplatz des Car Ports zu lugen und zu warten, ob er schon mit seinem
�bergro�en, benzinverschlingenden Cadillac eingefahren sei. Ja, dieses
sehns�chtige Warten mit dem Essen abends, bis Er nach Hause kam, war sie
leidgeworden. All die Umst�nde, wenn er sich versp�tet hatte und sie
gen�tigt war, den Braten in der Kasserolle warm zu halten - einfach �tzend.
"Umst�ndlich" h�tte bei weitem nicht den Nagel auf den Kopf getroffen,
"fussy" dachte sie in Wirklichkeit. Alles fassy das, genauso sein st�ndiges
sexuelles Bedr�ngen des, obwohl gleichaltrig, dennoch weitaus sexuell
aktiveren Mannes. -"Ach, bin ich was von so froh, da durch zu sein!?",
dachte sie, eine sehr moderne Redewendung, die aus dem Englischen kommt und
die sie bereitwillig in ihre Repertoire �bernommen hatte und die ihr half,
sich von dem Gedanken abzulenken, nicht der aktivere Part gewesen zu sein.
Sie fasste sich an die Stirn und dachte, dies hast du gerade vorhin bereits
so gedacht. Du drehst Dich im Kreis mit Deinen Gedanken heute. Oft passiert
das, �fter als es Dir lieb sein kann.
Dann kam wieder der Gedanke an ihrem Sohn, einer, den sie auch schon hatte
heute.
Dennoch sp�rte sie jetzt wieder den Schmerz, dass ihr Sohn nicht die
geringsten Medikamenten-, Unterhalts- oder sonstige Lebenskosten �bernommen
hatte. Obwohl sie bislang gut zurande gekommen ist, allein zu leben, alles
in allem.
Nur keinen Groll hegen, es als selbstverst�ndlich sehen, selbst f�r sich zu
sorgen - wie sie es von den anderen Mitmenschen auch erwartete, dies zu tun.
Sie schaute sich in ihrem Zimmer des Spitals um, in dem sie nunmehr lebte.
Wenige Habseligkeiten, Erinnerungsst�cke konnte sie hier unterbringen, das
meiste musste sie verscherbeln oder verschenken. Aber trotz Wehmut darob
dachte sie auch etwas stolz daran, wie ein amerikanischer Song doch hie�:
Freiheit hei�t, nichts zu verlieren. Das erf�llte sie wiederum mit Stolz.
Was die Oberhand gewann, der Schmerz des Verlustes, dessen, was ihr Leben
ausmachte, begonnen mit den zwei M�dchen, ihrem Ursprungsland, ihrem Mann,
ihrer Wahlheimat, dann ihrem Sohn, schlie�lich ihren s�mtlichen allm�hlich
sich angesammelten Souvenirs, und auf der anderen Seite das
Erhabenheitsgef�hl des freien Menschen, wusste sie nicht mehr zu sagen. Sie
schwankte in letzter Zeit ja sehr, manchmal glaubte sie, schon so weit zu
sein, als Messi eingestuft werden zu m�ssen, obwohl das keiner ihr gegen�ber
hatte sagen getraut: sie sei dement und, mein Gott, einen Alzheimer hie und
da, wer hatte den nicht?
Sie befand sich im Herzen ihrer Geburtsstadt, in einem Haus, das eines der
Symbole dieser Stadt �berhaupt darstellte. Wor�ber sollte sie sich noch
beklagen? Freilich, der innerst�dtische Fluss floss an ihr vorbei, wenn sie
aus dem Fenster schaute und verbreitete mit seinem tr�g-flie�endem Wasser
doch eine ziemlich feucht-k�hle Dampfwolke, die all�berall um ihr
herumstand, ob in ihrem Zimmer, im Essraum oder im Garten. Einige
Heimbewohner sagten unumwunden, dass es besonders im Winter unangenehm-k�hl
sei. Zudem lockte die N�sse nat�rlich auch Ratten an, von denen man manchmal
einige den Wasserdamm hinaufklettern sah.
Sie schauderte vor Schrecken , denn ihr negatives Lieblingstier war die
Ratte. Vor der f�rchtete sie sich wie vor nichts mehr. Was aber die andere
Sache anbelangte, dieser dichte Nebel, den der Fluss hin und wieder
produzierte, und vor dem sich der ein oder anderen Heiminsasse f�rchtete,
als enthielte er Gespenster und Geister, musste sie nur lachen.
Abergl�ubisch war sie mit Sicherheit nicht! Aber Ratten, Ratten, sehr
unangenehm! Bei der Vorstellung, eines dieser Virusinfizierten, kecken,
dreisten Viecher machten sich in ihrem Zimmer zu schaffen und sie stand ihm
im Angesicht zu Angesicht gegen�ber, wusste sie nicht, was sie da tun w�rde:
schreien wie ein dummes Weibchen? sich nach ihrem Revolver (sie keinen
hatte) umschauen, nach einem starken Mann fl�chten (war keiner in der N�he),
ja, wahrscheinlich nach dem Bereitschaftsdienst klingeln halt.
Bei dieser Vorstellung �brigens, Ratte, Auge im Auge, sah sie ein funkelndes
rotes �uglein vor sich. Als ob Ratten nur roten Augen bes��en, war bestimmt
ein Vorurteil, so eine fixe Idee, der sie aufsa� und doch nicht entkommen
konnte. Ratten, iihh!
Sie stand am Fenster und schaute in den braunen Fluss hinunter, durch dem
man niemals bis zum Grund gelangte. Er durchstr�mte langsam die sch�ne alte
Museumsbr�cke, in deren Mauer am �u�ersten linken und rechten Br�ckenpfeiler
schaurige Plastiken reliefartig angefertigt worden waren, die auch nicht
gerade das Sinnbild der Romantik wiederspiegelten: gierige echsenf�rmige
K�pfe, aus denen Wasserstrahlen drangen - eine mittelalterliche, eben kein
renaissance- oder klassizistisch-angehauchte j�ngere Stadt eben - "Schicksal
nimm deinen Lauf", fiel ihr das Sprichwort ein.
Aber was sie zudem st�rte, waren diese vielen religi�sen Zeichen, die
�berall hier in dieser Stadt zu sehen waren: Kreuze, Heiligenplastiken und
dergleichen. Zum einen war sie in eine evangelische Familie hineingeboren
worden und zum anderen hatte sie es niemals mit der Religion gehabt, war
nahezu Atheistin gewesen, hatte zumindest seltenst in ihrem Leben eine
Kirche von innen gesehen. Hier jedoch traf man Schritt auf Schritt auf solch
religi�sen Insignien. �berall diese pathetischen Ausfl�sse von Schmerz und
Tod, sehr unappetitlich im Grunde genommen, wenn man es realistisch
betrachten konnte wie S�kularisierte wie sie. Am schlimmsten empfand sie
aber den gro�en Schmerzensmann am Kreuz, nackt, qualvoll-verstellt oder vor
Qualen sich verrenkend, nenne es, wie du willst, aber das war kein sch�ner
Anblick. Solche Dinge waren in Amerika kaum zu sehen, aber in Europa halt,
das katholische zudem, um's genau zu sagen.
Sie seufzte wieder, wahrscheinlich ein Gef�hl des Heimatverlustes?
Zum Teufel, warum aber war sie hierhergekommen? Ja, sie hatte in Amerika
dauernd an Europa denken m�ssen und nun, wo sie in Europa sa�, dachte sie
wehmutsvoll an Amerika! Es scheint fast so, also ob der Mensch niemals
zufrieden sein kann mit seinem Schicksalsort...
Nachmittags
Da sa� sie wieder mit Frau Sch�nleben, die ihr �berraschend einen Strau�
Blumen mitgebracht hatte. Wollte sie mit ihrem Besuch erfreuen? Aber warum
redete sie nicht? In der Tat sa� sie schon eine Viertel Stunde da und
brachte kein Wort heraus. Stattdessen blinzelte sie unaufh�rlich mit ihren
Wimpern und starrte gerade vor sich hin, wobei sie nicht leblos und unt�tig
war. Man merkte deutlich, dass ihr Gehirn auf Hochtouren lief und arbeitete.
Bis sie endlich einen Satz herausbrachte: "Sch�ner Tag heute, nicht wahr?",
waren allerdings wieder gute zehn Minuten verstrichen.
Sie stimmte nat�rlich zu, weil sie schon einmal froh war, das ihre
Gespr�chspartnerin wieder etwas herausgebracht hatte. Wenn sie selbst
erz�hlte, reagierte diese sofort und spontan, meist lachend, obwohl es nicht
unbedingt witzig war, was sie erz�hlte. Das war wohl so eine
Schicklichkeits-Marotte von ihr: lache stets, auch wenn der andere den
gr��ten Bl�dsinn sagt, so hat er das Gef�hl, er w�re geistreich und witzig.
"Ich habe heute nacht nicht schlafen k�nnen wegen des Nebels drau�en. Ich
kann Ihnen sagen: der drang auch in mein Zimmer herein. Da kann man wirklich
an Geister glauben, wenn so eine dicke Nebelschwade zum Fenster
hereinschwebt, durch den Raum und dann mitten darin zum Stillstand kommt,
verharrt und so aussieht, als schaue sie sich um, wohin es sich nun wenden
k�nne. Ja, als glotze sie mich permanent an."
Frau Sch�nleben lachte.
"Haben Sie wohl richtig Angst vor ihr?" verdruckstes Lachen hinter
vorgehaltener Mund.
`Mei, ist das vielleicht schaurig-sch�n, was?�, dachte sie bitter. `Na,
Hauptsache, Dich erfreut's.`
Denn ihr war bei dieser ganzen Sache alles andere als lustig zumute. Aber
was soll's, man gew�hnte sich auch daran.
So gr�belte sie vor sich hin, bis ihr bewusst wurde, ach je, ich habe ja
schon wieder zwei Minuten geschwiegen. Wie zu erwarten gewesen, war von Frau
Sch�nleben auch nichts gekommen.
Frau Sch�nleben, ehemalige Topmanagerin einer gro�en Firma - welch tiefer
Absturz jetzt.
Sie fragte sich schon, ob sie nicht etwas �bertreibe mit ihren Klagen und
Horrorschilderungen, nur um Frau Sch�nleben aus der Reserve zu locken. Je
krasser ihre Schilderungen, desto eindeutiger deren Reaktionen. Denn eins
war klar, wenn sie einmal redete, dann sprudelte es nur so aus Frau
Sch�nleben heraus und das durften nur Horrorszenarien sein, meist solche, wo
der andere, in diesem Fall sie, darunter zu leiden hatte.
Und so setzte sie ihre Schilderung fort, nur um ihre Gespr�chspartnerin zu
erfreuen.
"Und so ein Nebelgeist kann einem vielleicht ersticken, haha."
Alles nicht besonders geistreich, aber lachen dar�ber konnte man ja, einzig,
weil es ihr Vis-a-vis am�sierte. Diese selbst h�tte niemals ihr gegen�ber
wiederum eine Szene geschildert, wo ihr �bel mitgespielt wurde. Das r�hrte
bestimmt noch aus ihrer Zeit her, als sie Chefin war, wo oberstes Gebot
darstellte: stell dich immer ins rechte, gute Licht und niemals dein Licht
unter dem Scheffel.
Aber auch bei ihr ein tiefer Fall, die gesellschaftliche Karriereleiter
heruntergest�rzt, wie man so sagt. Wenngleich ihrerseits, wie gesagt, man
recht besehen nicht von einem Absturz reden konnte. Sie hatte ihr Leben
gelebt.
Abends
Es roch hier nach Urin. Es war dumpf und feucht, d�mmrig. Sie sa� gerne hier
auf der Bank, die so alt war, dass sich der hier ausbreitende Efeu am Boden
sich selbst schon um die Bankbeine kringelte. Nur dass doch hin und wieder
einer hier sa�, verhinderte, dass dieser Schmarotzer nicht schon das Holz
v�llig zugedeckt hatte.
Von dieser alten Bank aus, die hier an der Spitze der Halbinsel stand,
f�hlte sie sich abgetrennt von aller Welt. Man erblickte von unten her die
Dammw�nde des Flusses, sah hinauf zur alten, sandsteinernen Br�cke, von der
her es l�rmte von den hin- und hertreibenden Touristenstr�men und den
Einzelh�ndlermarktbuden, die die Br�cke bestanden und Quelle des L�rms
marktbeflissener Ausrufe der Kaufm�nner waren, der sich zwischen H�usern und
�ber der Flu�-Wasseroberfl�che als Echo hollywoodfilm-reifer T�ne brach.
Wenn in der Ferne die Kirchent�rme von der Sonne gelb leuchteten, hatte
dieser Anblick sogar etwas Jenseitiges. Am Unwirklichsten war die Aura, wenn
die Sonne sich durch die H�user brach und �ber dem ganzen Szenario ein
Sonnenglast wie einen Schleier legte, der dick wie Honig zu kleben schien.
Des Morgens, wo sie allerdings selten hier verweilte, war die Luft klar und
lilafarben.
Die Dammw�nde waren schwarz von der Feuchte. Um die Spitze der Halbinsel
waren morsche Holzpfl�cke eingelassen, als w�re es eine Mole. Aber nur ein
Boot, das des Hausmeisters, lag da an.
Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass hier, wo sie auf der Bank sa�,
einst ein st�mmiger Birkenbaum stand, den die Stadtverwaltung l�ngst
abges�gt hatte, wohl, wie es die Begr�ndung bei solchen Dingen hie�, die
herunterfallenden Bl�tenstempel zu viel Umst�nde der Pflege und Wartung
ben�tigten. Die Bl�ten verursachten Gries, der �berall, selbst auf der Bank,
herumlag und den wegzukehren wiederkehrende Arbeit verursachte, die auf
Dauer betriebswirtschaftlich als zu teuer und aufw�ndig taxiert wurde. Da
tat es ein pflegeleichter Baum auch. Nur hatte man nicht mehr das
interessante Muster eines Birkenbaumes. Und die Vielf�ltigkeit- und
Verzweigung der Ver�stelung. Und und.
Wenn man alt wurde und sah, wie man mit einer alten Stadt verfuhr, �bertrug
sich die krebsartig mutierende und zunehmende Trostlosigkeit und
Einsilbigkeit des Stadtbildes aufs Gem�t des Menschen. In letzter Zeit
verursachte diese abgeholzte Einf�ltigkeit Anf�lle von Verzweiflung, so dass
sie sich am liebsten auch abges�gt h�tte, wenn man das so sagen mag,
bildlich gesehen, am liebsten ins Wasser gesprungen und sich somit ertr�nkt
h�tte.