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Der Tod der Kritikerin - Auf der Flucht

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Werner Pentz

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Apr 12, 2013, 2:16:38 PM4/12/13
to

Ein hoher Ton schreckte mich aus meinem Fahrrausch, Landschaftstraum, meiner
Todessehnsucht - wir sind inzwischen aus dem Innenstadt-Bezirk heraus, weit
sind wir eh nicht gefahren, unser Pr�sidium hat eh mehr peripher als zentral
gelegen, G�rten, B�ume und B�sche s�umen Schreberh�uschen, Alleen umgehen
Villen und vereinzelte F�nfzigern-Einfamilienh�user- und dann ist der
Brennstoff alle, mein G�te, sorgt so ein Polizist heutzutage nicht mehr vor?
Das gibt es nicht, kaum 10 km gefahren und schon Benzintank leer.

Ich biege zu einer Tankstelle ab, die ich gl�cklicherweise kenne, ideal f�r
meine Lage, handelt es sich doch um eine Kopftankstelle: die Verfolger
m�ssen drau�en bleiben. Sie w�rden keine Bef�rchtung haben, das ich ihnen
entwischte: Einfahrt ist gleich Ausfahrt -die Maus musste wieder aus
demjenigen Loch kommen, in dem es entwischt ist.

Ich lasse den winselnden Begleiter, Verursacher unseres Zwischenstopps, im
Beifahrersitz zur�ck, als ich aus steige. Was sollte er schon anstellen als
Gefesselter? Vorsichtshalber nehme ich die Schl�ssel mit und versichere mir,
dass im Handschuhfach nichts Unliebsames liegt.

Ich tanke auf, geh zur Kasse, die nur ein kleines Kab�uschen darstellt. Es
handelt sich hier um eine Klickerles-Tankstelle, freie Tankstelle genannt,
billiges Benzin, aber null Service und Angebote medialer und
s��igkeitsbezogender W�nsche. Darin br�tet ein alter Bekannter vor sich hin.

Er, sonst stets l�chelnd, wenn er mich sieht, verspreche ich doch
abwechslungsvolle Unterhaltung, tut es heute nicht, kommt ihm komisch vor,
dass vor dem Tankstellenplatz blaublinkende, gr�ne Minna-Karosserien stehen.
Nichtsahnend, den Kopf gereckt, sp�ht er nach drau�en und fragt: "Was ist
hier los?"

"Wei� auch nicht!", und �ffne meine Geldb�rse. Ich habe es eilig. Heute habe
ich wei� Gott keine Zeit f�r Small-Talk.

W�hrend des Gesch�ftsvorgangs tauschen wir aber die �blichen
Konversationsfloskeln aus.

"Wie geht's?"

"Danke gut! Und selbst?"

Ich erblicke einen flimmernden Bildschirm, denke, aha, Video�berwachung,
denkste, korrigiere ich mich, Fernseher. Schlecht. Eine
Nachrichtensprecherin berichtet kaum h�rbar von einer Geiselnahme, ein
Fahrzeug wird gezeigt, identisch mit dem an der Zapfs�ule stehenden, direkt
vor uns, keine f�nf Meter nach der Fensterscheibe, die zur Zapfs�ulenbereich
hinausweist.

Instinktiv greife ich unter der Innenseite meines Jacketts zur Pistole, bis
ich begreife und wieder davon ablasse. Mein Bekannter bemerkt den
Zusammenhang nicht. Nur wundert er sich �ber das Blaulicht drau�en.

"Was da wohl los ist?", sagt er noch einmal.

"Keine Ahnung", tue ich arglos, "vielleicht ein Selbstm�rder."

"Kann sein!", meint er, als er mir das Wechselgeld in die Hand z�hlt. Hier
gibt es kaum Automaten f�r Wechselgeld zum Beispiel, primitivste Ausstattung
nur. Nur gut, dass meinem Bekannten seine Behinderung an der Hand, nur drei
Finger, bei dieser T�tigkeit nicht st�rt.

"Servus!", sage ich, er ebenso immer noch verwundert nach drau�en glotzend,
leicht depressiv, wie ich ihn kenne und trete vor das Kab�uschen auf den
schmutzigen Abtreter.

Ich greife in mein rechtes Sakkot�schchen, entnehme mir routinem��ig mit
spitzen Fingern eine Zigarette und greife in die andere Tasche nach meinem
Streichholzsch�chtelchen. Als ich mir gerade das Z�ndholz entbrannt habe und
gen Zigarette im Mund bewege, sehe ich zwei Automobile, dicke Mercedes Benz,
in den Tankstellenbereich herein- und an mein Fluchtauto heranfahren, links
und rechts davon. Verdamm mich, wer hinter den dicken Windschutzscheiben
sitzt da nur? Die Sonnenblenden verdecken jedoch die Gesichter.

Ich lasse den Schwefelstengel aus der Hand zu Boden fallen mitsamt Zigarette
und spurte los.

Es sind keine Cops, die da aus den dicken Fahrzeugen flott herausspringen,
es sind Italien-Giggolo-Typen, Kleider auf die braungebrannten Bodys
geb�gelt und haben jeder �ber die Schulter eine steife Tragetasche gehalten.

Ich st�rze auf mein Fluchtauto zu, egal wer oder was, ich muss mich
verschanzen, mich in Sicherheit bringen, meine Geiseln �berwachen, mein
leibhaftiges Unterpfand und meine einzige Lebensversicherung momentan.
W�hrend ich den Schlag aufrei�e und mich auf den Steuersitz plumpsen lasse,
bringe ich das Kunstst�ck zustande, meine Knarre aus der Innentasche des
Sakkos zu ziehen. Ziemlich Professionell. Sofort richte ich diese auf mein
lebhafte Police und halte sie diesem gegen die Schl�fe und atme auf - ich
bin gerettet.

Ich habe es geschafft, bevor die zwei links und rechts auf das Auto
heranst�rmen und in ihre steifen Taschen greifen, der eine schwere
Beta-Kamera herausziehend, der andere eine globige, mit einem
Windschutz-Aufsatz behaftetes Richtmikrofon.

Journalisten!

Ich wei� nicht, soll ich Erleichterung zulassen oder genervt sein, wie ich
es eben spontan empfinde?

Schwierig zu sagen. Da gilt es einiges abzuw�gen.

Aber zun�chst gilt es, Fehlalarm auszul�sen und die Glieder wieder
geschmeidig werden zu lassen, weil es sich um kein �berfallkommando der
Polizei handelt.



Werner Pentz

unread,
Apr 12, 2013, 3:22:26 PM4/12/13
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Ein hoher Ton schreckte mich aus meinem Fahrrausch, Landschaftstraum, meiner Todessehnsucht - wir sind inzwischen aus dem Innenstadt-Bezirk heraus, weit sind wir eh nicht gefahren, unser Präsidium hat mehr peripher als zentral gelegen, Gärten, Bäume und Büsche säumen Schreberhäuschen, Alleen umgehen Villen und vereinzelte Fünfzigern-Einfamilienhäuser– und dann ist der Brennstoff alle, mein Güte, sorgt so ein Polizist heutzutage nicht mehr vor? Das gibt es nicht, kaum 10 km gefahren und schon Benzintank leer.

Ich biege zu einer Tankstelle ab, die ich glücklicherweise kenne, ideal für meine Lage, handelt es sich doch um eine Kopftankstelle: die Verfolger müssen draußen bleiben. Sie würden keine Befürchtung haben, das ich ihnen entwischte: Einfahrt ist gleich Ausfahrt – die Maus musste wieder aus demjenigen Loch kommen, in dem es entwischt ist.

Ich lasse den winselnden Begleiter, Verursacher unseres Zwischenstopps, im Beifahrersitz zurück, als ich aus steige. Was sollte er schon anstellen als Gefesselter? Vorsichtshalber nehme ich die Schlüssel mit und versichere mir, dass im Handschuhfach nichts Unliebsames liegt.

Ich tanke auf, geh zur Kasse, die nur ein kleines Kabäuschen darstellt. Es handelt sich hier um eine Klickerles-Tankstelle, freie Tankstelle genannt, billiges Benzin, aber null Service und Angebote medialer und süßigkeitsbezogender Wünsche. Darin brütet ein alter Bekannter vor sich hin.

Er, sonst stets lächelnd, wenn er mich sieht, verspreche ich doch abwechslungsvolle Unterhaltung, tut es heute nicht, kommt ihm komisch vor, dass vor dem Tankstellenplatz blaublinkende, grüne Minna-Karosserien stehen. Nichtsahnend, den Kopf gereckt, späht er nach draußen und fragt: „Was ist hier los?“

„Weiß auch nicht!“, und öffne meine Geldbörse. Ich habe es eilig. Heute habe ich weiß Gott keine Zeit für Small-Talk.

Während des Geschäftsvorgangs tauschen wir aber die üblichen Konversationsfloskeln aus.

„Wie geht’s?“

„Danke gut! Und selbst?“

Ich erblicke einen flimmernden Bildschirm, denke, aha, Videoüberwachung, denkste, korrigiere ich mich, Fernseher. Schlecht. Eine Nachrichtensprecherin berichtet kaum hörbar von einer Geiselnahme, ein Fahrzeug wird gezeigt, identisch mit dem an der Zapfsäule stehenden, direkt vor uns, keine fünf Meter nach der Fensterscheibe, die zur Zapfsäulenbereich hinausweist.

Instinktiv greife ich unter der Innenseite meines Jacketts zur Pistole, bis ich begreife und wieder davon ablasse. Mein Bekannter bemerkt den Zusammenhang nicht. Nur wundert er sich über das Blaulicht draußen.

„Was da wohl los ist?“, sagt er noch einmal.

„Keine Ahnung“, tue ich arglos, „vielleicht ein Selbstmörder.“

„Kann sein!“, meint er, als er mir das Wechselgeld in die Hand zählt. Hier gibt es kaum Automaten für Wechselgeld zum Beispiel, primitivste Ausstattung nur. Nur gut, dass meinem Bekannten seine Behinderung an der Hand, nur drei Finger, bei dieser Tätigkeit nicht stört.

„Servus!“, sage ich, er ebenso immer noch verwundert nach draußen glotzend, leicht depressiv, wie ich ihn kenne und trete vor das Kabäuschen auf den schmutzigen Abtreter.

Ich greife in mein rechtes Sakkotäschchen, entnehme mir routinemäßig mit spitzen Fingern eine Zigarette und greife in die andere Tasche nach meinem Streichholzschächtelchen. Als ich mir gerade das Zündholz entbrannt habe und gen Zigarette im Mund bewege, sehe ich zwei Automobile, dicke Mercedes Benz, in den Tankstellenbereich herein- und an mein Fluchtauto heranfahren, links und rechts davon. Verdamm mich, wer hinter den dicken Windschutzscheiben sitzt da nur? Die Sonnenblenden verdecken jedoch die Gesichter.

Ich lasse den Schwefelstengel aus der Hand zu Boden fallen mitsamt Zigarette und spurte los.

Es sind keine Cops, die da aus den dicken Fahrzeugen flott herausspringen, es sind Italien-Giggolo-Typen, Kleider auf die braungebrannten Bodys gebügelt und haben jeder über die Schulter eine steife Tragetasche gehalten.

Ich stürze auf mein Fluchtauto zu, egal wer oder was, ich muss mich verschanzen, mich in Sicherheit bringen, meine Geiseln überwachen, mein leibhaftiges Unterpfand und meine einzige Lebensversicherung momentan. Während ich den Schlag aufreiße und mich auf den Steuersitz plumpsen lasse, bringe ich das Kunststück zustande, meine Knarre aus der Innentasche des Sakkos zu ziehen. Ziemlich Professionell. Sofort richte ich diese auf mein lebhafte Police und halte sie diesem gegen die Schläfe und atme auf – ich bin gerettet.

Ich habe es geschafft, bevor die zwei links und rechts auf das Auto heranstürmen und in ihre steifen Taschen greifen, der eine schwere Beta-Kamera herausziehend, der andere eine globige, mit einem Windschutz-Aufsatz behaftetes Richtmikrofon.

Journalisten!

Ich weiß nicht, soll ich Erleichterung zulassen oder genervt sein, wie ich es eben spontan empfinde?

Schwierig zu sagen. Da gilt es einiges abzuwägen.

Aber zunächst gilt es, Fehlalarm auszulösen und die Glieder wieder geschmeidig werden zu lassen, weil es sich um kein Überfallkommando der Polizei handelt.

 

Wundert man sich, dass die beiden Hyänen problemlos die Polizeiautos passieren durften? Keiner, ich weiß. Die Presse hat die Macht im Staat, das weiß jeder. Wie sie diese in meinem Fall und Beispiel ausüben, soll jetzt demonstriert werden.

Okay, ich komme ihnen entgegen, betätige das Elektrofenster an meiner Seite.

„Herr Entführer, wir begrüßen Sie!“

„Danke, ich Sie auch. Ich habe Sie schier schon vermisst.“ Ich sage das bewusst ironisch, aber der Journalist fasst es anders ab.

„Das tut uns Leid, wir haben uns sofort auf die Achsen gemacht, als wir es erfuhren, das dürfen Sie uns glauben.“ Es gibt wohl keinen eifernderen, fanatischeren und gläubigeren Sanyasin, Novizen und Konfirmanten der Presse als ich.

Trotzdem brumme ich missvergnügt.

„Also, entschuldigen Sie noch einmal.“

Ich sage trotzdem „bitte sehr“, will ja kein Spielverderber sein. Aber sie sollen mich schon kennenlernen, schwöre ich mir vor.

„Nun, Sie haben hier eine Geisel…“ Die andere Hyäne leuchtet mit einem starken Lämpchen ins Auto hinein an mir vorbei auf den Polizisten, der geblendet die Hände als Schirme über seine Augen legt. Er hat ohnehin Schmerzen, aber darauf, auf diese starke Lichteinstrahlung wird es eh nicht ankommen, wird der Journalist denken und die gesamte freie Pressewelt.

Der andere spricht mich an: „Dürfen wir ihn interviewen?“

Er grinst mich verschwörerisch an, meint, teilen wir uns doch gerecht die Beute, nicht wahr Herr Hai Nummer Zwo. Er selbst hält sich natürlich für Hai Nummer eins, worauf sie Gift nehmen können.

Ich mache eine bejahende Geste, was soll’s.

Der Interviewer spricht zuerst ins Mikrofon, bevor er es an meiner Nase vorbei zum Polizisten recken wird: „Wir haben die freundliche Genehmigung des Geiselnehmers erhalten, dass wir die Geisel befragen dürfen, was nun geschieht.

“Wie fühlen Sie sich, Herr Polizist?“

Hat man je schon eine schwachsinnigere Frage unter diesen Umständen gehört, wohl kaum. Ach, ich will das hier nicht weiter im Detail erzählen, so und noch erbärmlicher geht das jedenfalls weiter, bis ich Stopp rufe. Ich muss klarstellen, wer hier über den Lokus herrscht, oder nicht. Irgendwann muss ich Fahnen hissen, die verkünden: Leute, das hier ist kein Spiel, gedenkt zwischendurch des Ernstes der Lage. Die Hyänen haben jedenfalls sofort diesen dramaturgischen Akzent verstanden. Sie fahren mit Licht und Kamera zurück und konzentrieren sich wieder auf den Bösewicht, meine Wenigkeit.

Während der Bearbeitung der Raubfische von ihrer Beute habe ich meinerseits Zeit gehabt, in Ruhe über diese neue Wende im Handlungsablauf nachzudenken, hinsichtlich: gut für mich oder schlecht? Was erfolgt daraus, was bedeutet es, einfach alles eben. Und ich bin insgesamt zu folgenden Ergebnis gekommen: die Presse ist sehr, sehr, sehr gut für mich und meinem Zweck, als Schriftsteller herausgestellt zu werden, aber sehr, sehr, sehr schlecht hinsichtlich dessen, was dann mein Ziel, das Sich-Erschießen-Lassen anbelangt und bedeutet. Durch ersteres wird nämlich zweiteres obsolet.

Denn ich werde mit einem Mal jetzt durch dieses Interview, das in die breite Öffentlichkeit-Gestoßenwerdens durch die Hyänen- und Haien-Staatsmacht als Schriftsteller mit einem Schlag berühmt. Es ist schlicht zu erwarten, dass die Leute am nächsten Tag die Buchläden werden stürmen, um ein Exemplar eines der Bücher von diesem Bösewicht zu ergattern. Nun, was soll daraufhin noch das Erschießenwerden, das ist die Crux. Sie ist völlig überflüssig geworden, kostet nur unnützes Menschenleben, obendrein noch meines, verdamm mich, in welch beschissene Sackgasse bin ich da geraten.

 

 

Buch erhältlich unter:

http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.html

 

 

 

Werner Pentz

unread,
Apr 22, 2013, 1:53:45 PM4/22/13
to

 

Ein hoher Ton schreckt mich aus meinem Fahrrausch, Landschaftstraum, meiner Todessehnsucht - wir sind inzwischen aus dem Innenstadt-Bezirk heraus, weit sind wir eh nicht gefahren, unser Präsidium hat mehr peripher als zentral gelegen. Gärten, Bäume und Büsche säumen Schrebergartenhäuschen, Alleen umgehen Villen und vereinzelte Fünfzigern-Einfamilienhäuser – und dann ist der Brennstoff alle. Meine Güte, sorgt so ein Polizist heutzutage nicht mehr vor? Das gibt es nicht, kaum 10 km gefahren und schon Benzintank leer.

Ich biege zu einer Tankstelle ab, die ich glücklicherweise kenne, ideal für meine Lage, handelt es sich doch um eine Kopftankstelle: die Verfolger müssen draußen bleiben. Sie würden keine Befürchtung haben, das ich ihnen entwische: Einfahrt ist gleich Ausfahrt – die Maus muss wieder aus demjenigen Loch kommen, in dem es entwischt ist.

Ich lasse den winselnden Begleiter, Verursacher unseres Zwischenstopps, im Beifahrersitz zurück, als ich aussteige. Was sollte er schon anstellen als Gefesselter? Vorsichtshalber nehme ich die Schlüssel mit und versichere mir, dass im Handschuhfach nichts Unliebsames liegt.

Ich tanke auf, gehe zur Kasse, die nur ein kleines Kabäuschen darstellt. Es handelt sich hier um eine Klickerles-Tankstelle, freie Tankstelle genannt, billiges Benzin, aber null Service und kaum Angebote medien- und süßigkeitsbezogender Wünsche. Darin brütet ein alter Bekannter vor sich hin.

Sonst stets lächelnd, wenn er mich sieht, verspreche ich doch abwechslungsvolle Unterhaltung, tut er es heute nicht, kommt ihm komisch vor, dass vor dem Tankstellenplatz blaublinkende, grüne Minna-Karosserien stehen. Nichtsahnend, den Kopf gereckt, späht er nach draußen und fragt: „Was ist hier los?“

Ihm scheint auch völlig meine Verquickung mit einem Bullenauto entgangen zu sein. Wahrscheinlich hat er wieder zu viele Medikamente intus.

„Weiß auch nicht!“, und öffne meine Geldbörse. Ich habe es eilig. Heute habe ich weiß Gott keine Zeit für Small-Talk.

Während des Geschäftsvorgangs tauschen wir die üblichen Konversationsfloskeln aus.

„Wie geht’s?“

„Danke gut! Und selbst?“

Ich erblicke einen flimmernden Bildschirm, denke, aha, Videoüberwachung, denkste, korrigiere ich mich, Fernseher. Schlecht. Eine Nachrichtensprecherin berichtet kaum hörbar von einer Geiselnahme, ein Fahrzeug wird gezeigt, identisch mit dem an der Zapfsäule stehenden, direkt vor uns, keine fünf Meter nach der Fensterscheibe, die zur Zapfsäulenbereich hinausweist.

Instinktiv greife ich unter der Innenseite meines Jacketts zur Pistole, bis ich begreife und wieder davon ablasse. Mein Bekannter bemerkt den Zusammenhang nicht. Nur wundert er sich über das Blaulicht draußen.

„Was da wohl los ist?“, sagt er noch einmal.

„Keine Ahnung“, tue ich arglos, „vielleicht ein Selbstmörder.“

„Kann sein!“, meint er, als er mir das Wechselgeld in die Hand zählt. Hier gibt es kaum Automaten für Wechselgeld zum Beispiel, primitivste Ausstattung nur. Nur gut, dass meinem Bekannten seine Behinderung an der Hand, drei Finger an einer, bei dieser Tätigkeit nicht stört.

„Servus!“, sage ich, er ebenso, immer noch verwundert nach draußen glotzend. Ja, Selbstmörder klingt für einen logisch, der ohnehin leicht depressiv ist.

Ich trete erleichtert aus dem Kabäuschen auf den schmutzigen Ableger, greife in mein rechtes Sakkotäschchen, entnehme mir routinemäßig mit spitzen Fingern eine Zigarette und greife in die andere Tasche nach meinem Streichholzschächtelchen. Als ich mir gerade das Zündholz entbrannt habe und gen Zigarette im Mund bewege, sehe ich zwei Automobile, dicke Mercedes Benz, in den Tankstellenbereich herein- und an mein Fluchtauto heranfahren, links und rechts davon.

Verdamm mich, wer hinter den dicken Windschutzscheiben sitzt da nur? Die Sonnenblenden verdecken jedoch die Gesichter.

Ich lasse den Schwefelstengel zu Boden fallen mitsamt Zigarette und spurte los.

Es sind keine Cops, die da aus dicken Fahrzeugen flott herausspringen, es sind Italien-Giggolo- und Kleider-machen-Leute-Typen, deren Umhänge gleichsam auf die gebräunten Bodys gebügelt sind und tragen jeder über die Schulter eine steife Tragetasche.

Ich stürze auf mein Fluchtauto zu, egal wer oder was, ich muss mich verschanzen, mich in Sicherheit bringen, meine Geiseln überwachen, mein leibhaftiges Unterpfand und meine einzige Lebensversicherung momentan. Während ich den Schlag aufreiße und mich auf den Steuersitz plumpsen lasse, bringe ich das Kunststück zustande, meine Knarre aus der Innentasche des Sakkos zu ziehen, diese sofort gegen die Schläfe meiner leibhaftige Police zu halten und atme auf – ich bin gerettet.

Ich habe es geschafft, bevor die zwei links und rechts auf das Auto heranstürmen und in ihre steifen Taschen greifen, der eine eine schwere Beta-Kamera herausziehend, der andere eine klobige, mit einem Windschutz-Aufsatz behaftetes Richtmikrofon.

Journalisten!

Ich weiß nicht, soll ich Erleichterung zulassen oder genervt sein, wie ich es eben spontan empfinde?

Schwierig zu sagen. Da gilt es einiges abzuwägen.

Aber zunächst gilt es, Fehlalarm auszulösen und sich wieder zu entspannen, weil es sich um kein Überfallkommando der Polizei handelt.

 

Wundert man sich, dass die beiden Hyänen problemlos die Polizeiautos passieren durften? Keiner, ich weiß. Die Presse hat die Macht im Staat, das weiß ein jeder. Ein schönes Beispiel, wir in meinem Fall, wird nun exemplifiziert.

Okay, ich komme ihnen entgegen, betätige das Elektrofenster an meiner Seite.

„Herr Entführer, wir begrüßen Sie!“

„Danke, ich Sie auch. Ich habe Sie schier schon vermisst.“

Es gibt wohl keinen eifernderen, fanatischeren und gläubigeren Sanyasin, Novizen und Konfirmanten der Presse als ich.

Der Journalist fasst es anders auf, typisch für sein Metier.

„Das tut uns Leid, wir haben uns sofort auf die Achsen gemacht, als wir es erfuhren, das dürfen Sie uns glauben.“ Trotzdem brumme ich missvergnügt.

„Also, entschuldigen Sie noch einmal.“

Ich sage trotzdem „bitte sehr“, will ja kein Spielverderber sein. Aber sie sollen mich schon kennenlernen.

Sie haben hier eine Geisel…“ Die andere Hyäne leuchtet mit einem starken Lämpchen ins Auto hinein an mir vorbei auf den Polizisten, der geblendet die Hände als Schirm über seine Augen legt. Er hat ohnehin Schmerzen, aber darauf, auf diese starke Lichteinstrahlung wird es eh nicht ankommen, wird der Journalist denken und die gesamte freie Pressewelt.

Der andere spricht mich an: „Dürfen wir ihn interviewen?“

Er grinst mich verschwörerisch an, meint, teilen wir uns doch gerecht die Beute, nicht wahr Herr Hai Nummer Zwo. Er selbst hält sich natürlich für Hai Nummer eins, worauf sie Gift nehmen können. Die ganze Gesellschaft hat er doch unter seiner Kontrolle.

Ich mache eine bejahende Geste, was soll’s.

Der Interviewer spricht zuerst ins Mikrofon: „Wir haben die freundliche Genehmigung des Geiselnehmers erhalten, dass wir die Geisel befragen dürfen, was nun geschieht.“ Dann reckt er sein Folterinstrument mit Nase vorbei an mir zum Polizisten hin:

„Wie fühlen Sie sich, Herr Geisel?“

Hat man je schon eine schwachsinnigere Frage unter diesen Umständen gehört, wohl kaum. Ach, ich will das hier nicht weiter im Detail erzählen, so und noch erbärmlicher geht das jedenfalls weiter, bis ich Stopp rufe. Ich muss klarstellen, wer hier die Pantoffel anhat und über den Lokus herrscht. Irgendwann muss ich Fahnen hissen, die verkünden: Leute, das hier ist kein Spiel, gedenkt zwischendurch des Ernstes der Lage. Die Hyänen haben sofort diesen dramaturgischen Akzent verstanden. Schon haben sie sich mit Licht und Kamera von unserem Opfer zurückgezogen und konzentrieren sich wieder auf den Bösewicht, meine Wenigkeit.

 

Während der Bearbeitung der Raubfische von ihrer Beute habe ich meinerseits Zeit gehabt, in Ruhe über diese neue Wende im Handlungsablauf nachzudenken, hinsichtlich: gut für mich oder schlecht? Was folgt daraus, was bedeutet es, einfach alles eben. Und ich bin insgesamt zu folgendem Ergebnis gekommen: die Presse ist sehr, sehr, sehr gut für mich und meinem Zweck, als Schriftsteller herausgestellt zu werden, aber sehr, sehr, sehr schlecht hinsichtlich dessen, was dann mein Ziel, das Sich-Erschießen-Lassen anbelangt und bedeutet. Durch Ersteres wird nämlich Zweites obsolet.

Denn ich werde mit einem Mal jetzt durch dieses Interview, des In-die-Öffentlichkeit-Gestoßenwerdens mittels der Hyänen- und Haien-Staatsmacht mit einem Schlag als Schriftsteller berühmt. Es ist schlicht zu erwarten, dass die Leute am nächsten Tag die Buchläden werden stürmen, um ein Exemplar eines der Bücher von diesem Bösewicht zu ergattern. Die Crux ist: was soll daraufhin noch das Erschießenwerden? Sie wird völlig überflüssig geworden sein, kostet nur unnützes Menschenleben, obendrein noch meines, verdamm mich, in welch beschissene Sackgasse bin ich da geraten?

Werner Pentz

unread,
Apr 24, 2013, 1:07:59 AM4/24/13
to

 Soeben erreicht mich die Nachricht, dass mein Text noch "Große Scheiße" ist. Und so habe ich ihn neu überarbeitet. Ich hoffe, dass er wenigstens nur noch ein kleiner Scheißhaufen ist. Mehr ist wohl nicht zu erwarten, zumal mir das konstruktive Feedback mangelt.

 

 

Ein hoher Ton schreckt mich aus meinem Fahrrausch, Landschaftstraum, meiner Todessehnsucht – aus dem Innenstadt-Bezirk sind wir mittlerweile heraus, keine weite Fahrt, denn unser Präsidium hat mehr peripher als zentral gelegen. Gärten, Bäume und Büsche säumen Schrebergartenhäuschen, Alleen umgehen Villen und vereinzelte Fünfziger-Einfamilienhäuser – und dann ist der Brennstoff alle. Meine Güte, sorgt so ein Polizist heutzutage nicht mehr vor? Das gibt es nicht, kaum 10 km gefahren und schon Benzintank leer.

Ich biege zu einer Tankstelle ab, die ich glücklicherweise kenne, ideal für meine Lage, handelt es sich doch um eine Kopftankstelle: die Verfolger müssen draußen bleiben. Allerdings, die Maus muss wieder aus demjenigen Loch kommen, in dem es entwischt ist – so dass die Verfolger keine Befürchtungen haben müssen, ich entwische ihnen.

Vorsichtshalber nehme ich die Schlüssel mit und versichere mir, dass im Handschuhfach nichts Unliebsames liegt. Zudem klappe ich den Sichtschutz herunter, sicher ist sicher. Ich lasse den winselnden Begleiter, Verursacher unseres Zwischenstopps, im Beifahrersitz zurück, als ich aussteige. Was sollte er schon anstellen als Gefesselter?

Ich tanke auf, gehe zur Kasse, die nur ein kleines Kabäuschen darstellt. Es handelt sich hier um eine Klickerles-Tankstelle, freie Tankstelle genannt, billiges Benzin, aber null Service und alle Wünsche medien- und süßigkeitsbezogender Hinsicht bleiben unerfüllt. Gut, ein paar Schokoriegeln gibt es schon, das Hetzblatt Nummer eins der  Republik auch, aber das war’s dann.

Hier brütet ein alter Bekannter von mir vor sich hin.

Sonst stets lächelnd, wenn er mich sieht, verspreche ich doch abwechslungsvolle Unterhaltung, schaut er jetzt besorgt drein, kommt ihn wohl komisch vor, dass vor dem Tankstellenplatz blaublinkende, grüne Minna-Karosserien stehen. Nichtsahnend, den Kopf gereckt, späht er nach draußen und fragt: „Was ist hier los?“

Ihm scheint auch völlig meine Verquickung mit einem Bullenauto entgangen zu sein. Wahrscheinlich hat er wieder zu viele Medikamente intus.

„Weiß auch nicht!“ und öffne meine Geldbörse. Ich habe es eilig. Heute habe ich weiß Gott keine Zeit für Small-Talk.

Ich versuche abzulenken und während des Geschäftsvorgangs die üblichen Konversationsfloskeln auszutauschen.

„Wie geht’s?“

„Danke gut! Und selbst?“

Ich erblicke einen flimmernden Bildschirm, denke, aha, Videoüberwachung, denkste, korrigiere ich mich, Fernseher. Schlecht. Eine Nachrichtensprecherin berichtet kaum hörbar von einer Geiselnahme, ein Fahrzeug wird gezeigt, identisch mit dem an der Zapfsäule stehenden, direkt vor uns, keine fünf Meter nach der Fensterscheibe, die zur Zapfsäulenbereich hinausweist.

Instinktiv greife ich unter der Innenseite meines Jacketts zur Pistole, bis ich begreife und wieder davon ablasse. Mein Bekannter bemerkt den Zusammenhang zunächst nicht. Nur wundert er sich über das Blaulicht draußen, vor seinem Hoheitsgebiet sozusagen.

„Was da wohl los ist?“, sagt er noch einmal.

„Keine Ahnung“, tue ich arglos, „vielleicht ein Selbstmörder.“

„Kann sein!“, meint er, als er mir das Wechselgeld in die Hand zählt. Hier gibt es kaum Automaten für Wechselgeld zum Beispiel, primitivste Ausstattung nur. Nur gut, dass mein Bekannten das Kunststück zustande bringt, mit einer Hand, an der nur drei Finger sind, reibungslos seine Tätigkeit auszuführen. Die andere Hand liegt nach hinten gedreht stets an der Seite funktionsuntüchtig an.

„Servus!“, sage ich, er ebenso, immer noch verwundert nach draußen glotzend. Ja, Selbstmörder klingt für einen logisch, der ohnehin leicht depressiv ist.

„Bist heute mit einem Polizeiwagen unterwegs!?“ Mist, hat er es doch gemerkt, der Schlaumeier. Doch ich bleibe cool. Ich mich nicht keineswegs abrupt um, was verdächtig gewesen wäre. Nein, ich schaue arglos aus den vergitterten Fenster hinaus, als ob ich dieses obskure Objekt da draußen das erste Mal in meinem Leben wahrnehmen würde. Dank der Paranoia der Ordnungsmacht kann man den im Innenraum sitzenden Begleiter nicht erkennen. Die Sitze sind verdächtig tief in die Karosserie eingelassen. Der heruntergeklappte Sichtschutz tut das seine.

„Weißt, ich bin in geheimer Mission unterwegs heute“, wende mich ihm zu, zwingere mit einem Auge und trete erleichtert aus dem Kabäuschen auf den schmutzigen Ableger hinaus, vor dem der Kunde sich die  Füße abstreifen darf, bevor er eintritt. An der linken Seite ist ein diesbezügliches Schild angebracht: Bitte Haxen abstreifen.

Zeit, Pause zu machen.

Meine Blick wandert in die polizei-streifen-Konvoi-abgewandte Seite hier auf die weit sich erstreckenden Äcker und Felder, auf die bereits die Dämmerung hereingebrochen ist. Der Wind trägt einige Staubwolken über die sandigen Äcker. In der Ferne blitzt es, eine schwüle, dichte Wolkenbank hat sich am Horizont aufgebaut, bereit zu explodieren. Der Donner hat aufgehört, Zeichen, dass es gleich losschlagen wird.

Ich greife in mein rechtes Sakkotäschchen, entnehme mir gekonnt mit spitzen Fingern eine Zigarette aus der Schachtel und greife in die andere Tasche nach meinem Streichholzschächtelchen. Als ich mir gerade das Zündholz entbrannt habe und gen Zigarette im Mund bewege, sehe ich zwei Automobile, dicke Mercedes Benz, in den Tankstellenbereich herein- und im Begriffe, an mein Fluchtauto heranfahren, links und rechts davon.

Verdamm mich, wer hinter den dicken Windschutzscheiben sitzt da nur? Die Sonnenblenden verdecken jedoch Gesichter.

Ich lasse den Schwefelstengel zu Boden fallen mitsamt Zigarette und spurte los.

Es sind keine Cops, die da aus dicken Fahrzeugen flott herausspringen, es sind Italien-Giggolo- und Kleider-machen-Leute-Typen, deren Umhänge gleichsam auf die gebräunten Bodys gebügelt sind und tragen jeder über die Schulter eine steife Tragetasche.

Ich stürze auf mein Fluchtauto zu, muss mich verschanzen, mich in Sicherheit bringen, meine Geiseln überwachen, mein leibhaftiges Unterpfand und einzige Lebensversicherung momentan. Während ich den Schlag aufreiße und auf den Steuersitz plumpsen, bringe ich das Kunststück zustande, meine Knarre aus der Innentasche des Sakkos zu ziehen, diese sofort gegen die Schläfe meiner leibhaftige Police zu halten und atme auf – ich bin gerettet.

Geschafft, bevor die zwei Heinis links und rechts ans Auto heranstürmen und in ihre steifen Taschen greifen, einer eine schwere Beta-Kamera herausziehend, der andere eine klobige, mit einem Windschutz-Aufsatz behaftetes Richtmikrofon.

Journalisten!

Ich weiß nicht, soll ich Erleichterung zulassen oder genervt sein, wie ich es eben spontan empfinde?

Schwierig zu sagen. Da gilt es einiges abzuwägen.

Aber zunächst gilt es, Fehlalarm auszulösen und sich wieder zu entspannen, weil es sich um kein Überfallkommando der Polizei handelt.

Mit einem Mal  bricht das Unwetter los und ergießt sich in schweren Strömen auf uns nieder. Ein halbherzig gebautes, windiges Überdach hält das Gros des Regens fern. Glücklicherweise sitze ich im Auto. Den außerhalb herumscharwenzelnden Journalisten trifft es allerdings ziemlich kalt. Es gibt noch eine Gerechtigkeit auf der Welt!

 

Wundert man sich, dass die beiden Hyänen problemlos die Polizeiauto-Sperre passieren durften? Keiner, ich weiß. Über die Macht der Presse im Staate weiß wohl ein jeder Bescheid, hoffe ich. Wie ungeniert diese es treiben, wird nun in einem schönen Beispiel, leider in meinem Fall, eindrucksvoll-abstoßend exemplifiziert.

Okay, ich komme ihnen entgegen, betätige das Elektrofenster an meiner Seite.

„Herr Entführer, wir begrüßen Sie!“

„Danke, ich Sie auch. Ich habe Sie schier schon vermisst.“

Es gibt wohl keinen eifernderen, fanatischeren und gläubigeren Sanyasin, Novizen und Konfirmanten der Presse als ich.

Der Journalist fasst es anders auf, typisch für sein Metier. Außerdem ist er es nicht anders gewohnt, dass man vor ihm liebedienert.

„Das tut uns leid, wir haben uns sofort auf die Achsen gemacht, als wir es erfuhren, das dürfen Sie uns glauben.“

Ich brumme missvergnügt.

„Also, entschuldigen Sie noch einmal.“

Ich sage trotzdem „Bitte sehr“,  lass noch mal Gnade vor Recht ergehen und will zudem keineswegs als Spielverderber erscheinen. Wohin kämen wir denn da, in einer totalen, gläsernen Welt des Journalismus?

Aber sie sollen mich schon kennenlernen.

„Sie haben hier eine Geisel…“

Die andere Hyäne leuchtet mit einem starken Lämpchen ins Auto hinein an mir vorbei auf den Polizisten, der geblendet die Hände als Schirm über seine Augen legt. Ohnehin hat er Schmerzen wie die Sau, aber darauf, auf den Blendungsschmerz der starke Lichteinstrahlung wird es eh nicht mehr ankommen, denkt der Journalist und mit ihm die gesamte freie Pressewelt.

„Dürfen wir ihn interviewen?“

Der andere grinst mich verschwörerisch an, meint, teilen wir uns doch gerecht die Beute, nicht wahr Herr Hai Nummer Zwo. Sie können Gift darauf nehmen, dass er sich selbst natürlich für Hai Nummer eins halt. Halten doch er und Seinesgleichen die ganze Gesellschaft unter Geiselhaft.

Ich mache eine bejahende Geste, was soll’s.

Der Interviewer spricht zuerst ins Mikrofon, gewendet zur Kamera des anderen: „Wir haben die freundliche Genehmigung des Geiselnehmers erhalten, dass wir die Geisel befragen dürfen, was nun geschieht.“ Dann reckt er sein Folterinstrument mit Nase vorbei an mir zum Polizisten hin:

„Wie fühlen Sie sich, Herr Geisel?“

Eine schwachsinnigere Frage unter diesen Umständen hat die freie Welt noch gehört. Ach, ich will das hier nicht weiter im Detail erzählen, so und noch erbärmlicher geht das jedenfalls weiter, bis ich Stopp rufe. Ich muss klarstellen, wer hier die Pantoffel anhat und über den Lokus herrscht. Irgendwann muss ich Fahnen hissen, die verkünden: Leute, das hier ist kein Spiel, gedenkt zwischendurch des Ernstes der Lage. Die Hyänen haben sofort diesen dramaturgischen Akzent verstanden. Schon haben sie sich mit Licht und Kamera von unserem Opfer zurückgezogen und konzentrieren sich wieder auf den Bösewicht, meine Wenigkeit.

Nun wird der König interviewt.

Ich gebe nur verhalten Auskunft.

Doch soviel erfährt der Bürger dieses freien Staates schon. Mein Motiv. Umständlich zu verklickern, ich weiß. Deswegen kriegt er es nur rudimentär auf dem Silbertablett präsentiert. Höchst unsicher wäre ohnehin zu wissen, was wirklich rüberkommt. Deshalb halt ich  mich auch nicht auf bei umständlichen Erklärungen. Ich liefere den Gaffern vorm Bildschirm einfach das, was sie brauchen: das Blutrünstige, das  Brutale, das einzig Wichtige nämlich, das Böse. Muss hier wiederholt werden: Mord, Entführung, etc pp.?

Danach habe ich ein befriedigendes Gefühl. Der letzte Depp in der äußersten Ecke der Republik wird es gerafft haben wird, das hier ein Verzweifelter (Schriftsteller) sich in die Ecke getrieben fühlt wie ein räudiger, gehetzter Hund und bereit ist, zurückzubeißen, wie, wo, warum und so weiter er nur kann und muss.

Ein Höchstmaß an Spannung ist also garantiert, mit allem zu rechnen, live, in Echtzeit. Die Journalisten geifern schon ob ihrer gefunden „Großen Story“ ihres Lebens.

So ist jedem gedient!

 

Zwischendurch überlege ich: was bedeutet die Wende im Handlungsablauf: gut für mich oder schlecht?

Welche praktischen Konsequenzen folgen, müssen daraus gezogen werden, sprich, was ist zu tun, zu machen, handeln, einfach alles eben.

Summa summarum bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen: die Presse ist sehr, sehr, sehr gut für mich und meinem Zweck, als Schriftsteller herausgestellt zu werden, aber sehr, sehr, sehr schlecht hinsichtlich dessen, was dann mein Ziel, das Sich-Erschießen-Lassen anbelangt und bedeutet. Durch Ersteres wird nämlich Zweites obsolet.

Mit diesem Interview, mit diesem In-die-Öffentlichkeit-Katapultiertwerdens mittels der Hyänen- und Haien-Staatsmacht bin ich schlagartig als Schriftsteller berühmt gewordne, das steht fest. Schlicht gesagt, es ist zu erwarten, dass die Leute, die Meute, die sich auserwählt fühlenden unter der Herde der Fernsehjunkies morgens die Buchläden wird stürmen, um ein Exemplar eines der Bücher von diesem Bösewicht zu ergattern.

Die Crux ist allerdings: was soll jetzt noch das Erschießenwerden?

Sie ist völlig überflüssig geworden, kostet nur unnützes Menschenleben, obendrein noch meines, verdamm mich, in welch beschissene Sackgasse bin ich da geraten!?

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