Ich bedeute dem Journalisten mit einer Handgeste, die einem Herrscher ziemt, die Audienz sei beendet, beuge mich vor und will gerade den Starter betätigen.
Doch der Journalist und sein Kompagnon lassen nicht locker, verschwinden einfach nicht vollständig aus dem Fenster, einer hat noch einen Unterarm darauf gelehnt, der andere hält weiterhin unverrückt seine Lichtfunzel sowie Kamera ins Auto. Schlecht kann ich so starten, ohne jemanden zu verletzten. Reizen würde es mich schon sehr.
„Warten Sie noch einen Moment“, sagt er nicht – solche Tiere muss man vertreiben, bevor sie von ihrer Beute lassen. Als welches Tier bezeichnete ich ihn? Genau!
Man kennt das: du hast Dich unter Druck gesetzt, dies und jenes zu erledigen, obwohl du längst schon im Hirn die Überflüssig- und Überholtheit des Ziels Deiner Handlung erkannt hast, trotzdem kannst Du Dich nicht stoppen und beruhigen. Du musst es tun. In der gleichen Lage befinde ich mich nun auch.
Ich setze bereits wieder mit meinen zwei Fingern an dem Schlüssel an, doch irgendwas hält mich vom erneuten Starten ab. Die Journalisten sind ehrfürchtig zurückgetreten, warten nur, bis ich starte, erkennen mein Zögern und nutzen es sofort aus, indem der eine wieder seine bleckenden Raubtierzähne ins Auto herein schimmern lässt.
Es muss seine Bedeutung haben, dass ich so lange zögere und dass mich die Journalisten nicht ungehindert ziehen lassen, sage ich orakelhaft. Mensch denk mal nach! Fliehen hat ja jetzt auch keinen Zweck mehr – du bist bestimmt schon in aller Munde, bekannt wie ein bunter Hund. Was also kannst Du noch Sinnvolles tun für Dein Ziel, Berühmtheit zu erlangen. Nichts! Eigentlich nichts! Oder?
Da kommt mir eine Idee.
Die Hyänen fressen mir doch jetzt wie die Lakaien und Verhungernde aus der Hand. Die Gelegenheit, sich erst einmal ein Heißgetränk von diesen Kanaillen bringen zu lassen, ist einmalig. Aber an dieser Klickerlestankstelle gibt es so etwas ja nicht, macht nichts, die Journalisten werden Tod und Teufel in Bewegung setzen, um dir einen Capuccino, Kaffee oder dergleichen zu besorgen, nur um dich noch eine paar Minuten länger in ihrer Rechweite zu haben. Ja, darauf kannst du getrost Deine Seele verwetten!
So geschehen.
Als ob sie darauf gewartet hätten und sich nicht s Besseres vorstellen können, flitzt einer los, in der vagen Hoffnung, ein paar Sendeminuten mit dem Ungeheuer mehr herauszuschlagen. Da rollt der Rubel, herrje!
Ich setze fernsehwirksam den Lauf der Pistole auf des Polizisten Schädel. Der Kameramann, ganz kirre und gleichsam sabbernd wie eine ausgehungerte Hyäne, beugt sich bedrohlich nahe durchs das Fenster zu uns herein. Ich setzte meine Hand auf sein Objektiv, um ihn zurückzupfeiffen. Irr tanzend geht er, stets Kamera wie ein MG auf uns gerichtet, an der Vorderfront um den Wagen herum, um des bedauerlichen Gesicht des Opfers und Geisels in seiner totalen Ohnmacht aus einem anderen Standpunkt aus ins Auge zu fassen. Sein Sender wird über diese Bilder frohlocken, wie da die Zuschauerzahlen expotentiell in die Höhe schnellen, es ist eine Wucht.
Unterdessen ist der andere Journalist quietschenden Reifens fortgefahren, um mir meine Bitte zu erfüllen.
Die Show läuft wie geschmiert.
Ich raune dem Polizisten ins Ohr: „Sie kennen doch die Regeln hier. Los, zeigen Sie ein paar Schweißtropfen. Pressen Sie!“ Er schaut mich irritiert an, als glaube er, dass ich nunmehr vollständig meinen Verstand verloren habe. Wie ein gezähmter Löwe zeige ich ostentativ die weißen Zähne. Lächeln, wir sind im Fernsehen.
„Lächeln Sie wenigstens, wenn Sie schon keine überzeugende ängstliche Mimik und Gestik zustandebringen, Mann!“
Das tut er dann auch, indem er dito in die Linse grinst.
Den Zuschauern werden die Gänsehäute nur so über den Rücken schaudern: Todeskandidat zeigt sich tapfer in seiner ausweglosen Situation, in der er gefangen gehalten wird. Toll! Phantastisch! Ich rechne, dass ich mittlerweile wieder gepunktet habe. Ob es hinsichtlich meines morgigen Bücherverkaufs bis in die Besten-Liste oder besser Bestseller-Liste des Spiegels reichen wird, das und nur das, ist hier die Frage.
Der andere Journalist kommt nun in einem Affenzahn wieder zurück: quietschender Reifen, Sprung aus dem Wagenschlag, vor sich gehalten einen riesiger Papp- oder Plastikbecher, plus einem 9-Monatigen-Schwangernen-Bauch von einer Papiertüte, die voll des heißen Junkfoods stakt. Sag ich’s nicht?
Überraschend kommt mein Bekannter aus seinem Cockpit der Tankstelle getrippelt. Er beugt sich zu mir herein und stammelt herum: „Wenn es Dir nichts ausmacht... Du stehst leider im Weg.. Du verscheuchst mir hier die Kundschaft...Du verstehst mich, ich sage das nicht gerne...“ Die Floskel glaube ich ihm aufs Wort. Mein Contergan-Freund hat es nicht nötig zu lügen, außerdem kann er keiner Fliege etwas zu leide tun.
Ich schaue nah hinten, beuge mich nach vorne, um links und rechts die dunklen Ecken zu inspizieren und deute in eine: „Dort hin?“
Völlig überraschend schüttelt er schwermütig sein Haupt. „Um ehrlich zu sein, am liebsten wäre mir, Du verschwindest völlig hier von diesem Areal!“ Wer glaubt, mich trifft der Schlag, liegt nicht falsch. Aus diesem Munde klingt es gesalbt und weisungsbefugt – und für mich furchtbar enttäuschend und niederschmetternd. Nach allem, was ich für ihn empfunden habe, die Stunden, mit denen wir uns gemeinsam die Zeit totgeschlagen haben mit Allerwelts- und Tausend-und-Einer-Nacht-Geschichten und jetzt das! War ich nur mehr ein Lügenbüßer für seine müßigen Stunden in seiner schlecht frequentierten Tankstelle oder was?
Ich runzele also gewaltig die Stirn, weil ich zudem momentan auch nicht weiß, wohin.
Mein Freund zuckt sogar schwermütig mit den Schultern und sagt bedauernd: „Mein Chef hat Dich im Fernseher gesehen und mich gerade angerufen, Du verstehst?“ Trotz allem bleibe ich freundlich. „Ich verstehe. Selbstverständlich fahre ich von hier weg!“ Nur weiß ich immer noch nicht, was ich so recht tun soll in dieser Situation. Wohin soll ich schon fahren, nachdem ich jetzt im Fernsehen bin. Jede Minute läuft für mich.
Ich drehe mich nach hinten und sehe durch die Heckscheibe eine Unmenge von inzwischen sich dort sich konzentrierenden Polizeiautos. Das ganze Tankstellen-Terrain ist mittlerweile mit der Grünen Minna umgeben. Das entspricht einem Belagerungszustand, fix!
„Hm!“, entfährt es mir. „Blöd!
Doch mein Freund nervt weiter. „Ich möchte Dich dringend bitten, sofort von diesem Areal hier herunterzufahren! Ja!“ Das sind neue, unbekannte Seiten meines Freundes. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass er sich unter besonderen Druck seitens seines Chefs gestellt sieht, zumal er ein ungewöhnlicher Arbeitnehmer ist.
„Handeln!“, höre ich wieder in meinem Hirn. „Handle, tu etwas, egal wie oder was!“
Er schlägt jetzt sogar leicht mit seinem Handballen auf den Fensterrahmen, um seiner Aussage größeren Nachdruck zu verschaffen.
Behinderter hin oder her, schwerer Stand in der Arbeitswelt hin oder her, aber jetzt reicht es mir. Ich stoße die Tür auf, die meinen Freund in den Bach schlägt, so dass er tatsächlich zusammensackt. Ich wundere mich schon, welche Kräfte ich imstande bin zu entwickeln.
Mein Ex-Freund, muss ich jetzt sagen, ist ein Grischperl, ich packe ihn um die Hüften und halte ihn hoch, schleppe ihn zum Auto und gebe dem Polizisten, der mich mit aufgerissenen Augen beobachtet, ein Zeichen, er soll die Hintertür aufmachen. „Los, machen Sie schon die Hintertür auf!“, schreie ich zudem.
So geschieht es. Ich werfe den in meinen Händen haltenden Körper auf den Rücksitz hinein. Es bereitet wirklich richtiggehende Freude, seine Kräfte und seine Geschicklichkeit zu spüren. Was alles in einem so schlummert?
Ich werfe mich wieder in mein Auto und denke: so jetzt sitzt du hier mit zwei Geiseln, was nun?
Die Journalisten haben natürlich alles gefilmt. Aber was soll’s, dem Verkauf meiner Bücher wird das nur mehr Auftrieb verleihen. Darum geht’s!
„Handle! Tue etwas, egal wie oder was!“, befiehlt mir wieder meine innere Stimme. Das hieße hier, endlich von hier wegfahren – wohin auch immer! Aber nun, erschießen lassen will ich mich ja jetzt nicht mehr. Soll ich mich vielleicht ergeben? Wie käme das beim Publikum an, bei meinen neuen Lesern? Darüber musst Du dir auf jeden Fall im Klaren sein. Ich brauche als ein bisschen Ruhe, zum nachdenken. Und diese Journalisten, die mit ihrer Lichtfunzel mal dahin, mal dorthin leuchten, nerven mich gewaltig. Ich ziehe meine Knarre. Genau, für was hat man schließlich so ein Ding.
Ich winke mit dieser dem Journalisten, dem Leithammel davon, zu mir her. Als er kommt, gebe ich ihm einen erneuten Wink, sich mir sein Ohrwascherl zu nähern, in dem ich ihn ein paar unmissverständlich deutliche Worte hineinraune: „Macht mal einen Rückzieher für zehn Minuten.“ „Ja!“, stößt er aus. „Und zwar zwanzig Meter Entfernung von hier, klar!“ „Klar!“, kommt es munter. Er hört aus meiner Stimme, das wir noch nicht am Ende sind, eine Menge Potential steckt in unserem Teamwork, welches ich keineswegs für beendet erkläre mit dieser zwanzigminütigen erbetenen Auszeit.
Er winkt seinen Kompagnon zu und sie ziehen sich tatsächlich in ihre Autos zurück, die sie auf zehn Meter Abstand zurückstoßen. So, das wäre mal erledigt. Ich beuge mich in meinen Sitz zurück, schließe für einen Moment die Augen und denke angestrengt nach.
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http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.html
in meinem nimmermüden eifer, meine leser zufriedenzustellen, neue, verbesserte version!
„So drücken Sie endlich ab!“
Silberne Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. Er sieht ziemlich verunstaltet aus mit seinen roten Blutergüssen über dem Gesicht.
Und wenn ich nun falsch denke? Steckt irgendwo in meinem Gedankengebäude eine Fehlkonstruktion, was dann? Bricht das Gebäude späterhin zusammen...angesichts dieses aus Fleisch, Blut und Seele bestehende Ding Mensch hier, versagt etwas, versage ich. Mein Gott, bin letztendlich doch nur ein erbärmlicher Schriftsteller! Und wenn es eines letzten Beweises bedurft hat, dann ist er hiermit erbracht, Kuhmist: Meine Hand zittert.
„Sie können wohl nicht?“
Unheimlich - als ob er tatsächlich meine Gedanken lesen könne.
„Sind wohl ein Feigling?“
Verdammt, der Polizist spielt mit seinem Leben.
„Ich erzähle Ihnen jetzt einmal etwas, sie siebengescheiter Intellektueller.“
Meine Hände verkrampfen sich um den Pistolenknauf.
Er lacht erst einmal ansatzweise herzhaft, dann verreckt allerdings seine Freude im Meer der körperlichen Schmerzen, wobei er sich den Schmerz an den Schultern reibt.
„Sie halten mich wohl nicht für so blöd, dass ich unabsichtlich meine Waffe abgelegt habe?“
Er versucht meine Gedanken zu lesen.
„Mann, ich wollte Sie testen, das ist alles. - Allerdings, ich geb’s zu, habe ich nicht damit gerechnet, dass Sie es auch wirklich tun.“
Pause.
Da er keine Antwort mehr von mir erwartet, senkt er den Kopf.
„Das war ein Fehler. Ich habe Sie unterschätzt.“
Er hebt wieder seinen Kopf, lächelt.
„Aber in dieser Hinsicht unterschätze ich Sie nicht. Sie werden es nicht tun!“
Meine Hand hält die Knarre um den Knauf, mein Arm hält sie in horizontaler Linie, mein Auge zielt auf die Person vor mir.
So leicht
Erster Schritt ist längst erledigt, das Außergefechtsetzung der Polizisten, aber Schritt zwei, Ermordung, spielt in einer ganz anderen Liga. Ich schlucke.
Wo du jetzt eine Waffe hast, ist es doch ein Kinderspiel, oder? Methode, du setzt diese an die Schläfe des zu Ermordenden und drückst ab.
Erneut justiere ich die Pistole auf das Opfer, krümme den Zeigefinger, ansatzweise.
Was tue ich hier?
Aber ist doch klar - Ein Schriftsteller, dem die Anerkennung fehlt, ist ein jämmerlicher Idiot. Erheischt er mit seinen Werken keine Aufmerksamkeit, so über den Umweg seiner Taten und leitet er diese darauf zu. Je schlimmer seine Taten sind, desto dichteren, stärkeren Umleite- und Shitstrom wird er hervorrufen.
Deswegen erschieße ich jetzt den Polizisten.
Das Interesse anderer ist mir damit sicher. Habe ich erst einmal auf mich und meine bösartige Person und gefährliche Persönlichkeit dadurch hingewiesen, wird man sich für meine Werke interessieren.
Natürlich werde ich dadurch ins Gefängnis wandern müssen.
Aber das ist egal.
Für einen Autoren ist es gleich, ob er draußen in der Welt sitzt oder drinnen in einem abgeriegelten Gebäude, aus der er keinen Fuß mehr setzen darf. Denn beides sind Gefängnisse. Das hat nichts damit zu tun, dass er beide mal schreiben darf. Dies ist bloß ein philosophisches Empfindungsmoment für einen Autor.
Was aber ändert sich durch solch eine grausame öffentliche Tat im Bewusstsein? Ist danach ein anderer Zustand herbeigeführt?
Absolut! Ein Schriftsteller in der Welt ohne Resonanz befindet sich in Isolationshaft. Auch wenn er im Gefängnis einsitzt, kann das der Fall sein. Wird er aber plötzlich von den Menschen beachtet, wenn auch negativ, so hat er seine schreckliche Einsamkeit und Isolierung durchbrochen – er ist sozusagen ausgebrochen und frei. Er hat eine andere Stufe erklommen – dass diese gleichfalls über kurz oder lang als Sackgasse empfunden wird, ist nicht auszuschließen, sogar wahrscheinlich, aber zunächst ein Mal irrelevant.
Langer Rede kurzer Sinn: drück jetzt endlich ab!
Jetzt stehen mir Schweißperlen auf der Stirn. Ich wische sie mit den Handrücken ab.
Du wankst also, ist festzustellen.
Plötzlich rutscht mir endgültig das Herz in die Hosentasche.
Nein, ich werde es nicht zustandebringen, einen Menschen zu töten, niemals nicht in diesem Leben. Fertig.
Das ist eine unverrückbare Tatsache, der du dich stellen musst.
Selbst angesichts dessen, was auf dem Spiel steht. Selbst ich mir mein Leben ruinieren werde mit meinem Wankelmut, brr, meinem Mangel an Courage. Sprich’s aus: meiner Feigheit!
So ist es !!!
Ich schweige.
Ich denke einige lange Sekunden überhaupt nichts.
Was dann, was nun, was tun?
Weniger schlimm ist, dass ich es nicht kann, sondern, dass ich es mir nicht eingestehen würde. Aber ich tue es!
Spielst Du wieder den Helden in Deiner Mutlosigkeit, was? Glück im Unglück, Hans im Glück! - Das kannst Du sehr gut vor Dir: immer das Positive aus den objektiv misslichen Umständen herauszulesen. Aber hier in dieser Lage hilft Dir das nichts.
Ich merke, dass ich wieder dort herauskomme, wo ich vor ein paar Minuten längst gewesen bin.
Du wirst du es nicht tun. - Was anderes stattdessen kannst du aber dann machen?
Ich merke, die Verzweiflung nimmt Überhand, je länger ich über meinen Mangel an Zivilcourage und Konsequenz nachdenke.
So kommen wieder die falschen Gedanken. Schieß doch! Schieß doch! Schieß doch!
Plötzlich habe ich die Erlösung.
Lass es anderen machen. Andere sollen auf den Polizisten schießen, auf mich meinetwegen auch, aber du wirst keinen töten können. Denn du bist Schriftsteller! Wahrer Schriftsteller! UND SCHRIFTSTELLER LASSEN SICH LIEBER TÖTEN ALS DASS SIE TÖTEN.
Was mir dabei vorschwebt, impliziert entweder Getötet- oder Entwaffnetwerden und bei beide Male springt im Endeffekt das Gleiche heraus: Das Interesse der Bevölkerung, des potentiellen Lesers. Mehr will ich ja nicht!
Also Geiselnahme. Das bedeutet aber auch: Flucht von hier. Denn, muss ich schon ins Gras beißen, so soll es ein schönes Fanal werden, ein sensationelles, eines verkannten großen Schriftstellers würdiges, aufsehenerregender Event, in einem Umfeld, die eine Staffage und ein Set darstellen, das seiner würdig ist.
„Handeln!“, sage ich mir, „Handle!“
Ich drehe mich jetzt ein paar Mal um die Achse meines Körpers, zu sehen, auf welchem Stand der Dinge sich meine Gegenspieler befinden. Lauert bereits ein Sondertrupp martialisch bewehrter Robotniks von Polizisten vor der Tür, schwere Waffen im Anschlag?
Ich schaue in die Ecken der Zimmerdecke. Was, keine Videokameras – wie enttäuschend! Niemand hat meine Heldentat aufgezeichnet. Das wäre doch ein gutes Lehrbeispiel für zukünftige Polizistengenerationen. Daraus könnten sie doch lernen, Mensch.
„Handeln!“, sage ich mir, „Einfach handeln!“ und wende mich an den Vertreter dieser Gruppe, ihm mit der Knarre vor der Nase herumfuchtelnd: „Kommen Sie!“
Er zögert.
Ich werde ungehalten: „Kommen Sie schon!“
Ich packe ihn am Unterarm und ziehe ihn hoch. „Aufpassen!“, denke ich, „Auf das Mordinstrument aufpassen, sonst geht es unabsichtlich los,“
Ich stoße ihn zurück: „Bleiben Sie noch einen Moment sitzen!“, befehle ich und gehe zum Sekretär, ziehe den Gürtel mit dem Halfter aus der Lade und spanne ihn mir um die Hüften. Dann stecke ich zur Übung die Pistole rein und wieder raus. Gut, geht doch. Im Bedarfsfall ist das nötig, wenn ich sie verbergen und wegstecken will, dass das reibungslos und schnell geschieht.
So, jetzt können wir los.
Ich lasse den Polizisten vorgehen, die Knarre unter der Jacke verborgen, noch.
Als ich die Schall-Tür öffne, bedeute ich dem Sheriff zuerst rauszugehen. Wir befinden uns zunächst in einem leeren, hellen Gang. Ich stoppe, ich sehe links und rechts, ich sehe in jeder Ecke des Ganges, soweit das Auge reicht, Videokameras, Mist.
Sollten wir uns an den Wänden gedrückt durch den Gang bewegen?
Ach was: „Handeln! Handle jetzt! Egal, wie und was!“
Wir gehen weiter, indem ich den Polizisten vor mich herstoße, bis wir an der offenen Tür zur Sekretärin kommen. Sie sitzt wieder auf den Tisch gebeugten Rückens da und schreibt. Als sie aufschaut, erschrickt sie über den Anblick. Ich bedeute ihr unmissverständlich, Ruhe zu bewahren. Allmächtig hebe ich dazu meine Waffe hoch. Damit versteht sie und nickt. Wir gehen weiter.
Wir kommen zur Ausgangstür, gehen hinaus. Ein herrlicher Tag schlägt uns entgegen. Zu schade, um zu sterben. Aber was soll’s?
„Wo steht ihr Wagen?“
Der Polizist deutet vor uns auf die spitz zum Präsidiumsgebäude hinweisenden Parkplätze, und dort auf einen Bullenwagen. Für unseren Zweck ist es ja egal, ob Porsche, Ferrari oder VW, aber es müsste ja noch ein Privatwagen des Polizisten in der Nähe stehen.
Ich stoße ihn in den Rücken: „Ich meinte natürlich Ihren Privatwagen. Wo steht der?“
Doch diesen zu suchen, bleibt keine Zeit mehr.
Plötzlich blinken die beiden Warnlichter an den Garagen aus roten Ziegelgesteinen des Präsidiums rot auf und ein Rolleau-Tor rollt in die Höhe, aus dem ein Polizeiauto langsam herausschert. Die Vergitterung schließt sich automatisch hinter ihm, die Bremslichter leuchten auf, der Wagen stoppt. Er wartet, bis wir uns vorwärtsbewegen, um anzuschließen.
„Handeln!“, denke ich. „Handle, tu etwas, egal wie oder was!“
Und unterdessen habe ich der Geisel befohlen: „Los! Mach die Karre auf!“ Dabei stoße ich ihm den Lauf der Pistole in die Niere. Er öffnet unter Ächzen und Stöhnen hastig den Wagen, ich schubse ihn sofort weg, damit er auf der Beifahrer-Seite einsteigen kann, ich selbst werfe mich auf den Steuersitz.
Dann los.
Ich habe nichts anderes erwartet, bin nicht überrascht, als uns der Kamerad von der Grünen Minna dicht folgt, nachdem wir losgefahren. Ich schlage irgendeine Richtung ein, egal wohin. Ich kenne den Weg. Dort wo wir herauskommen, ist unser Ziel.
„Fahr los!“, sage ich mir; trotzdem, wie um noch einmal selbst anzustupsen, denke ich: „Irgendwo werden wir schon rauskommen!“
Allmählich komme ich wieder zur Ruhe, zumal das Fahren Spaß macht, trotz dichter Verfolgung. Es kommt noch ein zweiter, dritter Wagen hinzu, als wir schon aus der Stadt heraussind. Ich denke mir, ein Platz zum Sterben ist am besten außerhalb dichtbewohnter Bereiche, auf dem Land, in der Provinz, an den Wurzeln der Menschheit sozusagen, umgeben von Wäldern, Feldern und Wiesen - ach, was bin ich irgendwie komisch drauf, was ich da denke.
Egal. Es ist schön zu leben. Leider ist das Wetter weniger schön.
Die Luft ist schwül geworden, der Himmel zeigt eine graue Front. In der Ferne hört man verhaltenes Donnergrollen. Wahrscheinlich Platzregen steht uns bevor, so dass wir kaum mehr ein paar Meter weit sehen werden. Vielleicht noch Schlimmeres! Hagel?
Noch ist das Unwetter nicht da.
Außerdem, es kümmert mich nicht. Ich kenne den Weg genau.
Ein hoher Ton schreckt mich aus meinem Fahrrausch, Landschaftstraum, meiner Todessehnsucht – aus dem Innenstadt-Bezirk sind wir mittlerweile heraus, keine weite Fahrt, denn unser Präsidium hat mehr peripher als zentral gelegen. Gärten, Bäume und Büsche säumen Schrebergartenhäuschen, Alleen umgehen Villen und vereinzelte Fünfziger-Einfamilienhäuser – und dann ist der Brennstoff alle. Meine Güte, sorgt so ein Polizist heutzutage nicht mehr vor? Das gibt es nicht, kaum 10 km gefahren und schon Benzintank leer.
Ich biege zu einer Tankstelle ab, die ich glücklicherweise kenne, ideal für meine Lage, handelt es sich doch um eine Kopftankstelle: die Verfolger müssen draußen bleiben. Allerdings, die Maus muss wieder aus demjenigen Loch kommen, in dem es entwischt ist – so dass die Verfolger keine Befürchtungen haben müssen, ich entwische ihnen.
Es gibt also nur eine Zufahrt, von der Straße her. Die andere Seite ist von weiten Feldern begrenzt und wird von Düsternis verschlungen, in weiter Ferne von ein paar versprengelter Lichtern von Einöd-Gärtner-Häuschen bunt bepunktet. Eine matt-gelbe Reihe Straßenlaternen säumen und kennzeichnen ein kaum befahrene Straße quer durch Wiesen und Äcker. Hin und wieder tauchen Schweinwerfer von langsam sich fortbewegenden Autos auf – alles in Zeitlupentempo – als ist dort das Ende der Welt und die Zeit stehen geblieben drei Jahrzehnte zurück.
Ein Paar Licht-Streifen gleitet zeitlupenartig durch diese Düsternis und Öde wie eine Schnecke vielleicht. Die Zeit scheint stillzustehen.
Tut es jedoch nicht.
„Handeln!“, höre ich es wieder in meinem Hirn. „Handle, tu etwas...“
Ich versichere mir, dass im Handschuhfach nichts Unliebsames liegt und klappe zudem den Sichtschutz herunter, sicher ist sicher. Und vorsichtshalber nehme ich den Autoschlüssel mit. Jetzt darf ich beruhigt den winselnden Begleiter, Verursacher unseres Zwischenstopps, im Beifahrersitz zurücklassen. Was soll der schon anstellen als Quasi-Gefesselter?
Ich tanke auf, gehe zur Kasse, die nur ein kleines Kabäuschen darstellt. Es handelt sich hier um eine Klickerles-Tankstelle, freie Tankstelle genannt, billiges Benzin, aber null Service und alle Wünsche medien- und süßigkeitsbezogender Hinsicht bleiben unerfüllt. Gut, ein paar Schokoriegeln gibt es schon, das Hetzblatt Nummer eins der Republik auch, aber das war’s dann.
Hier brütet ein alter Bekannter von mir vor sich hin. Über ihm schwebt ein langsamer, alter Deckenventilator, der vor sich hinsurrt.
Sonst stets lächelnd, wenn er mich sieht, verspreche ich doch abwechslungsvolle Unterhaltung, schaut er jetzt besorgt drein, kommt ihn wohl komisch vor, dass vor dem Tankstellenplatz blaublinkende, grüne Minna-Karosserien stehen. Nichtsahnend, den Kopf gereckt, späht er nach draußen und fragt: „Was ist hier los?“
Ihm scheint auch völlig meine Verquickung mit einem Bullenauto entgangen zu sein. Wahrscheinlich hat er wieder zu viele Medikamente intus.
„Weiß auch nicht!“ und öffne meine Geldbörse. Ich habe es eilig. Heute habe ich weiß Gott keine Zeit für Small-Talk.
Ich versuche abzulenken und während des Geschäftsvorgangs die üblichen Konversationsfloskeln auszutauschen.
„Wie geht’s?“
„Danke gut! Und selbst?“
Ich erblicke einen flimmernden Schwarz-Weiß-Bildschirm, denke, aha, Videoüberwachung, denkste, korrigiere ich mich, Fernseher. Schlecht. Eine Nachrichtensprecherin berichtet kaum hörbar von einer Geiselnahme, ein Fahrzeug wird gezeigt, identisch mit dem an der Zapfsäule stehenden, direkt vor uns, keine fünf Meter nach der Fensterscheibe, die zur Zapfsäulenbereich hinausweist.
Instinktiv greife ich unter der Innenseite meines Jacketts zur Pistole, bis ich begreife und wieder davon ablasse. Mein Bekannter bemerkt den Zusammenhang zunächst nicht. Nur wundert er sich über das Blaulicht draußen, vor seinem Hoheitsgebiet sozusagen.
„Was da wohl los ist?“
„Keine Ahnung“, ich arglos, „vielleicht ein Selbstmörder.“
„Kann sein!“, meint er, als er mir das Wechselgeld in die Hand zählt. Hier gibt es kaum Automaten für Wechselgeld zum Beispiel, primitivste Ausstattung nur. Nur gut, dass mein Bekannten das Kunststück zustandebringt, mit einer Hand, an der nur drei Finger sind, reibungslos seine Tätigkeit auszuführen. Der andere Arm liegt an seiner Rumpfseite an, die Hand nach hinten verdreht und funktionsuntüchtig.
„Servus!“, verabschiede ich mich kumpelhaft, er ebenso, immer noch verwundert nach draußen glotzend. Ja, Selbstmörder klingt für einen logisch, der ohnehin leicht depressiv ist.
„Bist heute mit einem Polizeiwagen unterwegs!?“ Mist, hat er es doch gemerkt, der Schlaumeier. Doch ich bleibe cool. Ich drehe mich keineswegs abrupt um, was verdächtig gewesen wäre. Nein, ich glotze arglos aus dem vergitterten Türfenster hinaus, als ob ich dieses obskure Objekt da draußen das erste Mal in meinem Leben wahrnehmen würde. Dank der Vorsichts-Paranoia der Ordnungsmacht kann man den im Innenraum sitzenden Begleiter nicht erkennen. Die Sitze sind verdächtig tief in die Karosserie eingelassen. Der heruntergeklappte Sichtschutz tut das seine.
„Weißt, ich bin in geheimer Mission unterwegs heute“, wende mich ihm zu, zwinkere mit einem Auge, stoße die Tür auf, die ächzt und krächzt und trete aus dem Kabäuschen auf den schmutzigen Ableger hinaus, vor dem der Kunde sich die Füße abstreifen darf, bevor er eintritt. An der linken Seite ist ein diesbezügliches Schild angebracht: Bitte Haxen abstreifen!
Zeit, Pause zu machen.
Mein Blick wandert in die polizei-streifen-Konvoi-abgewandte Seite auf die weit sich erstreckenden Äcker und Felder, auf die bereits die Dämmerung lastet. Der Wind trägt einige Staubwolken über die sandigen Äcker. In der Ferne blitzt es. Eine schwüle, dichte Wolkenbank hat sich am Horizont aufgebaut, bereit zu explodieren. Der Donner hat aufgehört. Das ist eindeutiges Zeichen.
Ich entnehme aus der rechten Sakkotasche gekonnt zweifingerspitzig eine Zigarette und aus der anderen eine Streichholz je aus der Schachtel. Als ich mir gerade ein Zündholz entbrannt habe und gen Zigarette im Mund bewege, kommen zwei Automobile, dicke Mercedes Benz, in den Tankstellenbereich herein- und im Begriffe, an mein Fluchtauto anzudocken, herangeprescht.
Verdamm mich, wer hinter den dicken Windschutzscheiben sitzt da nur? Die Sonnenblenden verdecken jedoch Gesichter.
Ich lasse alles zu Boden fallen, was ich in der Hand halte und spurte los.
Es sind keine Cops, die da aus dicken Fahrzeugen flott herausspringen, es sind Italien-Giggolo- und Kleider-machen-Leute-Typen, deren Umhänge gleichsam auf die gebräunten Bodys gebügelt sind und tragen jeder über die Schulter eine steife Tragetasche.
Ich stürze auf mein Fluchtauto zu, muss mich verschanzen, mich in Sicherheit bringen, meine Geiseln überwachen, mein leibhaftiges Unterpfand und einzige Lebensversicherung momentan. Während ich den Schlag aufreiße und auf den Steuersitz plumpsen, bringe ich das Kunststück zustande, meine Knarre aus der Innentasche des Sakkos zu ziehen, diese sofort gegen die Schläfe meiner leibhaftige Police zu halten und atme auf – ich bin gerettet.
Geschafft, bevor die zwei Heinis links und rechts ans Auto heranstürmen und in ihre steifen Taschen greifen, einer eine schwere Beta-Kamera herausziehend, der andere eine klobige, mit einem Windschutz-Aufsatz behaftetes Richtmikrofon.
Journalisten!
Ich weiß nicht, soll ich Erleichterung zulassen oder genervt sein, wie ich es eben spontan empfinde?
Schwierig zu sagen. Da gilt es einiges abzuwägen.
Aber zunächst gilt es, Fehlalarm auszulösen und sich wieder zu entspannen, weil es sich um kein Überfallkommando der Polizei handelt.
Mit einem Mal bricht das Unwetter los und ergießt sich in schweren Strömen auf uns nieder. Ein halbherzig gebautes, windiges Überdach hält das Gros des Regens fern. Glücklicherweise sitze ich im Auto. Den außerhalb herumscharwenzelnden Journalisten trifft es allerdings ziemlich kalt. Es gibt noch eine Gerechtigkeit auf der Welt!
Wundert man sich, dass die beiden Hyänen problemlos die Polizeiauto-Sperre passieren durften? Keiner, ich weiß. Über die Macht der Presse im Staate weiß wohl ein jeder Bescheid, hoffe ich. Wie ungeniert diese es treiben, wird nun in einem schönen Beispiel, leider in meinem Fall, eindrucksvoll-abstoßend exemplifiziert.
Okay, ich komme ihnen entgegen, betätige das Elektrofenster an meiner Seite.
„Herr Entführer, wir begrüßen Sie!“
„Danke, ich Sie auch. Ich habe Sie schier schon vermisst.“
Es gibt wohl keinen eifernderen, fanatischeren und gläubigeren Sanyasin, Novizen und Konfirmanten der Presse als ich.
Der Journalist fasst es anders auf, typisch für sein Metier. Außerdem ist er es nicht anders gewohnt, dass man vor ihm liebedienert.
„Das tut uns leid, wir haben uns sofort auf die Achsen gemacht, als wir es erfuhren, das dürfen Sie uns glauben.“
Ich brumme missvergnügt.
„Also, entschuldigen Sie noch einmal.“
Ich sage trotzdem „Bitte sehr“, lass noch mal Gnade vor Recht ergehen und will zudem keineswegs als Spielverderber erscheinen. Wohin kämen wir denn da, in einer totalen, gläsernen Welt des Journalismus?
Aber sie sollen mich schon kennenlernen.
„Sie haben hier eine Geisel…“
Die andere Hyäne leuchtet mit einem starken Lämpchen ins Auto hinein an mir vorbei auf den Polizisten, der geblendet die Hände als Schirm über seine Augen legt. Ohnehin hat er Schmerzen wie die Sau, aber darauf, auf den Blendungsschmerz der starke Lichteinstrahlung wird es eh nicht mehr ankommen, denkt der Journalist und mit ihm die gesamte freie Pressewelt.
„Dürfen wir ihn interviewen?“
Der andere grinst mich verschwörerisch an, meint, teilen wir uns doch gerecht die Beute, nicht wahr Herr Hai Nummer Zwo. Sie können Gift darauf nehmen, dass er sich selbst natürlich für Hai Nummer eins halt. Halten doch er und Seinesgleichen die ganze Gesellschaft unter Geiselhaft.
Ich mache eine bejahende Geste, was soll’s.
Der Interviewer spricht zuerst ins Mikrofon, gewendet zur Kamera des anderen: „Wir haben die freundliche Genehmigung des Geiselnehmers erhalten, dass wir die Geisel befragen dürfen, was nun geschieht.“ Dann reckt er sein Folterinstrument mit Nase vorbei an mir zum Polizisten hin:
„Wie fühlen Sie sich, Herr Geisel?“
Eine schwachsinnigere Frage unter diesen Umständen hat die freie Welt noch gehört. Ach, ich will das hier nicht weiter im Detail erzählen, so und noch erbärmlicher geht das jedenfalls weiter, bis ich Stopp rufe. Ich muss klarstellen, wer hier die Pantoffel anhat und über den Lokus herrscht. Irgendwann muss ich Fahnen hissen, die verkünden: Leute, das hier ist kein Spiel, gedenkt zwischendurch des Ernstes der Lage. Die Hyänen haben sofort diesen dramaturgischen Akzent verstanden. Schon haben sie sich mit Licht und Kamera von unserem Opfer zurückgezogen und konzentrieren sich wieder auf den Bösewicht, meine Wenigkeit.
Nun wird der König interviewt.
Ich gebe nur verhalten Auskunft.
Doch soviel erfährt der Bürger dieses freien Staates schon. Mein Motiv. Umständlich zu verklickern, ich weiß. Deswegen kriegt er es nur rudimentär auf dem Silbertablett präsentiert. Höchst unsicher wäre ohnehin zu wissen, was wirklich rüberkommt. Deshalb halt ich mich auch nicht auf bei umständlichen Erklärungen. Ich liefere den Gaffern vorm Bildschirm einfach das, was sie brauchen: das Blutrünstige, das Brutale, das einzig Wichtige nämlich, das Böse. Muss hier wiederholt werden: Mord, Entführung, etc pp.?
Danach habe ich ein befriedigendes Gefühl. Der letzte Depp in der äußersten Ecke der Republik wird es gerafft haben wird, das hier ein Verzweifelter (Schriftsteller) sich in die Ecke getrieben fühlt wie ein räudiger, gehetzter Hund und bereit ist, zurückzubeißen, wie, wo, warum und so weiter er nur kann und muss.
Ein Höchstmaß an Spannung ist also garantiert, mit allem zu rechnen, live, in Echtzeit. Die Journalisten geifern schon ob ihrer gefunden „Großen Story“ ihres Lebens.
So ist jedem gedient!
Zwischendurch überlege ich: was bedeutet die Wende im Handlungsablauf: gut für mich oder schlecht?
Welche praktischen Konsequenzen folgen, müssen daraus gezogen werden, sprich, was ist zu tun, zu machen, handeln, einfach alles eben.
Summa summarum bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen: die Presse ist sehr, sehr, sehr gut für mich und meinem Zweck, als Schriftsteller herausgestellt zu werden, aber sehr, sehr, sehr schlecht hinsichtlich dessen, was dann mein Ziel, das Sich-Erschießen-Lassen anbelangt und bedeutet. Durch Ersteres wird nämlich Zweites obsolet.
Mit diesem Interview, mit diesem In-die-Öffentlichkeit-Katapultiertwerdens mittels der Hyänen- und Haien-Staatsmacht bin ich schlagartig als Schriftsteller berühmt gewordne, das steht fest. Schlicht gesagt, es ist zu erwarten, dass die Leute, die Meute, die sich auserwählt fühlenden unter der Herde der Fernsehjunkies morgens die Buchläden wird stürmen, um ein Exemplar eines der Bücher von diesem Bösewicht zu ergattern.
Die Crux ist allerdings: was soll jetzt noch das Erschießenwerden?
Sie ist völlig überflüssig geworden, kostet nur unnützes Menschenleben, obendrein noch meines - verdamm mich, in welch beschissener Sackgasse stecke ich da fest!?
Ich bedeute dem Journalisten mit einer Handgeste, die einem Herrscher ziemt, die Audienz sei beendet, beuge mich vor und will gerade den Starter betätigen.
Doch der Journalist und sein Kompagnon lassen nicht locker, verschwinden einfach nicht vollständig aus dem Fenster, einer hat noch einen Unterarm darauf gelehnt, der andere hält weiterhin unverrückt seine Lichtfunzel sowie Kamera ins Auto. Schlecht kann ich so starten, ohne jemanden zu verletzen. Reizen würde es mich schon sehr.
„Warten Sie noch einen Moment“, sagt er nicht – solche Tiere muss man vertreiben, bevor sie von ihrer Beute lassen. Als welches Tier bezeichnete ich ihn? Genau!
Man kennt das: du hast Dich unter Druck gesetzt, dies und jenes zu erledigen, obwohl du längst schon im Hirn die Überflüssigkeit und Überholtheit des Ziels Deiner Handlung erkannt hast, trotzdem kannst Du Dich nicht stoppen und beruhigen. Du musst es tun. In der gleichen Lage befinde ich mich nun auch.
Ich setze bereits wieder mit meinen zwei Fingern an dem Schlüssel an, doch irgendwas hält mich vom erneuten Starten ab. Die Journalisten sind ehrfürchtig zurückgetreten, warten nun, bis ich starte, erkennen mein Zögern und nutzen es sofort aus, indem der eine wieder seine bleckenden Raubtierzähne ins Auto hereinschimmern lässt.
Es muss seine Bedeutung haben, dass ich so lange zögere und dass mich die Journalisten nicht ungehindert ziehen lassen, sage ich orakelhaft. Mensch, denk mal nach! Fliehen hat ja jetzt auch keinen Zweck mehr – du bist bestimmt schon in aller Munde, bekannt wie ein bunter Hund. Was also kannst Du noch Sinnvolles tun für Dein Ziel, Berühmtheit zu erlangen? Nichts! Eigentlich nichts! Oder?
Da kommt mir eine Idee.
Die Hyänen fressen mir doch jetzt wie die Lakaien und Verhungernden aus der Hand. Die Gelegenheit, sich erst einmal ein Heißgetränk von diesen Kanaillen bringen zu lassen, ist einmalig. Aber in dieser Klickerlestankstelle hier gibt es so etwas ja nicht, macht nichts, die Journalisten werden Tod und Teufel in Bewegung setzen, um mich einen Capuccino, Kaffee oder dergleichen zu besorgen, nur um mich noch eine paar Minuten länger in ihrer Reichweite zu wissen. Ja, darauf kannst du getrost Deine Seele verwetten.
So geschehen.
Als ob sie darauf gewartet hätten und sich nichts Besseres vorstellen können, flitzt einer quietschenden Reifens los, in der vagen Hoffnung, ein paar Sendeminuten mehr mit dem Ungeheuer herauszuschlagen. Da rollt der Rubel, herrje!
Ich setze fernsehwirksam und fotogen den Lauf der Pistole auf des Polizisten Schädel. Der Kameramann, ganz kirre und gleichsam geifernd wie eine ausgehungerte Hyäne, beugt sich bedrohlich nahe durchs das Fenster zu uns herein mit seiner Stalinorgel oder so. Ich setzte meine Hand auf das Objektiv, um ihn zurückzupfeiffen. Irr tanzend geht er, stets Kamera wie ein MG auf uns gerichtet, an der Vorderfront um den Wagen herum, um des bedauerlichen Gesicht des Opfers und Geisels in seiner totalen Ohnmacht aus einem anderen Standpunkt aus ins Auge zu fassen. Sein Sender wird über diese Bilder frohlocken, wie da die Zuschauerzahlen expotentiell in die Höhe schnellen, es ist eine Wucht.
Die Show läuft wie geschmiert.
Ich raune dem Polizisten ins Ohr: „Sie kennen doch die Regeln hier. Los, zeigen Sie ein paar Schweißtropfen. Pressen Sie!“ Er schaut mich irritiert an, als glaube er, dass ich nunmehr vollständig meinen Verstand verloren habe. Wie ein gezähmter Löwe zeige ich ostentativ die weißen Zähne. Lächeln, wir sind im Fernsehen.
„Lächeln Sie wenigstens, wenn Sie schon keine überzeugende ängstliche Mimik und Gestik zustandebringen, Mann!“
Das tut er dann auch, indem er dito in die Linse grinst.
Den Zuschauern werden die Gänsehäute nur so über den Rücken schaudern: Todeskandidat zeigt sich tapfer in seiner ausweglosen Situation, in der er gefangen gehalten wird. Toll! Phantastisch! Ich rechne, dass ich mittlerweile wieder gepunktet habe. Ob es hinsichtlich meines morgigen Bücherverkaufs bis in die Besten-Liste oder besser Bestseller-Liste des Spiegels reichen wird, das und nur das, ist hier die Frage.
Der andere Journalist kommt nun in einem Affenzahn wieder zurück: kavalierbremsend, aus dem Wagenschlag hopsend, vor sich gehalten wie die heilige Monstranz einen riesiger Papp- oder Plastikbecher, plus einem 9-Monatigen-Schwangernen-Bauch von einer Papiertüte, die beinahe überquillt mit heißem Junkfood. Sag ich’s nicht?
Überraschend stapft tollpatschig mein Bekannter aus seinem Cockpit der Tankstelle auf uns zu, wie immer im blauen Trainingsanzug, weiß der Geier, warum er diesen stets trägt. Wechselt er denn nie die Hosen, denke ich immer. Ein Rätsel.
Den Schirm beugt er nach hinten, sie selbst zu mir herein und stammelt: „Wenn es Dir nichts ausmacht... Du stehst leider im Weg... Du verscheuchst mir hier die Kundschaft...Du verstehst mich, ich sage das nicht gerne...“ Die Floskel glaube ich ihm aufs Wort. Mein Contergan-Freund hat es nicht nötig zu lügen, außerdem kann er keiner Fliege etwas zu leide tun.
Ich schaue nah hinten, beuge mich nach vorne, um links und rechts die dunklen Ecken zu spannen und deute in eine: „Dort hin?“
Völlig überraschend schüttelt er schwermütig sein Haupt. „Um ehrlich zu sein, am liebsten wäre mir, Du verschwindest völlig hier von diesem Areal!“ Wer glaubt, mich trifft der Schlag, liegt nicht falsch. Aus diesem Munde klingt es gesalbt und weisungsbefugt – und niederschmetternd. Nach allem, was ich für ihn getan habe, die müßigen Stunden, mit denen ich mit ihm oder wir uns gemeinsam die Zeit totgeschlagen haben mit Allerwelts- und Tausend-und-Einer-Nacht-Geschichten und jetzt das!
War ich nur mehr ein Lügenbüßer für seine müßigen Stunden in seiner schlecht frequentierten Tankstelle oder was?
Ich runzele also gewaltig die Stirn, weil ich zudem momentan auch nicht weiß, wohin.
Mein Freund zuckt sogar schwermütig mit den Schultern und sagt bedauernd: „Mein Chef hat Dich im Fernseher gesehen und mich gerade angerufen, Du verstehst?“ Trotz allem bleibe ich freundlich. „Ich verstehe. Selbstverständlich fahre ich von hier weg!“ Nur weiß ich immer noch nicht, was ich so recht tun soll in dieser Situation. Wohin soll ich schon fahren, nachdem ich jetzt im Fernsehen bin. Jede Minute läuft für mich.
Ich drehe mich nach hinten und sehe durch die Heckscheibe eine Unmenge von inzwischen sich dort sich konzentrierenden Polizeiautos. Das ganze Tankstellen-Terrain ist mittlerweile mit der Grünen Minna umgeben. Das entspricht einem Belagerungszustand, fix!
„Hm!“, entfährt es mir. „Blöd!
Doch mein Freund nervt weiter. „Ich möchte Dich dringend bitten, sofort von diesem Areal hier herunterzufahren! Ja!“ Das sind neue, unbekannte Seiten und Töne meines Freundes. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass er sich unter besonderen Druck seitens seines Chefs gestellt sieht, zumal er ein ungewöhnlicher Arbeitnehmer ist.
Er schlägt leicht mit seinem Handballen auf den Fensterrahmen, um seiner Aussage größeren Nachdruck zu verschaffen. Daraufhin folgt ein aggressives Schweigen.
Dieses Verhalten kommt mich komisch an. Noch niemals habe ich meinen Bekannten wütend und erregt erlebt. Stets eingehüllt in einen Kokon fatalisierender Schwermut habe ich ihn wahrgenommen.
Wo habe ich meine Augen gelassen? Es ist nun das Gefühl da, dass nicht ich ihm mit Mitleid begegnet bin, sondern er mir, er sich meine Geschichten hat angehört, weil ich einen mitleidserregenden Zuhörer gesucht habe, dem man damit beglücken und die Zeit vertreiben konnte, wenn man ihm ein Ohr hinhielt.
Diese Erkenntnis ist ein Schock.
Bislang bin ich umgekehrt davon ausgegangen, dass er mich nötiger gebraucht hat als ich ihm. Jetzt jedoch scheint es sich umgekehrt verhalten zu haben. Ich stehe als ehemaliger Bittsteller da - was ein Ding, furchtbare Verdrehung der Verhältnisse ist da entstanden.
Ich bin der bemitleidenswerte Teil unseres Beziehungsverhältnisses gewesen, so sieht’s aus!
Mir verschlägt’s den Atem.
Aber insgesamt ist er doch beschissener dran, räsoniere ich wieder. Ich sag’s leider, ich kann mein Mitleidsstreben nicht unterdrücken. Stets sehe ich die anderen als Opfer, obwohl ich doch selbst nichts anderes bin. Aber so ist’s nun einmal.
Und so denke ich, klar, Arbeitnehmer!
Aber nein, Schluss damit, mit diesem Mitleidsgetue! Denn trotzdem, trotzdem allem, trotz schwerem Stand in der Arbeitswelt, Schwer-Behinderter hin oder her jetzt reicht’s mir!
Ich stoße die Tür auf, die meinen Freund in den Bach schlägt, so dass er tatsächlich zusammensackt. Ich wundere mich schon, welche Kräfte ich imstande bin zu entwickeln. Aber Hebelwirkung natürlich.
Mein Ex-Freund, muss ich jetzt sagen, ist ein Grischperl, ich packe ihn um die Hüften und halte ihn hoch, schleppe ihn zum Auto und will dem Polizisten ein Zeichen geben, er solle die Hintertür aufmachen.
Er sitzt jedoch nicht mehr im Auto.
„Verflucht!“, brülle ich, drücke mich ans Auto, hangle mit den Fingern das Schloss, öffne mit einem Fuß die Tür und werfe meinen Freund auf den Rücksitz hinein. Aber schon steht mir wieder neuer Ärger ins Haus. Diesmal nicht vom Polizisten. Von diesem auch. Der Ärger ist schon da, weil er sich aus dem Auto gestohlen hat und die paar Meter zu seinen Kumpels gerobbt und sich dort in Sicherheit gebracht hat.
Der Ärger kommt von ganz unerwarteter Seite. Inzwischen, was mir völlig entgangen ist, hat sich ein Mopedfahrer auf dieses heiße Terrain begeben. Es kann nur sein, dass er über einen Feldweg der entgegen der Polizei aufgebauten Sperre gekommen sein muss. Damit ist er der Umriegelung entgangen. Er hat sein Moped zum Auftanken an die kleine Zapfsäule für derartige Vehikel gestellt und muss unseren Tumult beobachtet haben.
Er kommt breitbeinig auf mich zu.
Der soll mir nur herkommen. Ich bin sauer über die Flucht meiner Goldpolice. Ich kann nunmehr durchaus noch eine zweite Geisel gebrauchen. Es muss für den entstandenen Mangel ein entsprechender Ausgleich her. Ob solch ein Behinderter meine Position stärkt oder schwächt gegenüber den vorhergehenden Zustand, habe ich noch nicht durchdacht. Aber Mensch ist Mensch, soll man meinen.
Es ist ein Jugendlicher und ist ein Ausländer.
„He, was machen Sie da?“
Breitbeinig kommt er dahergelatscht. Das habe ich schon öfter beobachtet, dass gewisse Typen bewusst die Beine auseinanderhalten beim Gehen, die Füße gleichfalls möglichst nach links und rechts gerichtet, um was weiß ich was zu Demonstrieren. Es macht einen betont stenzhaften Eindruck.
Es hat mir wirklich richtiggehende Freude bereitet, meine Kräfte und Geschicklichkeit zu spüren, als ich meinen behinderten Freund überwältigt habe, aber noch mehr natürlich mein Sieg über den Polizisten. Vor einer erneuten Probe werde ich hier gestellt: Jugendlicher, nicht zu unterschätzen.
Auf einen körperlichen Fight will ich es aber nicht ankommen lassen.
„Stopp Alter!“
Er bleibt stehen. Er guckt in die Mündung meiner Knarre.
Jedoch kann ich in nicht an seinem Gesicht ablesen, wie ernst er die Bedrohung nimmt. Checkt er stattdessen ab, wie er mich am besten attackieren kann?
„Dreh Dich rum.“
Tut er zunächst nicht. Tatsächlich, der scheit es darauf ankommen zu lassen. Will den Helden spielen.
Ich schaue ihn mir genauer an, um wen es sich wohl handelt. Ein Türke vermutlich.
„Iyi Günler!“
Men merkt, ich bin verunsichert. Dumm, so etwas zu sagen, Verlegenheit spricht aus meinem Verhalten.
„Marhaabah!“
Ein Dschihadist, ein Gotteskrieger, das hat mir noch gefehlt. Sagt bewusst „Grüß Gott!“ statt „Schönen Tag!“
Wahrscheinlich wäre es tatsächlich zu einem Konflikt gekommen, wenn nicht plötzlich die Lautsprecherstimme der Polizei erschallt wäre: „Machen Sie, was Ihnen der Mann sagt. Gehen Sie kein Risiko ein. Er ist schwerbewaffnet und gefährlich!!“ Ich wiederhole.
Der junge Mann glotzt in Richtung der Polizei. Dann dreht er sich um.
„Hebe noch die Hände, Junge!“
Macht er.
„Bleib stehen, rühr Dich ja nicht!“
Macht er.
Ich hole mir noch ein Paar Handschellen aus dem Auto. Bei Benzin sorgt die Polizei nicht vor, aber bei Handschellen schon. Ein ganzes Knäuel davon liegt im Kofferraum.
Dann schnelle ich ihm eine um. Aber dieses Mal, ich bin ja nicht blöd, mit Händen am Rücken verschränkt.
So, Geiselnummer zwei, ab ins Auto, und zwar auf dem Beifahrersitz.
Auch ich werfe mich wieder auf meinen Sitz und denke: so jetzt sitzt du hier mit zwei Geiseln, was nun?
Die Journalisten haben natürlich alles gefilmt, sehr gut, das puscht den Verkauf meiner Bücher ein weiteres. Darum geht’s!
„Handle! Tue etwas, egal wie oder was!“
In dieser Lage hieße das, endlich von hier wegfahren und zu verschwinden!
Aber nun, erschießen lassen will ich mich ja jetzt nicht mehr.
Soll ich mich vielleicht ergeben?
Wie käme das beim meinem Publikum an, bei den neuen Lesern?
Darüber musst Du dir auf jeden Fall im Klaren sein. Ich brauche als ein bisschen Ruhe, zum Nachdenken.
Und diese Journalisten, die mit ihrer Lichtfunzel mal dahin, mal dorthin leuchten, nerven mich gewaltig. Ich ziehe meine Knarre. Genau, für was hat man schließlich so ein Ding.
Ich winke mit dieser dem Journalisten, dem Leithammel davon, zu mir her.
Als er kommt, gebe ich ihm einen erneuten Wink, sich mir sein Ohrwascherl zu nähern, in dem ich ihn ein paar unmissverständlich deutliche Worte hineinraune: „Macht mal einen Rückzieher für zehn Minuten.“ „Ja!“, stößt er aus. „Und zwar zwanzig Meter Entfernung von hier, klar!“
„Klar!“, kommt es munter. Er hat einiges geboten bekommen.
Außerdem hört er aus meiner Stimme, das wir noch nicht am Ende sind, eine Menge Potential steckt in unserem Teamwork, das keineswegs für beendet erklärt ist mit einer zwanzigminütigen Auszeit.
Er winkt seinen Kompagnon zu und sie ziehen sich tatsächlich in ihre Autos zurück, die sie auf zehn Meter Abstand zurückstoßen.
So, das wäre mal erledigt.
Ich beuge mich in meinen Sitz zurück, schließe für einen Moment die Augen und denke angestrengt nach.
Wenn Sie diesen Roman gut finden, helfen Sie ihn mir zu publizieren:
http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.html
„Handle“, denke ich. „Ich muss handeln, irgendwas, egal, wie oder was!“
Ich bedeute dem Journalisten mit einer Herrscher-Handgeste, die Audienz sei beendet, beuge mich vor und will gerade den Starter betätigen.
Doch der Journalist und sein Kompagnon lassen nicht locker, verschwinden einfach nicht vollständig aus dem Fenster, einer hat noch einen Unterarm darauf gelehnt, der andere hält weiterhin unverrückt seine Lichtfunzel sowie Kamera ins Auto. Schlecht kann ich so starten, ohne jemanden zu verletzen. Reizen würde es mich schon sehr.
„Warten Sie noch einen Moment“, sagt er nicht – solche Tiere muss man vertreiben, bevor sie von ihrer Beute lassen. Als welches Tier bezeichnete ich ihn? Genau!
Man kennt das: du hast Dich unter Druck gesetzt, dies und jenes zu erledigen, obwohl du längst schon im Hirn die Überflüssigkeit und Überholtheit des Ziels Deiner Handlung erkannt hast, trotzdem kannst Du Dich nicht stoppen und beruhigen. Du musst es tun. In der gleichen Lage befinde ich mich nun auch.
Ich setze bereits wieder mit meinen zwei Fingern an dem Schlüssel an, doch irgendwas hält mich vom erneuten Starten ab. Die Journalisten sind ehrfürchtig zurückgetreten, warten nun, bis ich starte, erkennen mein Zögern und nutzen es sofort aus, indem der eine wieder seine bleckenden Raubtierzähne ins Auto hereinschimmern lässt.
Es muss seine Bedeutung haben, dass ich so lange zögere und dass mich die Journalisten nicht ungehindert ziehen lassen, sage ich orakelhaft und delphiegleich. Mensch, denk mal nach! Fliehen hat ja jetzt auch keinen Zweck mehr – du bist bestimmt schon in aller Munde, bekannt wie ein bunter Hund. Was also kannst Du noch Sinnvolles tun für Dein Ziel, Berühmtheit zu erlangen? Nichts! Eigentlich nichts! Oder?
Da kommt mir eine Idee.
Die Hyänen fressen mir doch jetzt wie die Lakaien und Verhungernden aus der Hand. Die Gelegenheit, sich erst einmal ein Heißgetränk von diesen Kanaillen bringen zu lassen, ist einmalig. In dieser Klickerlestankstelle hier gibt es so etwas ja nicht, aber die Journalisten werden Tod und Teufel in Bewegung setzen, um mich einen Capuccino, Kaffee oder dergleichen zu besorgen, bloß um mich noch einige Minuten länger in ihrer Reichweite zu wissen. Ja, darauf kann man getrost Deine Seele verwetten.
Als ob sie darauf gewartet hätten und sich nichts Besseres vorstellen können, flitzt einer quietschenden Reifens los, in der vagen Hoffnung, ein paar Sendeminuten mehr mit dem Ungeheuer herauszuschlagen. Da rollt der Rubel, herrje!
Ich setze fernsehwirksam und fotogen den Lauf der Pistole auf des Polizisten Schädel. Der Kameramann, ganz kirre und gleichsam geifernd wie eine ausgehungerte Hyäne, beugt sich bedrohlich nahe durchs Fenster herein mit seiner Stalinorgel oder so. Ich setze meine Hand auf das Objektiv, um ihn zurückzupfeiffen. Irr tanzend geht er, stets Kamera wie ein MG auf uns gerichtet, an der Vorderfront um den Wagen herum, um des bedauerlichen Gesicht des Opfers und Geisels willen, nämlich in seiner totalen Ohnmacht aus einem anderen Standpunkt aus ins Auge zu fassen. Sein Auftraggeber wird über diese Bilder frohlocken, wie da die Zuschauerzahlen expotentiell in die Höhe schnellen, es ist eine Wucht.
Die Show läuft wie geschmiert.
Ich raune dem Polizisten ins Ohr: „Sie kennen doch die Regeln hier. Los, zeigen Sie ein paar Schweißtropfen. Pressen Sie!“ Er schaut mich irritiert an, als glaube er, dass ich nunmehr vollständig meinen Verstand verloren habe. Wie ein gezähmter Löwe zeige ich ostentativ die weißen Zähne. Lächeln, wir sind im Fernsehen.
„Lächeln Sie wenigstens, wenn Sie schon keine überzeugende ängstliche Mimik und Gestik zustandebringen, Mann!“
Das tut er dann auch, indem er dito in die Linse grinst.
Den Zuschauern werden die Gänsehäute nur so über den Rücken schaudern: Todeskandidat zeigt sich tapfer in seiner ausweglosen Situation, in der er gefangen gehalten wird. Toll! Phantastisch! Ich rechne, dass ich mittlerweile wieder gepunktet habe. Ob es hinsichtlich meines morgigen Bücherverkaufs bis in die Besten-Liste oder besser Bestseller-Liste des Spiegels reichen wird, das und nur das ist hier die Frage.
Der andere Journalist kommt nun in einem Affenzahn wieder zurück: kavalierbremsend, aus dem Wagenschlag hopsend, vor sich gehalten wie die heilige Monstranz einen riesiger Papp- oder Plastikbecher, plus einem 9-Monats-Schwangernen-Bauch von einer Papiertüte, die beinahe überquillt mit heißem Junkfood. Sag ich’s nicht?
Überraschend stapft tollpatschig mein Bekannter aus seinem Cockpit der Tankstelle auf uns zu, wie immer im blauen Trainingsanzug, weiß der Geier, warum er diesen stets trägt. Wechselt er denn nie die Hosen, denke ich immer. Ein Rätsel.
Den Schirm beugt er nach hinten, sich selbst zu mir herein und stammelt: „Wenn es Dir nichts ausmacht... Du stehst leider im Weg... Du verscheuchst mir hier die Kundschaft...Du verstehst mich, ich sage das nicht gerne...“ Die Floskel glaube ich ihm aufs Wort. Mein Contergan-Freund hat es nicht nötig zu lügen, außerdem kann er keiner Fliege etwas zu leide tun.
Ich schaue nah hinten, beuge mich nach vorne, um links und rechts die dunklen Ecken zu spannen und deute in eine: „Dort hin?“
Völlig überraschend schüttelt er schwermütig sein Haupt. „Um ehrlich zu sein, am liebsten wäre mir, Du verschwindest völlig hier von diesem Areal!“ Wer glaubt, mich trifft der Schlag, liegt nicht falsch. Aus diesem Munde klingt es gesalbt und weisungsbefugt – und niederschmetternd, nach allem, was ich für ihn getan habe, die müßigen Stunden, mit denen ich mit ihm oder wir uns gemeinsam die Zeit totgeschlagen haben mit Allerwelts- und Tausend-und-Einer-Nacht-Geschichten und jetzt das!
War ich nur mehr ein Lügenbüßer für seine müßigen Stunden in seiner schlecht frequentierten Tankstelle oder was?
Ich runzele also gewaltig die Stirn, weil ich zudem momentan auch nicht weiß, wohin.
Mein Freund zuckt sogar schwermütig mit den Schultern und sagt bedauernd: „Mein Chef hat Dich im Fernseher gesehen und mich gerade angerufen, Du verstehst?“ Trotz allem bleibe ich freundlich. „Ich verstehe. Selbstverständlich fahre ich von hier weg!“ Nur weiß ich immer noch nicht, was ich so recht tun soll in dieser Situation. Wohin soll ich schon fahren, nachdem ich jetzt im Fernsehen bin. Jede Minute läuft für mich.
Ich drehe mich nach hinten und sehe durch die Heckscheibe eine Unmenge von inzwischen sich dort sich konzentrierenden Polizeiautos. Das ganze Tankstellen-Terrain ist mittlerweile mit der Grünen Minna umgeben. Das entspricht einem Belagerungszustand, fix!
„Hm!“, entfährt es mir. „Blöd!
Doch einer nervt weiter. „Ich möchte Dich dringend bitten, sofort von diesem Areal hier herunterzufahren! Ja!“ Das sind neue, unbekannte Seiten und Töne meines Freundes. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass er sich unter besonderen Druck seitens seines Chefs gestellt sieht, zumal er ein ungewöhnlicher Arbeitnehmer ist.
Er schlägt leicht mit seinem Handballen auf den Fensterrahmen, um seiner Aussage größeren Nachdruck zu verschaffen. Daraufhin folgt ein aggressives Schweigen.
Dieses Verhalten kommt mich komisch an. Noch niemals habe ich meinen Bekannten wütend und erregt erlebt. Stets eingehüllt in einen Kokon fatalisierender Schwermut habe ich ihn wahrgenommen.
Wo habe ich meine Augen gelassen? Es ist nun das Gefühl da, dass nicht ich ihm mit Mitleid begegnet bin, sondern er mir, er sich meine Geschichten hat angehört, weil ich einen mitleidserregenden Zuhörer gesucht habe, dem man damit beglücken und die Zeit vertreiben konnte, wenn man ihm ein Ohr hinhielt.
Diese Erkenntnis ist ein Schock.
Bislang bin ich umgekehrt davon ausgegangen, dass er mich nötiger gebraucht hat als ich ihm. Jetzt jedoch scheint es sich umgekehrt verhalten zu haben. Ich stehe als ehemaliger Bittsteller da - was ein Ding, furchtbare Verdrehung der Verhältnisse ist da entstanden.
Ich bin der bemitleidenswerte Teil unseres Beziehungsverhältnisses gewesen, so sieht’s aus!
Mir verschlägt’s den Atem.
Aber insgesamt ist er doch beschissener dran, räsoniere ich wieder. Ich sag’s leider, ich kann mein Mitleidsstreben nicht unterdrücken. Stets sehe ich die anderen als Opfer, obwohl ich doch selbst nichts anderes bin. Aber so ist’s nun einmal.
Und so denke ich, klar, Arbeitnehmer!
Aber nein, Schluss damit, mit diesem Mitleidsgetue! Denn trotzdem, trotzdem allem, trotz schwerem Stand in der Arbeitswelt, Schwer-Behinderter hin oder her jetzt reicht’s mir!
Ich stoße die Tür auf, die meinen Freund in den Bach schlägt, so dass er tatsächlich zusammensackt. Ich wundere mich schon, welche Kräfte ich imstande bin zu entwickeln. Aber Hebelwirkung natürlich.
Mein Ex-Freund, muss ich jetzt sagen, ist ein Grischperl, ich packe ihn um die Hüften und halte ihn hoch, schleppe ihn zum Auto und will dem Polizisten ein Zeichen geben, er solle die Hintertür aufmachen.
Er sitzt jedoch nicht mehr im Auto.
„Verflucht!“, brülle ich, drücke mich ans Auto, hangle mit den Fingern das Schloss aus, öffne mit einem Fuß die Tür und werfe meinen Freund auf den Rücksitz hinein. Aber schon steht mir wieder neuer Ärger ins Haus. Diesmal nicht vom Polizisten. Von diesem auch. Der Ärger ist schon da, weil er sich aus dem Auto gestohlen hat und die paar Meter zu seinen Kumpels gerobbt und sich dort in Sicherheit gebracht hat.
Der wirkliche Ärger kommt von ganz unerwarteter Seite. Inzwischen, was mir völlig entgangen ist, hat sich ein Mopedfahrer auf dieses heiße Terrain begeben. Es kann nur sein, dass er über einen Feldweg der entgegen der Polizei aufgebauten Sperre gekommen sein muss. Damit ist er der Umriegelung entgangen. Er hat sein Moped zum Auftanken an die kleine Zapfsäule für derartige Vehikel gestellt und muss unseren Tumult beobachtet haben.
Er kommt breitbeinig auf mich zu.
Der soll mir nur herkommen. Ich bin sauer über die Flucht meiner Goldpolice. Ich kann nunmehr durchaus noch eine zweite Geisel gebrauchen. Es muss für den entstandenen Mangel ein entsprechender Ausgleich her. Ob solch ein Behinderter meine Position stärkt oder schwächt gegenüber den vorhergehenden Zustand, habe ich noch nicht durchdacht. Aber Mensch ist Mensch, soll man meinen.
Jener dort ist ein Jugendlicher und Ausländer.
„He, was machen Sie da?“
Breitbeinig kommt er dahergelatscht. Das habe ich schon öfter beobachtet, dass gewisse Typen bewusst die Beine auseinanderhalten beim Gehen, die Füße gleichfalls möglichst nach links und rechts gerichtet, um was weiß ich was zu demonstrieren. Es macht einen betont stenzhaften Eindruck.
Es hat mir wirklich richtiggehende Freude bereitet, meine Kräfte und Geschicklichkeit zu spüren, als ich meinen behinderten Freund überwältigt habe, aber noch mehr natürlich mein Sieg über den Polizisten. Vor einer erneuten Probe werde ich hier gestellt: Jugendlicher, nicht zu unterschätzen.
Auf einen körperlichen Fight will ich es aber nicht ankommen lassen.
„Stopp Alter!“
Er bleibt stehen. Er guckt in die Mündung meiner Knarre.
Jedoch kann ich in nicht an seinem Gesicht ablesen, wie ernst er die Bedrohung nimmt. Checkt er stattdessen ab, wie er mich am besten attackieren kann?
„Dreh Dich rum.“
Tut er zunächst nicht. Tatsächlich, der scheit es darauf ankommen zu lassen. Will den Helden spielen.
Ich schaue ihn mir genauer an, um wen es sich wohl handelt. Ein Türke vermutlich.
„Iyi Günler!“
Men merkt, ich bin verunsichert.
„Marhaabah!“
Ein Dschihadist, ein Gotteskrieger, das hat mir noch gefehlt. Sagt bewusst „Grüß Gott!“ statt „Schönen Tag!“
Wahrscheinlich wäre es tatsächlich zu einem Konflikt gekommen, wenn nicht plötzlich die Lautsprecherstimme der Polizei erschallt wäre: „Machen Sie, was Ihnen der Mann sagt. Gehen Sie kein Risiko ein. Er ist schwerbewaffnet und gefährlich! Ich wiederhole...“
Der junge Mann glotzt in Richtung der Polizei. Dann dreht er sich um.
„Heb noch die Hände, Junge!“
Macht er.
„Bleib stehen, rühr Dich ja nicht!“
Macht er.
Ich hole mir noch ein Paar Handschellen aus dem Auto. Bei Benzin sorgt die Polizei nicht vor, aber bei Handschellen schon. Ein ganzes Knäuel davon liegt im Kofferraum.
Dann schnelle ich ihm eine um. Aber dieses Mal, ich bin ja nicht blöd, mit Händen am Rücken verschränkt.
So, Geisel Nummer zwei, ab ins Auto, und zwar auf dem Beifahrersitz.
Auch ich werfe mich wieder auf meinen Sitz und denke: so jetzt sitzt du hier mit zwei Geiseln, was nun?
Die Journalisten haben natürlich alles gefilmt, sehr gut, das puscht den Verkauf meiner Bücher um ein weiteres. Darum geht’s!
„Handle! Tue etwas, egal wie oder was!“
In dieser Lage hieße das, endlich von hier wegfahren und zu verschwinden!
Aber nun, erschießen lassen will ich mich ja jetzt nicht mehr.
Soll ich mich vielleicht ergeben?
Wie käme das beim meinem Publikum an, bei den neuen Lesern?
Darüber musst Du dir auf jeden Fall im Klaren sein. Ich brauche als ein bisschen Ruhe. Zum Nachdenken.
Und diese Journalisten, die mit ihrer Lichtfunzel mal dahin, mal dorthin leuchten, nerven mich gewaltig. Genau, für was hat man schließlich so ein Ding. Ich ziehe meine Knarre.
„Handle“, denke ich. „Ich muss handeln, irgendwas, egal, wie oder was!“
Ich bedeute dem Journalisten mit einer Herrscher-Handgeste, die Audienz sei beendet, beuge mich vor und will gerade den Motor starten.
Doch Haupt-Plagegeist, unterstützt von seinem Kompagnon, lässt nicht locker, zieht sich nicht vollständig aus dem Fenster zurück, hat einen Unterarm darauf gelehnt, während der andere unverrückt seine Lichtfunzel sowie Kamera ins Auto richtet. Schlecht kann ich so starten, ohne jemanden zu verletzen. Reizen würde es mich schon sehr.
„Warten Sie noch einen Moment“, sagt er nicht – solche Tiere muss man vertreiben, bevor sie von ihrer Beute lassen. Als welches Art von Tier bezeichnete ich ihn? Genau!
Man kennt das: du hast Dich unter Druck gesetzt, dies und jenes zu erledigen, obwohl du längst schon im Hirn die Überflüssigkeit und Überholtheit des Ziels Deiner Handlung erkannt hast, trotzdem kannst Du Dich nicht zurücknehmen und beruhigen. Du musst es tun. In der gleichen Lage befinde ich mich nun auch.
Ich setze bereits wieder mit meinen zwei Fingern an dem Schlüssel an, doch irgendetwas hält mich vom erneuten Starten ab. Die Journalisten sind doch ehrfürchtig zurückgetreten, warten nun, bis ich starte, erkennen mein Zögern und nutzen es sofort aus, indem der eine wieder sein Raubvogelgesicht ins Auto hereinhält.
Es muss seine Bedeutung haben, dass ich so lange zögere und dass mich die Journalisten nicht ungehindert ziehen lassen, sage ich orakelhaft und delphiegleich. Mensch, denk mal nach! Fliehen hat ja jetzt auch keinen Zweck mehr – du bist bestimmt schon in aller Munde, bekannt wie ein bunter Hund. Was also kannst Du noch Sinnvolles tun für Dein Ziel, Berühmtheit zu erlangen? Nichts! Eigentlich nichts! Oder?
Da kommt mir eine Idee.
Die Hyänen fressen mir doch jetzt wie die Lakaien und Verhungernden aus der Hand. Die Gelegenheit, sich erst einmal ein Heißgetränk von diesen Kanaillen bringen zu lassen, ist einmalig. In dieser Klickerlestankstelle hier gibt es so etwas nicht, aber die Journalisten werden Tod und Teufel in Bewegung setzen, um mir einen Capuccino, Kaffee oder dergleichen zu besorgen, bloß um mich noch einige Minuten länger in ihrer Reichweite zu wissen. Ja, darauf kann man getrost seine Seele verwetten.
Als ob sie darauf gewartet hätten und sich nichts Besseres vorstellen können, flitzt einer sofort quietschenden Reifens los, in der vagen Hoffnung, ein paar Sendeminuten mehr mit dem Ungeheuer herauszuschlagen. Da rollt der Rubel, herrje!
Ich setze fernsehwirksam und fotogen den Lauf der Pistole auf des Polizisten Schädel. Der Kameramann, ganz kirre und gleichsam geifernd wie eine ausgehungerter Geier, beugt sich bedrohlich nahe durchs Fenster herein mit seiner Stalinorgel oder so. Ich setze meine Hand auf das Objektiv, um ihn zurückzupfeiffen. Irr tanzend geht er, stets Kamera wie ein MG auf uns gerichtet, an der Vorderfront um den Wagen herum, um des bedauerlichen Gesicht des Opfers und Geisels willen, nämlich in seiner totalen Ohnmacht aus einem anderen Standpunkt aus ins Auge zu fassen. Sein Auftraggeber wird über diese Bilder frohlocken, wie da die Zuschauerzahlen expotentiell in die Höhe schnellen, es ist eine Wucht.
Es läuft wie geschmiert – bis, was muss ich da sehen?
Ich raune dem Polizisten ins Ohr: „Sie kennen doch die Regeln hier. Los, zeigen Sie ein paar Schweißtropfen. Pressen Sie!“ Er schaut mich irritiert an, als habe ich nunmehr vollständig meinen Verstand verloren.
Ich demonstriere, wie es geht: Ostentativ wie ein gezähmter Löwe blecke ich mit weißen Zähne ins hunderttausendzählige Publikum. Lächeln, wir sind im Fernsehen.
„Lächeln Sie wenigstens, wenn Sie schon keine überzeugende ängstliche Mimik und Gestik zustandebringen, Mann!“
Das tut er dann auch, indem er dito in die Linse grinst.
Den Zuschauern werden die Gänsehäute nur so über den Rücken schaudern: Todeskandidat zeigt sich tapfer in seiner ausweglosen Situation, in der er gefangen gehalten wird. Toll! Phantastisch! Ich rechne, dass ich mittlerweile wieder gepunktet habe. Ob es hinsichtlich meines morgigen Bücherverkaufs bis in die Besten-Liste oder besser Bestseller-Liste des Spiegels reichen wird, das und nur das ist hier die Frage.
Der andere Journalist kommt nun in einem Affenzahn wieder zurück: kavalierbremsend, aus dem Wagenschlag hopsend, vor sich gehalten wie die heilige Monstranz einen riesiger Papp- oder Plastikbecher, plus einem 9-Monats-Schwangernen-Bauch von einer Papiertüte, die beinahe überquillt mit heißem Junkfood. Sag ich’s nicht?
Überraschend stapft tollpatschig mein Bekannter aus seinem Cockpit der Tankstelle auf uns zu, wie immer im blauen Trainingsanzug, weiß der Geier, warum er diesen stets trägt. Wechselt er denn nie die Hosen, denke ich immer. Ein Rätsel.
Den Schirm beugt er nach hinten, sich selbst zu mir herein und stammelt: „Wenn es Dir nichts ausmacht... Du stehst leider im Weg... Du verscheuchst mir hier die Kundschaft...Du verstehst mich, ich sage das nicht gerne...“ Die Floskel glaube ich ihm aufs Wort. Mein Contergan-Freund hat es nicht nötig zu lügen, außerdem kann er keiner Fliege etwas zu leide tun.
Ich schaue nah hinten, beuge mich nach vorne, um links und rechts die dunklen Ecken zu spannen und deute in eine: „Dort hin?“
Völlig überraschend schüttelt er schwermütig sein Haupt. „Um ehrlich zu sein, am liebsten wäre mir, Du verschwindest völlig hier von diesem Areal!“ Wer glaubt, mich trifft der Schlag, liegt nicht falsch. Aus diesem Munde klingt es gesalbt und weisungsbefugt – und niederschmetternd, nach allem, was ich für ihn getan habe, die müßigen Stunden, mit denen ich mit ihm oder wir uns gemeinsam die Zeit totgeschlagen haben mit Allerwelts- und Tausend-und-Einer-Nacht-Geschichten und jetzt das!
War ich nur mehr ein Lügenbüßer für seine müßigen Stunden in seiner schlecht frequentierten Tankstelle oder was?
Ich runzele also gewaltig die Stirn, weil ich zudem momentan auch nicht weiß, wohin.
Mein Freund zuckt sogar schwermütig mit den Schultern und sagt bedauernd: „Mein Chef hat Dich im Fernseher gesehen und mich gerade angerufen, Du verstehst?“ Trotz allem bleibe ich freundlich. „Ich verstehe. Selbstverständlich fahre ich von hier weg!“ Nur weiß ich immer noch nicht, was ich so recht tun soll in dieser Situation. Wohin soll ich schon fahren, nachdem ich jetzt im Fernsehen bin. Jede Minute läuft für mich.
Ich drehe mich nach hinten und sehe durch die Heckscheibe eine Unmenge von inzwischen sich dort sich konzentrierenden Polizeiautos. Das ganze Tankstellen-Terrain ist mittlerweile mit der Grünen Minna umgeben. Das entspricht einem Belagerungszustand, fix!
„Hm!“, entfährt es mir. „Blöd!
Doch einer nervt weiter. „Ich möchte Dich dringend bitten, sofort von diesem Areal hier herunterzufahren! Ja!“ Das sind neue, unbekannte Seiten und Töne meines Freundes. Ich kann mir vorstellen, dass er unter starkem Druck seitens seines Chefs gestellt ist.
Er schlägt leicht mit seinem Handballen auf den Fensterrahmen, um seiner Aussage größeren Nachdruck zu verschaffen. Daraufhin folgt ein aggressives Schweigen.
Dieses Verhalten kommt mich komisch an. Noch niemals habe ich meinen Bekannten wütend und erregt erlebt, bloß eingehüllt in einen Kokon fatalisierender Schwermut.
Wo habe ich meine Augen gelassen? Mit einem Mal herrscht das Gefühl vor, dass nicht ich ihm mit Mitleid begegnet bin, sondern er mir, er sich meine Geschichten hat angehört, weil ich einen mitleidserregenden Zuhörer gesucht habe, dem man damit beglücken und die Zeit vertreiben konnte, wenn man ihm ein Ohr hinhielt.
Diese Erkenntnis ist ein Schock.
Bislang durfte ich umgekehrt davon ausgegangen sein, dass er mich nötiger gebraucht hat als ich ihm. Jetzt jedoch scheint es sich umgekehrt verhalten zu haben. Ich stehe als ehemaliger Bittsteller da - was ein Ding, furchtbare Verdrehung der Verhältnisse ist da entstanden.
Ich bin der bemitleidenswerte Teil unseres Beziehungsverhältnisses gewesen, so sieht’s aus!
Mir verschlägt’s den Atem.
Aber insgesamt ist er doch beschissener dran, räsoniere ich wieder...
Ich sag’s leider, ich kann mein Mitleidsstreben nicht unterdrücken. Stets sehe ich die anderen als Opfer, obwohl ich doch selbst nichts anderes bin. Aber so ist’s nun einmal.
Und so denke ich, klar, Arbeitnehmer...
Aber nein, Schluss damit, mit diesem Mitleidsgetue! Denn trotzdem, trotzdem allem, trotz schwerem Stand in der Arbeitswelt, Schwer-Behinderter hin oder her jetzt reicht’s mir!
Ich stoße die Tür auf, die meinen Freund in den Bach schlägt, so dass er zurücktaumelt, stolpert und zu Boden sackt, Hebelwirkung sei’s gedankt.
Dieses Grischperl von einem Mensch packe ich um die Hüften, halte ihn hoch, schleppe ihn zum Auto und will dem Polizisten ein Zeichen geben, er solle die Hintertür aufmachen.
Er sitzt jedoch nicht mehr im Auto.
„Verflucht!“, brülle ich, drücke mich an die Karosserie, hangle mit den Fingern das Schloss aus, öffne mit einem Fuß die Tür und werfe meinen Freund auf den Rücksitz. Aber schon steht mir wieder neuer Ärger ins Haus. Diesmal nicht vom Polizisten. Von diesem auch. Der Ärger ist schon da, weil er sich aus dem Auto gestohlen hat und die paar Meter zu seinen Kumpels gerobbt und sich dort in Sicherheit gebracht hat.
Neuer Ärger scheint von ganz unerwarteter Seite zu kommen. Inzwischen hat sich ein Mopedfahrer unbemerkt von allen auf dieses heiße Terrain hier begeben. Es kann nur sein, dass er aus der Richtung der Felder und Äcker gekommen ist, aus der entgegen der Polizei aufgebauten halbkreisförmigen Umzingelung. Sein Moped an die kleine Zapfsäule neben dem Cockpit zum Auftanken für derartige Vehikel gestellt, ist ihm unser Tumult nicht entgangen.
Er kommt breitbeinig auf mich zu., also einer, der seine Beine beim Gehen weitmöglischt auseinanderhält.
Die Füße sind nach links und rechts ausgeschert. Ein betont stenzhaften Eindruck.
Der soll mir nur kommen. Eine zweite Geisel kommt jetzt wie gerufen, bin ich doch sauer über die Flucht meiner Goldpolice. Einer muss für den entstandenen Mangel Ausgleich herstellen. Unsicherheit empfinde ich über meine jetzige Geisel, abhängig davon, dass es sich dabei um einen Behinderten handelt. Mensch ist Mensch, soll man meinen. Aber wer weiß, was andere denken? Aber jener dort scheint mir ein Ausländer zu sein. Eine Geisel als Migrationshintergrund ist immer gut.
„He, was machen Sie da?“
Unverzagt latscht er dabei, als ginge er auf einem Fass, auf mich zu.
Bislang hat es mir wirklich richtiggehende Freude bereitet, meine Kräfte und Geschicklichkeit zu spüren, als ich meinen behinderten Freund überwältigt habe, weit mehr noch bei der Überwältigung des Polizisten. Hier werde ich vor einer erneuten Probe gestellt: Jugendlicher - wobei ein solcher nicht zu unterschätzen ist.
Auf einen körperlichen Fight will ich es aber nicht ankommen lassen.
„Stopp Großer!“
Stehen bleiben. Tut er nicht. Aber verlangsamen tut er seine Schritt wenigstens.
Kann der bislang nur einen Satz sprechen?
Immer näher kommt er.
Mensch, ich sollte ihn einen Deutschkurs anbieten.
Er schlurft und schlurft immerzu auf mich weiter her.
Zum Sprachkurs ist es leider aber jetzt zu spät, alles ist zu spät, wenn ich nicht auf internationale Semiotik zurückgreife, sprich Zeichensprache.
Er guckt in die Mündung meiner Knarre.
Na endlich, er gehört dem menschlichen Kulturkreis an. Ich streiche mir die Schweißperlen mit dem Handrücken von der Stirn.
Doch kann ich nicht an seinem Gesicht ablesen, wie ernst er die Bedrohung nimmt. Checkt er stattdessen ab, wie er mich am besten attackieren kann?
Ich schaue ihn mir genauer an, um wen es sich wohl handelt. Ich tippe auf einen Türken. Okay, unterziehe ihm den Sprachtest.
„Iyi Günler!“
Er antwortet nicht. Ich werde wieder unsicher.
„Marhaabah!“
„Grüß Gott!“ statt „Schönen Tag!“ - ist er ein Dschihadist, ein potentieller Gotteskrieger, dann würde er daraufhin reagieren.
Auch nicht.
„Dreh Dich rum!“
Jetzt sind gerade dabei, in eine außerordentlich ernsthafte Phase zu schliddern, schallte nicht plötzlich eine Stimme aus einem Megaphon: „Hier spricht die Polizei! Machen Sie, was Ihnen dieser Mann sagt. Gehen Sie kein Risiko ein. Er ist schwerbewaffnet und gefährlich! Ich wiederhole...“
Der junge Mann glotzt in Richtung der Polizei. Doch umdrehen will er sich nicht, tut er zunächst halt nicht. Scheit er es darauf ankommen zu lassen, den Helden zu spielen? So stark kann doch keiner unter Integrationsdruck stehen, dass er sein Leben dafür aufs Spiel setzt.
Nicht rührt sich bei ihm.
Okay, vielleicht liegt wirklich nur ein kulturelles Missverständnis vor. So will ich ihm zu Hilfe zu kommen und mache eine Kreisbewegung mit der Hand, voran die Finger.
Er nickt jetzt. Habe ich ein Glück, dass er dies verstanden hat, doch vorsichtig sein und abwarten, ob dieses Zeichen weltumspannend gleich gedeutet wird? (Mir gefällt das hier gar nicht, dieser Job mit der Pistole. Ich würde lieber wieder einen Bleistift zwischen die Griffel haben. Aber heutzutage gehört wohl beides zusammen.)
Jetzt macht er es doch. Eine halbe Umdrehung. Aufatmen.
„Heb noch die Hände, Junge!“
Macht er. Mensch, er versteht alles, ich habe mich hier zum Narren gemacht, lächerlich und peinlich.
„Bleib stehen, rühr Dich ja nicht!“
Macht er auch.
Ich hole mir ein Paar Handschellen aus dem Auto. Bei Benzin sorgt die Polizei nicht vor, aber bei Handschellen schon. Ein ganzes Knäuel davon liegt im Kofferraum.
Dann schnelle ich ihm eine um. Aber dieses Mal - ich bin ja nicht blöd - mit Händen am Rücken verschränkt. So, Geisel Nummer zwei, ab ins Auto, und zwar auf dem Beifahrersitz.
Auch ich werfe mich wieder auf meinen Sitz und denke: so jetzt sitzt du hier mit zwei Geiseln, was nun?
Die Journalisten haben natürlich alles gefilmt, sehr gut, das puscht den Verkauf meiner Bücher um ein weiteres. Darum geht’s!
„Handle! Tu etwas, egal wie oder was!“
In dieser Lage hieße das, endlich von hier wegfahren und zu verschwinden!
Aber nun, erschießen lassen will ich mich ja jetzt nicht mehr.
Soll ich mich vielleicht ergeben?
Wie käme das beim meinem Publikum an, bei den neuen Lesern?
Darüber musst Du dir auf jeden Fall im Klaren sein. Ich brauche als ein bisschen Ruhe. Zum Nachdenken.
Und diese Journalisten, die mit ihrer Lichtfunzel mal dahin, mal dorthin leuchten, nerven mich gewaltig. Genau, für was hat man schließlich so ein Ding? Ich ziehe meine Knarre.
Ich winke mit dieser dem Journalisten, dem Leithammel davon, zu mir her.
Als er kommt, gebe ich ihm einen erneuten Wink, sich mir sein Ohrwascherl zu leihen, in dem ich unmissverständlich deutlich hineinraune: „Macht mal einen Rückzieher für zehn Minuten.“
„Ja!“, stößt er aus.
„Und zwar zwanzig Meter Entfernung von hier, klar!“
„Klar!“, kommt es munter. Er hat einiges geboten bekommen.
Außerdem hört er aus meiner Stimme, das wir noch nicht am Ende sind, eine Menge Potential steckt in unserem Teamwork, das keineswegs für beendet erklärt ist mit einer zwanzigminütigen Auszeit.
Er winkt seinen Kompagnon zu und sie ziehen sich tatsächlich in ihre Autos zurück, die sie auf zehn Meter Abstand zurückstoßen.
So, das wäre mal erledigt.
Ich beuge mich in meinen Sitz zurück, schließe für einen Moment die Augen und denke angestrengt nach.
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„Handle“, denke ich. „Ich muss handeln, irgendwas, egal, wie oder was!“
Ich bedeute dem Journalisten mit einer Herrscher-Handgeste, die Audienz sei beendet, beuge mich vor und will gerade den Motor starten.
Doch Haupt-Plagegeist, unterstützt von seinem Kompagnon, lässt nicht locker, zieht sich nicht vollständig aus dem Fenster zurück, hat einen Unterarm darauf gelehnt, während der andere unverrückt seine Lichtfunzel sowie Kamera ins Auto richtet. Schlecht kann ich so starten, ohne jemanden zu verletzen. Reizen würde es mich schon sehr.
„Warten Sie noch einen Moment“, sagt er nicht – solche Tiere muss man vertreiben, bevor sie von ihrer Beute lassen. Als welches Art von Tier bezeichnete ich ihn? Genau!
Man kennt das: du hast Dich unter Druck gesetzt, dies und jenes zu erledigen, obwohl du längst schon im Hirn die Überflüssigkeit und Überholtheit des Ziels Deiner Handlung erkannt hast, trotzdem kannst Du Dich nicht zurücknehmen und beruhigen. Du musst es tun. In der gleichen Lage befinde ich mich nun auch.
Ich setze bereits wieder mit meinen zwei Fingern an dem Schlüssel an, doch irgendetwas hält mich vom erneuten Starten ab. Die Journalisten sind doch ehrfürchtig zurückgetreten, warten nun, bis ich starte, erkennen mein Zögern und nutzen es sofort aus, indem der eine wieder sein Raubvogelgesicht ins Auto hereinhält.
Es muss seine Bedeutung haben, dass ich so lange zögere und dass mich die Journalisten nicht ungehindert ziehen lassen, sage ich orakelhaft und delphiegleich. Mensch, denk mal nach! Fliehen hat ja jetzt auch keinen Zweck mehr – du bist bestimmt schon in aller Munde, bekannt wie ein bunter Hund. Was also kannst Du noch Sinnvolles tun für Dein Ziel, Berühmtheit zu erlangen? Nichts! Eigentlich nichts! Oder?
Da kommt mir eine Idee.
Die Hyänen fressen mir doch jetzt wie die Lakaien und Verhungernden aus der Hand. Die Gelegenheit, sich erst einmal ein Heißgetränk von diesen Kanaillen bringen zu lassen, ist einmalig. In dieser Klickerlestankstelle hier gibt es so etwas nicht, aber die Journalisten werden Tod und Teufel in Bewegung setzen, um mir einen Capuccino, Kaffee oder dergleichen zu besorgen, bloß um mich noch einige Minuten länger in ihrer Reichweite zu wissen. Ja, darauf kann man getrost seine Seele verwetten.
Als ob sie darauf gewartet hätten und sich nichts Besseres vorstellen können, flitzt einer sofort quietschenden Reifens los, in der vagen Hoffnung, ein paar Sendeminuten mehr mit dem Ungeheuer herauszuschlagen. Da rollt der Rubel, herrje!
Ich setze fernsehwirksam und fotogen den Lauf der Pistole auf des Polizisten Schädel. Der Kameramann, ganz kirre und gleichsam geifernd wie eine ausgehungerter Geier, beugt sich bedrohlich nahe durchs Fenster herein mit seiner Stalinorgel oder so. Ich setze meine Hand auf das Objektiv, um ihn zurückzupfeifen. Irr tanzend geht er, stets Kamera wie ein MG auf uns gerichtet, an der Vorderfront um den Wagen herum, um des bedauerlichen Gesicht des Opfers und Geisels willen, nämlich in seiner totalen Ohnmacht aus einem anderen Standpunkt aus ins Auge zu fassen. Sein Auftraggeber wird über diese Bilder frohlocken, wie da die Zuschauerzahlen expotentiell in die Höhe schnellen, es ist eine Wucht.
Es läuft wie geschmiert – bis, was muss ich da sehen?
Ich raune dem Polizisten ins Ohr: „Sie kennen doch die Regeln hier. Los, zeigen Sie ein paar Schweißtropfen. Pressen Sie!“ Er schaut mich irritiert an, als habe ich nunmehr vollständig meinen Verstand verloren.
Ich demonstriere, wie es geht: Ostentativ wie ein gezähmter Löwe blecke ich mit weißen Zähne ins hunderttausendzählige Publikum. Lächeln, wir sind im Fernsehen.
„Lächeln Sie wenigstens, wenn Sie schon keine überzeugende ängstliche Mimik und Gestik zustandebringen, Mann!“ Ich stoße ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.
Das tut er dann auch, indem er dito in die Linse grinst.
Den Zuschauern werden die Gänsehäute nur so über den Rücken schaudern: Todeskandidat zeigt sich tapfer in seiner ausweglosen Situation, in der er gefangen gehalten wird. Toll! Phantastisch! Ich rechne, dass ich mittlerweile wieder gepunktet habe. Ob es hinsichtlich meines morgigen Bücherverkaufs bis in die Besten-Liste oder besser Bestseller-Liste des Spiegels reichen wird, das und nur das ist hier die Frage.
Der andere Journalist kommt nun in einem Affenzahn wieder zurück: kavalierbremsend, aus dem Wagenschlag hopsend, vor sich gehalten wie die heilige Monstranz einen riesiger Papp- oder Plastikbecher, plus einem 9-Monats-Schwangernen-Bauch von einer Papiertüte, die beinahe überquillt mit heißem Junkfood. Sag ich’s nicht?
Überraschend stapft tollpatschig mein Bekannter aus seinem Cockpit der Tankstelle auf uns zu, wie immer im blauen Trainingsanzug, weiß der Geier, warum er diesen stets trägt. Wechselt er denn nie die Hosen, denke ich immer. Ein Rätsel.
Den Schirm beugt er nach hinten, sich selbst zu mir herein und stammelt: „Wenn es Dir nichts ausmacht... Du stehst leider im Weg... Du verscheuchst mir hier die Kundschaft...Du verstehst mich, ich sage das nicht gerne...“ Die Floskel glaube ich ihm aufs Wort. Mein Contergan-Freund hat es nicht nötig zu lügen, außerdem kann er keiner Fliege etwas zu leide tun.
Ich schaue nah hinten, verrenke mich nach vorne, um links und rechts in die dunklen Ecken zu spannen und deute in eine: „Dort hin?“
Völlig überraschend schüttelt er schwermütig sein Haupt. „Um ehrlich zu sein, am liebsten wäre mir, Du verschwindest völlig hier von diesem Areal!“ Aus diesem Munde klingt es gesalbt und weisungsbefugt – und niederschmetternd, nach allem, was ich für ihn getan habe, die müßigen Stunden, mit denen ich mit ihm oder wir uns gemeinsam die Zeit totgeschlagen haben mit Allerwelts- und Tausend-und-Einer-Nacht-Geschichten und jetzt das!
War ich nur mehr ein Lügenbüßer für seine müßigen Stunden in seiner schlecht frequentierten Tankstelle oder was?
Ich runzele gewaltig die Stirn. „Junge, ich weiß momentan nicht, wohin!“
Mein Freund zuckt sogar schwermütig die Schultern und sagt bedauernd: „Mein Chef hat Dich im Fernseher gesehen und mich gerade angerufen, Du verstehst?“ Trotz allem bleibe ich freundlich. „Ich verstehe. Selbstverständlich fahre ich von hier weg!“ Nur weiß ich immer noch nicht, was ich so recht tun soll in dieser Situation. Wohin soll ich schon fahren, nachdem ich jetzt im Fernsehen bin. Jede Minute läuft für mich.
Verrückt, im Vergleich von vor ein paar Stunden ist es jetzt umgekehrt: die Zeit läuft für mich, nicht ab, sondern, na halt – für mich!
Doch fühlte ich mich meinem Bekannten verpflichtet. Ich drehe mich um, erblicke durch die Heckscheibe eine Unmenge von inzwischen sich dort sich konzentrierenden Polizeiautos. Das ganze Tankstellen-Terrain ist mittlerweile mit der Grünen Minna umgeben. Das entspricht einem Belagerungszustand, fix!
„Hm!“, entfährt es mir. „Blöd!
Doch einer nervt weiter. „Ich möchte Dich dringend bitten, sofort von diesem Areal hier herunterzufahren! Ja!“ Das sind neue, unbekannte Seiten und Töne meines Freundes. Ich kann mir vorstellen, dass er unter starkem Druck seitens seines Chefs steht.
Er schlägt leicht mit seinem Handballen auf den Fensterrahmen, um seiner Aussage größeren Nachdruck zu verschaffen. Daraufhin folgt ein aggressives Schweigen.
Dieses Verhalten kommt mich komisch an. Noch niemals habe ich meinen Bekannten wütend und erregt erlebt, bloß eingehüllt in einen Kokon fatalisierender Schwermut.
Und zum zweiten Mal heute verkehrt sich die Welt und steht kopf.
Wo habe ich meine Augen gelassen? Mit einem Mal herrscht das Gefühl vor, dass nicht ich ihm mit Mitleid begegnet bin, sondern er mir, er sich meine Geschichten angehört hat , weil ich einen mitleidserregenden Zuhörer gesucht habe, dem man damit beglücken und die Zeit vertreiben konnte, wenn man ihm ein Ohr hinhielt.
Diese Erkenntnis ist ein Schock.
Bislang bin ich davon ausgegangen, dass er mich nötiger gebraucht hat als ich ihm. Jetzt jedoch scheint es sich umgekehrt verhalten zu haben. Ich stehe als ehemaliger Bittsteller da - was ein Ding, furchtbare Verdrehung der Verhältnisse ist da entstanden.
Ich bin der bemitleidenswerte Teil unseres Beziehungsverhältnisses gewesen, so sieht’s aus!
Mir verschlägt’s den Atem.
Aber insgesamt ist er doch beschissener dran, räsoniere ich wieder...
Ich sag’s ja, ich kann mein Mitleidsstreben nicht unterdrücken. Stets sehe ich die anderen als Opfer, obwohl ich doch selbst nichts anderes bin. Aber so ist’s nun einmal.
Und so denke ich, klar, Arbeitnehmer...
Aber nein, Schluss damit, mit diesem Mitleidsgetue! Denn trotzdem, trotzdem allem, trotz schwerem Stand in der Arbeitswelt, Schwer-Behinderter hin oder her, jetzt reicht’s mir!
Ich stoße die Tür auf, die meinen Freund in den Bauch schlägt, so dass er zurücktaumelt, stolpert und zu Boden sackt, Hebelwirkung sei’s gedankt.
Dieses Grischperl von einem Mensch packe ich um die Hüften, halte ihn hoch, schleppe ihn zum Auto und will dem Polizisten ein Zeichen geben, er solle die Hintertür aufmachen.
Er sitzt jedoch nicht mehr im Auto.
„Verflucht!“, brülle ich, drücke mich an die Karosserie, hangle mit den Fingern das Schloss aus, öffne mit einem Fuß die Tür und werfe meinen Freund auf den Rücksitz. Aber schon steht mir wieder neuer Ärger ins Haus. Diesmal nicht vom Polizisten. Von diesem auch. Der Ärger ist schon da, weil er sich aus dem Auto gestohlen hat und die paar Meter zu seinen Kumpels gerobbt und sich dort in Sicherheit gebracht hat.
Neuer Ärger scheint von ganz unerwarteter Seite zu kommen. Inzwischen hat sich ein Mopedfahrer unbemerkt von allen auf dieses heiße Terrain hier begeben. Es kann nur sein, dass er aus der Richtung der Felder und Äcker gekommen ist, aus der entgegen der Polizei aufgebauten halbkreisförmigen Umzingelung. Sein Moped an die kleine Zapfsäule neben dem Cockpit zum Auftanken für derartige Vehikel gestellt, ist ihm unser Tumult nicht entgangen.
Er kommt breitbeinig auf mich zu., also einer, der seine Beine beim Gehen weitmöglichst auseinanderhält.
Die Füße sind nach links und rechts ausgeschert. Ein betont stenzhaften Eindruck.
Der soll mir nur kommen. Eine zweite Geisel kommt jetzt wie gerufen, bin ich doch sauer über die Flucht meiner Goldpolice. Einer muss für den entstandenen Mangel Ausgleich herstellen. Unsicherheit empfinde ich über meine jetzige Geisel, abhängig davon, dass es sich dabei um einen Behinderten handelt. Mensch ist Mensch, soll man meinen. Aber wer weiß, was andere denken? Aber jener dort scheint mir ein Ausländer zu sein. Eine Geisel als Migrationshintergrund ist immer gut.
„He, was machen Sie da?“
Unverzagt latscht er dabei, als ginge er auf einem Fass, auf mich zu.
Bislang hat es mir wirklich richtiggehende Freude bereitet, meine Kräfte und Geschicklichkeit zu spüren, als ich meinen behinderten Freund überwältigt habe, weit mehr noch bei der Überwältigung des Polizisten. Hier werde ich vor einer erneuten Probe gestellt: Jugendlicher - wobei ein solcher nicht zu unterschätzen ist.
Auf einen körperlichen Fight will ich es aber nicht ankommen lassen.
„Stopp Großer!“
Stehen bleiben. Tut er nicht. Aber verlangsamen tut er seine Schritt wenigstens.
Kann der bislang nur einen Satz sprechen?
Immer näher kommt er.
Mensch, ich sollte ihn einen Deutschkurs anbieten.
Er schlurft und schlurft immerzu auf mich weiter her.
Zum Sprachkurs ist es leider aber jetzt zu spät, alles ist zu spät, wenn ich nicht auf internationale Semiotik zurückgreife, sprich Zeichensprache. Abgesehen davon attestiert man mir ohnehin mißerablestes Deutsch.
Als er kommt, gebe ich ihm einen erneuten Wink, sich mir sein Ohrwascherl zu leihen, in dem ich unmissverständlich deutlich hineinraune: „Macht mal einen Rückzieher für zwanzig Minuten.“