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Die World of Warcraft Story - Lebenslinien

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Centaurus X2

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Mar 22, 2009, 8:46:23 AM3/22/09
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Kapitel 1

1.

Mein Name ist Michael, ich bin 23 Jahre alt und arbeite als
Programmierer in einer großen Firma. Beruflich aber auch privat läuft
bei mir alles bestens, ich habe eine bildhübsche Freundin, viele nette
Freunde und wohne in einer kleinen aber gemütlichen Wohnung.

Heute Abend sitze ich alleine vor meinem PC und schaue gespannt auf
den Monitor. Ein Arbeitskollege hat mir das Computerspiel World of
Warcraft ausgeliehen, damit ich es mal testen kann. Auch ein
Aktivierungscode für einen kostenlosen Testaccount ist noch dabei.

Mein Kollege erzählt mir nun schon fast täglich von diesem Spiel, in
dem es Elfen, Trolle, Schattenpriester und Netherdrachen gibt und
schwärmt von der tollen Gemeinschaft, die er mit anderen Onlinespieler
gefunden hat. Nun bin auch ich neugierig geworden und möchte diese
Onlinewelt erforschen. Dennoch bin ich immer noch skeptisch, da mich
Computerspiele bisher nur am Rande interessiert haben, aber einen
kurzen Blick möchte ich trotzdem auf dieses World of Warcraft werfen.

Mein PC ist nun vollständig hochgefahren, einer Installation dieses
Spiels steht nun nichts mehr im Wege. Ich lege die erste DVD in mein
Laufwerk ein doch dann klingelt plötzlich das Telefon.

Die warme Stimme meiner Freundin lässt vor meinen Augen gleich ein
Bild von ihr entstehen, lange blonde Haare und strahlend blaue Augen.
"Was machst Du heute" höre ich sie fragen, "hast du Lust, mit mir
heute Abend noch auszugehen?"

Einen kurzen Augenblick zögere ich, doch dann antworte ich ihr "Bitte
sei nicht böse Schatz, aber ich möchte heute Abend etwas an meinem PC
testen, treffen wir uns morgen?" "OK, dann sehen wir uns morgen" ein
leichtes Bedauern liegt nun in ihrer Stimme "bis dann".

Als ich das klicken des Telefons höre als unser Gespräch beendet wird,
habe ich plötzlich ein seltsames Gefühl als ob gerade etwas
entscheidendes passiert sei in meinem Leben. Unsinn, denke ich
ärgerlich über mich selbst, was soll denn schon sein. Dann schaue ich
wieder auf den Monitor und klicke den Installationsbutton.

2.

Nun sind bereits zwei Wochen vergangen, seit dem ich eingetaucht bin
in diese wunderbare Welt mit dem Namen Azeroth.

Die Grundkenntnisse zur Bedienung des Spiels waren rasch erlernt, so
machte ich mich daran, mit meiner hübschen Magierin - sie hat lange,
blonde Haare, genau wie meine Freundin - meine ersten Aufgaben, auch
Quests genannt, zu lösen und als Belohnung Erfahrungspunkte,
Ausrüstungsgegenstände und Geld zu erhalten. Die Erfahrungspunkte sind
wichtig, um im Spiel aufzusteigen. Hat man genug Erfahrungspunkte
gesammelt, so steigt man einen Level höher. Dies macht die eigene
Spielfigur - in der Sprache des Spiels wird diese auch Char genannt -
stärker und durch das Erlernen von neuen Fähigkeiten auch mächtiger.

"Diese Frau soll aussehen wie ICH? Die hat ja nicht mal einen schönen
Busen" Belustigt schaut mich meine Freundin an, die neben mir sitzt
und kritisch meine Magierin in Augenschein nimmt. "Wie bitte?"
entfährt es mir fassungslos "du schaust auf ihren Busen?" "Und einen
schönen Popo hat sie auch nicht" fährt sie nun lachend fort " Pfff,
ich bin doch viel hübscher". "Dafür kann man dich aber durchkitzeln,
dein Pech" rufe ich und versuche, sie festzuhalten, schließlich landen
wir zusammen auf meinem Bett wo sie gleich eine Kissenschlacht
startet. Was habe ich doch für ein Glück, so eine liebe und süße Frau
als Freundin zu haben.

3.

Wir haben uns gestritten und ich bin richtig sauer. Ich kann überhaupt
nicht verstehen, warum meine Freundin in letzter Zeit immer wieder an
meinem World of Warcraft herumzumeckern hat. Ich würde zu viel spielen
und hätte in den letzten Wochen kaum mehr Zeit für sie. Das stimmt
doch gar nicht, schließlich war ich doch erst gestern mit ihr
zusammen. Wieso ist es denn so schlimm, wenn ich auch mal mit meiner
Gilde einen Abend zusammen spiele? Es ist eben mein Hobby und ich
brauche doch auch mal ein bisschen Freizeit und Spaß.

World of Warcraft spiele ich nun schon seit 3 Monaten und meine
Magierin hat nun schon das Level 55 erreicht. Heute Abend wollten wir
- meine Freunde aus dem Spiel und ich - in eine "Instanz" gehen und
eine anspruchsvolle Gruppenaufgabe erledigen. Darauf hatte ich mich
schon den ganzen Tag gefreut und nun dieser dumme Streit. Wir streiten
uns in der letzten Zeit öfter, immer nur wegen meinem Spiel.

Immer noch wütend komme ich in meine Wohnung und schalte den PC an.

Kaum ist der Rechner hochgefahren, schon logge ich mich in mein Spiel
ein. Soll sie doch beleidigt sein, heute Abend werde ich spielen.
Als ich die Welt von Azeroth betrete, werde ich langsam ruhiger. Ein
seltsames Gefühl ergreift mich. Es kommt mir vor, als ob ich erst
jetzt zu Hause angekommen bin - zuhause in Azeroth.

Noch ein paar Klicks, schon bin ich auch im "Teamspeak" eingeloggt.
Mit diesem Programm kann ich mich mit meinen Mitspieler unterhalten,
während wir zusammen in unserer Onlinewelt Abenteuer bestehen.

"Hallo Micha" werde ich gleich begrüßt "Alles klar bei dir? Bist du
fit für den Raid?" "Ja, alles klar" antworte ich "Ich freue mich
schon". Meine Freundin, der Streit, das ganze "Real Life" - das
"wirkliche Leben" ist plötzlich ganz weit weg, kaum mehr vorhanden in
meiner Erinnerung. Fast mechanisch steuere ich meine Spielfigur zu
unserem Treffpunkt in der Menschenstadt Sturmwind, wo mich meine
Freunde bereits erwarten.

4.

Gestresst komme ich von der Arbeit nach Hause und lasse meine
Aktentasche auf den Boden fallen. Die Kollegen gehen mir in letzter
Zeit richtig auf die Nerven. In unserer heutigen Gruppenbesprechung
wurde mir vorgeworfen, ich würde mich nicht mehr richtig auf meine
Arbeit konzentrieren, ich würde Fehler machen und mit meinen Gedanken
nicht bei der Sache sein. Dann noch dieser Vorwurf, ich würde während
meiner Arbeitszeit im Internet World of Warcraft Seiten anschauen
anstatt in unserem Projekt mitzuarbeiten. Stimmt doch alles gar nicht,
ich habe doch nur zwei oder drei mal ganz kurz auf eine WoW Seite
geklickt nur um ganz schnell ein paar News zu erfahren. Die
Behauptung, dass ich in der letzten Woche insgesamt 52 mal während
meiner Arbeitszeit auf private World of Warcraft Seiten gesurft bin,
ist doch gar nicht wahr. In dem Logfile, auf das sich mein Kollege
beruft, hat sich sicher ein Fehler eingeschlichen oder es wurde
bewusst manipuliert. Vielleicht ist ja jemand scharf auf meinen Job
und will mich nur schlecht machen?

Aber jetzt ist erst mal Wochenende. Zeit, in aller Ruhe zu spielen und
ein bisschen zu entspannen. Einen kurzen Augenblick denke ich an meine
Freundin. Sie hat sich nun schon seit fast zwei Wochen nicht mehr
gemeldet, nachdem wir uns mal wieder gestritten und ich am Telefon
einfach aufgelegt hatte. Sollte ich sie mal anrufen?

Ohne es zu merken, habe ich bereits meinen PC angemacht und mich in
das Spiel eingeloggt. So finde ich mich nun wieder in der Welt von
Azeroth. Werde ich es an diesem Wochenende schaffen, meine Magierin
auf das Level 70 zu bringen?

5.

In meiner Wohnung ist es still. Nur das leise Surren meines PCs sowie
das Zwitschern der Vögel - im Magierviertel von Sturmwind - ist zu
hören. Auf meinem Wohnzimmertisch liegt, neben vielen unaufgeräumten
Zeitschriften, Notizzetteln und sonstigem Zeug auch der Abschiedsbrief
von meiner Freundin. Sie könne so nicht weitermachen und sehe für uns
keine gemeinsame Zukunft mehr. Durch World of Warcraft hätte ich mich
sehr verändert, ich würde nur noch an mein Computerspiel denken und
hätte überhaupt keine Zeit mehr für sie.

Wehmütig denke ich an die gemeinsame Zeit mit ihr zurück und schaue
mit Tränen in den Augen auf ihr Bild, das noch immer neben meinem PC
steht. Sicher, seit meine Magierin das Level 80 erreicht hat, habe ich
meine Freundin wohl schon etwas vernachlässigt. Zu oft, eigentlich
fast jeden Abend, bin ich zusammen mit meiner Gilde durch die
"Raidinstanzen" gezogen und habe nun auch eine hervorragende
Ausrüstung. Aber gleich mit mir Schluss zu machen, nur wegen dem
bisschen spielen? Ist sie etwa eifersüchtig auf ein Computerspiel? Ich
verstehe das nicht. Na ja, vielleicht ist es ja auch besser so, wir
hatten uns in den letzten Monaten ohnehin immer nur gestritten.
Zumindest eine Pause wird uns beiden gut tun, dann werden wir sicher
wieder zueinander finden.

Viel ärgerlicher ist aber die Situation in meiner Firma. Ich bekam
eine Abmahnung, da ich angeblich während meiner Arbeitszeit ständig zu
privaten Homepages des Spiels World of Warcraft gesurft wäre anstatt
mich um meine Aufgaben zu kümmern. Deshalb wurde ich auch aus dem
Projekt, in das ich doch sehr viel Arbeit und Herzblut invertiert
habe, ausgeschlossen. Zur Zeit mache ich nur noch sehr einfache
Sachen, die eigentlich gar nicht für mich - als Programmierer -
gedacht sind.

Nun habe ich mich erst mal krank gemeldet. Sollen die doch machen was
sie wollen, ich bin erst mal raus.

Langsam schweift mein Blick zurück auf meinen Monitor und ich beginne
wieder zu versinken in diese wunderbare Welt, in der ich respektiert
und geachtet werde. Ich werde wieder eins mit meiner mächtigen
Magierin, die stolz durch die Gassen der magischen Stadt Dalaran
schreitet.

6.

Die Situation in meiner Firma hat sich sehr verschlimmert. Nun werde
ich - vorübergehend - im Lagerbereich eingesetzt, ganz ohne Zugang zu
einem Internetfähigen PC. Für solche Arbeiten bin ich mir nun wirklich
zu schade, ich bin doch schließlich eine qualifizierte Fachkraft.

Nachdem ich mich schon mehrfach krank gemeldet hatte, muss ich nun für
jeden Fehltag ein ärztliches Artest vorlegen. Das ist doch reine
Schikane, ich melde mich doch nicht krank um zu Hause WoW zu spielen -
wie es ein Kollege behauptet hat, der angeblich in Urlaub war und mich
im Spiel gesehen hätte, welch ein unglaublicher Zufall - sondern weil
es mir wirklich nicht gut geht. In letzter Zeit geht es mir
allerdings sehr oft nicht so besonders. Vielleicht liegt es auch
daran, dass ich immer öfter ein paar Bierchen trinke, während ich
abends zocke. Da spielt es sich doch gleich viel besser.

Nun läuft bereits seit einigen Minuten mein Radiowecker, doch liege
ich noch immer in meinem Bett. Um nun aufzustehen und in meine Firma
zu gehen, fehlt mir jede Motivation.

Ein Blick auf das große Display verrät mir, dass es nun allerhöchste
Zeit wird zum aufstehen. Dennoch bleibe ich liegen, meine Gedanken
schweifen ab nach Azeroth und in mir steigt das Verlangen, mich gleich
wieder einzuloggen. Wie unwirklich und belanglos erscheint mir
plötzlich mein Arbeitsplatz in meiner Firma.

Hier in meiner Wohnung bin ich sicher, niemand kann mich hier stören.
Weder mein Chef, noch meine Eltern - die ohnehin in einer weit
entfernten Stadt wohnen - und auch nicht meine Freunde. Von denen hat
auch schon lange niemand mehr angerufen, nachdem ich nicht mehr zu
Partys oder anderen Aktivitäten mitkomme. Hier in meiner Wohnung ist
das Portal zu einer anderen, zu einer besseren Welt - zu MEINER Welt
mit dem Namen Azeroth.

7.

Mit dem Kündigungsschreiben meiner Firma hätte ich rechnen müssen,
nachdem ich nun bereits mehrmals unentschuldigt gefehlt hatte und
jetzt schon wieder seit längerer Zeit nicht mehr dort war. Wie hatten
mein Chef und meine Kollegen doch auf mich eingeredet, ich solle mich
doch zusammenreißen und Hilfe bei einem Facharzt oder in einer
Suchtberatung annehmen. Doch nun ist es wohl endgültig zu spät, in
meiner Hand halte ich also jetzt meine fristlose Kündigung.

Wie soll das jetzt alles weitergehen? Ich muss schnellstens zum
Arbeitsamt, damit ich alle erforderlichen Formulare ausfüllen kann.
Reicht das Geld, das ich nun bekommen werde, überhaupt für die Miete
der Wohnung und vor allem für die Stromkosten? Auch muss ich noch 13
Euro für die monatlichen WoW Gebühren einrechnen.

Ich mache mir erst mal eine Flasche Bier auf, dann schaue ich in mein
Wohnzimmer. Viele der Möbelstücke, die hier rumstehen, brauche ich ja
doch nicht. Wenn ich die verkaufen würde, könnte ich mich von diesem
Geld schon wieder etwas über Wasser halten. Auch die ganzen unnützen
Küchengeräte sowie der ganze andere Kram, der bei mir rumliegt, kann
ich gut über eBay versteigern.

Darum werde ich mich aber später kümmern, zuerst werde ich mich in
mein World of Warcraft einloggen und schauen, was es neues gibt.

8.

Es ist kühl in meiner kleinen und einfachen Sozialwohnung. Ein kalter
Wintertag brachte wieder viel Schnee, nur noch zwei Tage, dann ist
Weihnachten.

Doch solche Dinge interessieren mich schon lange nicht mehr. Wieso
auch, es gibt ja niemanden mehr, mit dem ich an diesen Tagen zusammen
feiern könnte.

Außerdem habe ich im Moment ganz andere Sorgen. Wie ich gestern in
einem World of Warcraft Portal gelesen habe, wird Blizzard die Server
Ende Januar herunterfahren und das Spiel beenden. Angeblich weil nicht
mehr genug Kunden angemeldet seien um den Betrieb der letzten drei
verbliebenen Server zu finanzieren.

Natürlich sind in den letzten Jahren viele Spieler abgesprungen
nachdem Blizzard angekündigt hatte, keine weiteren Erweiterungen zu
WoW mehr herauszubringen. Aber wir sind doch immer noch genug Spieler
auf unserem Server. Warum will man uns denn nun hinauswerfen, nach all
den Jahren? Was soll denn dann aus meinen 8 Chars werden, die ich in
den 6 Jahren meiner Spielzeit auf das Level 100 hochgezogen habe?

Schwerfällig stehe ich auf und wische mit einer fahrigen Handbewegung
meine viel zu langen und schon wieder etwas fettigen Haare aus meinem
Gesicht. Nach einem großen Schluck aus der Bierflasche schweift mein
Blick durch mein karg eingerichtetes Zimmer und bleibt auf dem Bild
meiner Exfreundin - das noch immer, nach all den Jahren, neben meinem
PC steht - haften. Erinnerungsfetzen steigen in mir auf, Bilder aus
einer längst vergangenen Zeit, in der ich noch ein glücklicher und
geliebter Mensch war, werden vor meinen Augen wieder lebendig.
Unvermittelt kommen mir die Tränen. Was ist denn nur aus mir geworden?
Mein Leben ist vollkommen zerstört, nur wegen einem Computerspiel, das
es in einigen Wochen nicht mehr geben wird. Nichts von alledem, was
ich in den letzten Jahren geschaffen habe, wird zurückbleiben. Doch
diese Erkenntnis, die sich plötzlich mit präziser Klarheit in meinen
Verstand eingebrannt hat, kommt genau 6 Jahre zu spät.

Kapitel 2

Mein Name ist Michael, ich bin 43 Jahre alt und bin Abteilungsleiter
in einer großen IT Firma. Beruflich aber auch privat läuft bei mir
alles bestens, ich habe eine bildhübsche Frau und zwei liebe und
aufgeweckte Kinder.

Da ich heute mal etwas Zeit hatte - die zwei Kleinen nehmen mich doch
ganz schön in Anspruch - wollte ich mir im TV einen spannenden 3D Film
anschauen. Dabei bin ich dann wohl eingeschlafen und hatte einen
furchtbaren Albtraum. Ich sah mich selbst, wie ich vor 20 Jahren
alleine in meiner damaligen kleinen Wohnung saß und gespannt auf den
Monitor meines "Personal Computers" schaute. Ein früherer
Arbeitskollege hatte mir damals ein Computerspiel ausgeliehen, das ich
unbedingt mal testen sollte.
Es ist komisch, dass ich nach 20 Jahren plötzlich wieder von einem
Ereignis träume, dem ich seither keinerlei Bedeutung mehr zugemessen
hatte. Doch in meinem Traum sind die Dinge ganz anders verlaufen, wie
es in Wirklichkeit war.

An den Namen dieses Computerspiels kann ich mich nun auch wieder
erinnern, es heißt "World of Warcraft".

Schweißgebadet stehe ich auf und schaue in meinen Garten, wo meine
Kinder lachend mit der Solarbahn spielen.
Damals hatte ich meinen Computer gleich nach dem booten wieder
ausgeschaltet, da mich meine damalige Freundin - und heutige Frau -
angerufen hatte und ich mich spontan dafür entschied, mit ihr
auszugehen.

World of Warcraft hatte ich niemals gespielt und die
Installations-DVDs meinem Arbeitskollegen nach ein paar Tagen wieder
zurückgegeben.

Benommen gehe ich ins Bad um mich wieder etwas frisch zu machen.
Dieser Albtraum hat mich doch ganz schön mitgenommen. Doch bei einem
Blick in den Spiegel erstarre ich, denn ich schaue in müde und
verzweifelte Augen. Ein Gesicht, das ich nicht kenne, starrt mich aus
dem Spiegel an. Aber doch, ich kenne dieses Gesicht, schon seit vielen
Jahren. Dieser gebrochene Mann, von Alkohol gezeichnet, bin ich
selbst.

Ein eisiger Schauer erfasst mich und lässt mich zurückweichen. Ich
wirbele herum und denke zuerst daran, aus dem Bad zu laufen. Doch ein
weiterer Blick in den Spiegel zeigt mir wieder mein bekanntes
Spiegelbild. Dieser Albtraum beschäftigt mich wohl noch immer.

Vielleicht ist es wirklich so, dass es gerade die kleinen Dinge sind,
die vielen kleinen Entscheidungen die man trifft, die ein ganzes Leben
grundsätzlich verändern können.

Dieser Michael aus meinem Traum und aus dem Spiegel, gibt es ihn
wirklich, vielleicht in einer anderen, für mich unerreichbaren
Wirklichkeit? Wäre auch mein Leben so verlaufen, wenn ich damals vor
20 Jahren dieses Computerspiel installiert und gespielt hätte, anstatt
mit meiner Freundin auszugehen?

Nachdenklich gehe ich zurück in meinen Garten, der ganz eingetaucht
ist vom Abendlicht der untergehenden Sonne. Die Dinge verliefen für
mich bisher gut in meinem Leben, ich stand immer auf der Sonnenseite,
bin glücklich und zufrieden. Doch ist dies nur ein Zufall, das
Resultat einer kleinen spontanen Entscheidung, die ich damals vor 20
Jahren fällte?

Blutrot versinkt die Sonne am Horizont. Morgen wird es wieder ein
schöner Tag werden, in dem ich voller Zuversicht auf meiner
Lebenslinie voranschreite - in meiner Wirklichkeit.

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