Niels Bock schrieb:
> usenet01.nos
...@mathias-boelckow.de (Mathias Boelckow) schrieb:
> > Die Idee, die Online-Fahrplanauskunft zu schließen, kam noch unter
> > Schwarz-Gelb.
> Interessant - wer hatte diese Idee und warum?
Diese Idee hat die Deutsche Bahn AG, und zwar Anfang Mai 1997.
Man erinnere sich an die 90er-Jahre: die graue Vorzeit der Datennetze, als
DSL und Internet-by-Call noch keine Rolle spielten. Es war die Zeit, als so
manches Angebot noch nicht über das WWW verbreitet wurde, sondern über
Onlinedienste wie T-Online (früher Bildschirmtext genannt) und Compuserve.
In dieser Zeit hielt es die Deutsche Bahn für ganz selbstverständlich, dass
sie für jede Fahrplan- und Preisauskunft Geld nehmen zu können. Über die
Onlinedienste war das kein Problem. Außerdem konnte man für Geld (anfangs
viel Geld) eine CD-ROM mit den Fahrplandaten kaufen. Auch WWW-Seiten hatte
die Deutsche Bahn schon ziemlich früh - aber Fahrplanauskünfte gab es dort
nicht.
Im Jahre 1994 kam ein Karlsruher Student namens Frederik Ramm - der noch
heute im Usenet aktiv ist und gelegentlich auch in de.etc.bahn.*
vorbeischaut - auf die Idee, Internetnutzern mit Hilfe seiner Fahrplan-CD
kostenlos Auskünfte zu erteilen. Man konnte ihm eine E-Mail in einem
bestimmten Format (Abfahrtsbahnhof, Ankunftsbahnhof, Datum, Uhrzeit)
schicken, und meist schon nach wenigen Stunden (!), später oft sogar
innerhalb einiger Minuten, hatte man eine automatisch generierte
Antwort-E-Mail mit den passenden Verbindungen in seinem Postfach. Das
Angebot wurde unter den wenigen Internetnutzern schnell bekannt; täglich
erteilte dieser Dienst bis zu 2000 kostenlose Auskünfte.
Siehe dazu ausführlich:
http://www.remote.org/frederik/projects/railserver/history.html.de
Im Juni 1996 kam die Firma HaCon, die die Fahrplan-CDs für die Deutsche
Bahn produzierte, auf die Idee, das Auskunftssystem auf einer WWW-Seite
kostenlos zur Verfügung zu stellen. Man hatte die Antwort sofort auf dem
Bildschirm! Eine großartiger Kundendienst. WWW-Admin war übrigens derselbe
Frederik Ramm.
Schon bald gab es 20.000 Anfragen pro Tag - damals enorm viel. Die Deutsche
Bahn sah eine schöne Einnahmequelle gefährdet, nämlich die
kostenpflichtigen Auskünfte in den Onlinediensten. Und so verbot sie HaCon
Anfang Mai 1997, die Fahrplandaten weiter kostenlos zu verbreiten.
Die Reaktion der Netzgemeinschaft ließ nicht auf sich warten. Die Bahn
hielt die Blockade nur einen Tag lang durch, dann durfte der HaCon-Server
wieder laufen.
Siehe dazu:
http://www.remote.org/frederik/projects/railserver/sperrung.html.de
Und irgendwann später kam die Deutsche Bahn dann auf die glorreiche Idee,
selber kostenlos Fahrplanauskünfte im Internet zu erteilen - heute kennen
wir das unter dem Namen <http://reiseauskunft.bahn.de/>.
Robert Weemeyer, Berlin