Tom H. Lautenbacher <
use...@tom.lautenbacher.biz>:
> ich schütze mein Netzwerk durch eine Firewall auf dem Gateway (Endian
> Linux via IP tables), als auch in Form von "Personal Firewalls" auf den
> Netzwerkrechnern (Windows Kaspersky Intenet Security & Linux Iptapbles
> z.B. via Gufw).
Vor welchen Bedrohungen genau schuetzt du was?
Eine Firewall ist in erster Linie eine von vielen Massnahmen in einem
Sicherheitskonzept. Eine Massnahme mit einer klar bestimmten
Schutzfunktion vor einer klar defnierten Menge an Bedrohungen.
> Sowohl auf dem Gateway, als auch auf den Clients war die Default-Policy
> für ingoing als auch für outgoing stricktes "Deny".
Solange das aus den Anforderungen des Sicherheitskonzeptes an diese
Massnahme so folgt, ist das ja nicht verkehrt.
> In diese totale Blockade habe ich dann selektiv Löcher gebohrt für die
> Dienste, die ich zulassen möchte, z.B. habe ich auf dem Gateway ein
> Portforwarding für HTTP und FTP auf meinen Server in der DMZ
> eingerichtet (und auch dessen personal Firewall passieren lassen), oder
> ich habe auf allen Firewalls die gängigen Protokolle nach draußen
> gelassen z.B. DNS, HTTP, etc.
Das ist eine weit verbreitete und darum oftmals als Allgemeinfall
misverstandene spezifische Umsetzung einer Massnahme eines
Sicherheitskonzeptes.
> Das Ganze artet in nicht unerheblichen Administrationsaufwand aus
> (insbesondere die Reihenschaltung von Personal Firewalls und Firewall
> auf dem Gateway, die immer im Douett konfiguriert werden müssen), gab
> mir aber stets das wohlige Gefühl, ganz besonders sicher zu sein.
Schutzmassnahmen koennen zwar ein "Gefuehl von Sicherheit" vermitteln,
dass ist aber nicht deren Aufgabe. Und ja, bestimmte Massnahmen haben
einen hohen administrativen und operativen Aufwand - etwas dass im
Sicherheitskonzept natuerlich in die Kosten-Schaden-Wahrscheinlichkeit-
Aufwands-Abwaegung mit einfliesst, die in jedem guten
Sicherheitskonzept fuer die Massnahmen zur Abwehr von Bedrohungen
gemacht wird.
> Und zwar fühlte ich mich vor 2 Dingen geschützt:
> 1. Von "Angriffen" von außen, die meine Gateway-Firewall abwehrt
Die Bedrohungen vor denen diese Massnahme schuetzt heissen idR.
"versehentlich/unwissend laufende Dienste" oder "nicht korrekt
konfiurierbare Dienste und Systeme" sowie "defekte Systeme und
Dienste". Weil das Risiko hier ueblicherweise immer hoch genug
ist in obiger Abwaegung, dass sich eine Massnahme rentiert, gilt
diese Massnahme an einem Perimeter auch als "best practise".
> 2. Von "Nach-Hause-Funken" von eventuell eingeschleppten Trojanern auf
> den Workstations.
Dafor kann dich eine Firewall nicht schuetzen. Prinzipell wie
konzeptionell.
Die passenden Massnahmen fuer diese Bedrohung heissen "Content-Filter
ALG" in kombination mit Firewall die /jeden/ direkten Verkehr von innen
nach aussen unterbindet (totale Isolation des LAN) oder neuerdings
"Content-Aware Firewalls" - wobei erste Erfahrungen mit letzterem sehr
ernuechternd sind.
Ein IPS (Intrusion Prevention System) kann hier auch als wirksame
Hilfmassnahme* betrachtet werden - erfordert aber im Vergleich zu allen
anderen Massnahmen einen *ernormen* Betriebsaufwand - auch wenn dir
die teflonbeschichteten Hochglanzvertriebler der Marktfuehrer das
genaue Gegenteil weis machen wollen. Glaub ihnen kein Wort.
* Alleine keine ausreichenede Massnahme - konzeptionell, genau aus dem
selben Grund warum ein AV-SCanner keine ausreichende Massnahme gegen
die Bedrohung "infektion durch $SCHADPROGRAMM" darstellt.
Eine Firewall alleine hingegen /erlaubt/ prinzpiell Kommunikation
von innen nach aussen, ist also keine wirksame Schutzmassnahme gegen
diese Bedrohungen.
> Doch je länger ich mich mit der Materie beschäftige, desto weniger
> sicher bin ich mir, ob das eigentlich alles wahrhaftig so sinnvoll ist,
> was ich da mühevoll administriere.
Das Thema IT-Sicherheit ist genauso kompliziert wie alle anderen
Sicherheitsfelder. Es geht zwar idR. nicht um Menschenleben oder die
Gesundheit (wie in vielen anderen Branchen), aber oftmals genug um die
finanzielle Existenz.
Ein systematischer Ansatz ist zwingend erforderlich um auch nur die
Chance auf ein funktionierendes und erfolgreiches Sicherheitskonzept
zu haben.
Mittlerweile gibt es etablierte Formalisierungen (Common Criteria,
diverse Normen und Standards) die dir ueber Formalismen ermoeglichen
zu einem systematischen Vorgehen zu gelangen - aber alleine helfen die
genau so wenig wie ohne umfassendes Konzept mit Einzelmassnahmen zu
hantieren in der Hoffnung, dass die wenigen Bedrohungen, die du damit
konterst diejenegen sind, die angegriffen werden.
Letzteres hat sich in der Praxis regelmaessig nicht bewaehrt.
PS: eine der groesten Bedrohungen ist die Faulheit der Anwender -
insbesondere bei Anwendern mit technischen Privilegien (vulgo:
Admins). HIerzu ist es nicht immer leicht eine passende technische
Massnahme zu finden und man muss oft genug organisatorische und
administrative Massnahmen anwenden. Fuer Letzteres brauchst du in
Firmen ueblicherweise ein ausreichendes Mandat der Geschaeftsfuehrung.
> Meine Überlegungen zu den beiden Themen:
>
> 1. Angriffe von außen: Vor diesen schützt in erster Linie meine
> Gateway-Firewall, da sie alles Dropt, was nicht explizit gewährt wird.
> Doch was würde passieren, wenn sie das nicht täte? Dann würde doch
> sowieso alles vom IP-Stack abgewehrt werden, da ja gar nichts auf den
> Ports lauscht?!
Ah, du machst den ueblichen Denkfehler bei der Betrachtung von
Schutzmassnahmen: du suchst dir einen Einzelfall raus und versuchst
darueber den Nutzen der Schutzmassnahme zu bewerten.
Das ist ein Logikfehler.
Die Bedrohung, vor die diese spezielle Massnahme schuetzt ist hingegen
u.A. das versehentliche Starten eines unsicheren Dienstes/Programms
z.B. durch Fehlkonfiguration eines Systems, booten eines Systems im
Auslieferungszustand etc.pp.
> Es heißt, eine Firewall "verstecke" den Rechner. Doch tut sie das
Das ist grober Unsinn.
Falls "Obscurity" tatsaechlich Teil eines Sicherheitskonzeptes ist,
dann ist eine Firewall zwar durchaus ein Bestandteil der Massnahmen
zur Begegnung der entsprechenden Bedrohungen - alleine aber
keinesfalls ausreichend. Oftmals bewirkt eine Firewall den genauen
gegenteiligen Effekt den man sich - wenn man ohne entsprechend
ausgearbeitetes Sicherheitskonzept - "verstecken" will: sie zeigen
Angreifern mit bunt blinkender 20 Meter hoher Leuchtreklame darauf
hin, dass hier was versteckt werden soll.
> wirklich? Ein gedropptes Paket ist ja kein echtes Verstecken. Ein echtes
Richtig erkannt.
> Verstecken wäre es AFAIK, wenn der davorgeschaltete Rechner melden würde
> "not existing host" oder ähnliches. Aber "einfach nicht antworten" ist
Eben. Obscurity richtig umgesetzt beinhaltet das Vorgeben falscher
Tatsachen (Network unrechable, Host unreachable von einem nur als
Router zu identifizierenden Absender - das ist nur der Anfang) und ist
relativ kompliziet und extrem aufwaendig im Betrieb und schwer zu
Monitoren.
> ja kein echtes Verstecken, sondern eher sehr verräterrisch!?
Das halbgare "Verstecken" durch Blackholing ist in etwa mit einer 20m
hohen Leuchtreklametafel vor dem Haus vergleichbar auf der in bunten
blinkenden Lettern steht "Versteck von $NAME". Diese verhindert
vielleicht den direkten Blick auf das Haus, ist aber nicht wirklich
als Versteckmassnahme geeignet. Gleiches gilt fuer Firewalls.
> Welchen Schutz gibt mir meine Endian-Firewall auf dem Gateway denn
> GENAU? Verhindert sie z.B. einen DNS-Angriff? Oder was genau ist der
> zusätzliche Schutz?
Du zaeumst das Pferd von der falschen Seite aus auf.
Richtige Vorgehensweise: Du enumerierst die Bedrohungen, bewertest
diese bezueglich Risiko [Schaden, Wahrscheinlicheit [tricky!],
Einfachheit (feasibility)] und ueberlegst dir dann dazu die
entsprechenden MAssnahmen die diese Bedrohungen ausschalten/kompensieren
und Entscheidest unter Abwaegung obiger Parameter und der Kosten
(Investition, Aufwand Aufstezen+Betreiben+Warten)] den Nutzen fuer
dich.
Danach ist dann obige Frage automatisch aus den UEberlegungen des
Konzeptes beantwortet :)
Ganz einfach - der Schwierige Teil ist die Erfassung aller moeglichen
und denkbaren Bedrohungen sowie die Bewertung der Wahrscheinlichkeit -
hierzu braucht es Praxiserfahrung und ein Gespuer fuer den
Angriffsmarkt.
> 2. Nach-Hause-Funken:
> Das ist meine größte Sorge schlechthin: Dass ein User sich infiziert und
> ab dem Moment alle daten nach Hause gefunkt werden, im schlimmsten Fall
> sogar Daten, auf die der User via seiner Netzwerk-Shares zugriff hat.
> Doch schützt mich das Absperren FAST aller Outgoing-Ports tatsächlich?
Streiche das FAST. Zuverlaessig schuetzt nur das Blockieren /aller/
direkter Kommunikationsbeziehungen.
Zulaessige Kommunikation wird dann ueber Inhaltspruefende ALGs
(proxies) abgehandelt (klassisch) oder seit relativ kurzer Zeit ueber
"Application Aware Firewalls" - wobei letzteres praktisch fuer eine
ausreichende Einzelmassnahme IMO noch viel zu unausgereift ist.
> Manche Ports, z.B HTTP, DNS, ggf. auch SMB, DHCP, etc. MÜSSEN ja offen
> bleiben, wenn der Rechner im Netzwerk sein soll (ansonsten könnte ich ja
> auch das Kabel ziehen - dann bräuchte ich aber erst recht keine Firewall
> mehr!).
Dafuer gibt es dann den ALG, der die Verbindung auf Applikationsschicht
trennt und es ermoeglicht, den Inhalt der Kommunikation zu pruefen und
zu bewerten.
> Sobald ich aber Ports nach außen öffne, könnte ein halbwegs
> intelligenter Trojaner doch einfach diesen nutzen, anstatt stumpf auf
> dem verschlossenen Port zu beharren.
Die weniger intelligenten benutzen belieige Ports in der Hoffnung,
dass $ADMIN eine rein auf den Transport/Netzschichten arbeitende
Firewall (= Paketfilter) einsetzt, die alles, was ueber den
entsprechenden Port laeuft ungeachtet des Inhaltes durchlaesst.
Das sind die Mehrheit der aktuell aktiven Schadprogramme.
Eine nicht ganz so Grosse Gruppe misbraucht einfach ein ueblicherweise
erlaubtes Applikationsprotokoll (z.B. HTTP oder SMTP
o.ae.) um
darueber huckepack (also als korrekte Protokollimplementierung) zu
tunneln. Bekanntestes Beispieler dafuer ist Skype (das durchaus ein
Schadprogramm nach klassischer Definition darstellt).
> Skype ist ein gutes Beispiel dafür! Wenn alle Ports geschlossen sind,
Aeh, ja. (ich hatte obiges schon geschrieben bevor ich so weit las ;)
> weicht Skype auf Port 80 (HTTP) und 443 (HTTPS) aus und schickt seine
> Daten einfach darüber! Nicht ohne Grund zählt Skype als Alptraum der
> meisten Admins, da sie kaum verhindern können, dass User nach außen
> durchdringen.
Dagegen hilft nur ein ALG mit Inhaltsfilter. Fuer HTTPS braucht es
einen SSL-Aufbrechenden Proxy - das koennen mittlerweile fast alle
komerziellen Anbieter auf dem Markt.
> Wie hoch genau ist denn da noch der Schutz, den ich durch meine
> doppelte-Outgoing-Brandschutzmauer da geschaffen habe, wenn jeder
Du betrachtest hier eine Bedrohung, gegen die ein Paketfilter nicht
die Passende Schutzmassnahme ist - und versuchst so den Nutzen der
Massnahme Paketfilter zu bewerten. Das ist natuerlich Falsch.
Du musst wenn dann schon die Bedrohungen betrachten, vor denen ein
Paketfilter schuetzt (siehe weiter oben).
Ein Fahrradschloss schuetzt dich ja auch nicht davor, dass jemand dein
Fahrrad mit einem Vorschlaghammer zertruemmert oder mit einem Messer
deine Reifen aufschlitzt.
> Trojaner problemlos erst durch die Personal Firewall auf den Clients und
Der grosse Vorteil einer "Personal Firewall" (korrekter ist der Begriff
"application firewall") ist, dass auf dem Host die Zuordnung
zwischen Applikation und Paket getroffen werden kann, also z.B. der
Paketfilter technisch in der Lage ist, ein /ausgehendes/ Paket an Zielport
6000 dem verursachenden Prozess zuzuordnen - und hier entsprechende
Regeln mit einbeziehugn der Prozesse/Tasks/Applikationen umzusetzen
z.B. also nur dem Chat-Client dies erlauben, einem anderen Programm
aber untersagen.
Das schuetzt zwar nicht vor Schadprogrammen, die erlaubte
Applikationen misbrauchen um ihre Kommunikation stellvertretend
abzuhandeln (beliebt ist das einklinken in den Internet Explorer oder
den Mailclient), aber dafuer ist das auch wieder nicht die passende
Massnahme ;)
> dann durch die Gateway-Firewall hindurchspaziert, z.B. via Port 80
> (HTTP), 53 (DNS), 443 (HTTPS), 110 (POP), 25 (SMTP)?
Am Gateway kann man die Zuordnung "Paket - Applikation" nicht mehr
treffen, daher scheidet das ganz aus als ort fuer SchutzMassnahmen
zu obigen Bedrohungen.
> Ich bekomme immer mehr den Anschein, ich mich vor Malware damit gar
> nicht schütze.
Nicht wirklich, nein.
> Das Einzige, was ich mit solchen Firewalls offenbar bewerkstelligen
> kann, ist, dass User auf ihren Workstations manche Dinge nicht ohne
> Weiteres machen können, z.B. einen Bittorrent-Client auf dessen
> Standardport betreiben, oder Ahnliches.
Korrekt.
> Aber selbst an Skype sieht man ja, dass das Programm nur clever genug
> sein muss, und dann ist auch dieses Ziel konterkarriert.
Auch das stimmt.
> Verstehe ich hier etwas grundlegend falsch?
Nein. Nur dein Ansatz zur Bewertung der Massnahmen ist falsch herum -
ansonsten hast du durchaus alles noetige Verstanden.
> Ich bin dankbar für jedes Feedback, Rat, Info, Meinung, etc.
HTH,
Juergen
--
Juergen P. Meier - "This World is about to be Destroyed!"
end
If you think technology can solve your problems you don't understand
technology and you don't understand your problems. (Bruce Schneier)