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Pultdach-Argumente

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Daniela Haag

unread,
Jun 6, 1999, 3:00:00 AM6/6/99
to
Hallo allerseits,

brauche dringend Argumente fuer Pultdaecher da eine kleine bayerische
Gemeinde meinen Bauantrag fuer ein Holzhaus mit Pultdach ablehnen wollte da
es angeblich nicht der doerflichen Umgebung entspricht.
Fuer das Grundstueck gibt es keinen Bebauungsplan, es ist umgeben von
Obstbaumwiesen und Scheunen.

Ueber hilfreiche Tips freut sich

Daniela

Kurt Krautgartner

unread,
Jun 7, 1999, 3:00:00 AM6/7/99
to
Daniela Haag schrieb in Nachricht
<##4NYTEs#GA...@nih2naaf.prod2.compuserve.com>...
Hi!

Warum willst Du ein Pultdach, wenn Du keine Argumente dafür hast? ;-)

Auch wir in Österreich haben des öfteren Probleme mit der Bewilligung von
Pultdächern (wir bauen Passivhäuser).
Das einzige halbwegs zugkräftige Argument scheinen mir die Kosten zu sein,
da ein Pultdach konstruktiv viel einfacher herzustellen ist. Aber das ist
den Ortsplanern meistens egal. Auch energietechnisch ist ein Satteldach
nicht schlechter. Wir haben es einmal geschafft, ein Flachdach mit
aufgesetztem kleinen Spitz als Satteldach durchzubringen. Sieht ganz witzig
aus, und der Ortsplanung war damit genüge getan.

Sonst kann ich nur Hartnäckigkeit empfehlen,
lg
Kurt

Sonnenhaus Konzept & Bau GmbH
www.sonnenhaus.at

Armin Leupp

unread,
Jun 7, 1999, 3:00:00 AM6/7/99
to
argumente für oder gegen pultdächer sind in der tat schwierig zu finden.
vielleicht helfen folgende ideen:

bei flach geneigten pultdächern:
- niedrige firsthöhe, daher bessere eingliederung in die landschaft und mehr
aussicht für dahinterliegende nachbarshäuser. auch weniger schattenwurf.
- weniger volumen zum beheizen.
- bei uns in der schweiz sind kleinere scheunen oftmals mit pultdächern
gedeckt, da sie konstruktiv einfacher sind. von daher also keine
"neumodische" dachform.
- in hanglage passen sich pultdachhäuser einfach besser in die landschaft
ein als z.b. giebeldachhäuser mit quergestelltem giebel.

wir haben erst letzte woche ein doppel-efh mit pultdach (gedeckt sogar mit
kupfer-titan-zink) fertiggestellt, welches in naher umgebung einer
geschützten dorfzone mit markanter kirche liegt. die gemeinde war erst
dagegen, der ortsbildplaner hat uns aber geholfen und so konnten wir wie
geplant bauen. vor allem die bessere eingliederung in den hang war ein gutes
argument.

viel glück und energie beim kampf mit den behörden!
armin

----------------------------------------------------------
Armin Leupp, Architekt HTL STV
5400 Baden, Schweiz


sunhouse.td

unread,
Jun 8, 1999, 3:00:00 AM6/8/99
to
 

Daniela Haag schrieb:

Hallo allerseits,

brauche dringend Argumente fuer Pultdaecher da eine kleine bayerische
Gemeinde meinen Bauantrag fuer ein Holzhaus mit Pultdach ablehnen wollte da
es angeblich nicht der doerflichen Umgebung entspricht.
Fuer das Grundstueck gibt es keinen Bebauungsplan, es ist  umgeben von
Obstbaumwiesen und Scheunen.

Ueber hilfreiche Tips freut sich

Daniela

Sehr geehrte Frau Haag,

das Problem gibt es immer. Man braucht keine Argumente für ein Pultdach, man macht es als Architekt, weil man es "will", gestalterisch will. Man braucht auch keine Argumente für ein Satteldach, für ein Fenster, Bodenbelag oder eine Farbe usw.

Ihr Projekt wird also nach  § 34 BauGB beurteilt.  Das Einvernehmen der Gemeinde ist nur für die planungsrechtliche Zulässigkeit des Vorhabens und die Erschliessung nach BauGB, BauNVO und BauGB-MaßnG vorgeschrieben und erstreckt sich nicht auf das Bauordnungsrecht (BO).

Insbesondere fallen rein baugestalterische Gesichtspunkte nicht unter § 34 Abs.1 BauGB mit seinen Anforderungen "Einfügen in die nähere Umgebung", da diese Begriffe des § 34 BauGB nur anhand städtebaulicher Elemente, wie sie die Bauleitplanung in § 1 Abs. 5 BauGB massgeblich sind, überprüft werden dürfen. Auf sie bezieht sich das Einvernehmen nicht.

Bauordnungsrechtlich wird Ihr Bauvorhaben vom Landratsamt geprüft, da hat die Gemeinde nichts zu sagen. Das Problem ist nur, dass manche Landratsämter mit den Gemeinden keine Schwierigkeiten haben wollen, so dass eine rechtliche Vernudelung von Planungs- und Bauordnungsrecht entsteht.

Je heterogener Ihr Baugebiet ist, umso besser, also: Satteldach, Krüppelwalm, Walmdach, Flachdach, Silobauten, Pultdach (Heustadl haben immer ein Pultdach), Ziegeldach, Blechdach, Schindeln usw., also je heterogener umso besser, dann gibt es keine Begründung für eine Ablehnung.

Aber vielleicht geht es gar nicht darum, denn das, was ich Ihnen schreibe, bedeutet Zeit, Ärger und Frustrationen. Aber es hat keinen Sinn, sich mit Gemeinderäten auf gestalterische Diskussionen einzulassen. Deren Wohnzimmer will man nicht geschenkt!

Das Beste ist den Bauantrag einzureichen, und wenn das Landratsamt spinnt, auf einen Ablehnungsbescheid zu bestehen und dann in ein Widerspruchsverfahren zu gehen. Der Widerspruch geht an die Regierung von Oberbayern, die prüft das Ganze, und wenn das Verweigern des Einvernehmens der Gemeinde rechtswidrig war,  wird es ersetzt.

Besser noch das Landratsamt sagt der Gemeinde, dass die Verweigerung des Einvernehmens rechtswidrig ist und ersetzt es von sich aus.

Ein anderer Punkt ist noch der, dass das Einvernehmen der Gemeinde und die Zustimmung der höheren Verwaltungsbehörde gemäß § 36, Abs. 2 BauGB als vorbehaltlos erteilt gilt, wenn es nicht binnen zwei Monate nach Einreichen des Antrages bei der Gemeinde verweigert worden ist. Das ist wichtig: viele Gemeinden können sich nicht entscheiden und lassen den Bauantrag erstmal  einige Zeit herumliegen. Das geht natürlich nicht, kommt oft vor und damit kann man natürlich sein Projekt locker durchkriegen.

Ansonsten empfehle ich den Kommentar zur Bayerischen Bauordnung von Simmon.

Viel Grüße,

das Architektenleben ist nicht einfach, und wichtiger als ein Statiker ist ein guter Jurist und in den meisten Fällen hilft ein Psychiater.

A. Tilch

Henning Holzapfel

unread,
Jun 8, 1999, 3:00:00 AM6/8/99
to
>> Hallo allerseits,
>>
>> brauche dringend Argumente fuer Pultdaecher da eine kleine bayerische
>
>Sehr geehrte Frau Haag,
>
>das Problem gibt es immer. Man braucht keine Argumente für ein Pultdach, man
>macht es als Architekt, weil man es "will", gestalterisch will. Man braucht

hi,
super beitrag. aber noch schöner würde er ohne html. bitte keine
html-postings in newsgroups.

mfg, mit freundlichen grüssen...
henning

Thorsten Reinicke

unread,
Jun 9, 1999, 3:00:00 AM6/9/99
to
Armin Leupp <le...@laubhus.ch> wrote:

> ortsbildplaner

Bitte?
Von so Einem habe ich (in Hamburg) noch nie gehört.

Was sind seine genauen Aufgaben und wie weit reichen seine Befugnisse?
Vermutlich ist mit "Ortsbildplanung" etwas anderes als Stadtplanung
gemeint, oder?

Grüße
TR

--
http://www.iworld.de/~reinicke/

Thorsten Reinicke

unread,
Jun 9, 1999, 3:00:00 AM6/9/99
to
sunhouse.td <sunho...@t-online.de> wrote:

> Man braucht keine Argumente für ein Pultdach, man
> macht es als Architekt, weil man es "will", gestalterisch will.

Klasse. Das nenne ich Haltung.


> Ihr Projekt wird also nach § 34 BauGB beurteilt.

Möglicherweise beruft sich die Gemeinde auf §12 Bauordnung
("Verunstaltungsverbot"). Die sog. "beabsichtigte Gestaltung" dürfe
hiernach nicht gestört werden. Dieser §12 läßt reichlich viel Spielraum
für Willkür - zumeist nach BretzelJägermeisterArt.

Grüße
TR

p.s.
Falls noch Argumente benötigt werden:

Das Pultdach ist eine _historisch_ gewachsene _traditionelle_ Bauform.
Pultdächer gab es schon im alten Rom. Da Bayern südlich des ehemaligen
"Limes" liegt, sind römische Einflüsse vorhanden. So gesehen haben
Pultdächer eine urbayrische Tradition! Ein Pultdach würde sich also
hervorragend zwischen den Obstbäumen und Scheunen lieblich, licht und
luftig einfügen. Ein echtes Pultdach, das ist Heimat! Sollte es im Ort
keine Pultdächer geben, dann wird es höchste Zeit, im Sinne der
Heimatverbundenheit diese gute alte bayrische Tradition wiederzubeleben.
;-)

--
www.iworld.de/~tr

Armin Leupp

unread,
Jun 9, 1999, 3:00:00 AM6/9/99
to

Thorsten Reinicke <rein...@vnet.de> schrieb in im Newsbeitrag:
1dt26ci.16m...@hh26isdn.vnet.de...

> Armin Leupp <le...@laubhus.ch> wrote:
>
> > ortsbildplaner
>
> Bitte?
> Von so Einem habe ich (in Hamburg) noch nie gehört.
>
> Was sind seine genauen Aufgaben und wie weit reichen seine Befugnisse?
> Vermutlich ist mit "Ortsbildplanung" etwas anderes als Stadtplanung
> gemeint, oder?
>

hallo thorsten

ob es den ortsbildschützer in deutschland auch gibt, weiss ich nicht.

bei uns in der schweiz gibt es sogenannte kernzonen, in welchen das ortsbild
als gesamtbild geschützt ist. dort ist die gemeinde verpflichtet, nur bauten
zu bewilligen, welche sich an das bestehende anpassen. da dieses anpassen
natürlich ein gummiparagraph ist, lassen sich die meisten gemeinden von
einem fachmann beraten. das ist meistens ein architekt oder raumplaner,
welcher dies als auftrag übernimmt. wenn die gemeinde keinen berater
bestellt, muss der kanton (in de = länder) einen stellen. die berater vom
kanton haben natürlich ein grosses gewicht, ohne ihre zustimmung läuft
nichts. bei den gemeindeberatern ist es ebenfalls meistens so (95%), dass
der gemeinderat den empfehlungen folgt.

obschon solche auflagen einen eingriff in unsere gestaltungsfreiheit
bedeuten, kann ich sagen, dass ich grossmehrheitlich recht gute erfahrungen
gemacht habe. man muss halt reden mit den leuten. wenn ich die diskussionen
in dieser newsgroup beobachte, so stelle ich fest, dass die fronten in
deutschland anscheinend verhärteter sind als bei uns. obschon man auch bei
uns allerhand erleben kann in dieser beziehung. aber schlussendlich muss man
sich als architekt ab und zu auch eingestehen, dass man auch mit einem
steildach ein gutes haus entwerfen kann und dass die eigene, erste idee
eventuell auch nicht immer das gelbe vom ei ist.

gruss,
armin

Klaus Wensing

unread,
Jun 9, 1999, 3:00:00 AM6/9/99
to
On Tue, 08 Jun 1999 06:40:11 GMT,
henning....@student.uni-siegen.de (Henning Holzapfel) wrote:

>>Sehr geehrte Frau Haag,
>>
>>das Problem gibt es immer. Man braucht keine Argumente für ein Pultdach, man
>>macht es als Architekt, weil man es "will", gestalterisch will. Man braucht
>

>hi,
>super beitrag.

Allerdings, da weis einer, wovon er redet. Insider? Bauaufsicht?
Leider namenlos.

Ciao
Klaus
--
email: wen...@dialup.nacamar.de

felix schwenzel

unread,
Jun 9, 1999, 3:00:00 AM6/9/99
to
Klaus Wensing <wen...@dialup.nacamar.de> wrote:
> Allerdings, da weis einer, wovon er redet. Insider? Bauaufsicht?
> Leider namenlos.

er hat sich vielleicht nicht vorgestellt, aber sein name ist dem posting
zu entnehmen: A. Tilch

kein schöner name. aber ein name.

gruss: felix

S. Crowder

unread,
Jun 9, 1999, 3:00:00 AM6/9/99
to

sunhouse.td wrote in message <375CA383...@t-online.de>...
|


<snip>


|das Problem gibt es immer. Man braucht keine Argumente für ein Pultdach, man
|macht es als Architekt, weil man es "will", gestalterisch will. Man braucht
|auch keine Argumente für ein Satteldach, für ein Fenster, Bodenbelag oder eine
|Farbe usw.


Das "Wollen" sollte aber auch eine Begründung haben. Sicherlich kann man
am Anfang nicht alles an einem Entwurf begründen, weil man ja auch aus
dem Bauch heraus entscheidet.
Im Laufe der Entwicklung des Entwurfes sollten sich dann schon Argumente
finden, warum man etwas wollte - sonst war es vielleicht doch nicht so eine
gute Idee. Am schönsten sind doch die Entwürfe, wo man sich gar nicht
mehr vorstellen kann, das es auch anders gehen könnte, weil alles seinen
Platz hat (everything falls into place). Ist ja auch eine 'klassische' Definition
von Schönheit, das nichts mehr hinzugefügt oder weggenommen werden
kann ohne das Gesamtbild zu zerstören. Die Teile werden zum ganzen.
Der gesamte Entwurf IST das Argument, ein in sich schlüssiges Argument.
Das ist dann ein bißchen wie der Marxismus, man muß nicht unbedingt
zustimmen, aber widerlegen kann man ihn auch nicht. ;)


Außerdem finde ich die allgemeine, ablehnende Haltung gegenüber
Satteldächern etwas traurig. Als sei das Satteldach die Ausgeburt der
Spießigkeit, der gestalterische Super-GAU.
Die Doktrin des Flachdachs der heroischen Moderne, scheint sich ja
tief in den Köpfen der Architektenschaft festgesetzt zu haben.
Aus praktischen Gründen der Entwässerung darf man das Flachdach
aber jetzt scheinbar zu einer Seite hin neigen, das nenne ich Fortschritt.

Gerade die Dächer oder die Dachlandschaft prägen das Ortsbild, prägen
die Landschaft. Jeder Landstrich hat eine typische Dachform, warum sollte
man sich nicht daran halten ?
Es wäre schön, wenn man regionale Typologien nicht über Bord wirft und
sich an der allgemeinen ver-ort-losung beteiligt, sondern regionale
Qualitäten erkennt und in eine moderne Formensprache übersetzt.
Das würde Intelligenz und Sensibilität zeigen und Einsicht, daß man an etwas
größerem arbeitet als nur an einem Bauwerk, sondern an einer Kulturlandschaft.

Wenn man so moralisch gestärkt in den Kampf mit den Behörden geht, dann
muß man auch keine Angst vor Paragraphen haben, dann kann ein Wille
wirklich Berge versetzen.

Gruß, Simon

Daniela Haag

unread,
Jun 10, 1999, 3:00:00 AM6/10/99
to

Daniela Haag <DH...@compuserve.com> schrieb in im Newsbeitrag:
##4NYTEs#GA...@nih2naaf.prod2.compuserve.com...

> Hallo allerseits,
>
> brauche dringend Argumente fuer Pultdaecher da eine kleine bayerische
> Gemeinde meinen Bauantrag fuer ein Holzhaus mit Pultdach ablehnen wollte
da
> es angeblich nicht der doerflichen Umgebung entspricht.
> Fuer das Grundstueck gibt es keinen Bebauungsplan, es ist umgeben von
> Obstbaumwiesen und Scheunen.
>
> Ueber hilfreiche Tips freut sich
>
> Daniela
>
Hallo,

vielen Dank an alle die mir geantwortet haben. Es ist sehr viel nützliches
dabei.

Nur zur Info: Ich möchte in Bayern (Franken) das Haus bauen, allerdings hier
in Unterfranken herrschen nochmal etwas andere Geschmacksrichtungen :-)
Das Haus sollte ein Pultdach haben da es an einem leichten Hang liegt, 12 m
lang (Suedseite) ist und 7.50 m breit, ohne Keller und ungenutzten Dachraum
sein sollte.

Danke für die guten Wünsche

Daniela


Martin Joerer

unread,
Jun 14, 1999, 3:00:00 AM6/14/99
to
Hallo!

Die Argúmente, die Du vorbringen kannst, werden wohl hoffentlich Deine
eigenen sein, die Du Dir beim Entwurf des Holzhauses gemacht hast. Du
wirst ja hoffentlich wissen, warum Du ein Pultdach haben willst, und
kein Satteldach. Zwar sind Pultdächer zur Zeit "in", aber deswegen noch
lange nicht der Grund dafür, daß man alle Häuser mit Pultdächern
versehen muß......

Denk darüber nach ....

Daniela Haag schrieb:

Thorsten Reinicke

unread,
Jun 15, 1999, 3:00:00 AM6/15/99
to
S. Crowder <s.cr...@gmx.net> wrote:

> Das "Wollen" sollte aber auch eine Begründung haben. Sicherlich kann man
> am Anfang nicht alles an einem Entwurf begründen, weil man ja auch aus dem
> Bauch heraus entscheidet.


Hi Simon,

wesentliche Fragen unserer Existenz (Tod, Liebe, Poesie) können wir noch
nicht mal erklären, geschweige denn begründen. Sie sind irrational.
Warum sollte sich - neben allem Nützlichem - also nicht auch
Irrationales in der Architektur finden? Wir wollen leben, wir wollen
gestalten. Einfach so. Unbegründet.


> Im Laufe der Entwicklung des Entwurfes sollten sich dann schon Argumente
> finden, warum man etwas wollte - sonst war es vielleicht doch nicht so
> eine gute Idee. Am schönsten sind doch die Entwürfe, wo man sich gar nicht
> mehr vorstellen kann, das es auch anders gehen könnte, weil alles seinen
> Platz hat (everything falls into place). Ist ja auch eine 'klassische'
> Definition von Schönheit, das nichts mehr hinzugefügt oder weggenommen
> werden kann ohne das Gesamtbild zu zerstören. Die Teile werden zum ganzen.

> ...

... womit - nach meiner kleinen Privattheorie :-) - eine Stufe der
_Ganzheit_ erreicht ist. Nach meiner Auffassung sollte diese "Klassik"
unvollendet sein, d.h. einige "positive Fehler" enthalten. Die
eigentliche "Vollendung" entsteht dann im Kopf des Betrachters, und das
wiederum macht den Entwurf lebendig. Ist der Entwurf selbst aber schon
"perfekt" (soweit das zu erreichen ist ...), dann wirkt er eigentümlich
starr und tot. Der Betrachter hat keinen Weg mehr zu gehen.


> Außerdem finde ich die allgemeine, ablehnende Haltung gegenüber
> Satteldächern etwas traurig. Als sei das Satteldach die Ausgeburt der
> Spießigkeit, der gestalterische Super-GAU.

Ich habe eigentlich nichts gegen Satteldächer an sich. Nur hat das
Satteldach eine Dominanz erreicht, die nicht mehr ok ist. Die
Vorstellungswelt vieler Menschen läßt ja kaum noch andere Dachformen
(z.B. Tonnendach, Kuppeln, Freiformdächer/ räumlich gekrümmte Flächen)
oder Experimente zu.


> Gerade die Dächer oder die Dachlandschaft prägen das Ortsbild, prägen die
> Landschaft. Jeder Landstrich hat eine typische Dachform, warum sollte man
> sich nicht daran halten ?

Weil wir uns wandeln.

Wir haben neue Erkenntnisse, neue Weltbilder, und wir haben auch neue
Baustoffe und neue Planungsmethoden, die den Bau neuer Formen möglich
machen. Wir waren vor 30 Jahren auf Mond und bauen derzeit die
internationale Raumstation. Wir haben heute ein anderes Bild vom
Universum als noch vor hundert Jahren. Die Wissenschaften wandeln sich
derzeit vom einem eher mechanistischen, statischen Denken hin zu einem
eher komplexen, dynamischen Denken (Chaosforschung,
Komplexitätstheorie). Und wir diskutieren hier über mögliche
Auswirkungen des Cyberspace auf die reale Architektur. Oder kurz: Die
Erde ist nunmal keine Scheibe mehr.

Und trotz allem will die Architektur am Satteldach, wie überhaupt an
alten herkömmlichen Bauformen festhalten und sich unter alten Mythen
verkriechen? Für ein energiesparendes Bauen beispielsweise ist das
Satteldach schlichtweg nicht geeignet (z.B. für die Süd-Ausrichtung des
Hauses). Dafür war es auch nie konzipiert. Und mit dem Raum unter dem
Satteldach kann man eh nichts anfangen. Man stößt sich nur den Kopf. Und
zum Wohnen war dieser Dachraum ursprünglich nie gedacht.

Und überhaupt: Ich sehe zwar viele verschiedene Landschaften, aber
überall dieselben Rechtecke mit drübergestülpten Satteldächern (incl.
Walmdächer etc.). Was daran ist also "ortstypisch"? Oder was ist an
einem Fertighaus ortstypisch, welches sowohl in Nord-, als auch
Süddeutschland gebaut wird? (Da werden höchsten andere Balkongeländer
rangeklebt ...). Oder nehmen wir die griechische Säule. Die ist einmal
um die Welt gewandert und kein Mensch hat sich je drum gekümmert, ob sie
nun "ortstypisch" ist oder nicht. Ebenso sind in der Gotik die Ideen
quer durch Europa gewandert und wurden überall gebaut. Einige hundert
Jahre später macht man dann einen dicken Schnitt und behauptet, daß
alles sei nun jeweils "ortstypisch" und dieses "Ortsbild" müsse nun -
weitere Entwicklung fast erstickend - auf Gedeih und Verderb erhalten
werden. Das ist doch verrückt! Was von dem heute Gebauten wird wohl in
hundert Jahren für erhaltenswert erachtet?


> Es wäre schön, wenn man regionale Typologien nicht über Bord wirft und
> sich an der allgemeinen ver-ort-losung beteiligt, sondern regionale
> Qualitäten erkennt und in eine moderne Formensprache übersetzt. Das würde
> Intelligenz und Sensibilität zeigen und Einsicht, daß man an etwas
> größerem arbeitet als nur an einem Bauwerk, sondern an einer
> Kulturlandschaft.

Im Grunde ist jeder Ort, jeder einzelne Bauplatz, einzigartig. Geht man
auf diese örtlichen Gegebenheiten ein, dann entsteht von allein ein
Gebäude, welches "ortstypisch" ist, auch wenn die äußere Form
möglicherweise neu sein mag. Sagt man aber von vornherein, diese oder
jene Form sei nunmal "ortstypisch" und legt sich hierauf fest, dann
entsteht zumeist Häßlichkeit oder riesige Banalität.

Der Ort, das örtliche Klima, neue Baustoffe und -techniken, neue
Planungsmethoden, neue Wünsche und Anforderungen, der Aufwand (Preis),
unsere Weltanschauung und Denken, das alles muß im Haus zusammengehen
(Proportion). Hätte hier nie ein Fortschritt stattgefunden, dann würden
wir heute noch in Höhlen und Erdhütten leben.

Grüße
TR

--
http://www.iworld.de/~tr/
--

Newsgroups Leupp

unread,
Jun 15, 1999, 3:00:00 AM6/15/99
to
hallo thorsten

das ist wohl einer der besten beiträge in dieser newsgroup seit langem!
das erste mal habe ich einen solchen beitrag auf meiner festplatte verewigt.
irgendwann kann ich den wieder hervorziehen und profitieren davon.

ich gratuliere dir und hoffe, er sei für die anderen ansporn, statt den
ewigen
staenkereien ebenfalls konstruktive und fachlich anregende beiträge zu
schreiben.

beste grüsse
armin


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