From: Jakob Creutzig <creut
...@mathematik.tu-darmstadt.de>
Newsgroups: de.alt.recovery.scientist
Subject: Re: "Wissenschaftler" vs. Uni (was: News.Individual.DE wird kommerziell -- und begraebt die Tradition)
Christoph Biedl <cbi
...@gmx.de> writes:
> Thomas Grund <tom.gr
...@gmx.de> wrote...
[..]
> > Bei uns lag mal eine sehr schöne Arbeit aus, in der ein
> > "Wissenschaftler" unter der Annahme, daß es doch einen Äther gibt, den
> > Begriff der "Panergie" einführte. Anhand einer Formel, die unter anderem
> > die Gesamtmenge verfügbarer Panergie durch das derzeitige Volumen des
> > Universums dividiert errechnete er eine neue Gravitationskonstante, die
> > um einen Faktor 7 neben der bekannten liegt. Sein Kommentar dazu: "Das
> > ist doch ein interessantes Ergebnis".
> > Diese Arbeit war von ihm selbst zur Begutachtung eingereicht worden. Ich
> > hoffe, daß die Weiterverbreitung dieser Theorie im Usenet meinem
> > früheren Lehrstuhl nicht noch rückwirkend rechtliche Probleme bereitet.
> > ;-)
> Es scheint wohl öfter vorzukommen, daß Unis solche Privatforscher
> anziehen, mir hängen Erzählungen über einen "Eratosthenes von Kiel" (oder
> so ähnlich) im Hinterkopf.
Mir weckt das ein beliebtes Thema im Hinterkopf. Das wird
ein bisschen laenger und hat keine knallende Pointe, aber
es dient meiner recovery, also erzaehl ich eine meiner
Lieblingsplaudereien:
Frueher, als das Fernsehen noch nicht so verbreitet war, war
besonders auf dem flachen Lande ja abends die Auswahl an
Unterhaltung nicht sehr breitgefaechert. Reproduktive Massnahmen
waren aus diversen Gruenden nur eingeschraenkt eine Option, Lesen
ist vielen Leut zu passiv, Modellbau ist Kinderkram, also
was tun? Da erinnerten sich wohl so manche Leut an ihren
Schulunterricht, in welchem ihnen vor 20 Jahren etwas ueber
grosse ungeloeste mathematische Probleme erzaehlt wurde. Und
wenn man die loeste, wurde einem versprochen, wuerde man beruehmt.
Eine tolle Sache, man braucht nur Papier, Blistift und eine gute
Idee, und zack, kommt man in den Duenheimer Landkurier auf
Seite Eins mit Bild, da wird Bauer Knudsen aber bloed gucken..
Manche hatten von der Fermatschen Vermutung gehoert, aber
das ist schon etwas kniffliger, weil man da mit Formeln
hantieren muss. Nichtsdestotrotz wurde das Wolfskehlinstitut
(was einen Anno Dunnemal ausgelobten Preis von heutzutage
umgerechnet 12,57 EUR dem Loeser der FV geben soll) schon recht
zugeworfen mit Loesungen. An Uni $Weissnichtmehr wurde diese
Korrespondenz von einem bedauernswerten Mitarbeiter in zwei
Haeufchen geteilt: Haufen Eins, der offenbarer Bloedsinn
war, Haufen zwei, der so aussah, als koennte da eventuell
Mathematik drinstecken, und der einmal durchgelesen werden
musste, bevor man die Absage schreiben konnte. Dabei soll
es auch Cleverles gegeben haben, die zB dem Mitarbeiter im
Begleitbrief Halbe-halbe angeboten haben (natuerlich wusste
keiner, um wieviel Geld es ging ;-)), wenn er die Loesung als
'richtig' zertifizierte, oder Leut, die erstmal die erste
Haelfte des Beweises schickten, die zweite kaeme dann nach
einer Anzahlung nach.. Andere drohten mit Klagen, weil sie
ihren Beweis ungerechtfertigt zurueckgewiesen sahen (wie
gesagt, es ging um eine vernachlaessigbare Summe); viele
weitere unterhaltsame Anekdoten hierzu sowie um die 'euklidische
Geometer', die die nichteuklidische Geometrie 'widerlegen',
findet sich in einem extrem OnT-Titel von Underwood Dudley,
"Mathematik zwischen Wahn und Witz".
Aber immerhin, Fermat war schon ein hoeheres Refugium.
Der typische AbendvielZeitwasmachichdennLandbewohner hatte
eher etwas Greifbares vor Augen mit Basteleffekt, zum
Beispiel die Quadratur des Kreises oder das Winkeldritteln.
Besonders das Winkeldritteln hatte es ihnen wohl angetan,
weil man ja schon Techniken zum Winkelhalbieren in der
Schule hatte, also schonmal Ansatzpunkte da waren, und mit
geschickter Kombination sollte doch eigentlich..
Also wurden DinA1-Blaetter hergenommen, ein riesiger
Winkel aufgemalt, und das Papier mit immer kleiner
werdenden Konstruktionen gefuellt, bis irgendwo ein
kleiner Fliegenschiss der gedrittelte Winkel sein solte.
Nun, er war's nicht, denn die Aufgabe, ein allgemeines
Konstruktionsverfahren "mit Zirkel und Lineal" anzugeben,
welches aus einem beliebigen vorgegebenen Winkel einen
Winkel, der ein Drittel so gross ist, erzeugt, ist
bewiesenermassen unmoeglich. [Eine der wundervollsten
Eigenschaften der Mathematik ist, dass sie die Grenzen
ihrer eigenen Moeglichkeiten zum Teil angeben kann.]
Aber das wussten natuerlich die Leut nicht, und ihre
Lehrer in der Schule damals, die das Winkeldritteln als
grosses offenes Problem angepriesen hatten, wohl auch
nicht. Und da man das nicht einfach in drei Saetzen
erklaeren kann, sondern auf etwas arkane Konzepte wie
die Galoistheorie zugreifen muss, war es auch wohl etwas
schwierig, diesen Leuten, wenn sie ihre Arbeit stolz
zur Uni einsandten, begreiflich zu machen, was und warum
das nicht geklappt hat und gar nicht klappen kann.
Und in diesem Zusammenhang hoerte ich von einem Menschen,
der sich wohl furchtbar darueber aufregte, und meinte,
die Uni waere nur auf sein Genie neidisch; er waere
halt begabter als sie in der Geometrie, und schon als
Kind als "Archimedes der Norderney" weitbekannt gewesen.
Seit Einfuehrung des Digitalfernsehens und der weitflaechigen
Verbreitung von Contraceptiva und Individualmotorisierung sind
die Anzahlen der Winkeldrittler, Fermatisten und Euklidianer
allerdings stark zurueckgegangen. Man mag das im Sinne der
Breitenbildung bedauern, aber manch ein Mathematiker wird
vielleicht heute noch des Herrn Kirch in seinem Abendgebet
gedenken.
Na, war das recovery? Fuer mich schon.
Best,
Jakob
--
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