Am 07.03.2013 13:48, schrieb Thomas Rechberger:
> Also ist der Ra eigentlich völliger Quatsch, denn jede Lampe mit
> Tageslicht hätte eine bessere Farbwiedergabe als so ein Gelblicht.
Ganz so extrem würde ich es nicht sehen. Der Weißpunkt sinkt bei
niedrigem Beleuchtungsniveau durch den Purkinje-Effekt (die
rotempfindlichen Zellen werden anteilig unempfindlicher als die
blauempfindlichen) auf ca. 4000 K, bei manchen Menschen sogar noch
niedriger. Ich kenne glaubhafte Aussagen von Menschen, die bei
abendlichem Schummerlicht selbst Halogenlicht (knapp über 3000 K) oder
3000 K LED als "neutralweiß" und 4000 K Leuchtstoff als bläulich
empfinden. Am hellen Tag hingegen kann selbst die grelle Tropensonne
(ca. 5600-5800 K, je nach Landhöhe bzw. "Air mass") "warmweiß" wirken,
während der Weißpunkt auf 6000-7000 K klettert (vermutlich daher auch
6500 K als Standardweißpunkt bei Computerdisplays).
Hinzu kommt, dass wir, trotz deutlich erkennbarer Färbung (etwa
"Warmton") der Allgemeinbeleuchtung Farben immer noch unterscheiden
können, solange das Spektrum kontinuierlich ist. Etwa so, wie wir auch
von einem fahrenden Zug aus immer noch die Bewegungen von Menschen auf
dem Bahnsteig relativ zu selbigem erkennen können, solange der Zug nicht
schon zu schnell ist (ich weiß, nicht alles, was hinkt...).
> Ganz krass gesagt, was bringt mir eine Lampe die einen violett Ton so
> gut wie eine Referenzlampe darstellt, wenn es in Wirklichkeit nicht
> violett sondern rot ist.
Das Gehirn ist anscheinend in der Lage, Relativ-Farbtöne sehr gut zu
erkennen. D.h., auch wenn die weiße Kühlschranktür im Glühlampenlicht
eigentlich weißlich-orange erscheint (was bei alleiniger Konzentration
auf diese auch leicht erkennbar ist), erkennen wir den blauen Merkzettel
mit dem grünen Magneten am Kühlschrank als ebensolchen, auch wenn die
absolute Farbe eher dunkeltürkis bzw. braungrün sein dürfte.
Davon unabhängig wirken die Farben natürlich nicht mehr so leuchtend bei
2700 statt 5000 K, und Pflanzen (v.a. die grünen Teile und etwaige blaue
Blüten), Gemälde etc. erscheinen irgendwie trüb wirken, während
menschliche Haut eher lebendiger erscheint (Rottöne).
Diese gehirneigene Erkennung von Farbdifferenzen wird aber durcheinander
gebracht, wenn das Spektrum zu stark vom Planck (oder dem, bei gleicher
CCT, sehr ähnlichen Tageslicht) abweicht. Beim Zug-Vergleich entspräche
das etwa beweglichen (aber vom fahrenden Zug aus nicht als solche
erkennbaren) Bodenplatten, auf denen die Passanten herumlaufen, wodurch
ihre Bewegungen plötzlich unnatürlich wirken.
> Und dann sind da bei dem Test auch keine gesättigten Farben dabei
> sondern nur Pastellfarben.
Wie gesagt, satte Farben gibt es im erweiterten CIE-Sample oder beim
ColorChecker auch, aber die kann man sinnvoll nur mit einem modernen
Farbraum anwenden. Technisch alles kein Problem, die Algorithmen dazu
existieren, aber bis sich sowas als Standard etabliert, dann bis nach
Brüssel durchsetzt und schließlich auch noch dem normal-ungebildeten
Kunden vermittelt wird, wird vermutlich noch so mancher Papst kommen und
gehen.
Gruß,
Ingo